Archiv für den Monat: Juli 2012

Der letzte Marxist. Robert Kurz ist tot

Robert Kurz war einer der letzten Marxisten, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, Marx ökonomische Analysen weiterzuentwickeln. Ob ihm das gelungen ist, darüber gehen die Meinungen selbstverständlich weit auseinander, denn Robert Kurz galt im linken Milieu, in dem Neid und Mißgunst häufig eine erstaunliche Rolle spielen, für die einen als Apokalyptiker, der mit seiner Zusammenbruchsprognostik nur die Sehnsucht der Menschen nach Weltuntergang bediente, für die anderen als unermüdlicher Werttheoretiker und kategorialer Kritiker des Kapitalismus. Er mußte sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, daß er seit über zwanzig Jahren das Platzen der Spekulations- und Finanzblase vorausgesagt hat, ohne daß dies zu dem ebenso gewünschten wie gefürchteten Ende des Kapitalismus beitrug. Robert Kurz hat jeden Fehdehandschuh aufgegriffen und in der Regel mit einer „gepfefferten Polemik“ reagiert. Er begriff sich nicht nur als stiller Wertschöpfer der Marxschen Theorie, sondern wich keinem Handgemenge aus, wenn ihm eine Debatte strategisch und taktisch wichtig genug erschien.
In Nürnberg und Erlangen der siebziger Jahre noch in einer der zahlreichen K-Gruppen aktiv, die der jüngeren Generation erklärten, wie die Partei- und Organisationsfrage richtig zu beantworten sei, überwarf er sich irgendwann mit seiner Partei und spaltete sich mit einigen Gleichgesinnten ab. Den Ort der internen Diskussion verließ er in den Achtzigern, als er in dem Nürnberger Stadtblatt „Plärrer“ eine geharnischte Polemik gegen die entpolitisierte Jugend vom Stapel ließ, die sich nur selbst bemitleidete.
Damals wurde ich auf ihn aufmerksam, und als die Wiedervereinigung ihren Lauf nahm und jeder dachte, daß der „deutsche Imperialismus“ durch die Einverleibung der DDR quasi außer Kontrolle geraten würde, widersprach Robert Kurz und wies nach, daß die marode DDR-Volksökonomie nicht zu Machtzuwachs, sondern zu extremen Bauchschmerzen in der BRD-Ökonomie führen würde.
Noch vor der Wiedervereinigung hatte er an seiner Studie „Der Kollaps der Modernisierung“ gearbeitet, die er mir zur Veröffentlichung anbot, als ich ihn um eine Analyse der ökonomischen Wiedervereinigungsprobleme bat, die dann auch unter dem Titel „Honeckers Rache“ erschien. Ich empfahl ihm „Die Andere Bibliothek“, weil diese Studie bei mir nicht die Aufmerksamkeit gefunden hätte, die sie dann durch die Herausgabe Enzensbergers fand. Raddatz lobte Robert Kurz in der „Zeit“ über den grünen Klee und machte Robert Kurz weit über die Kreise des linken Milieus hinaus bekannt. Sein Buch erschien u.a. in Brasilien, er wurde von dortigen Gewerkschaftskreisen zu Vortragsreisen eingeladen und er hatte eine monatliche Kolumne in einer großen Tageszeitung. Heiner Müller war ein Fan von ihm und lud Robert Kurz in die Volksbühne ein. Er wurde zum begehrten Gast auch von Unternehmern und Managern, die wahrscheinlich sein Werk mißverstanden hatten und nun glaubten, von ihm ein Rezept erfahren zu können, wie man die Krise meistern und dem Kollaps entgehen könnte.
Robert Kurz hat diesem „Rummel“ um seine Person immer mißtraut, weil er wußte, daß sein „Ruhm“ auch wieder verblassen würde. Solange es seine Gesundheit zuließ, arbeitete er zweimal in der Woche in der Nachtschicht beim Vertrieb des „Kicker“-Magazins, um finanziell unabhängig zu bleiben. Er rief zusammen mit anderen Leuten die Theorie-Zeitschrift „Krisis“ ins Leben, scharte Anhänger auch aus dem Ausland um sich, bis die Gruppe der Entwicklungslogik einer Gruppe folgte und sich spaltete mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen, die ein Familienzwist eben hervorruft. Unverdrossen gründete Robert Kurz mit dem ihm verbliebenem Anhang die neue Theorie-Zeitschrift „Exit“.
Robert Kurz war ein ebenso manischer wie gewissenhafter Theorieproduzent, der aus dem Stegreif und stundenlang Vorträge halten konnte oder erklären, welche Kapitel in seinem neuen Buch noch fehlten, welche sich verändert hatten und welche neuen dazukamen. Das konnte er jahrelang tun, wie bei einem Buch, dessen Erscheinen sich um sechs Jahre verzögerte. Und er hatte einen sympathischen Hang zu einer gewissen Hybris. Karl Marx hatte „Das Kapital“ geschrieben, Robert Kurz „Das Weltkapital“. Im Unterschied zu Marx hatte Kurz nur sechs Jahre dazu benötigt, seine Manuskripte befanden sich jedoch ebenfalls im Unterschied zu Marx in perfektem Zustand, als ob er sich auch formal von der Unordnung der Welt abgrenzen wollte.
Auch in der letzten großen Debatte innerhalb der Linken positionierte er sich. Er kritisierte die Antideutschen und deren Hang, vorbehaltlos der amerikanischen Politik zuzustimmen. Die traditionalistische Linke haßte er, und ihren Antisemitismus, wie er in der „jungen Welt“ manchmal gepflegt wird, verachtete er. Zuletzt schrieb er eine Kolumne im „Neuen Deutschland“, und auch als Gutachter und Wirtschaftsexperte in der neuen Finanzkrise betätigte er sich für „Konkret“, mit der er sich zwischenzeitlich zerstritten hatte. Auch wenn der Zusammenbruch des Systems auf sich warten läßt, trotz ständig neuer Krisenherde und ernsthafter Versprechen, daß jetzt wirklich alles den Bach runtergehen wird, Robert Kurz gingen nie die Argumente aus, wenn er darauf hinwies, daß das Ende des Systems einer logischen Entwicklung folgen würde und es nur eine Frage der Zeit sei, bis es soweit wäre. Und damit hatte er ja auch irgendwie Recht.
Am Mittwoch, den 18. Juli, ist der im Dezember 1943 geborene Robert Kurz an einem Operationsfehler, wie seine Frau mitteilte, gestorben, und mit ihm vermutlich der letzte linke Dino, der sich um eine globale Weiterentwicklung der marxschen Theorie und um ihre Rettung vor den Kommunisten bemüht hat und bei dem die marxsche Werttheorie einen so großen Stellenwert eingenommen hat.

Arno Widmann

Dir war nach »Nostalgie« zumute, weshalb Du in Berlin auf einen Vortrag von Wolfgang Pohrt gingst, der seit zehn Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten ist, um darüber in der Berliner Zeitung zu berichten. Du fandest Pohrt »langweilig«. Das kann passieren, und wenn einem nichts weiter dazu einfällt, dann sollte man vielleicht lieber die Klappe halten, denn als Leser will man möglicherweise was über Pohrt erfahren. Über den erfährt man von Dir aber nur, dass er ein »kleiner, dünner, alter Mann« sei, was sich ein wenig nach Ressentiment anhört, wenn man selber glatzköpfig, dick und auch nicht jünger ist, für Dich offenbar Informationen, von denen Du annimmst, sie würden die Leser der Berliner Zeitung interessieren, aber da wären wir uns nicht so sicher. Genausowenig wie es irgendjemanden außer Dich selber natürlich interessieren dürfte, dass Du mit zwei alten Freundinnen in ein türkisches Restaurant gegangen bist, um dort »noch mehr Humus, Hühnchen, Lamm und Salat« zu essen und um über »die grassierende Verharmlosung unserer Generation« zu lachen. Das »noch mehr« fanden wir dann doch noch etwas amüsant. Nur die »Verharmlosung« war uns ein Rätsel, bis wir darauf kamen, dass Du selbst wahrscheinlich ganz fürchterlich gefährlich sein willst. Aber da können wir Dich beruhigen, in diesem Leben wird da nichts mehr draus, denn außer »noch mehr Humus, Hühnchen, Lamm und Salat« und dazwischen ein bisschen üble Nachrede tut sich nun mal nichts mehr bei Dir. Und das ist das Problem mit dieser »Generation«, die gern wichtig wäre, aber ein Leben mit »noch mehr Humus, Hühnchen, Lamm und Salat« fristen muß. Das ist natürlich bitter, aber die Tränen kommen uns deswegen auch nicht gerade.

Hummersalat und Château Margaux

Von einer Biographie über Friedrich Engels, dessen Nachlass ziemlich vollständig publiziert wurde einschließlich der Briefe, und über den es tonnenweise Zeugnisse und Erinnerungen gibt, kann man keine neuen oder überraschenden Aspekte erwarten, keinen Engels, der plötzlich in einem völlig anderen Licht erscheint. Man kann ihn nur verschieden interpretieren, wie das früher getan wurde, als aus der Idee des Kommunismus eine Lehre geworden war und Engels zum Oberlehrer ernannt wurde. Inzwischen haben die meisten kommunistischen Regime, in denen Engels als einer der Religionsgründer galt, ihren Geist aufgegeben. Das Klima ist nun ein anderes, und vielleicht wurde es dadurch möglich, sich ihm »entspannter« zu nähern, so wie das der englische Historiker Tristram Hunt in »Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand« tut.
Hunt lässt vor allem die Dokumente und Briefe für sich sprechen, er hat sich also einer großen Fleißarbeit unterzogen, denn die Fülle des Materials von und über Engels ist gewaltig. Aber Tristram Hunt hat diese Aufgabe glänzend gemeistert, er hat in seinem vergnüglich zu lesenden und stellenweise packenden Buch die biographischen Elemente und den theoretischen Engels ins richtige Verhältnis gesetzt und den Einfluss beschrieben, den die Anfänge des Kapitalismus auf Engels‘ Leben und Werk hatten. Weit davon entfernt, die Biographie mit romanhaften Accessoires auszustatten, wie das häufig der Fall ist, wenn Historiker so tun, als hätten sie Gespräche belauscht und könnten sie wörtlich wiedergeben, steht Hunt in der besten angelsächsischen Tradition, in der sich die gründlich recherchierte Biographie mit großem Erkenntnisgewinn lesen lässt. Nach Marx, über den Francis Wheen 1999 eine exzellente Biographie geschrieben hat, hat nun auch Engels mit Tristram Hunt einen Biographen gefunden, der keinen ideologischen Blick auf ihn wirft, und dem es gelungen ist, Engels gerecht zu werden.
Heute spricht kaum mehr jemand von Engels, denn im Unterschied zu Marx sind seine Aktien gefallen, weil man ihn »als Mann des Apparats und wissenschaftsgläubig abtat«, der die Staatsverbrechen kommunistischer Regimes legitimiert hätte. Er wurde zum »Prügelknaben«, dem man die »Sünden« des Marxismus aufbürdete, aber auch wenn die Schriften von Engels nicht die Bedeutung haben mögen wie die von Marx, so erwies sich Engels als ein Mann mit außergewöhnlicher Bildung, der sich ohne ideologische Scheuklappen mit allen Wissenschaften auseinandersetzte, die im 19. Jahrhundert Furore machten. Noch bemerkenswerter war, dass Engels mit gesellschaftlichen Konventionen nicht viel am Hut hatte und bereits in seinem Alltag nach den kommunistischen Prinzipien lebte, die ihm vorschwebten, und der gleichzeitig den Genüssen des Kapitalismus durchaus einiges abgewinnen konnte. Er nahm an Fuchsjagden der High Society teil, war Textilfabrikant und Mitglied der Börse von Manchester, und gleichzeitig ein »draufgängerischer, lebensfroher, dem Alkohol zugeneigter Liebhaber der schönen Dinge im Leben: Hummersalat, Château Margaux, Pilsner und kostspielige Frauen. Daneben unterstützte er aber auch seit vierzig Jahren Karl Marx, kümmerte sich um dessen Kinder, besänftigte seine Launen« und war Mitautor des »Kommunistischen Manifests«. Nicht schlecht für ein Leben, das in einer wohlhabenden preußisch-kalvinistischen Kaufmannsfamilie begann.
Aber in diesen Zeiten des Umbruchs und großer gesellschaftlicher Veränderungen in Europa ist es in gewisser Weise einfacher, ein außergewöhnliches Leben zu führen als in Zeiten des Stillstands. Die Julirevolution 1830 in Frankreich war eines der Anzeichen der Unruhe, die auch ins rheinländische Barmen strahlte, wo Engels aufwuchs. Und diese Revolution stand für den Sturz eines antiquierten Autoritarismus, für einen Fortschritt und Freiheit verheißenden Patriotismus. Als Engels Anfang der vierziger Jahre nach Berlin kam, um seine für ihn vorgesehene Militärausbildung zu absolvieren, hatten nach einer turbulenten Geschichte, in der Napoleon durchs Brandenburger Tor gezogen war, die reaktionären Kräfte wieder Oberwasser, aber es gab auch eine Salonkultur im Berliner Stadtzentrum, wo es über hundert Kaffeehäuser und Trinkhallen »voller Besserwisser« (Heinrich Heine) gab, die idealen Orte für »übereifrige und unterbeschäftigte Akademiker«, um den politischen und literarischen Diskurs zu pflegen. Hegels Geist lag noch in der Luft, aber 1840 hatte mit Friedrich Wilhelm IV. »die orthodoxe Frömmelei und die feudal-absolutistische Reaktion … den Thron bestiegen«, wie Engel schrieb, der mit den »Freien« Bruno Bauer, Max Stirner, Arnold Ruge und anderen »aggressiven, arroganten Intellektuellen« und »Bierliteraten« ostentativ seine Verachtung für »moderne Moral, Religion und bürgerlichen Anstand« Ausdruck verlieh, »lärmende Persönlichkeiten«, die »durch ihren offenen Umgang mit emanzipierten Weibern die Blicke auf sich zogen« (Stephan Born).
So kündigen sich alle großen Ideen und Ereignisse an. Aber bis diese dann sichtbar wurden, war noch ein weiter Weg. Im November 1842 traf Engels zum ersten Mal Marx in der Redaktion der »Rheinischen Zeitung«, ein »sehr kühles Zusammentreffen«, da Engels mit den Bauer-Brüdern verkehrte, deren »Phrasen-Kommunismus« Marx verurteilte. Während in Frankreich Fourier und Saint-Simon von sich Reden machten und Blanqui den Aufstand probte, verbrachten die beiden neuen Freunde in Bonn und Berlin die Nächte mit Alkohol und Diskussionen über Hegel, bis sie ihn dann endlich vom Kopf auf die Füße gestellt hatten. Die beiden mussten in den auf sie zukommenden Wirren von 1848 noch viele »Abenteuer« bestehen, nahmen an vergeblichen Scharmützeln gegen die Reaktion teil, wurden in Deutschland, Frankreich und Belgien des Landes verwiesen, bis sie in England strandeten. Das war ein ähnlicher Glücksfall für die Theorie wie später das Exil von Horkheimer und Adorno in den Vereinigten Staaten, als »Die Dialektik der Aufklärung« entstand, die nur dort entstehen konnte. Engels, der aus finanziellen Gründen zähneknirschend in der Fabrik seines Vaters in Manchester arbeiten musste, befand sich an einem Ort, in dem sich der Kapitalismus von seiner häßlichsten und rücksichtslosesten Seite zeigte. Dort ließ sich studieren, was auf den Rest der Welt noch zukommen würde. Engels schrieb mit »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« einen der wichtigsten und einflussreichsten Grundlagen- und Propagandetexte zum Verständnis dafür, dass nur der Kommunismus eine Lösung für die sozialen Gegensätze sein konnte.
Als der Kommunismus zur Staatsreligion wurde und den großen Mangel verwaltete, der Kapitalismus hingegen zumindest in den westlichen Industrieländern Wohlstand generierte, sah die Sache natürlich wieder anders aus, aber seitdem der Kapitalismus durch die Finanzkrise in Verruf geraten ist, findet sogar ein konservatives Flaggschiff wie die FAZ den Kommunismus wieder attraktiv, zumindest wenn er ihr so präsentiert wird, wie David Graeber es in seinem Buch »Schulden« tut. Graeber definiert Kommunismus als die soziale Verhaltensform der Menschen, sich gegenseitig zu helfen. Er hätte kein besseres Beispiel dafür finden können als Engels. Nach seinem Tod verfügte Engels, dass seine Asche auf dem Meer verstreut werden sollte. Er hat damit eine Form des Verschwindens gewählt, die deutlich macht, dass er auf eine Kanonisierung keinen Wert gelegt hat. Für die Vereinnahmung durch die kommunistischen Regimes auf der ganzen Welt und noch weniger für die Verbrechen, die diese begangen haben, konnte er nichts, wie Hunt in seinem Schlusskapitel ausführlich begründet. Wenn man das Buch gelesen hat, erscheinen die Argumente dafür fast ein wenig überflüssig.