Archiv für den Monat: September 2012

Eine Kriegsgewinnlerin besonderer Art. Martha Gellhorns Kriegsreportagen

Vielleicht ist eine gewisse Portion Naivität nötig, um an das Gute und den Fortschritt zu glauben, und den Journalismus für ein machtvolles Mittel im Kampf gegen die Schrecken der Welt zu halten. Jedenfalls beschreibt Martha Gellhorn in ihrem neu aufgelegten Buch mit Kriegsreportagen „Das Gesicht des Krieges“ aus den Jahren 1937-1987, das in England zahlreiche Auflagen hatte und 1989 zum ersten Mal auf deutsch erschien, wie sie am Anfang ihrer Karriere fest davon überzeugt war, mit ihrer Berichterstattung unmittelbar dazu beizutragen, dass die Übeltäter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden würden, und wie sie sich die Öffentlichkeit als „einen Tornado“ vorstellte, „allzeit bereit, auf der Seite der Engel loszustürmen“.
Eine große Wirtschaftskrise und einige Kriege in den Dreißigern später war von ihrem „Glauben an die segensreiche Macht der Presse“ nichts mehr übrig. Martha Gellhorn machte trotzdem weiter, reiste von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz und sang im 2. Weltkrieg „Loblieder auf die guten, tapferen und großzügigen Menschen, wohl wissend, daß dies ein völlig zweckloses Unterfangen war.“ Martha Gellhorn war in Spanien, als General Franco putschte, in Finnland, als Rußland das Land überfiel, in China, als die Japaner Bomben abwarfen, sie beobachtete in ganz Europa den Krieg gegen die Nazis, auf Java, in Vietnam, in Zentralamerika und in Palästina den Sechstagekrieg. Und das sind noch nicht alle Kriegsschauplätze gewesen, von denen sie berichtete, das sind nur die, über die sie in ihren in dem vorliegenden Buch zusammengetragenen Reportagen schreibt.
Weil sie erfahren mußte, daß kein Hahn nach ihren Arbeiten als Kriegsberichterstatterin krähte, die immerhin in „Vogue“, im „New Yorker“ und in „Harper‘s Bazaar“ erschienen, versuchte sie, ihre Tätigkeit auf eine Weise zu sehen, die ihr die Sache einigermaßen erträglich machte: „Ich war eine Kriegsgewinnlerin besonderer Art, denn ich kam immer mit heiler Haut davon und wurde dafür bezahlt, meine Zeit mit großartigen Menschen zu verbringen.“ Und vielleicht ist das ja auch das wirklich entscheidende Motiv, um die Schrecken und die Depressionen einigermaßen zu überstehen, die jeder Krieg hervorbringt.
Martha Gellhorn ist gegenüber den Kriegsereignissen nie gleichgültig geworden, nie abgestumpft in dem Sinne, den man manchmal an sich selbst beobachten kann, wenn wieder irgendwo ein neuer Kriegsherd mit undurchsichtigen Gründen und religiösen Motiven ausgebrochen ist. Nachdem Martha Gellhorn ein Leben lang Kriege beobachtet hatte, kam sie zu dem Schluß, sie „für eine endemische menschliche Krankheit und die Regierungen für die Überträger“ zu halten. Martha Gellhorn erkannte trotz dieses fast schon anthropologischen Ansatzes, daß es immer einen Aggressor gibt, eine „ehrgeizige“ und „habgierige Regierung“, die rücksichtslose Expansionspolitik betreibt.
Diese Sichtweise ist heute obsolet, denn der Krieg hat sein Gesicht verändert, reguläre Kriege zwischen souveränen Staaten gibt es kaum noch, vielmehr sorgt die „Diffusion der Gewalt“, die Herfried Münkler in „Die neuen Kriege“ (2002) beschrieben hat, dafür, daß die Grenzen zwischen Kombattanten und Nonkombattanten verschwinden, daß in diesen Kriegen keine „Ziele und Zwecke“ mehr auszumachen sind, „um derentwillen Krieg geführt“, ja daß sogar Anfang und Ende des Krieges „konturlos“ werden. Diese asymmetrischen Kriege sind nicht mehr zu bewältigen und zu überwinden durch das Eingreifen der westlichen Zivilisation, die sich ihr Scheitern bei den meisten Konflikten auf der Welt durch eine Intervention eingestehen mußte, nicht zuletzt deshalb, weil es den „gerechten Krieg“ und eine klare Kriegsfront nicht mehr gibt.
Und insofern sind Martha Gellhorns Reportagen ein Blick in eine vergangene Epoche, in der sich noch Partei ergreifen ließ, in der die Kräfte des Fortschritts sich noch deutlich abhoben von denen einer Diktatur. Und auch ihre Klage, mit ihren „wahren Berichten“ nichts bewirken zu können, wurde inzwischen hinfällig, denn den Medien kommt inzwischen wieder eine entscheidende Rolle zu, wie bei den militärischen Interventionen in Jugoslawien oder zuletzt in Libyen zu sehen war.
Die Zeit, als die Konfliktlinien in einem Krieg so deutlich verliefen wie im 2. Weltkrieg, sind längst Geschichte. Martha Gellhorns Reportagen zeugen davon in kongenialer Weise. Sie entführen uns weit weg in eine hässliche Welt aus dem letzten Jahrhundert, als Elend, Krankheit, Tod und Leiden sich noch mitten in Europa austobten, die inzwischen erfolgreich in die Dritte Welt ausgelagert werden konnten. Nach wirklichem Fortschritt sieht das nicht aus.

Martha Gellhorn „Das Gesicht des Krieges“, Dörlemann.

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

Bertold Brecht liebte bei Krimis keine Überraschungen. Ein Täter, ein Motiv, ein Opfer, aber kein Schummeln, keine unlauteren Tricks. Die aktuelle Liga wäre ihm ein Gräuel gewesen, denn da geht es drunter und drüber. Nur auf Bayern ist z.Z. Verlaß, auch wenn sie erst kurz vor Schluß »den Sack zumachten«, in der ersten Halbzeit jedenfalls hatten sie trotz Überlegenheit gegen die Bremer keine klare Chance. Und das regte Sammer auf. Der Mann muß von der BamS übersetzt werden, weil sonst niemand versteht, was er eigentlich meint. Z.B.: »Der beste Start bedeutet mir gar nichts. Du kannst heute mal versuchen, irgendwo in München auf einen Balkon zu rennen – da wird dir keiner was überreichen.« Und deshalb passen Bayern und Sammer auch gut zusammen. Ich möchte jedenfalls nicht in der Haut eines Bayern-Fans stecken und Sammer ertragen müssen, und ich kenne Bayern-Fans, die sich wegen Sammer kein Spiel mehr anschauen mögen, und bei Bayern ist er nur Manager. Ich weiß, wie das ist, denn schließlich hat Sammer in Dortmund gespielt. Aber diese schwere Zeit ist Gottseidank vorbei. Vor sich hat man eine glänzende Zukunft ohne Manager, der vor lauter Ehrgeiz keinen geraden Satz zustande bringt, dem vor lauter Anspannung sämtlich Hemdknöpfe abplatzen. Der BVB ist wieder zurück. Zumindest gegen Gladbach. Aber die haben schon seit Saisonbeginn Probleme. Aber das 5:0 war dann trotz allem sehr beeindruckend, auch wenn man es nicht überbewerten sollte, denn spätestens nach dem 2:0 war bei Gladbach die Luft raus. Zudem haben die Dortmunder ihren Stil etwas verändert, ihn den internationalen Anforderungen angepaßt. Machten sie früher von der ersten Sekunde an Dampf, um den Gegner in Grund und Boden zu stampfen, waren sie gegen Gladbach fast schon etwas unsicher, um dann aber ein bißchen mehr so wie Barcelona zu spielen, also mehr auf Balldominanz ausgerichtet und geduldig die Lücke suchend, die ihnen Gladbach auch immer wieder anbot. Und wer, wenn nicht Dortmunds Rolls Reus nutzte diese Lücken, diesmal auch in genialem Zusammenspiel mit Götze, und da Lewandowski für Manchester geschont wurde, schoben sich Gündogan und Kuba die Bälle für die wunderschöne Tore zu. Plötzlich war also der Knoten wieder geplatzt, der sich nach dem mißglückten Spiel gegen den HSV und dem irren Spiel gegen die Eintracht zusammenzuziehen drohte. Die Generalprobe hat also geklappt, aber das ist nicht immer ein gutes Zeichen. Sonst aber ist die Liga sehr unbeständig. Schalke führte in Düsseldorf 2:0, gab in der 2. Halbzeit das Spielen auf und mußte sich am Ende mit einem 2:2 zufrieden geben. Das ist große Kunst, für die ich Schalke auch mal loben will. Der starke Club empfing die erfolglosen Stuttgarter und verlor 2:0, und auch wenn es ein individueller Fehler war, der die Niederlage des Clubs einleitete, hätte ich damit nie gerechnet, ebensowenig mit der Glückssträhne der Hamburger, die bei den bislang großartig aufspielenden Hannoveranern 1:0 gewinnen, ein Spiel, das durch die beiden Torhüter entschieden wurde, weil dem einen ein Ball durchflutschte, während der andere alles hielt, was auf ihn zukam. Nein, das hätte Brecht gar nicht gefallen.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

Das Schöne an Borussia ist, daß man sich nicht so langweilige Spiele, wie sie Schalke abliefert, ansehen muß. »Wenig spielerischen Esprit« verströmten die Blauweißen gegen Mainz, gewannen aber trotzdem. Bei Dortmund war ich mir sicher, ein großartiges Spiele gegen die Eintracht zu sehen, nicht nur weil die Frankfurter alle Spiele gewonnen hatten, sondern weil sie sie mit spielerischen Mitteln gewonnen hatten und weil Armin Veh ankündigte, auch gegen Dortmund nichts an dem offensiven Spielstil ändern zu wollen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Es war nicht nur ein »unterhaltsames«, sondern extrem schnelles und spannendes Spiel, das beste mit Dortmunder Beteiligung seit dem völlig verrückten 4:4 gegen Stuttgart in der letzten Saison. Immer jedenfalls, wenn Dortmund auf Mannschaften trifft, die mehr wollen als sich einen Punkt ermauern, die also selber auf Offensive setzen und modernen Fußball zelebrieren, formen sich so etwas wie magische Momente heraus. Zunächst setzte Klopp nur auf Reus ohne Götze dafür aber mit einem wieder einmal überragenden Kuba, weil das Traumduo in Hamburg blaß blieb. Und es sah zunächst so aus, als ob die Rechnung aufgehen würde, denn mit einem für Dortmund glücklich abgefälschten Ball erzielte Piszczek das 1:0 und kurze Zeit später war es wieder Piszczek, der flach in die Mitte auf Reus paßte, der den Ball genau ins Eck platzierte. Die Eintracht war trotzdem gleichwertig, und die löchrige Dortmunder Abwehr gab den Frankfurtern auch reichlich Gelegenheit, auf Weidenfellers Tor zu schießen. Zudem kombinierten sie hervorragend und verloren auch unter Druck nicht den Kopf. Gleich zu Beginn der 2. Hälfte wurde die hinreißende Art der Frankfurter belohnt mit zwei Treffern kurz hintereinander, denen wieder zwei grandiose Fehlpässe der Dortmunder voraus gingen. Es ist erstaunlich, wieviel die Dortmunder Abwehr zu- und wieviel Chancen sie gleichzeitig vorne ausläßt. Immerhin ließen sich die Dortmunder von der berauschenden Frankfurter Phase nicht beeindrucken. Götze, der den verletzten Reus ersetzte, jagte Anderson den Ball ab und zeigte seine individuelle Klasse mit einem feinen per Außenrist erzielten erneuten Führungstreffer. Aber Frankfurt steckte nicht auf, weshalb es munter auf und ab ging. Genau das will man sehen, allerdings sieht es so aus, als ob die Dortmunder mit ihrer Spielweise mittlerweile auf eine Konkurrenz treffen, die diese Spielweise inzwischen so gut adaptiert hat, daß sie den Dortmunder gut Paroli bieten kann. Gegen Manchester City und Real Madrid muß Dortmund viel kompakter stehen und die Lücken schließen, die sich vor allem auf der Seite von Schmelzer aufgetan haben. Natürlich spielte Frankfurt sensationell gut und an seinem Limit, aber ein Maßstab für europäische Spitzenmannschaften ist die Eintracht nicht. Aber was solls, lieber in einem aufregenden und attraktiven Spiel verlieren, als sich ein ödes, vollkommen einseitiges Spiel ansehen müssen wie das der Bayern zu Hause gegen hilflose Wolfsburger, die Magath mit viel Geld neu aufgerüstet hat, mit dem Ziel, sich europäisch zu qualifizieren. Aber davon ist VW weit entfernt. Dank den Dortmundern führen die Bayern jetzt die Tabelle alleine an. Und daran wird sich auf absehbare Zeit wohl auch nichts ändern. Woran man sieht, daß in der Regel ein millionenschweres Aufrüstungsprogramm eben doch Früchte trägt.

Die Wahrheit über den 4. Spieltag

Frau Merkel und Ajax Amsterdam scheint Dortmund nicht gut bekommen zu sein. Immer wenn Frau Merkel irgendwo auftaucht, heißt das nichts Gutes. Und das knappe 1:0 gegen den CL-Gruppengegner Ajax Amsterdam verführte die Medien zu verkünden, daß Dortmund doch Europa könne. Nun war es allerdings so, daß ein allzu großer Unterschied zu den CL-Spielen im letzten Jahr nicht wirklich festzustellen war. Letztes Jahr verloren die Dortmunder die Spiele, diesmal haben sie eins gewonnen. Chancen hatten sie sowohl damals als auch jetzt zugelassen, mit dem Unterschied, daß Ajax drei hochkarätige Chancen ausließ, Marseille aber nutzte. Ajax war nicht schlecht, und wenn die Partie unentschieden ausgegangen wäre, wäre das nicht so ungerecht gewesen wie die Pleiten vor einem Jahr. Aber dieses „Dortmund kann doch Europa“ schienen leider auch die Spieler zu glauben, die ebenfalls davon sprachen, daß man mit der europäischen Spitze mithalten könne. Was grundsätzlich nicht verkehrt ist, wenn man das, was man kann, dann auch wirklich auf dem Platz umsetzt. So hatte man unwillkürlich den Eindruck, als wolle man sich selber gut zureden und nicht zugeben, daß der Treffer von Lewandowski in der 87. Minute eine grandiose Einzelleistung war, aber man sich vorher häufig genug im engmaschigen Netz von Ajax verfangen hatte, während man hinten Löcher hatte wie ein riesiger Schweizer Emmentaler. Und dann trat man beim Tabellenletzten Hamburg an, der Null Punkte auf dem Konto hatte, während Dortmund seit 31 Spieltagen keine Niederlage mehr einstecken mußte. Eine ungünstige Konstellation, denn das hieß, daß Hamburg sich die Beine ausreißen würde für einen oder sogar drei Punkte. »Die Anfangsphase war richtig scheiße«, sagte Klopp, und daran war wenig auszusetzen, denn auch wenn die drei Hamburger Treffer auf individuelle Fehler der Dortmunder zurückzuführen waren wie der frühe Rückstand auf einen Schnitzer von Hummels, so stimmte das Spielgleichgewicht auch nicht, die Dortmunder gaben das Spiel völlig unnötig aus der Hand, überließen den Hamburgern das Pressing, ließen sie kombinieren, liefen hinterher und verloren erstaunlich früh wieder den Ball. Und das lag nicht nur am Fehlen von Gündogan, der durch Leitner ersetzt wurde, auch vorne harmonierte das Dreigestirn nicht wie es könnte. Nach dem überraschenden Ausgleich durch Perisic kurz nach Beginn der 2. Halbzeit dachte man, daß Dortmund das Heft wieder in die Hand nehmen würde, aber stattdessen legten sich die Hamburger ins Zeug und erhöhten auf 3:1. Und dann kam die Schlußphase, die einen ziemlich zusetzte, weil die Dortmunder eine hochkarätige Chance nach der anderen versiebten. Es war kaum auszuhalten, daß der sonst so sichere Lewandowski den Ball über Adler hob, aber auch gleichzeitig übers Tor, Lewandowski, der doch sonst soviel Gefühl in seinem Fuß hat, oder Schieber, der überhastet am Elfmeterpunkt zum Schuß ansetzte und nur ein Schüßchen zustande brachte. Die Liste könnte man endlos fortsetzen, aber klar war auch, daß den Dortmundern ein gebrauchter Tag angedreht worden war. Denn obwohl man kein gutes Spiel gemacht hatte, hatte man genügend Gelegenheiten, daß Spiel haushoch zu gewinnen. Aber der alte Chancentod ist in die Reihen der Dortmunder zurückgekehrt und machte sich über sie lustig. Und das ausgerechnet gegen die Deppen aus Hamburg.

Daniel Bax und seine merkwürdigen historischen Parallelen

Daniel Bax tritt in der taz vom Wochenende dafür ein, dass die westlichen Medien über den Video-Clip »Unschuld der Muslime« »umfänglich informieren«. Warum eigentlich? Jeder, der sich den Film angeguckt hat, sagt, daß es sich um völligen Schwachsinn handelt, der in jeder Hinsicht einfach nur schlecht ist und den man nicht ernst nehmen kann und auch nicht darf. Kein vernünftiger Mensch tut das. Genausogut könnte man also die Medien auffordern, »umfänglich« über einen Privatporno in Hintertupfing zu »informieren«. Erst wenn sich jemand wegen des Privatpornos bemüßigt fühlt, jemanden umzubringen, wird der Porno unter Umständen zum Objekt der Berichterstattung.
Zur Nachricht wurde dieser Clip also erst durch islamistische Prediger, die, wie schon bei den läppischen Karikaturen, ihren Anhängern sagten, man sei so beleidigt worden, dass man unbedingt eine amerikanische Botschaft anzünden müsse. Diese Vorgehensweise ist umso eigenartiger, weil niemand weiß, wer diesen Video-Clip überhaupt hergestellt hat.
Daniel Bax tritt für die »umfängliche« Informationspflicht ein, um anschließend zu behaupten, dass dieser Film genauso muslimfeindlich ist wie »Jud Süß« antisemitisch und »dass es vielen Deutschen schwerfällt, die offensichtlichen Parallelen zwischen NS-Rassenideologie von damals und der antimuslimischen Propaganda von heute zu erkennen.« Das ist interessant. Wieso nämlich kommt jemand gerade auf diesen Gedanken, wenn eine amerikanischen Botschaften von offenbar nicht zurechnungsfähigen Islamisten niedergebrannt wurde? Welchen Sinn hat der Vergleich? Der obendrein noch hinkt, denn die antisemitische NS-Propaganda war bekanntlich Staatspropaganda mit dem Ziel, die Juden auszurotten. Wenn nun Bax tatsächlich glauben sollte, dieser alberne Video-Clip wäre im Auftrag der amerikanischen Regierung gedreht worden und hätte nicht nur das Ziel, sondern auch die Macht, die Muslime auszurotten, dann ist das eine sehr eigenwillige und originelle Einschätzung, die nur einen kleinen Haken hat. Diese Meinung nämlich dürfte Bax ganz exklusiv haben. Wenn der Vergleich also vollkommen absurd ist, dann liegt es natürlich nahe, Vermutungen über das Motiv von Bax anzustellen. Ohne an dieser Stelle tief bohren zu müssen, ist man glaube ich nicht allzu verwegen, wenn man die Behauptung aufstellt, dass Daniel Bax die Muslime als bedrohte Rasse sieht, zu deren Rettung er sich aufschwingt, indem er suggeriert, sie wären genauso bedroht wie im 3. Reich die Juden. Die Juden allerdings haben meines Wissens keine amerikanische Botschaft angezündet, nachdem im »Stürmer« ihre Religion verhöhnt wurde. Für die Juden dürfte das das kleinste Problem gewesen sein.
Allerdings gibt es tatsächlich Parallelen zwischen islamistischer Propaganda und der antisemitischen Propaganda der Nazis. Noch heute jedenfalls werden die Deutschen in der muslimischen Welt sehr geschätzt, weil sie es fast geschafft hätten, was die Islamisten heute noch wollen. Da sind Ähnlichkeiten nicht zu vermeiden.

Die Wahrheit über den 3. Spieltag

Vor dem Spiel im Westfalenstadion, das vor einigen Jahren aus Werbegründen umbenannt wurde, damit jeder Journalist, der den Namen in einer Zeitung nennt 1 Cent kriegt, vor dem Spiel der Dortmunder gegen Leverkusen also sagte Frau Merkel, daß jeder seinen Weg gehen solle, egal, woher er komme. In den Medien wurde das eine Aktion genannt, von der alle sehr begeistert waren. Außerdem waren alle sehr begeistert darüber, dass Frau Merkel beim 1:0 begeistert in die Hände klatschte. Es wurde ihr daraufhin sehr viel Fußballsachverstand attestiert. Von Klopp wurde ihr sogar eine Dauerkarte angeboten, wenn sie sich ins Westfalenstadion setzte und ab und zu mal in die Hände klatschte, damit die BamS jedesmal titeln kann »Merkel jubelt Dortmund hoch«. Der BVB hat ein großes Herz, denn es muß viel aushalten, hat aber auch schon Schlimmeres überstanden.
Das Spiel jedenfalls war wieder so wie in der letzten Saison, und Klopp meinte, daß die Mannschaft zu ersten Mal wieder »unsere Spielweise auf den Platz gebracht« hätte. Viel dazu beigetragen hat Götze, der anstelle von Reus von Beginn an dabei war und einige hinreißende Szenen hatte. Aber nicht nur er, sondern auch das Polentrio war wieder top of pop, vor allem beim grandiosen 2:0, das eine polnische Koproduktion war. Lewandowski spielte einen sensationellen Diagonalpaß auf die rechte Seite genau in den Lauf von Piszczek, der den Ball in die Mitte durch alle Leverkusener hindurch auf Kuba flankte. So schön kann Fußball sein. Und auch Schmelzer spielte sich seine Länderspieldepression von der Seele. Wie Klopp so schön sagte, würde man in Dortmund alles tun, daß er nicht so allein gelassen werde würde. Und nach dem Spiel nahm er ihn lange in den Arm und hätschelte ihn. Vielleicht sind solche Länderspiel für die Dortmunder gar nicht schlecht. Es scheint sich auf ihre Leistung im Verein jedenfalls positiv auszuwirken. Leverkusen allerdings war schwach, genau der richtige Gegner für Marcel Reif, der gerne über Schwächere spöttelt und sie verhöhnt, denn schließlich leben wir in einer Leistungsgesellschaft und wer da nicht seine Leistung bringt, der ist ein Looser. Rudi Völler beschimpfte ihn daraufhin als »Klugscheißer«, während sich Marcel Reif auf die Meinungsfreiheit berief, bekanntlich die Freiheit von Leuten, die keine Überzeugung haben, dafür aber jede Menge Meinung.
Bayern gewann zum dritten Mal hintereinander gegen einen potentiellen Absteiger und hat jetzt schon 9 Punkte. Zwei mehr als ihre härtesten Verfolger. Es gab schon spannendere Nachrichten. Zum Beispiel, daß Hannover mit Huszti ein Glückslos gezogen hat, der alle sieben Treffer aus den letzten beiden Partien entweder vorbereitet oder selbst geschossen hat. Diesmal in der letzten Minuten mit einem sehenswerten Seitenfallzieher den 3:2-Siegtreffer gegen Bremen. Fürs Trikotausziehen und Zaunklettern bekam er dann gelb-rot und alle sagen, daß das eine schwachsinnige Regel sei. Ich finde auch, die Tore könnten größer sein. Dann fielen mehr Tore. Und Gladbach verliert zu Hause gegen Nürnberg mit 3:2, was zum einen darauf hindeutet, dass das Unentschieden gegen Dortmund nicht zufällig war und Gladbach in dieser Saison richtige Probleme bekommen wird, weil alles noch nicht so richtig zusammenpaßt.

Streeruwitz bringt Butler in die Breduoille. Ein kurzes PS

Auf 3sat Kulturzeit gab Marlene Streeruwitz, die als Mitglied des Adorno-Kuratoriums an der Preisvergabe für Judith Butler beteiligt war, ein lustiges Interview, denn sie behauptete, Butler sei »zum Abschuß freigegeben«. Meines Wissens haben die Kritiker der Preisverleihung nicht die Absicht, Butler zur Strecke zu bringen, hingegen hat sie alles in allem recht lebendig gewirkt, als sie den Adorno-Preis heute abend entgegengenommen hat. Judith Butler ist zu bedauern, daß sie solche Fürsprecher wie Marlene Streeruwitz ertragen muß. Streeruwitz nimmt nämlich Butler allen Ernstes vor dem Vorwurf, sie würde die Hamas und die Hisbollah für soziale Organisationen halten, mit dem Argument in Schutz, Butler hätte schon viel in ihrem Leben gesagt und das wäre nur eine von Millionen Aussagen, die Butler getroffen habe. Wie könne man sich das denn alles merken? Ein typisch Wienerisches Argument, was schert mich mein Geschwätz von gestern, und eine der großartigsten Begründungen, um jemanden so richtig in die Bredouille zu bringen. Und das lustigste daran: Niemand merkt es.

Judith Butler ist für Antirassismus

Viele Leute waren es nicht, die fanden, Judith Butler sollte den Adorno-Preis nicht kriegen. Eigentlich nur der Zentralrat der Juden. Der ist aber schließlich genau dafür da. Keine Regierung würde es toll finden, wenn jemand geehrt wird, von dem alle Welt weiß, daß die Person gegen diese Regierung ist und zum Boykott aufruft. Das ist also business as usual und passiert ständig, und wenn irgendwo ein Regimekritiker hofiert wird, wie der Chinese mit dem lustigen Pandabärnamen, dann wäre es höchstens überraschend, wenn ihm die chinesische Regierung auch noch einen Staatspreis verliehe. So vorhersehbar also die Reaktion des jüdischen Zentralrats ist, so vorhersehbar ist das moralische Empörungskartell, das sich mit Stefan Reinicke in der taz erhebt und das dann die Gelegenheit ergreift, wieder mal mit der Besatzungspolitik ins Gericht zu gehen, die bekanntlich das schlimmste Verbrechen dieses und des letzten Jahrhunderts ist. Wenn schon Antiimperialismus, dann muss der auf jeden Fall bei Israel zur Geltung kommen, und deshalb hat Judith Butler auch viele Verehrer.
Sie hat gesagt, daß die Hamas zur globalen Linken gehört. Ich frage mich, was daran falsch sein soll. Das ist ja kein Bekenntnis und diese banale Aussage ist höchstens für die problematisch, für die die globale Linke immer auf der richtigen Seite steht, es ist ein identitäres Problem, ein Problem der Definitionshoheit, was links ist und was nicht. Jeder, der sein Weltbild als links definiert, neigt dazu, anderen, die von diesem Weltbild abweichen, abzusprechen, links zu sein. Inzwischen bedauert Butler es, die Hamas zur globalen Linken gerechnet zu haben, und meint, sie hätte sagen sollen, es gibt gar keine globale Linke. Das kann man natürlich auch machen. Aber es sieht für einen Theorieproduzenten nicht besonders gut aus, wenn man diese Frage mal so und mal so beantwortet, je nachdem, wie es einem gerade in den Kram passt. Man gerät dadurch möglicherweise in den Verdacht, daß man sein Fähnchen ein bisschen in den Wind hängt.
Selbstverständlich ist sie eine würdige Adorno-Preisträgerin. Schließlich gibt es die Regel, daß der am preiswürdigsten ist, der schon möglichst viele andere Preise bekommen hat (das Gesetz der Preisakkumulation, da ist man als Jury-Mitglied immer auf der sicheren Seite), und der am mainstreamingsten ist, d.h. der Erfolg wird belohnt, nicht irgendwelche Verdienste um den Namensgeber des Preises (sonst hätte man den Preis posthum Alfred Schmidt geben müssen). Niemand jedenfalls weiß, was Judith Butler eigentlich mit Adorno zu tun hat, außer daß sie auch Bücher geschrieben hat.
Ihre nachträgliche Richtigstellung in der taz ist ein tolles Dokument, denn sie bekennt, dass sie niemals »ein Bündnis mit einer egal welcher Person oder Gruppe eingehen« würde, »die antisemitisch, gewalttätig, rassistisch, homophob oder sexistisch ist«. Wer hätte das gedacht. Und selbstverständlich ist sie für Frieden. Das ist schön und erhebend. Sollte Judith Butler davon ausgehen, dass diese Aussagen nötig sind, und warum sollte sie das schreiben, wenn sie das nicht fände, dann scheint sie von ihren Anhängern entweder nicht viel zu halten, wenn sie ihnen zivilisatorische Mindeststandards noch mal unter die Nase reibt, oder sie hält ihre Fans für einen wilden gewalttätigen Haufen, den sie mit diesem Aufruf zur Räson bringen will.
Wahrscheinlich aber muss sie das tun, weil Leute wie Eva Illuz tatsächlich so dämlich sind, wie Judith Butler anzunehmen scheint. Im Spiegel schreibt Illouz, dass die politische Einstellung des Preisträgers keine Rolle spielen sollte. Das wäre Adorno aber gar nicht recht gewesen. Im Unterschied zu den Naturwissenschaftlern, die lllouz als Beispiel nennt, weil deren politische Ansichten auch manchmal fragwürdig seien, ohne dass sich irgendjemand daran stört, zeichnet sich der Geisteswissenschaftler dadurch aus, dass er eben nicht irgendein Atom oder irgendeine Zellenteilung nachzuweisen versucht, sondern Aussagen über gesellschaftliche Zusammenhänge macht, jedenfalls sollte man davon ausgehen können, d.h. er kann sich der Beurteilung und Bewertung gesellschaftlicher Konflikte nicht entziehen und deshalb lässt sich eine Gesellschaftswissenschaft nicht trennen von der Politik, die der Gesellschaftswissenschaftler vertritt.
Günther Anders hat mal einen Preis abgelehnt, weil ihm die politische Ausrichtung des Namensgebers des Preises nicht behagte. Und Günther Anders schwamm nicht gerade in Geld, weshalb es nachvollziehbar gewesen wäre, wenn er gesagt hätte, ich bin alt und brauche das Geld. Günther Anders hatte noch Prinzipien, und er war sehr moralisch. Von dieser Moral wird heute vor allem geredet, sie zu beherzigen, das ist in diesem Betrieb dann schon eine andere Sache.

Die Wahrheit über den 2. Spieltag

Bevor es in die fränkische Bratwurstmetropole ging, wurde die CL ausgelost, und man muß sagen, daß Real Madrid die Todesgruppe erwischt hat. Gleich vier Meister befinden sich in der Gruppe D, außer Spanien auch noch die von England, den Niederlanden und Deutschland. In dieser Gruppe gibt es also nur Klassiker, und wenn Real Madrid so weitergurkt wie z.Z. gerade in der Primera Division, dann sind sie diesmal schon in der Vorgruppe weg vom Fenster. Für die Dortmunder hätte es gar nicht besser kommen können, denn das sind alles ausgezeichnete Reiseziele und vor allem durchaus machbare Gegner, denn Man City wurde ja gerade mal auf dem letzten Drücker Meister, und wenn die nur entfernt so spielen wie am Freitag Chelsea im europäischen Supercupfinale gegen Athletico Madrid, dann kann man sich hier schon mal die Hände reiben. Aber dann ging es nach Nürnberg, und Nürnberg war schon immer ein unangenehmer Gegner. Und diesmal besonders, und man weiß nicht wirklich warum, denn dem Club werden Jahr für Jahr die besten Spieler weggekauft, kaum daß sie beim Club zu Leistungsträgern wurden. Aber irgendwie regeneriert sich der Club immer wieder aufs Neue. Zunächst suchte er sein Heil in der Defensive, gegen die den Dortmunder zunächst nicht sehr viel einfiel, jedenfalls nichts, was zwingend gewesen wäre. Dann gab es die erste Ecke für die Nürnberger, Pekhart übersprang Hummels und köpfte zum 1:0 ein, wobei Weidenfeller nicht sehr gut aussah. Ein Ball wie durch ein Nadelöhr. Immerhin schafften die Dortmunder noch vor der Halbzeit den verdienten Ausgleich durch Kuba, aber mehr mit Gewalt als mit Spielkunst. In der 2. Halbzeit entwickelte sich das Spiel zu einem offenen Schlagabtausch, weil sich die Nürnberger mehr zutrauten, und das zu recht. Und insofern war die Punkteteilung auch gerecht, auch wenn ich das nur ungern zugebe. Die Dortmunder sind einfach noch nicht auf der spielerischen Höhe, die sie erreichen können. Götze kam erst eine halbe Stunde vor Schluß auf den Platz, aber irgendwie hatten die Nürnberger im letzten Augenblick immer noch ein Bein dazwischen, und der Rest wurde mit Fouls oder mit der einen oder anderen kleinen Showeinlage erledigt. Wenigstens nicht verloren und zum 30. Mal ungeschlagen geblieben. Nach 30 Mal kann man sich eine Niederlage gar nicht mehr vorstellen, und sogar ein Unentschieden ist nur schwer zu verstehen, aber irgendwann wird es soweit sein. Zuletzt hatte der HSV in den Siebzigern so eine Serie und verlor dann in Bremen das 36. Spiel. Und das taten sie auch diesmal wieder. Damit sich das ändert wurde van der Vaart zurückgekauft zusammen mit seiner kitschigen Frau aus dem Quelle-Katalog. Ob es was hilft? Eine Mannschaft ohne Mumm und Konzept zu retten bedarf es vermutlich etwas mehr als einen von Real Madrid ausgemusterten Profi. Am lustigsten aber war es diesmal in Hoffenheim, wo die Blauen gegen die Eintracht eine 4:0-Klatsche hinnehmen mußten, weil die Blauen ihre spielerische Überlegenheit nicht in Tore umwandeln konnten, während Frankfurt sich nicht lange bitten ließ. Und am Ende hatte Hoffeinheim nur noch 9 Feldspielern, wobei vor allem der in der 66. Minute eingewechselte Salihovic das Kunststück fertig brachte, bereits nach vier Minuten wieder den Platz verlassen zu müssen. Und müde Gladbacher schenkten dem Aufsteiger Düsseldorf einen Punkt.