Archiv für den Monat: November 2012

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Dortmund spielt fast in jedem Spiel nicht nur spektakulär, sondern jetzt auch noch effektiv, und das heißt, daß ihnen eine Halbzeit reicht, um alles perfekt zu machen. Sie überlassen dafür sogar dem Gegner den größeren Ballbesitz, wie z.B. den Ajax-Spielern, die sich vergeblich bemühten, in die Nähe des Dortmunder Strafraums zu kommen, bis zu 65 % Ballbesitz hatten und bis zur Pause trotzdem 3:0 zurücklagen, und dafür war nicht nur der weltklasse aufgelegte Götze verantwortlich, sondern eine Mannschaft, die in allen Mannschaftsteilen harmonierte, und die es Götze ermöglichte, seine überirdischen Fähigkeiten zu entfalten. Bei Löw hingegen sitzt Götze meistens auf der Bank, und das ist auch gut so, denn es reicht, wenn das Kleinod für den BVB funkelt. Nach der Galavorstellung in Amsterdam, wo die Dortmunder es mit einem technisch brillanten Gegner zu tun hatten, mußte man sich in die Niederungen von Kampf und Grätsche nach Mainz begeben. Und entsprechend ruppig war die Partie und forderte auch ein Opfer, nämlich Gündogan, dem der Fuß umgetreten wurde, was in der Regel bei Gegnern passiert, die ihre technischen Mängel auf rustikale Weise auszugleichen versuchen. Und dann glückte den Mainzern in der 3. Minute auch noch ein Sonntagsschuß in den Winkel. Aber warum wohl haben die Dortmunder einen Lewandowski in ihren Reihen, wenn nicht dazu, die Angelegenheit noch vor der Halbzeit zu regeln. Der Führungstreffer wurde nach einem scharfen Zuspiel von Götze erzielt, wobei niemand den Ball auf diese elegante und perfekte Weise anzunehmen in der Lage ist wie das polnische Wunderkind. Der Heber über Wetklo war dagegen reine Formsache. Klopp sagte, daß er auf seine Mannschaft deshalb stolz sei, weil sie den Kampf bis aufs Messer angenommen habe, was bei technisch guten Mannschaften nicht immer der Fall ist. Nach dem für Schalke schmeichelhaften 1:1 gegen Frankfurt ist Dortmund nun auf Platz 2 vorgerückt. Das ist zwar schön, aber lieber wäre es mir gewesen, Frankfurt hätte seine Chancen besser genutzt. Und auch der Schiedsrichter hatte seinen Anteil an dem ungerechten Ergebnis, denn er verweigerte der Eintracht einen Elfer, der nicht deutlicher hätte ausfallen können. Und auch Bremen wurde in Wolfsburg benachteiligt, weil der Schiedsrichter Schmitz gelbrot für eine Attacke gab, in der nur der Ball getroffen wurde, weshalb kurz darauf überhaupt erst der Wolfsburger Ausgleich erzielt werden konnte. Und dann mußten sich die Bremer auch noch mit zwei Pfostentreffern begnügen. Der von VW gekaufte Allofs wurde von den Bremer Fans als »Arschloch« und »Verräter« beschimpft. Könnte gut sein, daß da was dran ist, aber Allofs wird in Wolfsburg nicht glücklich werden, weil in Wolfsburg niemand glücklich wird, auch wenn VW alle ehemaligen Bremer Stars zusammenkauft. In Fürth fand das brisanteste und älteste Derby der Republik statt, nämlich gegen den Club, aber Asamoah verstolperte allein vor Schäfer. Ein hartes Derby, in dem es vor allem darum ging, dem Gegner die Knochen zu polieren. Toll ist was anderes.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Mit einem Glas Sekt und sechs Austern bereiteten Wiglaf Droste und ich uns auf das Spiel gegen Greuther Fürth vor, denn auch wenn ein Spiel gegen den Tabellenletzten nach reiner Formsache aussieht, weiß jeder nur zu genau, daß einem gerade die Tabellenletzten einem das Letzte abverlangen können, und so war diese besondere Maßnahme natürlich absolut nötig, um erst gar keine Zweifel aufkommen zu lassen, man würde diesem Spiel nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. Und tatsächlich ging es gleich rasant zur Sache, denn schon in der dritten Minute tänzelte der sensationell aufgelegte Götze durch die Fürther Verteidiger, die sich selbst im Weg standen, und legte dann in höchster Bedrängnis auf Lewandowski. Nur eine Minute später standen die Dortmunder den Fürther Verteidigungskünsten in nichts nach und ließen nach einem Steilpaß Stieber freien Lauf, der sich mit einem feinen Lupfer über Weidenfeller bedankte. Und schon hatte die gute Laune einen Dämpfer abbekommen. Dann aber stellte sich schnell heraus, daß die Fürther zwar guten Willen zeigten, aber diesmal nicht in der Lage waren, Dortmund wirklich alles abzuverlangen wie in der letzten Pokalbegegnung, als Gündogan die Dortmunder in der 120. Minute erlöste. Diesmal konnte Klopp sogar seinen Rolls-Reus schonen und brachte stattdessen Perisic, der sich über zu wenig Einsätze beschwert hatte, und zwar trotz und nicht wegen der Beschwerde. Er versuchte technisch ähnlich zu brillieren wie Götze, aber es gibt eben nur einen Götze, und wie es in der Bibel so oder so ähnlich steht: Du sollst nur einen Götze haben. Dortmund hatte 70 Prozent Ballbesitz, also fast wie Barcelona, nur nicht mit dieser Ballsicherheit, und einen neuen Kuba, der nach schwerer Verletzung wieder zurückkam als sei nichts gewesen, denn auch seine Abschlußschwäche hatte er sich über die Zeit der Rekonvaleszenz bewahrt. Die restlichen 30 Prozent reichten Fürth immerhin zu einem Pfostenschuß, aber das wars dann auch, abgesehen von einem Elfer, den Lewandowski verwandelte und dem 3:1 nach einem weiteren genialen Solo von Götze. Dann war Pause. Danach konnte man in Ruhe sein Getränk am Tresen trinken, denn es passierte nichts mehr. Bei Schalke hingegen klappte die Vorbereitung auf den nächsten CL-Gegner nicht so toll. Nach einer schlappen Leistung, die Heldt als »völliges Versagen« bezeichnete, was man immer wieder gern hört, verloren die Blauweißen in Leverkusen, was mir bei dieser Tabellenkonstellation ganz recht ist. Zwar ist Leverkusen nur einen Punkt hinter den Dortmundern, aber Schalke auch nur noch einen Punkt vor Dortmund. Bei Schalke hängt jetzt der Haussegen schief, weil Farfan und Holtby vom holländischen Proll zusammengefaltet wurden. Die Eintracht zeigte in Augsburg, daß sie ebenfalls in die Verfolgergruppe gehören. Bayern zieht auch weiterhin seine einsamen Kreise auf Platz 1, auch wenn es beim Club nur zu einem Remis reichte, weil Neuner einen Flatterball des ehemaligen Borussen Feulner falsch berechnete und anschließend die Journalisten bezichtigte, sie würden ihn madig machen.

Kleiner Mann ganz groß

Mit »Niveau ist keine Hautcreme« hat Günther Willen bereits einen richtigen Bestseller verfasst, eine lustige Sprüchesammlung mit hintergründigem Humor. Jetzt hat der ehemalige »Kowalski«-Mitarbeiter und nunmehrige Oldenburger Bibliothekar wieder ein Buch »rausgehauen«, das sehr bestsellerverdächtig ist. Und zwar, weil es in »Das große Buch der kleinen Männer« nicht nur um kleine Männer geht, sondern weil es einen feinen, dezenten und sehr netten Humor ausstrahlt, nicht diesen brachialen Ablachhumor der Comedyschreihälse. Und das zeichnet Günther Willen aus.
Auf die Idee zu dem Buch kam Günther Willen, weil nur kleine Männer mit Angabe ihrer Körpergröße genannt werden, nie aber große Männer. Schon allein das setzt eine genaue Beobachtungsgabe voraus, denn wer nimmt denn solche Dinge heute noch wahr, die uns ganz normal erscheinen und gar nicht der Rede wert. »Nicolas Sarkozy. Gerade mal 1,65 m groß, stellt sich bei Gipfeltreffen gern auf Zehenspitzen«, bemerkte die FAZ süffisant. Und für solche beiläufig abwertenden Bemerkungen rächen sich die kleinen Männer. Weil sie klein sind, müssen sie sich in allen Dingen mehr beweisen als große Männer, ihr Ehrgeiz ist größer als der großer Männer, sie haben »das gewisse Etwas. Sie sind nicht nur außergewöhnlich, sondern auch oho.«
Seit 1987 ist Günther Willen dieser Sache auf der Spur und hat fleißig alles zusammengetragen, was es über kleine Männer zu sagen gibt und dabei festgestellt, dass rund 25 Prozent der deutschen Männer kleiner sind als 1,70 m. Trotzdem halten sie »die Welt in Atem. Erdbebenforscher haben errechnet, wenn alle kleinen Männer gleichzeitig von einem Stuhl springen würden, dann gäbe es ein Erdbeben, und nichts wäre mehr wie früher.« Schon allein das ist ein Grund, nett und freundlich zu den kleinen Männern zu sein, denn so abfällige Songs wie der von Randy Newman »Short people have no reason to live«, spornen sie in ihrer Geltungssucht, ihrem Machtbewußtsein und ihrem Ehrgeiz an. Und wenn Karl Kraus schreibt: »Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen Schatten«, dann verstehen das die Zwerge nur als neue Herausforderung, der es sich zu stellen gilt: »Bitte helfen Sie mir nicht, es ist schon allein schwer genug.«
Günther Willen nähert sich diesem Thema sehr feinfühlig. Er zeigt die Vorteile des Kleinseins auf (»Im Flugzeug hat man immer genug Beinfreiheit«) und verschweigt auch nicht die Nachteile (»Man muss ein Zimmer manchmal zweimal betreten, bevor man wahrgenommen wird«), er listet die kleinwüchsigen Diktatoren und Bösewichter auf (der kleinste war Benito Mussolini mit 1,52 m), die Helden und Heiligen (Meyer Lanski, ebenfalls nur 1,52 m), Politiker und Bonzen, Stars und Sternchen, Musiker und Komponisten (Frank Sinatra, 1,67 m), Willen streut willkürlich schöne Anekdoten ein, stellt eine kleine Allstars-Fußballmannschaft auf mit Uwe Seeler (1,69 m) und Thomas Häßler (1,66 m) und erstellt eine Shortlist für den deutschen Buchpreis mit Titeln wie »Der kleine Bruder« von Sven Regner und »Das kleine Arschloch« von Walter Moers.
Sehr verdienstvoll ist auch ein kleines Kapitel über »Kleine Männer in der Literatur«, in dem der sehr belesene Günther Willen die gesamte Weltliteratur nach den entsprechenden Stellen durchforstet und der Nachwelt solche Kleinodien erhalten hat wie das von P.G. Wodehouse: »Wie Barney den Agenten der Handwerkerfirma ganz richtig beschrieben hatte, war er nicht von überragender Körpergröße. Darin hätte ihr jeder unparteiische Beobachter recht gegeben. Er war nur einen Meter achtundsechzig groß, aber jeder, der ihn kannte, konnte bestätigen, daß das völlig ausreichte.«
Dazu kommt noch ein liebevoll kommentiertes Lexikon der wichtigsten kleinen Männer. In diesem Buch steht einfach alles drin. Selten wurde eine Thema so erschöpfend behandelt wie von Günther Willen, der als 1,89 m großer Mann sozusagen eine Schuld für uns alle abträgt, die zu den 75 Prozent gehören, die über 1,73 m sind, denn ab dieser magischen Grenze wird die Körpergröße nicht mehr extra erwähnt. Warum die Meßlatte so niedrig hängt, weiß auch der Autor nicht, aber er hat den kleinen Männern völlig zu Recht dazu verholfen, mit diesem Buch einmal ganz groß rauszukommen.
Wer dieses Buch gelesen hat, würde selbst gerne einmal ganz klein sein, und von welchem Buch kann man das schon sagen.

Günther Willen »Das große Buch der kleinen Männer«, Lappan, Oldenburg 2012, 208 Seiten, 12,95 Euro

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Mario Götze war mit 12,3 km der laufstärkste des BVB. Genutzt hat es leider nichts. Offensichtlich gibt es einen Fluch gegen Stuttgart, denn schon seit Jahren kommen die Dortmunder über ein Unentschieden gegen die Schwaben nicht hinaus. »Wir müssen bei Heimspielen damit leben, daß sich ein Unentschieden wie eine Niederlage anfühlt«, sagte Klopp, vor allem, wenn man die Möglichkeit hatte, zu gewinnen. So ein schönes Spiel wie letzte Saison, das 4:4 endete, gab es diesmal leider nicht. Das lag an den Stuttgartern. In der 18. Minute nahm Holzhauser jeden Schwung aus der Partie, indem er mit seinem Ellbogen das Nasenbein Kehls zertrümmerte, und obwohl der Schiedsrichter beste Sicht hatte, gab er nur gelb. Eine durchaus spielentscheidende Situation, denn an diesem Tag hätte Dortmund es vermutlich nur gegen zehn Gegner geschafft, wenn überhaupt. Nach dem Foul und dem rüden Einsteigen von anderen Stuttgartern war die Luft raus. Hummels und Lewandowski trafen nur die Latte und Schieber, der beim 4:4 in Dortmund noch zwei Tore für Stuttgart gemacht hatte, vergab alleinstehend vor Ullreich. Bislang konnte er sich noch nie wirklich empfehlen, schon gar nicht als Lewandowski-Ersatz. Aber Klopp scheint in ihm ein großes Potential zu sehen, und da Klopp bis jetzt immer recht hatte mit seiner Einschätzung der Spieler, muß man wahrscheinlich einfach nur Geduld haben. Aber wer hat die schon, hat Dortmund von zehn Spielen doch gerade mal vier gewonnen, was ein bißchen wenig ist für die eigenen Ansprüche. Man muß allerdings auch feststellen, daß die Gegner Dortmunds immer richtig gut gespielt haben, und der Moderator der Partie sagte auch, daß dies die beste Saisonleistung der Stuttgarter gewesen sei. Während Dortmund also aus seinen Gegnern alles herausholt, scheint das Auftreten der Bayern alle zu lähmen. Seit sechs Jahren hatten die Bayern nicht mehr in Hamburg gewonnen, diesmal mit 3:0, ein Klassenunterschied, wie auch die Hamburger zugaben, die froh waren, nicht höher verloren zu haben. Die letzte Niederlage der Bayern gegen Leverkusen war kein Knacks, wie einige gehofft hatten, sondern nur ein kurioser Ausrutscher, was an den lustigen Toren der Leverkusener ja auch zu beobachten war. Solche Niederlagen sind kaum zu vermeiden, aber sie sind selten, und mit nunmehr sieben Punkten Vorsprung, sieht es nicht so aus, als ob die Verfolger da noch viel ausrichten könnten. Vor allem, wenn sie sich so anstellen wie Schalke in Hoffenheim, wo die Blauweißen mit 22:8 Torschüssen absolut überlegen waren, um dann noch in der Schlußminute die Niederlage zu kassieren. Und das, obwohl im Hoffenheimer Tor wieder Tim Wiese stand. Ein Fan hatte auf ein Pappschild gemalt: »Tim, wir stehen hinter Dir.« Als Wiese noch bei Bremen spielte, lief er gerne in rosafarbenen Trikots herum und war so auffällig wie eine violette Kuh, ein Trick, mit dem er die Bälle magisch anzog. In Hoffenheim trägt er unauffälliges unterwäschegrau, mit dem er keine Bälle mehr magisch anzieht, die ihm vielmehr um die Ohren fliegen. Auch bei den Frankfurtern scheint die Luft raus zu sein. Gegen den Tabellenletzten Fürth holten sie gerade mal ein mageres 1:1, und waren damit sogar noch gut bedient. In dieser Form werden auch die Frankfurter nur eine kleine Hürde für die Bayern sein, wohin die Hessen nächste Woche reisen müssen.