Archiv für den Monat: Oktober 2012

Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Wieder einmal ist vom »Charakter« von Spielern die Rede, als ob es eine anrüchige Angelegenheit ist, wenn Spieler einen haben. Offenbar stellt man sich vorbildliche Spieler als knetbare Masse vor, die immer und ausschließlich Spitzenleistung abzurufen haben und ansonsten vorgefertigte Sätze aus dem Legobaukasten für Rhetorik für Anfänger abzusondern haben. Nachdem Magath vom VW-Konzern an die Luft gesetzt wurde, wird den Spielern, die ihr erstes Spiel ohne Magath in Düsseldorf 4:1 gewannen, vorgeworfen, das sie unter dem alten Trainer nichts auf die Reihe gekriegt hätten, nun aber plötzlich zaubern würden. Aber was ist das Schlechte daran, fragt man sich? Diego sei in seinem Leben noch nie soviel gerannt wie in dem Spiel gegen Düsseldorf, schreibt die BamS. Plötzlich wird die außergewöhnliche Leistung eines Spielers zu einer negativen Caraktereigenschaft uminterpretiert. Dabei geht es im Fußballgeschäft nun mal genauso zu wie in der Bild-Zeitung, d.h. Mobbing und Konkurrenzdenken sind normale Gepflogenheiten, seine Interessen durchzusetzen. Das ist nicht schön und setzt ein Survival of the fittest- bzw. Arschloch-Denken voraus, aber man muß auch niemanden bemitleiden, den es in diesem Gewerbe erwischt, denn niemand wird deshalb zu einem Sozialfall. Mit Magath hätte Diego nie gejubelt, heißt es, als ob es ein besonders niederträchtiges Verhalten sei, jemanden nicht um den Hals zu fallen, den man nicht mag. Aber kommen wir zu den wesentlichen Dingen des Spieltags, zu Freiburg. Die spielten gegen Dortmund unter irregulären Schneefallbedingungen und trumpften vor allem in der ersten Halbzeit groß auf. Die bessere Technik nützte den Dortmundern gar nichts, weil sich der Ball nicht berechnen ließ, weshalb der immer einfach nach vorne gebolzt wurde, wo er regelmäßig von den Freiburgern abgefangen wurde. Den Dortmundern wurde ein Kampfspiel aufgezwungen, und daß sie es annahmen, zeigt, daß sich die Mannschaft durch den sensationellen 2:1-Sieg gegen Real Madrid nicht aus den Rhythmus bringen ließ. Die technischen Fertigkeiten, die gegen Real auf höchster Ebene ausgespielt werden mußten, konnte die Dortmunder auf dem Freiburger Rasen vergessen. Fast wäre es daneben gegangen, weil die Freiburger in der ersten Hälfte präsenter waren. In der zweiten Hälfte wurden die Verhältnisse wieder gerade gerückt, wobei Freiburg vor dem Spiel nur einen Punkt hinter den Dortmundern stand, man also nicht so weit auseinander liegt wie man vielleicht annehmen mochte. Angeblich sind die beiden Tore der Dortmunder irregulär gewesen, aber das ist Quatsch. Diese Sichtweise ist vielleicht in Freiburg populär, wo man gerne den Real-Bezwinger bezwungen hätte, aber ganz unabhängig davon, war der Dortmunder Sieg völlig verdient, auch wenn der Ball auf dem Bildschirm häufig unsichtbar war und man die Spieler ausfindig machen mußten, die gerade am agilsten waren, um erahnen zu können, wo der Ball sich gerade befand. Götze glänzte wieder, während Reus nicht viel gelang. In der Nationalmannschaft ist es genau umgekehrt. Aber in der Regel reicht es ja, wenn einer der beiden gut aufgelegt ist. Sollten die beiden irgendwann auch noch miteinander harmonieren, dann wird es eng auch für Bayern, die durch die Liga walzen wie ein Kampfroboter. Schade, daß die nicht Wiese im Tor haben, den Schießbudenkönig der Liga.

Widmann, Arno

Wer hätte das gedacht: Die Berliner Zeitung hält sich einen Redakteur mit nekrophiler Schlagseite. In einem Nachruf auf die an Krebs verstorbene Schauspielerin Sylvia Kristel schreibt Arno Widmann: »Es gab keinen Quadratzentimeter der Haut von Sylvia Kristel, den ich nicht kannte.« Selbstverständlich kann Arno Widmann davon nur träumen. Das aber tut er ausführlich: »Ich glaubte, ihr weiches Fleisch zu spüren.« Und auch über weitere anatomische Details klärt Arno Widmann die Leser auf: »Sie hatte einen ganz und gar unsportlichen Körper, nirgends ein Muskel. Alles weiches, sanftes, süßes Fleisch. Jetzt ist sie tot…« Und kann sich nicht mehr wehren gegen die schlüpfrigen Nachstellungen von Arno Widmann, der mit seinen pubertären Phantasien Sylvia Kristel noch im Grab belästigt. Sylvia Kristel hatte einen IQ von 165. Arno Widmann einen »Masturbationstraum«. Besser lässt sich der Unterschied nicht auf den Punkt bringen.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

So ungerecht kann ein Spiel sein: Erster Schuß von Schalke aufs Tor mit vollem Risiko, nachdem Afellay der Ball zufällig vor die Füße fällt. Und trotzdem war der Schalker Sieg nicht unverdient. Den Dortmundern gelang es nicht, die verletzten Gündogan, Götze, Kuba und Schmelzer zu ersetzen, und Klopps Systemumstellung auf drei, zwei, drei, zwei mit Bender als „Libero“ erwies sich Fehler, den Klopp zwar nach einer halben Stunde korrigierte, ohne allerdings große Wirkung zu erzielen, denn es handelte sich um die schlechteste Leistung der Dortmunder in dieser Saison, während man konzedieren muß, daß die Schalker richtig gut spielten. Dortmund hatte noch nie in dieser Konstellation gespielt, und das merkte man auch. Da gab es kein Spielverständnis, stattdessen schnelle Ballverluste, Kombinationen klappten nur ausnahmsweise und in den Zweikämpfen erwiesen sich die Schalker als durchsetzungsfähiger. Kein guter Auftakt für die bevorstehende Partie gegen Real Madrid, vielleicht aber auch gar nicht so schlecht, denn die Dortmunder müssen nun beweisen, daß sie es besser können. Vor dem Spiel kam es zu Krawallen, weil sich 100 Schalke-Fans unbedingt prügeln wollten, und im Stadion hielten sie ein Banner der Dortmunder Ultras hoch. Umso bedauerlicher, daß ihre Mannschaft auch noch gewonnen hat. Da die Bayern erwartungsgemäß in Düsseldorf drei Punkte geholt haben, ist der Abstand zu den Dortmundern auf 12 Punkten angewachsen. Die Dortmunder brauchen nun ein ähnlich großes Wunder wie es zuletzt bei dem 4:4 zwischen Deutschland und Schweden passiert ist. Schreiben die Medien. Dortmund befände sich also dieser Analogie zufolge in der Rolle der Schweden, die nach zwei Drittel der Zeit zum Gegenschlag ausholten und in einer halben Stunde noch schnell vier Tore schossen. Na wenigstens werden die Dortmunder nicht in der Rolle der deutschen Nationalmannschaft gesehen, die aus unerfindlichen Gründen plötzlich in sich zusammenfiel. D.h. Dortmund hat noch jede Menge Zeit, mit der Aufholjagd zu beginnen, denn es ist ja gerade die Hälfte der ersten Halbzeit gespielt. Aber egal, was man dem BVB zutraut oder nicht, es war von Anfang an klar, daß den Dortmundern eine zweite Titelverteidigung nicht gelingen würde. Bislang haben alle Gegner ihre jeweils beste Saisonleistung gegen die Dortmunder abgerufen. Dortmund hingegen tat sich schwer, sich gegen Mannschaften durchzusetzen, die ihren Spielstil kopierten, wie z.B. Frankfurt und Hannover. Ab und zu kam dann auch noch wie gegen Hamburg Pech dazu. Und jetzt eben auch noch schlechte Spiele wie gegen Schalke, wobei man Schalke nicht mögen muß, um dennoch zuzugestehen, daß der Schalker Kader ja nicht schlecht ist und es eben nicht unmöglich ist, gegen ihn zu verlieren, vor allem, wenn man vier wichtige Spieler ersetzen muß. Es wäre ein deprimierendes Spiel gewesen, wenn man nicht wüßte, daß die Dortmunder es besser können. Und sie haben es in Manchester gezeigt. Daß sich solche Leistungen nicht auf Knopfdruck wiederholen lassen, ist zwar schade, aber leider nicht zu vermeiden. Wahrscheinlich ist im Dortmunder Spiel durch den Weggang Kagawas eine Unwucht entstanden, denn Reus, der ihn ersetzt, ist ein anderer Spielertyp, der bei Dortmunds Spielweise nicht so zur Entfaltung kommt. Außerdem braucht auch diese Mannschaft Zeit, um zueinander zu finden. Mit den vielen Verletzten ist das nur schwer hinzukriegen.

Spinner und Nerds. Die hinreißenden Reportagen des J.J. Sullivan

»Kann man ganz Amerika in ein Buch packen?«, fragt die Verlagswerbung, um das Buch »Pulphead« von John Jeremiah Sullivan anzukündigen. Man weiß zwar nicht, wofür das gut sein soll, aber Sullivan soll das angeblich gelungen sein. Wenn man dann die Reportagen liest, dann erkennt man schnell, dass Sullivan einfach nur über sehr disparate Themen schreibt, und zwar »in der Tradition von Meistern wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson«.
Der völlig zu Recht in den höchsten Tönen gepriesene Sullivan hat seinen eigenen Stil und seine eigene Methode entwickelt, um sich einem Thema zu nähern, auf das er sich immer akribisch vorbereitet. Sullivan beherrscht die Kunst des suggestiven Schreibens perfekt, denn egal über welche Geschichte oder über welche Menschen er schreibt, er versteht es, einen sofort hineinzuziehen, auch wenn einen z.B. Axl Rose oder ein christliches Rockfestival überhaupt nicht interessieren. Er hält die Latte der Aufmerksamkeit für den Leser immer ziemlich hoch und somit auch die Anforderung an sich selbst, den Leser bei der Stange zu halten. Man zieht keinen großen Erkenntnisgewinn aus den Reportagen, aber man kommt aus dem Staunen kaum heraus. Sie stehen für sich, ganz singulär, sie bereiten einem großen Genuss, und das tun sie, weil sich Sullivan nie über seinen Gegenstand erhebt und von oben herab doziert und trotzdem durchaus polemisch und gemein sein kann, jedenfalls wenn er über Guns‘n‘Roses schreibt: »Sie waren die letzte große Rockband, die es nicht irgendwie auch ein bisschen peinlich fand, eine Rockband zu sein.«
Am besten ist Sullivan, wenn er Spinnern und Nerds und ihren fantastischen Erkenntissen nachspürt, wie dem Country-Blues, der nur ein Jahrzehnt existierte, bevor er »von der Depression, dem Zweiten Weltkrieg und der Energie des Chicago-Sounds« ausgelöscht wurde, und der nur durch Sammler wie einem gewissen James McKune überlebte. McKune, ein »spindeldürrer, zurückgezogen lebender, alkoholsüchtiger Redakteur der New York Times, der zum Vagabunden wurde und seine Kisten mit 78er-Schellackplatten unter seiner Pritsche in einer Jugendherberge von Brooklyn verwahrte.«
Oder Sullivans Besuch beim letzten noch lebenden Mitglied der Wailers, Bob Marleys erster Band. Nun kann man natürlich an die Sache herangehen wie Lester Bangs und sagen: »Bob Marley ist einen Haufen verlogener Scheiße«, wofür es eine Menge Belege gibt, wie man der Juli-Ausgabe der Sounds aus dem Jahr 1982 entnehmen kann. Für Sullivan stellt sich die Sache jedoch etwas anders dar. Für ihn handelt es sich um »spirituelle Musik«, die »von innen heraus« kommt, was immer das heißen mag. Bei Bunny Wailer, der »mit seinen Roben und dem weißen Bart auf der Bühne immer mehr wie ein Wüstenprediger« aussieht, stößt aber auch Sullivan an seine Grenzen, denn der selbsternannte »Revolutionsführer« tickt auf eine Weise, für das selbst das große Einfühlungsvermögen Sullivans nicht ausreicht, wenn Bunny Wailer ihn als etwas beschimpft, das »mit gebrauchten Tampons« zu tun hat und mit »ein paar Lagen Klopapier, die bei Durchfall in die Unterhose gesteckt werden«.
Am beeindruckendsten ist die Geschichte über »die Zukunft der Menschheit«, so jedenfalls lautete das Thema seines Auftrags. Und da muss man erstmal auf die Idee kommen, einen verschrobenen Professor aufzuspüren, dessen Obsession es ist, plötzliche Veränderungen im Verhalten der Tiere gegenüber den Menschen zu beobachten und Beweise dafür zu sammeln, »dass der Mensch hinsichtlich der Artikulation von Zuneigung, Leid, Stress und bislang noch unbekannter Affekte die Schnittmenge zwischen seiner eigenen und der Psyche der höher entwickelten Tiere massiv unterschätzt hat.« Sullivan listet Fälle auf, die dieses Phänomen dokumentieren, wie z.B. im Frühjahr 2000, als während einer Dürreperiode sich Affen und Menschen »eine offene Feldschlacht um drei soeben eingetroffene Wassertanker lieferten«. Und der Professor raunt dabei: »Und bedenken Sie, dass zum jetzigen Zeitpunkt ungefähr vierzig Delfine im offenen Meer leben, die aus Programmen der Marine entflohen sind. Wir haben keine Ahnung, wozu man sie ausgebildet hat. Sprengstoff zu transportieren? Taucher zu töten? Ich rechne damit, dass sie schon in den nächsten Jahren in einer Führungsrolle in Erscheinung treten werden. An Land die Schimpansen, im Meer die Delfine. Wir können davon ausgehen, dass sie derzeit an einem für beide Seiten verständlichen Zeichensystem arbeiten.« Und man glaubt es sogar. Aber dann rückt Sullivan am Ende damit raus, dass er sich den Professor ausgedacht habe, nicht aber die Vorfälle, die auf eine Verhaltensänderung bei Tieren hinweisen. Und da fällt einem dann doch Hunter S. Thompson ein, dem dieses Bekenntnis, zu dem »die Redakteure« Sullivan angeblich gezwungen haben, bestimmt gefallen hätte.

John Jeremiah Sullivan »Pulphead. Vom Ende Amerikas«, Aus dem Amerikanischen von Thomas Pletzinger und Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, Berlin 2012, 416 Seiten.

Der Trafikant. Aus dem Leben eines jungen Sturkopfs

In diesem Herbst sticht ein kleiner Roman aus den vielen Großprojekten vieler Großautoren heraus, jedenfalls für Leute, die sich ihre Lektüre nicht durch das Feuilleton diktieren lassen, das sich gerade an seinem Liebling Rainald Goetz abarbeitet. Häufig ist das nicht der Fall, aber manchmal findet das Buch zum Leser, ohne daß dieser von den Rezensenten an die Hand genommen worden wäre, wie z.B. Johann Johannsens »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand«, der von den Journalisten ignoriert wurde, sich inzwischen aber über eine Million verkaufte, ein wunderbar leichter, lustig erzählter und turbulenter Roman. Und auch wenn Robert Seethalers inzwischen 4. Roman »Der Trafikant« ganz anders funktioniert, hätte er es verdient, als Außenseiter ganz groß in der Gunst des Publikums abzuräumen.
Nichts an diesem Roman ist aufgeblasen, spektakulär oder effektheischend. Robert Seethaler beherrscht die Kunst, mit seiner ruhigen und sehr dezent erzählten Geschichte den Leser in eine längst vergangene Epoche zu entführen, in das Wien von 1938, als Schuschnigg aufgibt und Hitler ohne Widerstand Österreich überläßt mit den Worten »Gott schütze Österreich«, der sich dann aber lieber raushielt. Das ist der politische Hintergrund, der im Laufe der Geschichte immer mehr in das Leben der Protagonisten eingreift.
»An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte.« So beginnt der Roman, und das ist ein starker Anfang, der ein wenig an die leichte Beschwingtheit von »Amelie« erinnert, jedenfalls macht er Appetit auf den nächsten Satz. Das klingt nach nichts besonderem, ist es aber, denn sonst würde sich nicht die Frage stellen, warum gerade die Romananfänge häufig so mißlungen und vergeigt sind, und Schriftsteller wie Walser nicht davor zurückschrecken vier Relativsätze ineinanderzuschachteln, was sich dann ungefähr so liest wie ein dickes Brett, in das der Autor bohrt und bohrt und bohrt.
Franz Huchel ist ein wenig privilegiert, weil er nicht wie viele Menschen bereits in jungen Jahren in einem Salzstollen arbeiten muß, aber dann ertrinkt der »Preininger« im See. Der »Preininger« aber ist nicht nur der reichste Mann in der Gegend, sondern auch der Liebhaber von Franz Huchels alleinerziehenden Mutter. Der monatliche Scheck bleibt aus und Franz Huchel wird von seiner Mutter nach Wien geschickt zum Trafikanten Otto Trsnjek, der ihr noch »einen Gefallen« schuldet. Eine Trafik hat nichts mit Verkehr zu tun, sondern leitet sich vom italienischen traffico (Handel) ab und ist ein in Österreich so genannter Zeitschriften- und Tabakladen, der gewisse Privilegien genießt und früher Kriegsinvaliden und Soldatenwitwen zugestanden wurde.
Otto Trsnjek hat nur noch ein Bein. Das andere ging im 1. Weltkrieg verloren. Er ist mit Leib und Leben Trafikant, d.h. er liest auch die Zeitungen, die er verkauft, und er bessert sein Einkommen dadurch auf, indem er »zärtliche Magazine« unter dem Ladentisch verkauft. Er ist schrullig und mag die Nazis nicht. Franz Huchel sitzt in einer Ecke und erlernt den Beruf des Trafikanten, indem er die Zeitungen liest. Toller Beruf, aber Franz Huchel ist jung und hat andere Probleme. Zum Beispiel Frauen. Darauf bringt ihn der »Deppendoktor« Sigmund Freud, der Kunde der Trafik ist. Und Franz Huchel setzt den Tip gleich in die Tat um und spricht auf dem Prater eine mollige junge Frau aus Böhmen an, in die er sich auch Knall auf Fall verliebt und deren plötzliches Verschwinden ihn in tiefe Verwirrung stürzt, aus der ihm Freud jedoch auch nicht helfen kann, weil ihm das Durcheinander von Liebesgefühlen ein ebenso großes Rätsel ist wie Franz Huchel.
Aber kaum kommt Franz Huchels Leben auf Touren, zerstören die Nazis alles, was ihm wichtig geworden ist. Plötzlich ist Franz Huchel auf sich allein gestellt, das Leben ist sinnlos geworden. In einer letzten heroischen Tat wehrt er sich gegen die Übergriffe der Nazis, er macht sie lächerlich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, und er weiß, daß sie sich rächen werden. Sehr anrührend erzählt Seethaler, wie Franz Huchel, ein einfacher Junge aus dem Salzkammergut, sich seine Selbstachtung bewahrt, ein Sturkopf, der sich nicht unterkriegen läßt und sich nicht anpaßt. Franz Huchel erwägt nicht das Für und Wider, wie Intellektuelle das tun würden, er ist einfach nur nicht bereit, das Spiel der Nazis mitzuspielen, weil er weiß, daß er einem nicht entkommt, nämlich, wie Hannah Arendt es einmal ausgedrückt hat, daß er mit sich selbst leben, daß er vor sich selbst bestehen muß. Und weil er weiß, daß er das nicht könnte, wenn er einfach so weiterleben würde, als ob nichts geschehen wäre, verabschiedet er sich von einer Welt, für die er nicht mal eine Fußnote ist.
Robert Seethaler erzählt das alles unaufdringlich, aber hinreißend und mit großer poetischer Kraft, stilsicher und ohne in seine Figuren mehr hineinzugeheimnissen als ihnen gut tun würde. Nur bei einem sollte man vorsichtig sein, man sollte den Roman nicht zu schnell lesen, sondern mit Genuß. Wer weiß, ob man so schnell wieder so etwas Großartiges in die Finger bekommt.

Robert Seethaler, »Der Trafikant«, Kein & Aber, Zürich 2012, 250 Seiten.

Die Wahrheit über die Buchmesse Teil 4

Walter Famler, der alte Kommunist und Herausgeber der österreichischen Literaturzeitung Wespennest hat den Skandal der Messe aufgedeckt. Auf der Buchpräsentation von Arnold Schwarzenegger sagte der „Governor“, der eigentlich „Ex-Governor“ ist, daß er 1945 in ein von den Russen besetztes Wien gekommen sei. „Befreit“ rief daraufhin Walter Famler und wurde von den Bodyguards abgedrängt, wobei man sich fragt, wieso Schwarzenegger Bodyguards braucht, ist er doch selber einer. Gestern ist er dann in die Schweiz abgereist, Famler, nicht Schwarzenegger, um dort im Geheimauftrag eine Sowjetrepublik zu installieren. Wenn ich in den nächsten drei Tagen nichts hören würde, sei die Mission gescheitert.
Bodyguards verstopften dann auch den Gang F in der Halle 4.1. Es war aber nicht Schwarzenegger, sondern nur Gauck, der sich mit dem Zonen-Verleger Christof Links von Christof Links Verlag unterhielt, der die Ostgeschichtsbücher herausgibt, aus denen sich das Weltbild von Gauck zusammensetzt. Das stimmt natürlich nicht, und ich weiß auch gar nicht, worüber die sich unterhalten haben, aber das wußte nicht mal der Verleger zu Klampen, zu dem Gauck im Anschluß ging. Ich fragte zu Klampen, ob er sich mit Gauck über Freiheit unterhalten hätte, und zu Klampen sagte, das könne gut sein, aber viel lustiger fand er seinen kaputten Schockfroster, der durch einen Schockfroster aus dem Altenheim ersetzt wurde, wobei mir nicht klar wurde, um was für einen morbiden Humor es sich in diesem Fall handelte. Das waren so die Aufreger der Messe. Auch sonst gab es kaum Sensationen zu verzeichnen, es sei denn, man will die Tatsache, daß der Fischer Verlag für die Essays einer 26-jährigen Amerikanerin 100.000 Euro auf den Tisch geblättert hat, und später noch 200.000 drauflegte, schon als Sensation werten. In der FAS stand dann allerdings doch noch eine kleine Sensation: Volker Weidermann freute sich darüber, von Sibylle Berg nicht mit Richard David Precht verwechselt worden zu sein, und noch mehr freute er sich darüber, daß sie ihm ganz lange die Hand schüttelte. Als ich das las, war ich sehr gerührt. Ich nahm mir vor, Volker Weidermann auch nicht mit Richard David Precht zu verwechseln. Jetzt müßte ich nur noch wissen, wie Volker Weidermann überhaupt aussieht.
Ich sprach dann noch mit Klaus Wagenbach, der zu mir sagte, ich sei doch derjenige, den er immer an irgendwelchen Flughäfen treffen würde. Das stimmt, aber eigentlich wars nur einer. Früher hätte er auf der Buchmesse ein ordentliches Zubrot verdient, heute könne er von den 100 Euro Umsatz nicht mal mehr Weihnachten feiern. Aber das käme eben davon, wenn Leute wie Krüger von Hanser immer das Ende des Buches beunken würden. Dabei käme es einfach darauf an, schön hergestellte Bücher zu machen, denn wenn man nur billig produziertes Plastikzeug kriegen würde, dann würden sich die Leser zu Recht fragen, warum sie nicht von einem E-Book ablesen sollen. Da hat er wahrscheinlich völlig recht.

Die Wahrheit über die Buchmesse Teil 3

Da fällt mir ein: New Zealand ist ja Gastland der Messe. Ich weiß nicht mal, wo das liegt. Eine Insel. Und auf der gibt es offenbar viele Schriftsteller, die sich für die Welt öffnen, weil sie sonst nichts haben. Außerdem sind sie humorvoll. Behaupten sie von sich selbst. Dann gibt es noch die Maori. Die sollen auch Humor haben, tanzen ansonsten merkwürdige Tänze.
Jetzt hat China auch noch den Nobelpreis für Literatur bekommen. Und vorher schon den Friedenspreis. Jetzt scheint China auf den Geschmack zu kommen und möchte das von nun an jedes Jahr, wie die Messe-FAZ berichtete. Skandalöserweise ist der Nobelpreisträger kein Dissident, sondern ein Schriftsteller aus dem chinesischen Schriftstellerverband. Als Mitglied einer offiziellen Delegation hat er vor drei Jahren die Frankfurter Buchmesse verlassen, weil auch zwei Dissidenten eingeladen wurden, ohne daß dies mit ihm abgesprochen gewesen war. Das hätte ich vielleicht auch getan, weil Dissidenten wie Wei Wei einem gehörig auf den Senkel gehen können, mehr allerdings deshalb, weil man nach nur einem Tag die Buchmesse sowieso kaum mehr aushält. Mo Yan, der eigentlich Guan Moye heißt, während sein Pseudonym „nicht sprechen“ heißt, dafür aber viel schreiben, schreibt ausschließlich über sein Dorf, aus dem er kommt. Angeblich ist sein schriftstellerisches Können unbestritten. Lesen wollen würde ich das trotzdem nicht. Westerwelle übrigens auch nicht. Er sagte: „Ich gratuliere Mo Yan von Herzen. Das ist ein abermaliger Beleg für China als eine große Literaturnation. Mo Yan hat schon vor vielen Jahren begonnen, das Leben in den ländlichen Provinzen Chinas anschaulich zu machen.“
Beim Fischer-Empfang, auf den ich eigentlich nicht gehen wollte, weil man da Roger Willemsen trifft, der mit Praktikantinnen flirtet, was dann auch so ist, lerne ich die Übersetzerin von Mo Yan kennen. Aber sie sagt nichts über die Bücher von Mo Yan. Das ist sehr chinesisch. Sie verrät auch nichts von irgendeiner Rede, die sie in Abwesenheit von Mo Yan irgendwo halten muß, weil sie Angst hat, es könnte schon vorher etwas nach außen dringen. Sie sieht eigentlich nicht so aus, wie man sich jemanden vorstellt, der immer nur Bücher übersetzt, die das Leben in den ländlichen Provinzen Chinas anschaulich machen. Ich muß dann noch Detlev Clausen trösten, weil er nicht den Literaturnobelpreis bekommen hat, denn ich finde, er hätte ihn viel mehr verdient. Stattdessen muß er sich mit Willemsen einen Verlag teilen.
Diese Probleme hat Matthias Matussek nicht. Er hat mit dem Aufbau-Verlag nun schon den 13. Verlag beglückt. Und er macht ordentlich Werbung. Er stellt sich in einen belebten Durchgang, hält sein Buch in die Höhe und macht einen leidenden Gesichtsausdruck. Dann spricht er einen jungen Mann an und bietet ihm 10 Euro an, wenn der ihm sein Buch abnimmt. Der würde sofort mitmachen, aber dann behauptet Matussek, daß er leider kein Geld habe. Das stellt er jetzt auf seinen Blog, und wenn Sie sich fragen, wer den Quatsch aufgenommen hat, dann gehen Sie nicht falsch in der Annahme, daß ich das war. Ich kann das ruhig sagen, weil ich bereits vom großen Vater der komischen Künste Achim Frenz erpreßt wurde. Er hat ein Foto von mir und Matussek. Was es mir denn so wert sei, daß es nicht veröffentlicht werden würde.

Die Wahrheit über die Buchmesse Teil 2

Kaum bin ich auf der Messe und laufe durch die Gänge befällt mich das „Täglich grüßt das Murmeltier“-Gefühl. Jedes Jahr gucken die gleichen Verleger traurig aus den gleichen Kojen und jammern darüber, dass man eigentlich gar keine Bücher mehr verkauft. Trotzdem harren alle aus und starren dabei auf das Internet und fragen sich, ob es nun Fluch oder Segen ist. Eine tolle Paarung, in deren originelle Tradition sich auch der Schriftsteller mit dem roten Irokesen Sascha Lobo gestellt hat. Er versucht dabei die Fronten zu versöhnen und sie dazu zu bringen, aufeinander zuzugehen, möglicherweise auch noch Brücken der Verständigung zu bauen. Irgendsowas eben. Wahrscheinlich ist die Stimmung schlecht, jedenfalls in Halle 4.1, wo die literarischen Verlage untergebracht sind. Und gerade eben ist sie noch schlechter geworden. Antje Kunstmann jedenfalls sagte, daß sie sich nicht noch mal von mir in der FAZ als „Mama der Messe“ bezeichnen lassen würde. Aber ich glaube, daß es ihr insgeheim auch ein wenig gefallen hat. Nicht gefallen haben dürfte es Lutz Schulenburg, der in der Messe-FAZ als „Schnarchnase der Messe“ bezeichnet wurde, und zwar ebenfalls von mir. Damit habe ich mir schon mal zwei Feinde gemacht, und das ist ja auch gut so, weil man auf der Messe sonst immer nur Menschen sieht, die sich in den Armen liegen und so tun, als wären sie in der Kindheit voneinander getrennt worden und würden sich nun das erste Mal wieder sehen. Das mache ich nicht einmal mit Matthias Matussek. Von ihm bin ich zwar nicht von Kindheit an getrennt, aber ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Seit er zum Christentum gefunden hat, ist er, finde ich, ein wenig dick geworden, jedenfalls gibt sein weißes Hemd nach ein paar Stunden auf der Rowohlt-Party einen optischen Eindruck von der Getränkekarte wieder. Er hat eine Erzählung geschrieben, die in einer LSD-Apokalypse endet, und er sucht noch Rezensenten dafür. Ich kann ihm leider nichts versprechen, weil er nur Feinde hat, jedenfalls kenne ich nur Feinde von ihm. Ich treffe dann noch Robert Menasse, der den genialen ersten Satz seines Romans „Don Juan“ interpretiert, von dem er sagt, daß ihn so gut wie niemand begriffen hätte. In diesem ersten Satz geht es um Masturbation und Penetration mit einer Chilischote und die Vorteile des Zölibats. Aber dann wendet er sich wieder einer Frau zu, die irgendeinen Preis bekommen hat. Da lobe ich mir doch Detlef Clausen, der sich schon seit über 40 Jahren auf der Messe herumtreibt und immer schöne Geschichten zu erzählen hat, z.B. daß Christian Semmlers Vater ein gewisser „Hühnerfutter-Willi“ gewesen sei, der in den 50er Jahren viel Geld machte und dann eine Frau aus dem Kabarett-Gewerbe ehelichte, die damals war, was man heute eine Ulknudel nennen würde. Das Erbe hat dann Christian Semmler in die KPD/AO (oder wars die KPD/ML?) investiert. Außerdem sagte er, daß ich schon der 3. Suhrkamp-Autor sei, den er persönlich kenne. Der eine sei Adorno gewesen. Ich sage, daß ich jetzt zum Kritiker-Empfang von Suhrkamp gehen müsse, um meine Frau aus den Fängen der Suhrkamp-Kritiker zu befreien.

Die Wahrheit über die Buchmesse Teil 1

In der FAS wurden bereits vor der Buchmesse die „Zwanzig unter vierzig“ gekürt, und wer nicht wußte, was das sein sollte, dem erklärte Volker Weidermann in einem Intro, daß damit die besten jungen deutschsprachigen Schriftsteller von heute gemeint seien, eine Idee, die er vom „New Yorker“ übernommen habe aus dem Jahre 2010, wo sie als „Forty under twenty“ aufgetaucht sei. Das Konzept des „New Yorker“ wäre natürlich spannender gewesen, aber auch das FAS-Konzept schien schwierig genug gewesen zu sein, denn in den Kreis derjenigen, deren Bücher die FAS-Redaktion entgegenfiebert, befindet sich auch Maxim Drüner, der gar kein Schriftsteller ist, sondern Rapper. Seine Lyrik aber hat den Ausschlag gegeben, ihn in den illustren Kreis aufzunehmen: „Wir haben uns nicht gelangweilt / für uns war jeder Lehrer ein Clown / Kein Platz für Bücher im Rucksack, wir waren bei Edeka klauen / Die reden nur Blödsinn von wegen der Mensch stammt vom Affen ab / Und dass ich unter keinen Umständen mein Abi schaff’ / Ich kippe einen Uludag auf dem Asphalt der Forsterstraße / Fühle mich wie zwölf, wenn ich NTM im Walkman habe.“ Irgendwie finde ich es toll, dass man es mit dieser Lyrik in die „Zwanzig unter vierzig“ bzw. „Forty under twenty“ schafft.
Guido Westerwelle hat die Buchmesse eröffnet, von dem, wie das Messeblatt der FAZ berichtete, das Gerücht umgeht, er würde jedes Jahr die gleiche Eröffnungsrede halten bis auf ein paar Abweichungen das Gastland betreffend. Dabei schwang er sich zu ungeahnten Höhen auf: „Unser Bodenschatz ist nicht nur unter den Füßen, unser Bodenschatz ist auch zwischen den Ohren.“ Da kann sich Maxim Drüner aber noch eine Scheibe abschneiden. Die FAZ empfahl Westerwelle, sich diesen Satz auf alle Fälle urheberrechtlich schützen zu lassen, denn wer weiß, wann ihm wieder so eine geniale Formulierung einfällt. So lange es noch geht, sich urheberrechtlich etwas schützen zu lassen, denn bald wird im Netz sowieso alles frei zur Verfügung stehen. Als großer Fortschritt wird gerade gefeiert, daß nun auch jeder seine Bücher nicht nur selber schreiben, sondern auch selber ins Netz stellen und als E-Book verkaufen kann. Bücher schreiben ist für die meisten sowieso das einfachste auf der Welt, und genauso sehen sie dann auch aus. Und das beste Argument, ein traditionelles Manuskript auf Papier an den Mann bringen zu wollen, besteht dann darin, daß man das Manuskript von seinem Bekanntenkreis habe lesen lassen, und der sei durchweg begeistert gewesen. Da ist der Trend zum Selbermachen im Netz ist absolut begrüßenswert. Weil die Buchmesse sich auch dieses Jahr nicht dazu durchringen konnte, Autoren mit Manuskripten unter dem Arm das Betreten der Buchmesse zu verbieten, kann man den Autoren jetzt mit Hinweis auf das Internet abwimmeln, wo sie ihre Manuskripte selbst veröffentlichen können. Das Internet nämlich ist geduldig. Man kann alles hineinstellen und niemanden interessiert es. Insofern ist es ein sehr demokratisches Medium.

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Am vergangenen Mittwoch machte der BVB wieder große Freude. Noch nie, seitdem Saudis Ölgelder in den Verein pumpen, sah ManCity so alt aus. Sogar Mancini meinte, daß Dortmund den Sieg verdient gehabt hätte. Aber da hatte der Schiedsrichter etwas dagegen, der einen Handelfer gab, obwohl Subotic aus einer Entfernung von einem Meter angeschossen wurde. Viele Kommentatoren brachten Verständnis für diese komische Entscheidung auf, aber sie ist einfach nur schwachsinnig, denn dann können sich Verteidiger gleich die Hände auf den Rücken binden lassen. Aber das wäre nicht so dramatisch gewesen, wenn Götze, Lewandowski und Gündogan nicht so verschwenderisch mit ihren Chancen umgegangen wären. Dortmund zu gucken ist einfach das beste, was man tun kann, wenn man sich für Fußball interessiert, denn sie bieten alles, hohes technisches Niveau, schnelle Kombinationen, aufregende Strafraumszenen, und das nicht nur zwei- oder dreimal in 90 Minuten, sondern im Minutentakt. Eigentlich müßte eine Mannschaft, die derzeit den schönsten Fußball spielt, auch die schönsten Fans haben, aber dem ist leider nicht so. Auf der Südtribüne haben sich über Jahre hinweg unbemerkt oder vom Verein ignoriert eine Gruppe Nazis etabliert. Die Ultras wissen mehr über sie. Circa 30 sind es, und ca. 30 Sympathisanten kommen noch dazu. Aber die Ultras kooperieren grundsätzlich nicht mit der Polizei, was deren Arbeit, wo sie mal sinnvoll sein könnte, erschwert. Der Verein wiederum kann nur ein Stadionverbot gegen Leute aussprechen, die rechtsextremes Gedankengut im Stadion verbreiten. Darauf haben die Nazis bislang verzichtet, jedenfalls bis vor kurzem. Dann haben sie ein Transparent entrollt mit der Aufschrift »Solidarität mit dem NWDO«, dem Nationalen Widerstand Dortmund, der kurz vorher verboten wurde. Dortmund ist allerdings auch eine trostlose Stadt von ausgesuchter sozialdemokratischer Häßlichkeit, geradezu prädestiniert für »nationalen Widerstand«, der dort niemand mehr erschüttern kann, denn man hat dort schon alles hinter sich, vor allem die Zukunft. Daß die Nazis auf der Südtribüne akzeptiert werden, liegt auch an den ästhetischen Vorstellungen, die die Fans überall auf der Welt miteinander verbinden und die sich von denen der Nazis strukturell nicht unterscheiden. Unangenehm ist das schon immer beim dumpfen »Sieg!«-Gegröle aufgefallen, und sieht man mal vom »You‘ll never walk alone«-Gesang ab, sind die Parolen leider auch nicht mehr so einfallsreich wie sie mal waren. Dortmund hat ein paar Nazis, München hat dafür einen Sammer und einen Hoeneß. Und das ist um einiges schlimmer, denn die beiden verbreiten überall ihr Gedankengut, und statt Stadionverbot aus ästhetischen Gründen bekommen sie eine Einladung ins TV. Gegen biedere Hoffenheimer gewannen die Bayern 2:0 und statt sich über den 7. Sieg in Folge zu freuen, muffelte Hoeneß, daß ihn allein der Punkteabstand zwischen Platz 1 und 2 interessiere. »Das ist der einzige Gradmesser für meine Laune«, sagte er, als wäre die Eintracht gerade an ihnen vorbeigezogen. So miesepetrig Hoeneß auftrat, so gelassen wirkte Felix Magath nach der 3:0-Pleite auf Schalke und nach 5 Punkten in 7 Spielen, dabei hatte man einen Platz ganz vorne im Auge. Magaths »menschlich fragwürdige militärische Methoden« (Farfan) scheinen nicht mehr zu funktionieren.