Archiv für den Monat: August 2012

Ganz schrecklich. Eine misslungene Kritik an den 68ern

Da schlage ich nach den strengen Regeln des Bibelstechens das Buch von Gunnar Hinck in »Wir waren Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre« auf und stoße gleich auf folgende Geschichte: Als der Frankfurter SDS 1968 auf der Buchmesse gegen die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Léopold Senghor protestierte, weil man ihn für einen »Handlanger des Neokolonialismus« hielt, muss das ein »ziemlich intensiver Protest gewesen sein«,  denn »immerhin kam es daraufhin zu einem Prozess gegen Wolff, Günter Amendt und Hans-Jürgen Krahl wegen Rädelsführerschaft und Landfriedensbruch.«
Ich zitiere das deshalb, weil Hinck den Prozess als logische Folge und Reaktion auf den »Protest« beschreibt, der »intensiv« gewesen sein »muss«, weil es sonst keinen Prozess gegeben hätte. Dem Staat wäre quasi gar nichts anderes übrig geblieben, als Anklage zu erheben. Ich war nicht dabei und weiß deshalb auch nicht, ob der Protest »intensiv« war, aber ich weiß, dass man damals einen Prozess ziemlich schnell am Hals hatte für Dinge, über die man heute nachsichtig lächeln würde. Aber für Hinck ist es nicht nur logisch, dass Proteste von staatlicher Seite mit einem Prozess beantwortet wurden, was schon ein wenig komisch ist, wenn man sich ein wenig mit der Geschichte der Linken befasst hat, er beurteilt die Proteste auch noch moralisch.
Über die Sprengung einer Diskussion mit dem israelischen Botschafter über Palästina, sagte K.D. Wolff später, dass es sich um eine »politische Aktion« gehandelt habe, »für die ich mich schäme.« Und weiter: »Ich habe mich später entschuldigt. Als ob wir die Richter hätten sein können über Israel und die Verhältnisse im Nahen Osten. Ganz schrecklich.« Aber das reicht Hinck nicht. Er beschwert sich, dass K.D. Wolff diese Vorgänge immer noch als »politische Aktion« bezeichnet und »nicht als das, was sie waren: als armseliges, schlechtes Verhalten.« Hinck übersieht dabei, dass dieses für ihn »schlechte Verhalten« politisch motiviert war und deshalb natürlich eine »politische Aktion« war, auch wenn man sie vielleicht nicht als sonderlich tolle einschätzen mag. Hinck erhebt sich dadurch auf unangenehm oberlehrerhafte Weise zum Richter, weil er offensichtlich der Aussagekraft der Flugblätter, Bücher, Aktionen, Statements etc., die er zusammengetragen hat, nicht traut, d.h. er hält den Leser für so dumm, dass er ihm unbedingt auch noch seine Bewertung aufdrängen muss. Aber genau das fällt dann wieder auf den Autor zurück.
Gunnar Hinck hat eine Menge Material gesammelt, das viele 68-Protagonisten desavouiert, aber er macht bemerkenswert wenig daraus, außer sich darüber moralisch zu echauffieren. Diese Geisteshaltung aber war es, die die 68er erst zum Protest herausforderte. Die 68er haben eine bessere Kritik verdient.

Gunnar Hinck, »Wir waren Maschinen. Die bundesdeutsche linke der siebziger Jahre«, Rotbuch, Berlin 2012.

Bin i a Reh?

Im Unterschied zur Literaturkritik, die ganz versessen ist auf große Familienromane, hege ich eine gewisse Abneigung gegen sie, weil ich dann gleich denke, Familie hatte ich doch selber lang genug. Warum sollte ich das auch noch lesen wollen? Aber das ist natürlich Quatsch, denn schließlich kommt es darauf an, wie man sie literarisch bearbeitet. Und »bearbeiten« im tatsächlich Sinn des Wortes müßte man meine Familie schon, damit da was Lesenswertes rauskommt. Da gibt die Familie von Eva Menasse allerdings mehr her und in dem Roman »Vienna« hat sie genau den richtigen Erzählton getroffen, damit die Leser ganz hingerissen in ihm versinken, was natürlich auch an der ganz ganz anderen Welt liegt, die für einen wie mich eine terra incognita ist. Man kann sich ihr nur über die Literatur annähern. Jedenfalls kann ich den Roman nur jeden empfehlen, auch wenn er schon ein bisschen älter ist. Eine der wunderbaren Stellen, von denen es jede Menge gibt, lautet: »›A Jud geheert ins Kaffeehaus‹, pflegte schon mein Großvater zu sagen, wenn ihm zu Ohren kam, daß andere Leute Spaziergänge, gar Wanderungen unternahmen, ›bin i a Reh?‹«

Eva Menasse, Vienna, Köln 2003, btb, Taschenbuch-Sonderausgabe, 2009

Die Wahrheit über den 1. Spieltag

Vor genau einem Jahr zur Eröffnung der letzten Saison, schrieb ich, ich würde einen Hunni auf die Verteidigung der Meisterschaft setzen. Hätte ich das bloß mal gemacht. Keine Ahnung, wie damals die Quoten standen. Heute stehen sie vermutlich schlechter. Trotzdem, diesmal werde ich es tun, und der Gewinn wird dann in die Respectbar getragen. Ich schätze, der ist schnell weggeschluckt. Diesmal allerdings waren die Dortmunder lange nicht so überzeugend wie noch vor einem Jahr gegen Hamburg, auch wenn Reus gleich den ersten Fehler der Bremer zum 1:0 ausnutzte. Reus, zum Fußballer des Jahres hochgelobt, verlor für einen, der diese Meriten erworben hat, erstaunlich oft den Ball, und erstaunlich oft kamen die Bälle von ihm nicht an. Es knirschte noch an vielen Ecken des Dortmunder Spiels. Allerdings muß man konzedieren, daß Bremen einen ziemlich guten Tag erwischt hatte, was überraschte, denn Bremen mußte sich nach der desaströsen letzten Saison rundum erneuern und die teuren Spieler abgeben. Daß es gleich am ersten Spieltag so gut klappte, war eigentlich nicht zu erwarten. Aber Arnautovic, der Mann mit dem verbissenen Gesichtsausdruck, stellte Schmelzer vor einige höchst knifflige Probleme, und auch sonst bewiesen die Bremer eine erstaunliche Ballsicherheit und die Dortmunder mußten dem Ball häufig länger hinterherlaufen als ihnen lieb sein konnte. Zudem merkte man das Fehlen von Pizszek auf der rechten Seite, der von Kirch ersetzt wurde, der bislang von einem Absteiger zum anderen gewechselt war. Aber Kuba war auch ohne seinen kongenialen Partner einer der besten Spieler Dortmunds. Wie er den Siegtreffer vorbereitete war schon nicht schlecht. Und auch Lewandowski zeigte wieder einmal, warum er die begehrlichen Blicke aller möglichen großen ausländischen Clubs auf sich lenkt. Nur Großkreutz kam so gar nicht ins Spiel. Als dann Götze für ihn eingesetzt wurde und den entscheidenden Treffer erzielte, waren alle neidisch, daß der BVB solche Spieler auf der Ersatzbank hat. Nur Götze deutete an, daß er nicht so glücklich darüber ist und lieber von Anfang an spielen würde. Aber an ihm kommt sowieso keiner vorbei, selbst dann nicht, wenn er nur 70 Prozent bringt, was immer noch mehr ist als bei anderen 200. Schade, daß Sahin zu Liverpool wechselt. Er, Götze und Reus wären das Traumtrio gewesen. Aber jetzt muß sich vor allem erstmal die Abwehr stabilisieren, denn Bremen zeigte oft genug deren Schwächen auf, und Dortmund hat bereits eine gehörige Portion des Glücks verbraucht, das einem in einer Saison zur Verfügung steht. Gladbach hat seine unglückliche Kiew-Pleite überstanden und gegen Hoffenheim drei Punkte geholt, und Hamburg, die schon vor dem ersten Spieltag als heißer Abstiegskandidat galten, haben tatsächlich die Erwartungen nicht enttäuscht und sich genauso präsentiert, wie man das von ihnen erwartet hatte, zerfahren, ohne Engagement, ohne Mut. Sie hatten noch Glück, daß sie nicht höher als 1:0 gegen Nürnberg verloren. Die Eintracht aus Frankfurt meldete sich mit einem Sieg gegen Leverkusen in der Bundesliga zurück, obwohl sie vom Schiedsrichter benachteiligt wurden und ihnen ein Elfer verweigert wurde. Und die völlig neu zusammengewürfelte Mannschaft aus Düsseldorf gewann überraschend 2:0 bei den überlegenen Augsburgern, aber ich schätze, das waren die ersten und die letzten Punkte für eine lange Zeit.

Die Jogginghose

Die Jogginghose genießt kein gutes Ansehen in Deutschland. Schon 2002 hat Thilo Sarrazin vor ihr gewarnt und in einem Interview mit der taz zu bedenken gegeben, daß nirgendwo so viele Leute »öffentlich in Trainingsanzügen herumschlurfen wie in Berlin«. Wie zum Beispiel Müntefering, den ich manchmal sehe, wie er sich mit 70 noch über das Pflaster quält, natürlich mit Trainingsanzug. Aber zur Ehrenrettung Münteferings muss natürlich gesagt werden, dass es einen Unterschied macht, ob man Jogginghosen als Kleidungsstück trägt oder als geistige Gesinnung, wie Sarrazin das gerne tut.
Die Jogginghose zu ihrem Durchbruch verholfen hat Harald Ewert. Er hat es mit ihr sogar zum Coverboy auf viele nationale und internationale Blätter geschafft. Diese Jogginghose feiert nun 20jähriges Jubiläum. In das Deutsche Museum Kohls hat es die wohl berühmteste Jogginghose Deutschlands (echt nur mit dem gelben Fleck vorne drauf) aus unerfindlichen Gründen nicht geschafft, obwohl sie stilbildend wurde und sogar den Papst zu einer ähnlichen Idee anregte, wie die Zeitschrift Titanic vor kurzem aufgedeckt hat, auch wenn jetzt ein hässlicher Streit darüber entbrannt ist, wie diese Idee zu interpretieren ist.
Damals vor 20 Jahren jedenfalls stand Harald Ewert mit Hitlergruß vor dem Ausländerwohnheim in Rostock-Lichtenhagen und unterstützte die aufgebrachte Menge moralisch in ihrem Tun, zu dem er selber aus alkoholbedingten Gründen nicht mehr in der Lage war, nämlich das Wohnheim in Flammen aufgehen zu lassen und die Bewohner gleich mit.
Harald Ewert betonte, dass er »kein Nazi« und ihm der Arm »ganz automatisch« zum Hitlergruß hochgegangen sei, aber er gab auch zu bedenken, dass »die Ausländer sich anständig benehmen« sollten. Und rein weltanschaulich betrachtet, ist der Unterschied zwischen Ewert und Sarrazin nicht wirklich sehr groß, außer dass Sarrazin seine Meinung mit sehr vielen lustigen Statistiken belegt und ansonsten einfach auf unhaltbare Äußerungen mit einer erstaunlichen Starrsinnigkeit beharrt.
Insofern ist es eigentlich nur logisch, dass auch das NSU-Trio offenbar Jogginghose trug. Das hat man jetzt herausgefunden, weil man an ihr Blutspuren der erschossenen Polizistin Kiesewetter entdeckt hat und in den Taschen zwei gebrauchte Taschentücher, die Uwe Mundlos zugeordnet werden konnten. Passend dazu werden Jogginghosen mit der Aufschrift »Blutbad« angeboten. Erstaunlich ist, dass die Jogginghose trotz der einhelligen Ablehnung der Verbrechen, die in ihr begangen wurden, immer noch eins der beliebtesten Kleidungsstücke der Unterschichtsdeutschen ist, und das, obwohl selbst Wolfgang Joop sie nicht gut findet, der in weiten Kreisen immer noch für eine Modemarke gehalten wird. Herr Joop trägt lieber Stützstrümpfe, wie er in einem Interview mal verraten hat. Das steht Deutschland aber ja sowieso bevor: Ein Volk in Stützstrümpfen. Und das sind ja wohl mal gute Nachrichten.

Der BVB in der nächsten Saison. Eine Prognose

In der letzten Saison war ich noch von der großen Angst geplagt, der BVB würde wie so viele Überraschungsmeister abstürzen und plötzlich um den Abstieg spielen. Und danach sah es ja am Anfang auch aus, als man zu Hause gegen den späteren Absteiger Hertha verlor, anschließend in Hannover in den letzten Minuten einen 1:0-Vorsprung verspielte, weil man ihn verkrampft zu halten gedachte, und mit elf Punkten Rückstand auf die Bayern auch die glanzvollen Auftritte und das schnelle Paßspiel vermissen ließ. Sahin fehlte an allen Ecken und Enden, Gündogan kam nicht in Tritt und Lars Bender wurde ständig kaputt getreten. Niemand rechnete nach dem Desaster von Hannover damit, daß der BVB alle Rekorde brechen würde, obwohl der beste Spieler Deutschlands Mario Götze durch eine rätselhafte Schambeinentzündung außer Gefecht gesetzt wurde.
Man sieht also, Prognosen sind vor allem dazu da, sich zu blamieren. Und wenn der BVB nominell mit Marco Reus die beste Mannschaft ever hat, heißt das eben noch gar nichts, denn es kommt darauf an, ob die Mannschaft wieder so zusammenfindet wie in der letzten Saison. Immerhin spricht einiges dafür, denn der Kader ist erhalten geblieben bis auf den zu ManU abgewanderten Kagawa, der freilich durch seine Finten und unberechenbaren Bewegungen die Schaltstelle des Dortmunder Spiels war. Marco Reus ist sicher kein schlechter Ersatz, aber seine Spielweise ist eine andere und es läßt sich nicht wirklich voraussagen, wie er mit seinen Kollegen harmonieren wird. Sicher ist nur, daß es um die drei Plätze im offensiven Mittelfeld einen harten Konkurrenzkampf geben wird. Die in der letzten Saison so erfolgreichen Großkreutz und Kuba herauszunehmen, die mit Schmelzer auf der linken und mit Pizszek auf der rechten Seite hervorragend harmonierten, muß nicht unbedingt eine gute Idee sein. Aber einen Götze auf der Bank zu lassen, das hat sich schon bei der EM als Fehler erwiesen, der allerdings von Löw leicht zu korrigieren gewesen wäre, wenn er nicht so einen Narren an Podolski gefressen hätte. Außerdem steht da noch Perisic auf der Matte, der sich gern mit der kroatischen Fahne einwickelt, aber trotzdem immer wieder gezeigt hat, was für eine gefährliche Waffe er sein kann, und dem von Klopp bescheinigt wird, daß er nicht so leicht nicht berücksichtigt werden kann. Und dann hat der BVB noch drei Millionen für ein Wunderkind hingeblättert, das zwar aus Cottbus kommt, aber brasilianische Wurzeln hat. Auf Leonardo Bittencourt wurden bereits große und ganzseitige Hymnen gesungen, er wurde sogar als neuer Götze gefeiert, der doch selber keinen Freifahrtschein in der kommenden Saison hat. Um dieses offensive Mittelfeld wird der BVB von jeder Mannschaft beneidet. Es ist das Kernstück, von dem alles abhängen wird und von dem eine hohe technische Brillianz erwartet werden kann. Zudem hat der BVB hinten eine Viererkette, die nur schwer zu knacken sein wird und vor allem mit Hummels einen genialen Strategen hat, der bereits aus der Abwehr heraus den tödlichen Paß zu spielen versteht. Aber selbst die beste Verteidigungslinie der Liga hatte ihre schwarzen Momente, vor allem in der CL, die für Dortmund schnell vorbei war. Diesmal könnte es für die Gruppengegner der Dortmunder anders kommen, jedenfalls dann, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert. Im defensiven Mittelfeld hat Gündogan nach großen Anlaufschwierigkeiten zuletzt gezeigt, daß er die Stelle von Sahin tatsächlich auszufüllen imstande ist und mit Leitner einen ziemlich guten Mann im Nacken sitzen hat. Und auch Kehl, der wichtig für das Spiel der Dortmunder als Antreiber und Zerstörer ist, ist durch Sven Bender jederzeit zu ersetzen. Trotzdem ist es schade, daß Sahin, der in Madrid offiziell ausgemustert wurde, eher mit Arsenal in Verbindung gebracht wird als mit Dortmund, wo man sich sehr bedeckt hält und keine Anstrengungen unternimmt, ihn zurückzuholen. Daß Dortmund nicht auf Sahin angewiesen ist, bedeutet auch, wie stark Dortmund besetzt ist, und daß man mit der zweiten Mannschaft, wie immer sie gerade aussehen mag, durchaus auch eine ziemlich gute Figur abgeben würde.
Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn der BVB keine größere Rolle um den ersten Platz spielt, aber das eigentlich Schöne ist, daß Dortmund nicht unter Titelzwang steht wie die Bayern, bei denen Titel zur Obsession geworden sind, die eher hinderlich ist, während die Dortmunder ganz cool und gelassen in die nächste Runde gehen können, ganz nach dem Motto: Ihr wollt die Titel, wir kriegen sie.