Archiv für den Monat: Januar 2013

Transparenz und Komplott. Enzensberger rückt ein wenig die Welt zurecht

Der Feuilletonessay hat keinen guten Ruf. Viel Bräsiges und Gespreiztes wurde in seinem Namen verbrochen. Dass es nicht so sein muss, zeigt immer wieder Hans Magnus Enzensberger, der just beim Niedergang dieser Gattung ihr noch einmal außergewöhnlichen Glanz verleiht. Niemand beherrscht es jedenfalls so perfekt, über große Themen so elegant und leicht zu plaudern, sie dabei mit großer Gelassenheit auf das Einfache zu reduzieren, dialektisch zu denken und dabei immer mit überraschenden Überlegungen aufzuwarten. Der Essay als Form für mäandernde und abschweifende Gedanken, die auf Logik und Stringenz nicht verzichten, ist die große Stärke Enzensbergers, und in seinen »Zwanzig Zehn-Minuten-Essays«, so der Titel seines neuen Buches, stellt er diese Stärke wieder eindrucksvoll unter Beweis.
So liest man bei Enzensberger mal eine ganz andere Geschichte der Nationwerdung und nicht den zwanzigsten ideologischen Aufguss. Enzensberger bezeichnet seine Version mit routiniertem Understatement als eine »Fußnote«, »allerdings eine, die es in sich hat. Es kommt mir nämlich so vor, als wären die meisten der Nationen, die am East River in der Vollversammlung sitzen, von einer Handvoll stiller Gelehrter erfunden worden, und zwar innerhalb der letzten zweihundert Jahre.« Seit dem Jahr 1800 herum trugen Gelehrte alles zusammen, was der »Volksmund« so hergab, vor allem Märchen, Lieder und Sagen. Was zunächst nach einer harmlosen Beschäftigung aussah, war der Beginn eines »Völkerfrühlings«, ausgelöst durch die aufblühende Sprachwissenschaft und durch die Märchensammlungen der Brüder Grimm, die Weltbestseller wurden.
»Plötzlich wollte niemand mehr Randprovinz, Protektorat, Kolonie oder Anhängsel eines Imperiums sein. Alle sehnten sich danach, eine richtige Nation zu werden, souverän, unabhängig, mit allem, was dazugehört, eigener Flagge, eigener Hymne, eigener Amtssprache, eigenem König oder Präsidenten.« Man weiß, wie »der Siegeszug der Philologen« endete. Nämlich in zahlreichen Sezessionskriegen, Ausgrenzung, Haß und Ressentiment. Und dennoch findet niemand, dass beispielsweise der jugoslawische Bürgerkrieg und die immense Zerstörung und die Opfer, die er gefordert hat, Argumente sind, besser die Finger von der Kleinstaaterei zu lassen, die vielmehr hoch im Kurs steht, dabei hat der Universalgelehrte Johann Gottfried Herder schon bei der Grundsteinlegung dieses Übels vor dem »Nationalwahn« gewarnt und die Nation als »großen, ungejäteten Garten voll Kraut und Unkraut« bezeichnet.
Enzensberger zeigt in diesem Essay anschaulich, wie aus dem Fortschritt die Kräfte der Destruktion entstehen. Im Essay »Von den Tücken der Transparenz« erzählt Enzensberger aufs Unterhaltsamste von der erstaunlichen Karriere der Verschwörungstheorie und wie deren Konjunktur in friedlicher Koexistenz mit der Forderung nach mehr Transparenz einhergeht, obwohl der gesunde Menschenverstand einem doch sagt, dass sich die beiden Dinge ausschließen. Die Mutter aller Verschwörungstheorien wurde in »Die Protokolle der Weisen von Zion« niedergelegt. Der Erfolg dieses Buches beruhte darauf, dass durch die Offenlegung eines Geheimwissens endlich der Schuldige an allen Übeln der Welt gefunden worden war: der Jude. Seither ist die Nachfrage nach Geheimnissen und Konspirationen »ins Unermeßliche gestiegen«, und ein Blick auf die Bestsellerlisten genügt, um zu sehen, dass die Komplott-Titel sich großer Beliebtheit erfreuen. »Der Eifer, mit dem tagaus, tagein streng gehütete top secrets preisgegeben werden – das alles kündet von einem Geschäftsmodell, das eine historisch neue Stufe erreicht hat.«
Obwohl Wikileaks das vom Gefreiten Bradley Manning herangeschaffte geheime Material über die Außenpolitik Amerikas veröffentlicht hat, hat sich nach Auffassung Enzensberger »nicht viel geändert«, d.h. der Erfolg der Transparenz, selbst wo sie einen großen Coup landet, bleibt bescheiden, und ein Witz wird sie spätestens dann, wenn die Piraten-Partei sich die Transparenz auf die Fahnen schreibt und es damit sogar in die Parlamente schafft, obwohl die Transparenz in den demokratischen Ländern doch längst gesiegt hat. »Damit ist dieses Projekt der Aufklärung verwirklicht – und zugleich ist es daran gescheitert, daß wir in einem trostlosen Sinn bereits bis zur Erschöpfung aufgeklärt sind.«
In diesen trostlosen Zeiten der überflüssigen Informationen, die uns überschwemmen, sind das vielleicht keine Gedanken, die nicht schon mal gedacht wurden, aber sie werden auf diese unerwartete Weise und aus diesem ungewöhnlichen Blickwinkel nirgends so präzise und überzeugend dargelegt. Enzensbergers Gelassenheit beruht auf einem großen Wissensvorrat, mit dem er nicht angibt, der aber immer präsent ist, und von dem man profitiert, solange man sich eine gewisse Neugier bewahrt hat, die auch Enzensberger auszeichnet, und die ihn davor schützt, eine originelle Idee den Rest seines Lebens in immer neuen Variationen zu Tode zu reiten, wie das viele Autoren tun. Als Essayist ist Enzensberger in Deutschland der beste, unter anderem auch deswegen, weil er sich weigert, eine Meinung zu formulieren, die bereits überall breitgetreten wurde, und weil er nicht glaubt, bei jeder Debatte mitmischen zu müssen, denn bereits morgen wird wieder ein anderes Schwein durchs Dorf getrieben. Das Erstaunliche dabei ist nur, dass er trotz seines Universalwissens angesichts der Verhältnisse nicht kapituliert, sein Schreiben keinen depressiven oder fatalistischen Unterton bekommt, dass er sich mit feinen ironischen und sarkastischen Seitenhieben zur Wehr setzt und sich immer wieder als der glänzende Stilist erweist, als den man ihn überall bewundert.

Hans Magnus Enzensberger, »Enzensbergers Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten-Essays«, Edition Suhrkamp, 139 Seiten, 14,00 Euro

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Fett stand es auf der Titelseite des »Kicker«: »Ich gehöre zu den besten Spielern der Welt«, sagte Frank Ribéry. Hybris und Wahn geben sich da die Hand, und ich schätze, bei vielen Leuten würde Ribéry nicht in einer Weltauswahl stehen. Aber dieses Auftrumpfen und Sichselbstbeweihräuchern bei den Bayern ist ein bißchen penetrant. Dann tritt Gündogan nach einer sensationellen Leistung und 147 Ballkontakten in 80 Minuten gegen den Club vor die Kamera und zeigt sich einfach nur dankbar und glücklich, daß er in einer so großartigen Mannschaft kicken darf und daß Sahin wie ein großer Bruder für ihn ist. Ich glaube, daß Sahin tatsächlich froh über seine Heimkehr nach Dortmund ist, auch wenn ihm viele das als Kalkül ausgelegt haben. Und diese Stimmung, einfach nur Spaß zu haben und der Ehrgeiz, gut zu spielen, macht die Dortmunder so sympathisch. Das bekam auch der Club zu spüren, der genau eine Chance hatte, die Weidenfeller »weltklasse« vereitelte, ansonsten konzentrierten sich die Nürnberger darauf, die Niederlage nicht zu hoch ausfallen zu lassen. Diese eine Chance, die eigentlich zwei waren, machte Santana möglich, der zuerst einen katastrophalen Stellungsfehler beging und nach der Abwehr den Ball zu Feulner spitzelte, der Weiderfeller gleich noch einmal zu einer Glanzparade zwang. Dafür allerdings legte Santana mit einem zauberhaften Paß auf Reus den Grundstein für den schönen 3:1 Endstandstreffer. Nachdem Leverkusen nur ein torloses Remis gegen Freiburg zustande brachte, kommt es am nächsten Spieltag zwischen dem BVB und Leverkusen zum Kampf um Platz 2. In Hoffenheim hingegen gehen die Lichter aus. Das wird auch langsam Zeit, denn was hat Hopps Hoffenheimtruppe schon in der Bundesliga zu suchen. Als Versuchsanordnung, wie weit man einen Provinzverein bringen kann, wenn ein Multimillionär dahinter steckt, war Hoffenheim schon mäßig interessant, denn Hoffenheim ist ohne Ausstrahlung und von vornherein nur ein Sprungbrett für Spieler, um möglichst schnell woanders Karriere machen zu können. Ich kann das verstehen, Günther Netzer hingegen regt das furchtbar auf, weil Compper gesagt hat, daß der Abstiegskampf ihn nicht richtig motivieren könne. Womit er selbstverständlich recht hat und mehr Intelligenz beweist als die Kollegen mit den immer gleichen Durchhalteparolen. Und wie soll man sich schon motivieren mit einem Torwart wie Tim Wiese, der durch sehr komische Flugeinlagen wieder eine Niederlage auf seine Kappe nehmen muß. Und Tim Wiese hat mit seinem Wechsel zu Hoffenheim deutlich gemacht, daß Hoffenheim ein Verein ist, bei dem es ausschließlich um einen höher dotierten Vertrag geht. Compper ist einer der letzten aus der Mannschaft, die nach dem Aufstieg so sensationell Fußball spielte. Sein einziger Fehler: Nicht schon längst nach Florenz gewechselt zu sein. Nicht wegen ihm stehen die Zeichen auf Untergang, sondern wegen solcher Leute wie dem Ex-Schalker Andreas Müller, der eine sogenannte »Wutrede« gehalten hat, die nur ein Zeichen für den Niedergang ist. Aber wer weint schon Hoffenheim eine Träne nach? Oder Andreas Müller?

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

»Sahin is back«, übte sich Watzke in englischer Bescheidenheit. Das ist eine weit erfreulichere Nachricht als die Verpflichtung Pep Guardiolas als Trainer der Bayern, weil die Dortmunder schon einen Trainer haben, der eine exzellente Spielphilosophie in der Mannschaft des BVB umsetzte, wie das vor ihm nicht mal Guardiola geschafft hat, denn der fand bei Barca bereits vor, was er nur verfeinern mußte, während Klopp nach dem Absturz alles neu erfinden mußte. Guardiola wird u.a. von Netzer als Verpflichtung gefeiert, die den Bayern ganz neue Perspektiven eröffnet, aber was soll Guardiola im besten Fall schon bringen, was über weitere Titelgewinne hinausgeht? Er wird den Fußball in München nicht neu erfinden, und alles andere als das Double und der Champions-League-Gewinn wird ihm als Mißerfolg ausgelegt. Aber es ist schön von Hoeneß, einen Mann zu verpflichten, der seine gesamten Erfolge mit Barca geholt hat, genaugenommen also keinerlei internationalen Erfahrungen hat. Bei Barca gibt es die Philosophie der Bescheidenheit und des Kollektivs, denen alles untergeordnet ist und mit denen er seine Triumphe feiern konnte, also das genaue Gegenteil dessen, was bei den Bayern vorherrscht, und deshalb vermute ich, daß Guardiola eine Bruchlandung hinlegen wird, wenn selbst Hoeneß der Rummel um die Verpflichtung jetzt schon zuviel wird, wo Guardiola noch gar nicht da ist. Jedenfalls würde es mich sehr wundern, wenn Guardiola die Allüren einer zusammengewürfelten Star-Truppe unter einen Hut brächte, denn auch die Sprache spielt dabei eine Rolle. Sahin hingegen ist nur eineinhalb Jahre weg gewesen. Er kennt die Spielweise und den Verein. Und deshalb ist die Freude groß, aber mit Sahin wächst auch die Konkurrenz, auch wenn Sahin ja »nur« für den Wolfsburg abgewanderten Perisic gekommen ist. Die Vorstellung jedoch, der gerade brillierende Gündogan müßte für Sahin auf die Bank, stimmt einen etwas melancholisch. Wahrscheinlich besteht Klopps hauptsächlicher Job darin, einen Ausgleich zu finden für Spieler, die nicht so häufig zum Zug kommen. In Bremen fragte ein Reporter, warum Sahin nicht von Anfang gespielt hätte, und Klopp antwortete: »Wie kann man nur so bescheuert sein und danach fragen.« Und da hatte er recht, denn auch ein prominenter Rückkehrer wie Sahin hat nicht automatisch eine Stammplatzgarantie. Auch er muß erst wieder ins Spiel finden. Aber das wird ihm leicht gemacht wie beim 5:0 gegen gar nicht so schlecht auftretende Bremer, deren offensive Stil den Dortmundern in die Karten spielte. Die Dortmunder hatten allerdings etwas Glück, daß ihnen anfänglich alles gelang, weil es nach den ersten beiden Torschüssen bereits 2:0 stand, aber dann kam die Maschine ins Rollen, und dann »wird‘s für die Gegner schwierig«, und Klopp fügte hinzu: »Leider kommen wir so selten ins Rollen.« Der Anfang ist jedenfalls gemacht, und mit Sahin ist man auch gegen Ausfälle und Rückschläge ein bißchen besser gewappnet. Am Abstand zu Bayern hat sich zwar nichts geändert, aber darauf braucht man auch nicht mehr achten. Der ist nur für die Bayern interessant.

Augstein, Jakob

Jakob Augstein macht sich Sorgen, dass der Begriff Antisemitismus Schaden nehmen und »das Thema« »seine Würde« verlieren könne, weil er im Netz als »antisemitische Dreckschleuder« bezeichnet wurde. Der Vorwurf des Antisemitismus würde zu »inflationär« gebraucht, ja sogar »missbraucht«, wie in seinem Fall, weshalb Augstein genaugenommen sogar ein Mißbrauchsopfer ist. Das ist rührend und auch sehr drollig. Augstein geriert sich als verfolgte Unschuld, weil eine Hand voll Leute ihm sein kleines dreckiges Geheimnis verraten haben, während das gesamte deutsche Restfeuilleton wie ein Mann hinter ihm steht und sehr differenziert nachweist, dass Augstein kein Antisemit ist, denn er hat weder »Die Protokolle der Weisen von Zion« noch Hitlers »Mein Kampf« zu Hause im Bücherschrank stehen. Das hat Jan Fleischhauer persönlich überprüft. Und einen Juden hat Augstein auch noch nicht ernsthaft verletzt, eine rote Linie, die ein anderer Journalist entdeckt hat. Es werden heute also hohe Erwartungshaltungen an einen echten Antisemiten gestellt. Und deshalb ist es auch so, dass es in Deutschland zwar bis zu 20 Prozent Antisemitismus gibt (darüber klären immer neue Studien und Umfragen auf), aber keine Antisemiten. Die gibt es, wie man sich im Feuilleton selten einig war, nur in den Wahnvorstellungen eines Henryk Broder. Broder aber ist der einzige in diesem Verein freier Geister, der ein exzellentes und fundiertes Buch über dieses seine »Würde« verlierende Thema Antisemitismus geschrieben hat (»Der ewige Antisemit«) und der der Obsession, Israel mindestens für »die Gefährdung des Weltfriedens« verantwortlich zu machen (und nicht etwa Teheran, Nordkorea, die Taliban oder Pakistan), nachgegangen ist, und zwar nicht weniger obsessiv.
Broder hat in einem »Offenen Brief« an Jakob Augstein einige der antisemitischen Klischees in dessen Kolumnen seziert und ist ihnen mit Argumenten zu Leibe gerückt, wie z.B. der Behauptung, Israel »brüte seine eigenen Gegner« aus, weil »1,7 Millionen Palästinenser, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometer«, hausen müssten wie in einem »Lager«, ein Schnitt, wie Broder nachgerechnet hat, von 4700 Menschen pro Quadratkilometer. In München sind es 4400 auf der gleichen Fläche. Natürlich sind die Zustände im Gazastreifen nicht so, dass man dort leben möchte, aber dafür ist in erster Linie die Hamas verantwortlich, nicht die Israelis. Augsteins Kritik ist nicht neu. In Blättern wie der »jungen Welt« oder der »taz« tauchen die Klischees über Israel ständig auf. Jetzt aber stellt das Restfeuilleton einem Antisemiten den Persilschein aus und sieht hinter den antisemitisch konnotierten Klischees berechtigte Israelkritik, die nur manchmal überzogen ist.
Es ist immer noch so, wie Wolfgang Pohrt einmal geschrieben hat, nämlich dass die Deutschen sich in der Rolle eines »Kinderschänders« besonders qualifiziert für den Job eines Erziehers fühlen, der die Juden genau beobachtet und darüber aufklärt, wie sie sich gegenüber den Palästinensern zu verhalten hätten. Inzwischen ist dieses Phänomen allerdings international. Nirgendwo auf der Welt verzeiht man den Juden Auschwitz. Nur die Diskussion darüber ist deutsch geblieben. Immer noch wird jede Kritik dankbar aufgegriffen, um behaupten zu können, man dürfe Israel nicht kritisieren. Aber die Israel-Kritik eines Augstein ist längst Volkssport geworden, genauso wie der Glaube, man stehe mit dieser Kritik ganz allein auf weiter Flur und habe ganz fürchterlich gegen ein Tabu verstoßen.
Und dann kommt Jakob Augstein und sagt, der Begriff würde zu inflationär gebraucht und deshalb seine Bedeutung verlieren. Kann natürlich sein, daß Augstein das zu Hause im Selbstversuch herausgefunden hat, indem er den Begriff dauernd vor sich hin gesagt hat. Das wäre möglich. Mißbrauchsopfer tendieren bekanntlich zu manischen Handlungen. Dummerweise kann man einen Begriff nicht zu inflationär gebrauchen. Was Augstein meint, ihn falsch zu gebrauchen. Aber da kann Augstein beruhigt sein, denn in seinem Fall ist der Begriff richtig verwendet. Man nimmt dem Thema deshalb auch nicht seine »Würde«, wie Augstein mit typischem Nebelwerfervokabular behauptet. Man kann sich zu einem Thema auf unterschiedliche Weise äußern, eine Würde hat es nicht, oder höchstens, wenn Augstein seine Unfähigkeit, einen Gedanken zu fassen, nicht ausdrücken kann, damit er sich in Würde dahinter verstecken und Bedeutung simulieren kann, denn wenn schon die Kritik zum Ressentiment missrät, dann versteckt man sich gern hinter sprachlichen Blasen, die wenigstens ein ernstes Anliegen suggerieren sollen, ein Anliegen, über das Dolf Sternberger im »Wörterbuch des Unmenschen« schrieb, es verberge »unanständige Aufdringlichkeit«. Und dieses Gefühl stellt sich bei Augstein ein.

Heinz Buschkowsky und kein Ende

Für “Gutenbergs Welt” auf wdr3 wurde ich von Walter van Rossum zum Buch “Neukölln ist überall” des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky in ein Gespräch verwickelt, auf das ich mich natürlich vorbereitet hatte, und zwar so. Und das kam dann auch ungefähr zur  Sprache:

Buschkowsky vertritt die These »Mulitkulti ist gescheitert«. Er versucht diese These mit zahlreichen Einzelbeispielen zu belegen. Aber eine These lässt sich eben nicht mit Einzelbeispielen belegen. Und das erstaunliche ist, dass Buschkowsky das auch bewußt ist, denn er relativiert seine These schon auf der ersten Seite seines Buches. Er sagt: »Multikulti ist gescheitert heißt nicht, dass es keine gelungenen Integrationen in Deutschland gegeben hat«. Aber, so Buschkowsky weiter, er würde sein Augenmerk auf das richten, was im Argen liegt, wie man die Gefährlichkeit einer Straßenkreuzung auch danach bemessen würde, wieviel Leute bereits verunglückt sind, und nicht danach, wieviel es geschafft haben, über diese Kreuzung zu gelangen. Und dieses Beispiel ist sehr bezeichnend, denn würde man dieses Beispiel zugrunde legen, wäre »Multikulti« eben ganz und gar nicht gescheitert, weil es die Leute in den allermeisten Fällen ja schon über eine Straßenkreuzung schaffen.
Das Beispiel mag vielleicht schief und mißlungen sein, aber es macht eines deutlich: die Argumente von Buschkowsky sind sehr episodisch, wahllos, ohne Konsistenz und Stringenz. Es ist ein einziges langes Geplapper. Buschkowsky kommt vom Hundertsten ins Tausendste, er erzählt Geschichten, ohne dass man weiß, was er uns damit sagen will. Die Kapitel sind willkürlich, denn in jedem steht dasselbe. Er versucht, witzig zu sein, was meistens nicht klappt, er schmeißt mit Zahlen und statistischem Material um sich, die das eine aber auch das andere beweisen können. Er schreibt: »Wir wissen allerdings, dass es zu jeder These eine Antitese gibt, zu jeder Studie eine mit gegenteiligem Ergebnis und zu jeder Untersuchung widersprechende Ergebnisse.« Aussagekräftig ist das also alles nicht.
Deshalb stellt sich die Frage: Warum konnte sich das Buch monatelang auf Platz 1 der Spiegel-Sachbuch-Bestsellerliste halten? Zunächst einmal ist es erstaunlich, wieviele Leute es gibt, die sich offenbar mühelos durch diesen wirren Salat gekämpft haben. Ich bewundere die Geduld dieser Leser. Der Erfolg des Buches beruht glaube ich auf den zahlreichen leicht konsumierbaren Geschichten über migrantische Familien, die am »gesellschaftlichen Schnuller« hängen (wie Buschkowsky es ausdrückt), also Hartz IV beziehen, die keine Lust haben zu arbeiten und in einer Parallelgesellschaft leben. Es geht nicht darum, den Wahrheitsgehalt solcher Geschichten in Abrede zu stellen. Ich wohne in Kreuzberg in der Nähe des Kottbusser Tors, der Hochburg der türkischen Community, und weiß, dass man hier kein deutsch sprechen können muss, um bestens durchzukommen. Und es ist keine Frage, dass das die Integration nicht gerade beflügelt. Was aber Buschkowsky mit seinem Buch tut: Er schürt Ressentiments und Vorurteile, nicht indem er diese Geschichten erzählt, sondern indem er sie in einen bestimmten Kontext stellt. Sie sind nämlich immer verbunden mit einer heftigen Kritik an dem »Gequatsche« der Linken, die seiner Meinung nach die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Hingegen ist es ihm anscheinend egal, wie seine »Thesen« von den Rechten wahrgenommen werden, bzw. von einem Publikum, dem es ausschließlich darum geht, sich seine Vorurteile bestätigen zu lassen. Er bekommt also vor allem Beifall von Menschen, die erstens in der Regel in ausländerfreien Bezirken wohnen, also weder Ausländer kennen noch Erfahrungen mit ihnen gemacht haben, und die zweitens etwas ganz besonders ärgert: Nämlich nicht die Andersartigkeit der Türken, sondern die große Ähnlichkeit mit ihnen. Hartz IV, die Weigerung, deutsch zu sprechen, keine Lust auf Arbeit und die Parallelwelt haben die Türken nicht erfunden, sondern sich von den Deutschen abgeschaut.
Dazu gibt es eine kleine Randgeschichte. Eine Bloggerin hat im Internet Buschkowsky als Rassisten bezeichnet. Ich glaube nicht, dass Buschkowsky ein Rassist ist, und ich glaube auch nicht, dass man das aus seinem Buch ableiten kann, ich glaube aber, das Buschkowsky ein Populist ist. Der Rassismus-Vorwurf ist also daneben. Aber als Politiker, der in der Öffentlichkeit steht, muss man das aushalten. Wer das jedoch nicht ausgehalten hat, waren die Fans von Buschkowsky, die die Bloggerin mit einem sogenannten Shitstorm überzogen haben, also mit einer Welle aus persönlichen Angriffen, sexistischen Beleidigungen und rassistischen Hassreden. Ein Nutzer schrieb z.B.: »Wir müssen sofort Schluss machen mit dem Integrationswahn. Keiner mehr rein, alle anderen raus.« In der Regel kann man für seine Fans nichts, und ich glaube auch nicht, dass Buschkowsky über den Zuspruch solcher Leute glücklich ist, aber ich glaube, dass er ihnen bewußt Futter gegeben hat, weil er weiß, dass einem öffentliche Aufmerksamkeit mit solchen rechten Gesinnungsgenossen sicher ist.

Ein Film über Hannah Arendt und die Eichmann-Debate

Meine Skepsis war groß. Ein Spielfilm über Hannah Arendt? Von Margarethe von Trotta? Ist die Debatte um die Berichterstattung und das Buch über den Eichmann-Prozeß von Hannah Arendt nicht eher Gegenstand einer Dokumentation, die schon Eike Geisel in seinem 1990 gedrehten Film »Erbschaft eines Angestellten« hergestellt hatte? Und dann noch als Produktion einer Firma, die sich »Heimatfilm« nennt, wo man sich einen Film über Hannah Arendt eigentlich am allerwenigsten vorstellen kann? Konnte das gut gehen?
Es ging gut. »Hannah Arendt« hebt sich wohltuend ab von den verfilmten Leben großer Persönlichkeiten als Kammerspiel, die manchmal das Öffentlich Rechtliche Fernsehen in seinem Bildungsprogramm hat, was dann aber eher zum Abgewöhnen ist. »Hannah Arendt« ist nicht einfach abgefilmtes Leben, sondern besitzt durchaus auch Dramaturgie und Spannung. Und man sieht dem Film die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema an, nicht nur mit Büchern und Briefen. Auch Zeitzeugen wurden befragt, wie z.B. die Freundin und zeitweilige Sekretärin und Nachlaßverwalterin Lotte Köhler, was nicht unerheblich für die Stimmung und die Atmosphäre ist, die bestimmte Szenen ausstrahlen, wenn z.B. der intellektuelle Salon von Arendt in New York gezeigt wird und die Gespräche, die dort geführt wurden und die leicht ins klischeehafte hätten rutschen können. Und auch die Entscheidung, Eichmann nicht durch einen Schauspieler darstellen zu lassen, sondern Originalszenen aus dem Prozeß selbst einzublenden, erwies sich als gute Idee, denn niemand als Eichmann selbst kann Eichmann besser darstellen, die Unfähigkeit zu denken, die verklemmte und ganz auf Gehorsam gedrillte Art seiner Bewegungen und die verquaste, holprige und unfreiwillig komische Sprache, über die Hannah Arendt immer wieder lachen mußte, als sie die Verhörprotokolle las. Auch bei der Auswahl der Eichmann-Szenen bewies das Filmteam ein gutes Gespür, denn ohne sich einfach nur über die traurige Figur lustig zu machen, wählte man Szenen aus, die den Charakter Eichmanns veranschaulichten und für Hannah Arendts Urteil über ihn wesentlich waren. Und was sie beim Studium der Person Eichmanns feststellte, war etwas völlig anderes als das, was alle erwartet hatten. Obwohl da nur ein armes Würstchen stand, waren alle fest entschlossen, in ihm das Monster und das personifizierte Böse zu sehen, während Arendt in ihm den devoten Befehlsempfänger und Angestellten sah, der absolut nichts Diabolisches an sich hatte und der kompatibel für jedes System war, eine Sicht, die ihr in der nachfolgenden Debatte als eine Verharmlosung des gesamten Nationalsozialismus angekreidet wurde.
Arendt hatte ihr Hauptwerk »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« veröffentlicht und war im intellektuellen Milieu New Yorks eine große Nummer. Der Herausgeber des New Yorker William Shawn ist begeistert über das Angebot Arendts, über den Prozeß zu berichten, wobei sie keine gewöhnliche Prozeßberichterstattung macht, sondern ein Jahr an der Sache arbeitet, bevor dann zeitgleich mit dem Buch eine dreiteilige Artikelserie erscheint. Und einschlägt wie eine Bombe. Hannah Arendt begreift zunächst überhaupt nicht die weitreichende Bedeutung der Debatte, die schnell diffamierend wird. Erst als einige Freunde wie der Philosoph Hans Jonas ihr die Freundschaft aufkündigen und einer ihrer engsten Vertrauten Kurt Blumenfeld im völligen Dissenz zu ihr stirbt, wird deutlich, wie katastrophal sich die Sache für Arendt auswirkt, für die persönliche Freundschaften das wichtigste sind. Hannah Arendt hat sich an der Auseinandersetzung nicht beteiligt, und ging nur in Briefen wie den an Gershom Scholem darauf ein, in dem sie schreibt, daß sie mit dem Vorwurf des Mangels an Gefühlen nichts anzufangen wisse und ihr die Rolle des »Herzens« in der Politik ihr höchst fragwürdig erscheine. Nur einmal befaßte sie sich ausführlich mit den Vorwürfen, und das war in einer Vorlesung am Brooklyn College, wo sie lehrte. Und dieser Vortrag ist auch das große und beeindruckende Finale des Films und in ihm sind alle argumentativen Elemente enthalten, die ihr wichtig waren.
In dem berühmten Fernsehinterview mit Günter Gaus nahm sie noch einmal Stellung zu dem Vorwurf, sie hätte dem jüdischen Volk vorgeworfen, sich nicht gewehrt zu haben. Aber nicht sie war das, sondern Hausner von der israelischen Staatsanwaltschaft mit Fragen an Zeugen, die Arendt »töricht und grausam« fand. Arendt hatte geschrieben, daß die Nazis nicht so erfolgreich Juden hätten deportieren können, hätten die Nazis es nicht geschafft, einige Judenräte zu zwingen, mit den Nazis zu kooperieren, denn ohne deren Einfluß und Informationen hätte es keine geordneten Transporte, sondern nur ein großes Chaos gegeben. Das ist eine der Erkenntnisse, die Arendt aus dem Prozeß gewinnt und die ihr als nazifreundliches Argument ausgelegt werden, auch wenn sie das nicht als Vorwurf formuliert, der als Trauma der israelischen Nachkriegsgesellschaft lange Zeit jede rationale Auseinandersetzung mit der Geschichte blockierte, weil die Vernichtung der Juden als Niederlage interpretiert und damit als Schwäche ausgelegt wurde.
Ein ungewöhnlich guter Film, der es ausgezeichnet versteht, die Balance zwischen Alltäglichem und dem Niveau der intellektuellen Auseinandersetzung zu halten. Ein Film, von dem man ausnahmsweise mal wirklich klüger wird, auch wenn man sich ein wenig mit dem Thema befaßt hat und weiß, wie schwierig es ist, wesentliche Positionen Arendts filmisch zu übersetzen, ohne daß man das Gefühl hat, einem Referat beizuwohnen. Nachzulesen in konzentrierter Form sind ihre Positionen außer in ihrem Buch über die »Banalität des Bösen« in ihrem Essay über das Lagersystem »Die vollendete Sinnlosigkeit« und in ihrem Vortrag »Was heißt persönliche Verantwortung unter einer Diktatur?« Und das zeigt den ganzen riesigen Unterschied zu den Debatten heute, wo einem bedeutungslosen, mit gebrauchten Argumenten hantierenden und intellektuell unterbelichteten Kolumnisten vom gesamten Feuilleton bescheinigt wird, kein Antisemit zu sein.

“Hannah Arendt”, ein Film von Margarethe von Trotta, Januar 2013