Archiv für den Monat: Dezember 2012

Erinnerungen an Bernward Vesper

Bernward Vespers Reise habe ich nie gelesen. Wahrscheinlich weil ein paar zu viele Leute meinten, man müsse das unbedingt gelesen haben. Vielleicht hatten sie ja recht, aber bei avantgardistischer Prosa gehe ich erstmal lieber in Deckung, und wenn ein Schaumschläger und Windbeutel wie Jörg Schröder dreißig Jahre nicht aufhört, sich dafür zu rühmen, das Buch herausgegeben zu haben, dann gibt man die Deckung besser nicht auf, denn das meiste, was bei März erschienen ist, war nun mal bis auf ein paar Ausnahmen großer Mist. Und deshalb wußte ich zunächst gar nicht, was ich mit den »Erinnerungen an Bernward Vesper« von Henner Voss anfangen sollte, die mir ins Haus schneiten. Aber dann las ich das schmale Bändchen auf einen Rutsch durch, denn Voss als früher Freund von Vesper beschreibt ihn nicht nur als arroganten Kotzbrocken, der aus seiner Verklemmtheit immer erst findet, wenn er genügend Alkohol verputzt hat, der ihn dann allerdings aufblühen lässt zu einer wahrhaft dämonischen Gestalt, zu einem genialen Entertainer und Agent Provocateur, sondern Voss schreibt auch über den Kulturbetrieb seiner Zeit, z.B. über Grass: »Die Blechtrommel, Katz und Maus und jetzt die Hundejahre – alles hochtrabender Murks eines flatulenten Conférenciers. Aber Sie kennen vielleicht die weise Ermahnung Chateaubriands: Angesichts der Vielzahl der Bedürftigen muß man sparsam mit seiner Verachtung sein.« Das war die Zeit, als Gertrud Höhler »noch nicht so trostlos verblödet und reaktionär« war, die Zeit, als sie mit »affektierten Sächelchen … die abendländische Lyrik um sechs dreiste Plagiate« bereicherte. Und auch nicht schlecht, denn es bestätigt eine Vermutung von mir: Uwe Johnson. »Seine rachitischen, bis zum Gehtnichtmehr öden Romane Mutmaßungen über Jakob und Das dritte Buch über Achim rezipierten wir als besinnungslos interpunktierte Stilblüten-Anthologien, in denen es von sprachlichen Entgleisungen und grammatikalischen Defekten nur so wimmelt.« Großartig. Und nicht mal übertrieben. Literaturkritik at it‘s best.

Henner Voss, »Erinnerungen an Bernward Vesper«, Verlag Johannes G. Hoof, Warendorf 2013

Der neue Volltreffer von Horst Evers

Jetzt noch schnell Horst Evers gelobt und seinen Krimi »Der König von Berlin«, obwohl das eigentlich gar nicht nötig ist, denn das Buch schwimmt sowieso auf der Spiegel-Bestsellerliste ganz oben herum, und das völlig zu Recht, denn es ist ein gutes, wenn nicht sogar ein astreines Buch, und witzig obendrein, man kann es an einem Stück weglesen und sich anschließend wie eine Katze hinter dem Ofen friedlich schnurrend einrollen. Ja, so gut ist es. Ich kann das beurteilen, denn ich habe selber mal nicht nur einen, sondern eine ganze Krimi-Trilogie geschrieben, also gleich drei, die nicht im entferntesten an Horst Evers Krimi herankommen, aber seither habe ich nie wieder einen Krimi gelesen. Horst Evers Krimi ist der erste seit ungefähr zwanzig Jahren. Und dann gleich ein Volltreffer. Wie das Alexa mit Ratten geflutet wird, das ist schon eine tolle Idee. Das sollte man mal in die Tat umsetzen.

 

Horst Evers “Der König von Berlin”, Kriminalroman, Rowohlt Berlin, 2012

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

In Mainz skandierten Mainzer und Stuttgarter Fans zusammen immer wieder: »Fußball-Mafia DFB.« Aber erst nach den 12 Minuten und 12 Sekunden Schweigen zu Beginn des Spiels, um zu zeigen, wie öde so eine Veranstaltung sein kann, wenn man die Fans nur noch als Verfügungsmasse behandelt. Man muß Fans nicht sonderlich sympathisch und toll finden, um zu sehen, auf welche Weise sie funktionalisiert werden. Sie sollen Eintritt zahlen, für tolle Stimmung sorgen, sich schön von der dämlichsten Werbung belästigen lassen, sie sollen brav konsumieren. Dummerweise ist eine Masse nicht immer so schön lenk- und formbar, wie sich das die Manager und Vereinsbesitzer vorstellen. Ein Stadion lebt nun mal davon, daß Leute sich heiser schreien. Würden auf der Südtribüne nur noch angepaßte Zombies sitzen, müßte Klopp ständig die West- und Osttribüne auffordern, sich doch ein wenig zu engagieren, wie er das im Spiel gegen Wolfsburg tun mußte, als die Mannschaft nach dem unglücklichen Verlauf des Spiels Unterstützung brauchte. Was sich dort sehr beeindruckend anhört, belästigt woanders eher, und wofür der Fan gelobt wird, wenn er seinen Verein unterstützt, für dieses Verhalten würde man ihn an einem anderen Ort in die Klapsmühle einweisen. Und insofern ist es völlig richtig, wenn sich die Ultras über die »Fußball-Mafia DFB« aufregen. Mainz-Boss Harald Strutz zog gegen seine eigenen Fans zu Felde und meinte, »diese Fans sollen zu Hause bleiben«. Ich schätze, er würde sich wundern, wie lahm dann die ganze Veranstaltung werden würde. War der Terror gegen die Fußballfans vor allem in England in den achtziger Jahren noch schlicht und brutal und explodierte schließlich am 15. April 1989 im Hillsborough-Stadion, als 96 Liverpool-Fans zu Tote getrampelt wurden, so ist er jetzt zu einem Mitbestimmungsterror geworden: die Fans sollen ihrer Zurichtung auch noch selber zustimmen und den Vorstellungen derjenigen entsprechen, die an ihnen verdienen. Je mehr Gewalt die Gesellschaft in ihrem Zentrum hortet, desto mehr wird sie gleichzeitig an die Peripherie verdrängt. Uli Hoeneß ist das Gesicht dieser Gewalt. Er wirkt versteinert, obwohl Bayern souverän Herbstmeister geworden ist. Nach dem 1:1 gegen Mönchengladbach hatte er den Spielern nichts vorzuwerfen, sie hätten alles versucht, seien aber an einem sensationell aufgelegten ter Stegen gescheitert. Das alles sagte er mit einer finsteren Miene, der man ansah, daß Uli Hoeneß zum Siegen und Titelgewinn verdammt ist. Aber das macht ihm eigentlich alles schon lange keinen Spaß mehr. Das war umso auffälliger, weil der Mainzer Trainer Thomas Tuchel mit dem absurden Fassonhaarschnitt sagte, es komme ihm nicht auf Titel an, also nicht unbedingt aufs Ergebnis, sondern auf die Art des Spielens. Hier findet man noch sowas wie die Schönheit des Spiels, und wenn die wiederentdeckt wird, stellen sich die Ergebnisse von selbst ein, wie Freiburg und Mainz beweisen, die sich für alle Experten vollkommen überraschend auf Platz 5 und 6 befinden, also auf den Euroleague-Plätzen.

Die Wahrheit über den 16. Spieltag

Man kann auf verschiedene Weise verlieren. Weil man schlecht spielt wie gegen Schalke, als der BVB nicht unverdient zu Hause verlor, oder durch Pech wie gegen Hamburg, als die Dortmunder die schönsten Chancen vergaben, oder durch den Schiedsrichter wie gegen die völlig unterlegenen Wolfsburger. Selten waren alle so einer Meinung wie gegen die Entscheidung von Schiedsrichter Stark, der in der 35. Minute, als Wolfsburg das erste Mal vor Dortmunds Tor kam, Schmelzer vom Platz stellte, weil der auf der Torlinie einen Schuß von Bas Dost angeblich mit der Hand abgewehrt haben sollte. Diese Abwehraktion wäre eigentlich unerheblich gewesen, weil Stark vorher bereits eine Abseitsposition übersehen hatte, bevor dann der Ball von Vieirinha ins Zentrum zu Dost gelangte. Statt mit der Hand hatte Schmelzer den Ball mit den Knien abgewehrt. Aber Stark wollte nicht auf die vehementen Proteste der Dortmunder hören. Diego versenkte den Elfer, aber Stark hatte nicht nur den Ausgleich ermöglicht, sondern auch noch die Wolfsburger, die bis dahin keinen Fuß auf den Boden bekommen hatten, stark gemacht. Und dann gelang Naldo auch noch ein Sonntagsschuß. Überhaupt wurde das Spiel nun hektisch und von den Wolfsburgern mit großer Härte geführt. Die gelben Karten bekamen aber die Dortmunder, die hin und wieder darauf hinwiesen, daß ihnen die Knochen poliert wurden. In der 2. Halbzeit drehte Dortmund noch einmal richtig auf und Kuba erzielte per Elfer nach einem Foul an Lewandowski zwischenzeitlich den Ausgleich. Wolfsburg hingegen reichte ein genialer Paß von Diego auf Dost, um den 3:2-Endstand zu erzielen. Und wieder, wie schon beim 2:1 durch Naldo, für den Santana zuständig war, machte Dortmunds Ersatzmann für Subotic auch diesmal keine gute Figur, wie auch seine Gottseidank seltenen Pässe nach vorne regelmäßig beim gut sortierten Gegner landeten. Zu zehnt liefen sich die Dortmunder dann irgendwann tot, denn natürlich hatte das Spiel unendlich viel Kraft gekostet. Die Wolfsburger hätten an diesem Tag nicht die geringste Chance gehabt, aber gegen den Schiedsrichter hatten wiederum die Dortmunder keine Chance. Viel mehr als Schmelzer hätte Stark die rote Karte verdient, die es aus merkwürdigen Gründen für diese Leute nicht gibt. Zwar sah er am Ende ein, daß er eine Fehlentscheidung getroffen hatte, aber es blieb ihm ja sowieso nichts anderes übrig, ließen die Fernsehbilder doch keinen Zweifel aufkommen. Nicht nur, daß den Dortmundern diese späte Einsicht nichts nutzt, er hätte vielleicht auch mal auf die Spieler hören können, denn es gibt in der ganzen Liga keine faireren Spieler als die Dortmunder, und es ist eine große Ungerechtigkeit, wenn Mannschaften, die sich nur mit Fouls zur Wehr setzen können, auf diese Weise auch noch belohnt werden. Die Dortmunder Spieler durften anschließend keine Statements abgeben. Und auch Klopp hielt sich zurück, indem er von einer »kuriosen« Entscheidung sprach, was eine wirkliche Untertreibung war. Schade eigentlich, denn ein Mann, der ganz allein ein Spiel entscheidet, sollte sich ruhig mal ein paar Beschimpfungen anhören. Von dem Bonus, daß die Spitzenmannschaften bevorteilt würden, profitiert Dortmund jedenfalls nicht. Vielleicht weil sich dort niemand so verhält wie Hoeneß, der einmal nach einer Schiedsrichterleistung, mit der er nicht einverstanden war, ankündigte, daß dieser Mann nie wieder ein Spiel der Bayern pfeifen würde. Und seither tanzen eben alle nach der Pfeife von Hoeneß.

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

Ich hatte die Lesung mit dem Stuttgarter Cowboy und heimlichen Anführer der Stuttgart-21-Gegner und Kickers-Fan Joe Bauer extra um eine halbe Stunde verschoben, damit ich mir das Spiel der Dortmunder gegen Bayern angucken konnte. Ich war etwas angespannt und nervös und rauchte Kette, obwohl ich es mir eigentlich abgewöhnt hatte. Niemand verströmte Optimismus, denn das letzte Spiel gegen Düsseldorf war nicht gerade dazu angetan, hoffnungsfroh in die Partie zu gehen. Gegen Düsseldorf wären die Punkte leicht zu holen gewesen, mit denen man gegen Bayern nicht unbedingt rechnen konnte. In den ersten fünf Minuten brannte Ribery ein kurzes Feuerwerk ab, dann geriet die ganze Sache zu einer Art »Rasenschach«, wie ein Experte meinte. Und in der Tat war nicht viel passiert, was den Menschen in den 203 Ländern, in die das Spiel übertragen wurde, gefallen haben dürfte. Dortmund machte das Mittelfeld kleinmaschig, so daß sich die Bayern immer wieder verhedderten, selbst aber gelang den Schwarzgelben nur selten eine Aktion nach vorne. Dortmunds Rolls Reus stotterte, es gab Mißverständnisse und Fehlpässe zu hauf, aber dann hatte Reus doch noch den Führungstreffer auf dem Schuh, aber der schöne Schuß war leider nicht präzise genug, so daß ihn Neuer abwehren konnte. In der 2. Hälfte wurde es dann besser. Weidenfeller zeigte ein paar Glanzparaden und empfahl sich damit wieder einmal vergeblich für die Nationalelf. Dortmund gab zeitweise die abwartende Haltung auf und sofort nahm die Partie Fahrt auf, und insofern ist das 1:1 durchaus gerecht, auch wenn Hoeneß und Co. daran zu knappern haben, denn auch beim 5. Mal in Folge konnten sie gegen Dortmund einfach nicht gewinnen, was Hoeneß sichtlich deprimierte. Er mußte sich auf die elf Punkte Vorsprung auf Dortmund herausreden und darauf, daß man die Konkurrenz auf Abstand gehalten habe, eine Rhetorik, die so gar nicht zu ihm paßt, denn jeder verlorene Punkt macht ihm schlechte Laune. Schalke machte es den Dortmundern nach und erspielte sich auch nur ein 1:1, allerdings zu Hause gegen Gladbach, die sich im Mittelfeld herumtreiben und tief im Keller steckten, wenn sie nicht Arrango hätten, der für die sensationellen Treffer zuständig ist. Und auch die Eintracht ließ Federn, denn in Düsseldorf gerieten sie mit 4:0 unter die Räder, weil den Düsseldorfern, die sonst nur in ihrer eigenen Hälfte stehen, an diesem Tag alles gelang. Die Frankfurter Fans verhielten sich dabei vorbildlich und der Niederlage angemessen. Mit Begalos brachten sie ein wenig richtige Stimmung zu den Karnevals-Deppen an den Rhein, stritten sich mit der Polizei und ärgerten ein paar Opern-Besucher. Es gab schon schlimmere Vorkommnisse. Dortmunds Unentschieden half an diesem Tag nur Leverkusen, die einen irregulären Abseitstreffer gegen den Club erzielten, den der Schiedsrichter gab, vermutlich weil er mal vom Mann mit der Omma-Frisur zum Essen eingeladen wurde. Irgendsowas wird es schon gewesen sein. Oder er hat die Abseitsstellung einfach nicht gesehen, was eigentlich noch schlimmer ist, denn es ist einfach unverzeihlich, eine überflüssige Werkself so bevorteilen.