Archiv für den Monat: Februar 2013

Die Wahrheit über das Pokalviertelfinale Bayern gegen den BVB

Ich bewunderte die nach München gereisten Dortmund-Fans in ihrem grenzenlosen Optimismus. Den konnte ich gar nicht teilen und ich war mir selten so sicher wie vor diesem Pokal-Spiel, daß der BVB diesmal den Kürzeren ziehen würde. Schon allein deshalb, weil Hummels fehlte, die entscheidende Figur in einem solchen Spiel, der von hinten heraus vielleicht hätte etwas bewirken können. Und deshalb konnte ich relativ gelassen dem Geschehen auf dem Rasen zugucken. Die Bayern waren überlegen, aggressiver, ballsicherer, paßsicherer, lauffreudiger. Aber erstaunlich war es dann doch, dass sie in der ersten Halbzeit nicht nur 1:0 nach Toren, sondern in der zweiten Halbzeit auch 3:0 nach gelben Karten führten, daß sie also durch Fouls versuchten, das Ergebnis über die Bühne zu kriegen, daß sie gegen Ende des Spiels nur noch verzögerten und zerstörten und sogar in der 93. Minute noch einen Spielerwechsel vornahmen, um Zeit zu schinden. Im Journalismus nennt man das »internationale Erfahrung«. Die fünf Niederlagen in den letzten beiden Saisons scheinen den Bayern doch mehr in den Knochen zu stecken als sie dachten oder jemals zugeben würden. Und das war schön zu beobachten. Hoeneß gab dann auch zu, daß diese Niederlagen den Bayern viel Geld gekostet haben, das sie investieren mußten, um nicht den Anschluß zu verlieren, und zwar einen ziemlich hohen zweistelligen Millionenbetrag. Ein ziemlicher Batzen, bloß um gegen eine ersatzgeschwächte und etwas im Formtief steckende Mannschaft mit Einsatz aller Mittel ein 1:0 mal gerade so über die Runden zu bringen.

Kraushaars Obsession

Ich bin wie immer viel zu spät dran, aber darauf wollte ich unbedingt noch hinweisen: Auf den großartigen Artikel von Willi Winkler in der Süddeutschen vom 22. Februar, den es leider nicht im Netz gibt, weshalb es sich fast schon lohnt, die SZ Online zu abonnieren. Willi Winkler bespricht das neue Buch von Wolfgang Kraushaar »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel? München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus«, und wenn man die Rezension gelesen hat, braucht man das Buch nicht zu lesen, hat jede Menge Zeit gespart und kann sich statt dessen die SZ Online im Abonnement leisten. Nur soviel: Der Artikel macht deutlich, dass Kraushaar offensichtlich an einer kleiner Obsession leidet, denn immerhin hat er 876 Seiten über ein Thema geschrieben, zu dem er absolut nichts Neues zu sagen hat, nur zu insinuieren, zu verdächtigen. Aber das macht er prima, und zwar sogar mit Stilblüten, und weil man laut Karl Kraus Stilblüten nicht ausrotten soll, sondern sich an ihnen erfreuen, kann man davon ausgehen, dass sie die einzig lesenswerten Passagen sind: »Hier sind im Zuge der vorläufigen Ermittlungen bereits mögliche Indizien zusammengetragen, aus denen sich das Schreckbild einer so skandalträchtigen Schlagzeile hätte speisen können.« Das reicht schon fast an Botho Strauß ran.

Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Viel Erfreuliches hatte dieser Spieltag nicht zu bieten. Nur den wahrscheinlichen Abstieg Hoffenheims, denn die Hopp-Truppe verlor ohne großen Widerstand beim Abstiegskonkurrenten Augsburg mit 2:1, und während in der Stadt von Berthold Brecht und Franz Dobler die Spieler ihre letzte Chance wahrnahmen und ackerten und rackerten bis zum Umfallen, und bis zur letzten Minute Gas gaben und dann sogar zwei wunderschöne Tore schossen, trabten die im holländischen Orange gekleideten Hoffenheimer nur nebenher und waren offenbar verwirrt vom vielen guten Zureden. Hopp hielt eine Rede vor den Profis und versuchte, ihnen Mut machen. Das ging offenbar schief. Man darf allerdings auch nicht solche Luschen einstellen wie Marco Kurz, der schon jetzt, nach nur wenigen Spielen, keine Ahnung hat, wie er den Karren aus dem Dreck ziehen soll und so deprimiert aussieht, als hätte er einen Tag lang mit Andreas Müller in der Sauna verbringen müssen, der anderen Lusche und Manager, der mit selten dämlichen Sprüchen versucht, den Abstieg zu verhindern. Daß in diesem vor Inkompetenz strotzenden Dreigestirn die Profis völlig die Orientierung verlieren, kann einen eigentlich nicht wundern. Und deshalb betet Kapitän Andreas Beck: »Mit den Spielern, die da sind, müssen wir nun aber die nächsten Wochen bestehen, dürfen uns nicht abschlachten lassen.« Eine martialische Sprache, aber auch die wird nicht die »Blockade im Kopf« lösen, die Beck bei seinen Kollegen diagnostiziert hat. Aber das kommt eben davon, wenn nur Profis angeheuert werden, die von anderen Vereinen aussortiert nur noch ein wenig Geld verdienen wollen, aber ansonsten Gott einen guten Mann sein lassen. Bei solchen Spielern hat Hopp, das muß man ihm lassen, ein gutes Händchen bewiesen. Auch ganz nett war die blamable 5:1-Niederlage des HSV in Hannover, wo man gerade mal zwei Tage Zeit hatte, sich von einem nervenaufreibenden und kräftezehrenden und deprimierenden Europapokalspiel zu erholen. Aber van der Vaart hatte an diesem Tag keine Lust und sprintete ganze vier Mal über den Platz, während die Hannoveraner ein glänzendes Konterspiel aufzogen, dem die Hamburger nichts entgegenzusetzen hatten, die vor allem durch individuelle Fehler glänzten wie der gerade eben in die Nationalmannschaft gelobte Rene Adler, der gleich vier Mal daneben griff. Hätte er das nicht mal gegen Dortmund tun können? In Stuttgart herrscht weiterhin Tristesse. Ein mühsames 1:1 holte man gegen den Club, der auch nicht gerade glänzend aufgelegt ist. Der Ex-Borusse Feulner erzielte den schönen Ausgleich, denn nicht nur in eigener Sache trägt der BVB zur Attraktivität und Gerechtigkeit der Liga bei. Schalke kriegt mit Mühe einen 2:1-Sieg gegen Düsseldorf zustande und niemand weiß, ob es jetzt die Wende oder nur ein kurzes Zwischenhoch ist. Allerdings mußte der Schalker Verteidiger Matip mit einem Dopelpack ran, weil die Stürmer nicht mehr treffen. Und Bayern dampfwalzt auch weiterhin durch die Liga, allerdings nur gegen schwächelnde Bremer, die sich bereits ins Mittelfeld verabschiedet haben.

Transparenz und Komplott. Enzensberger rückt die Welt zurecht

Der Feuilletonessay hat keinen guten Ruf. Viel Bräsiges und Gespreiztes wurde in seinem Namen verbrochen. Dass es nicht so sein muss, zeigt immer wieder Hans Magnus Enzensberger, der just beim Niedergang dieser Gattung ihr noch einmal außergewöhnlichen Glanz verleiht. Niemand beherrscht es jedenfalls so perfekt, über große Themen so elegant und leicht zu plaudern, sie dabei mit großer Gelassenheit auf das Einfache zu reduzieren, dialektisch zu denken und dabei immer mit überraschenden Überlegungen aufzuwarten. Der Essay als Form für mäandernde und abschweifende Gedanken, die auf Logik und Stringenz nicht verzichten, ist die große Stärke Enzensbergers, und in seinen »Zwanzig Zehn-Minuten-Essays«, so der Titel seines neuen Buches, stellt er diese Stärke wieder eindrucksvoll unter Beweis.
So liest man bei Enzensberger mal eine ganz andere Geschichte der Nationwerdung und nicht den zwanzigsten ideologischen Aufguss. Enzensberger bezeichnet seine Version mit routiniertem Understatement als eine »Fußnote«, »allerdings eine, die es in sich hat. Es kommt mir nämlich so vor, als wären die meisten der Nationen, die am East River in der Vollversammlung sitzen, von einer Handvoll stiller Gelehrter erfunden worden, und zwar innerhalb der letzten zweihundert Jahre.« Seit dem Jahr 1800 herum trugen Gelehrte alles zusammen, was der »Volksmund« so hergab, vor allem Märchen, Lieder und Sagen. Was zunächst nach einer harmlosen Beschäftigung aussah, war der Beginn eines »Völkerfrühlings«, ausgelöst durch die aufblühende Sprachwissenschaft und durch die Märchensammlungen der Brüder Grimm, die Weltbestseller wurden.
»Plötzlich wollte niemand mehr Randprovinz, Protektorat, Kolonie oder Anhängsel eines Imperiums sein. Alle sehnten sich danach, eine richtige Nation zu werden, souverän, unabhängig, mit allem, was dazugehört, eigener Flagge, eigener Hymne, eigener Amtssprache, eigenem König oder Präsidenten.« Man weiß, wie »der Siegeszug der Philologen« endete. Nämlich in zahlreichen Sezessionskriegen, Ausgrenzung, Haß und Ressentiment. Und dennoch findet niemand, dass beispielsweise der jugoslawische Bürgerkrieg und die immense Zerstörung und die Opfer, die er gefordert hat, Argumente sind, besser die Finger von der Kleinstaaterei zu lassen, die vielmehr hoch im Kurs steht, dabei hat der Universalgelehrte Johann Gottfried Herder schon bei der Grundsteinlegung dieses Übels vor dem »Nationalwahn« gewarnt und die Nation als »großen, ungejäteten Garten voll Kraut und Unkraut« bezeichnet.
Enzensberger zeigt in diesem Essay anschaulich, wie aus dem Fortschritt die Kräfte der Destruktion entstehen. Im Essay »Von den Tücken der Transparenz« erzählt Enzensberger aufs Unterhaltsamste von der erstaunlichen Karriere der Verschwörungstheorie und wie deren Konjunktur in friedlicher Koexistenz mit der Forderung nach mehr Transparenz einhergeht, obwohl der gesunde Menschenverstand einem doch sagt, dass sich die beiden Dinge ausschließen. Die Mutter aller Verschwörungstheorien wurde in »Die Protokolle der Weisen von Zion« niedergelegt. Der Erfolg dieses Buches beruhte darauf, dass durch die Offenlegung eines Geheimwissens endlich der Schuldige an allen Übeln der Welt gefunden worden war: der Jude. Seither ist die Nachfrage nach Geheimnissen und Konspirationen »ins Unermeßliche gestiegen«, und ein Blick auf die Bestsellerlisten genügt, um zu sehen, dass die Komplott-Titel sich großer Beliebtheit erfreuen. »Der Eifer, mit dem tagaus, tagein streng gehütete top secrets preisgegeben werden – das alles kündet von einem Geschäftsmodell, das eine historisch neue Stufe erreicht hat.«
Obwohl Wikileaks das vom Gefreiten Bradley Manning herangeschaffte geheime Material über die Außenpolitik Amerikas veröffentlicht hat, hat sich nach Auffassung Enzensberger »nicht viel geändert«, d.h. der Erfolg der Transparenz, selbst wo sie einen großen Coup landet, bleibt bescheiden, und ein Witz wird sie spätestens dann, wenn die Piraten-Partei sich die Transparenz auf die Fahnen schreibt und es damit sogar in die Parlamente schafft, obwohl die Transparenz in den demokratischen Ländern doch längst gesiegt hat. »Damit ist dieses Projekt der Aufklärung verwirklicht – und zugleich ist es daran gescheitert, daß wir in einem trostlosen Sinn bereits bis zur Erschöpfung aufgeklärt sind.«
In diesen trostlosen Zeiten der überflüssigen Informationen, die uns überschwemmen, sind das vielleicht keine Gedanken, die nicht schon mal gedacht wurden, aber sie werden auf diese unerwartete Weise und aus diesem ungewöhnlichen Blickwinkel nirgends so präzise und überzeugend dargelegt. Enzensbergers Gelassenheit beruht auf einem großen Wissensvorrat, mit dem er nicht angibt, der aber immer präsent ist, und von dem man profitiert, solange man sich eine gewisse Neugier bewahrt hat, die auch Enzensberger auszeichnet, und die ihn davor schützt, eine originelle Idee den Rest seines Lebens in immer neuen Variationen zu Tode zu reiten, wie das viele Autoren tun. Als Essayist ist Enzensberger in Deutschland der beste, unter anderem auch deswegen, weil er sich weigert, eine Meinung zu formulieren, die bereits überall breitgetreten wurde, und weil er nicht glaubt, bei jeder Debatte mitmischen zu müssen, denn bereits morgen wird wieder ein anderes Schwein durchs Dorf getrieben. Das Erstaunliche dabei ist nur, dass er trotz seines Universalwissens angesichts der Verhältnisse nicht kapituliert, sein Schreiben keinen depressiven oder fatalistischen Unterton bekommt, dass er sich mit feinen ironischen und sarkastischen Seitenhieben zur Wehr setzt und sich immer wieder als der glänzende Stilist erweist, als den man ihn überall bewundert.

Hans Magnus Enzensberger, »Enzensbergers Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten-Essays«, Edition Suhrkamp, 139 Seiten, 14,00 Euro

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

»The hottest club in Europe« heißt der BVB seit neuestem. Aber was macht der? Verliert gegen den HSV. Und dann ging es nach Doenzk, zum Club eines Oligarchen, der, wie man im ukrainischen Kohlerevier munkelt, den Präsidenten des Clubs kurzerhand in die Luft sprengen ließ, um selber Schachtar Donezk zu übernehmen und ein Spielzeug zu haben. Das Stadion ist rund um die Uhr illuminiert und der Boss ist sich sicher, die Champions-League zu gewinnen. Er hat Donezk mit lauter Brasilianern aufgerüstet, und wie man weiß, kann man bei solchen Vereinen nie wissen, woran man ist. Und prompt litt Dortmund an dem Syndrom, von dem sie in ihrer ersten Champions-League-Saison befallen waren. Mit zwei dicken Schnitzern schenkte man dem Oligarchen-Verein gleich zwei Tore. Wenigstens ist die Offensive immer gut für ein paar Tore. Und auch Hummels machte seinen Stellungsfehler, der zum Führungstreffer der Ukrainer führte, wieder wett und wuchtete in 87. Minute einen Kopfball ins Netz. Es war also schwer zu sagen, wo der BVB steht, wenn es gegen die Eintracht ging, der Überraschungsmannschaft der Vorrunde, die letzten Herbst den Dortmundern ein überraschendes 3:3 abgerungen hatten. Und dann noch ohne Lewandowsky, der für drei Spiele gesperrt war und für den der 5,5 Millionen-Mann Schieber aufs Feld lief, allerdings nur für eine halbe Stunde. Dann wurde auch er mit gelb-rot vom Platz gestellt. Schiedsrichter Dr. Brych saßen die gelben Karten sehr locker, obwohl keine Veranlassung dazu bestand, denn die Partie wurde von keiner Seite übermäßig hart geführt. Auf internationaler Ebene wäre vielleicht nicht mal ein Foul gepfiffen worden. Aber immerhin sorgte Brych dafür, daß die Partie nochmal spannend wurde, denn Dortmund führte durch zwei schnelle und sensationell gut kombinierte Treffer von Reus zu diesem Zeitpunkt schon 2:0, und natürlich ging einem gleich das 3:3 in der Vorrunde durch den Kopf, als Dortmund auch mit 2:0 führte. Diesmal jedoch ließen die Dortmunder der Eintracht keine Chance. Gündogan war wieder zurück und verlieh der Mannschaft die nötige Stabilität. Überhaupt ist er z.Z. wohl einer der besten Mittelfeldregisseure in der Bundesliga. Und die terrible twins Reus und Götze wirbelten, daß es eine Art hatte. Und dann war da noch Hummels, der viele Spielsituationen entscheidend antizipierte und mit seinen eleganten Vorstößen eine überirdische Präsenz ausstrahlte. Und wieder bot Dortmund ein großes Spektakel und Fußball zum Verlieben. Da macht es gar nichts, wenn die Bayern 15 Punkte Vorsprung haben und ihren langweiligen Wehrmachtsfußball spielen. Wen interessiert das schon. Jetzt allerdings gehen Klopp die Stürmer aus, was aber egal ist, denn Schieber war auch nicht besonders ins Spiel intergriert. Als Reus seinen 2. Treffer markierte, hätte er eigentlich die einfachere Variante wählen müssen, denn neben ihm war Schieber frei, der in Ruhe hätte einschieben können, wonach aber natürlich niemand mehr fragt, wenn der Ball dann im Netz zappelt. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, daß Schieber in Dortmund nicht wirklich eine Zukunft hat.

Debord in Müllers europäischer Ideengeschichte

Schon 1958 haben die Situationisten in der 1. Nummer der Revue »Internationale Situationniste« davor gewarnt, »Situationismus« zu verwenden. Es sei ein »sinnloses Wort«, ausgedacht von ihren Gegnern. Das hat nicht viel genutzt. Seit Guy Debord und die Situationisten an der Universität ein Nachleben führen und von Geisteswissenschaftlern wie Jan-Werner Müller in seinem neuen Buch »Das demokratische Zeitalter« Eingang in die »politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert« gefunden haben, ist der »Situationismus« en vogue, ohne das diejenigen, die den Begriff benutzen, überhaupt wissen, dass sie sich damit blamieren.
Jan-Werner Müller widmet den Situationisten und Debord ein kleines Kapitel, in dem er der großen Masse an Sekundärliteratur ein paar weitere Seiten hinzufügt, die an liberaler Betulichkeit, Mittelmäßigkeit und Flauheit nichts zu wünschen übrig lassen. Guy Debord, den er in seiner Zeit für ziemlich unbekannt hält, was leider ein kleiner Irrtum ist, hätte für Jan-Werner Müller nicht viel übrig gehabt. Vermutlich hätte er ihn sehr beleidigt. Belustigt hätte sich Debord höchstens über die wenigen Zeilen über sein Leben:
»Debord, der immer stolz darauf gewesen war, keinen Tag ohne Alkohol zu verbringen, glitt in immer selbstzerstörerische Verhaltensmuster ab. Er siedelte aus Paris in ein hinter hohen Steinmauern verstecktes einfaches Bauernhaus in der Haut-Loire um, wo er über Clausewitzens Vom Kriege brütete.« Bevor Debord das jedoch tat, hatte Debord u.a. in Barcelona, in Arles und in Florenz gewohnt. Na gut, das ist jetzt nicht so der Hammer, aber schon ein kleiner Unterschied. Jan-Werner Müller schreibt jedoch noch weiter: »Am letzten Novembertag des Jahres 1994 schoß er sich in der Abenddämmerung ins eigene Herz.« Wenn es Jan-Werner Müller sonst auch so genau genommen hätte, wäre sein Buch wenigstens amüsant geworden.

Große Reportageliteratur

Marie Luise Scherers „Die Bestie von Paris und andere Geschichten“ ist ein kleines Juwel in der Reportageliteratur. Die hier veröffentlichten vier Geschichten sind in der goldenen Zeit des Spiegel erschienen, also Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, als sich das Nachrichten-Magazin noch den Luxus leistete, ähnlich wie der New Yorker, solche langen und präzise recherchierten Artikel zu veröffentlichen. Vor allem die titelgebende Geschichte ist ein Beispiel für einen Journalismus, den es nicht mehr gibt, weil sich da jemand die Zeit nimmt und sie auch eingeräumt bekommt, einer Geschichte auf den Grund zu gehen. Der Glücksfall besteht allerdings auch darin, dass Scherer eine brillante Stilistin ist.
Thierry Paulin, Tänzer, jung, schwul und schillernde Person in der Pariser Halbwelt, hat zwischen 1982 bis 1987 21 Morde begangen, z.T. mit seinem Freund Jean-Thierry Mathurin. Sie hielten auf Märkten nach gebrechlichen und alleinstehenden Frauen Ausschau, verfolgten das Opfer in ihre Wohnung, brachten sie auf grausame Weise um, durchwühlten die Zimmer und zogen häufig mit einer nur geringen Beute wieder ab. Sie wohnten in einem schäbigen Hotel und wenn Paulin zu Geld kam, gab er es mit vollen Händen wieder aus. Scherer versteht es, die beiden Täter nicht zu dämonisieren, was aufgrund ihrer monströsen Taten nahe liegt, und zugleich zeichnet sie liebevolle Porträts der alten Damen. Als Paulin am 1. Dezember 1987 verhaftet wird und aufgrund von Fingerabdrücken schnell überführt werden kann, genießt er die „Berühmtheit“, die ihm plötzlich zukommt und die er ersehnt hat. Eineinhalb Jahre später stirbt er an Aids. Er ist 25.
In einer anderen Reportage hat Marie Luise Scherer den „letzten Surrealisten“ Philippe Soupault besucht, der auch der erste gewesen war, denn er hatte zusammen mit André Breton die Gruppe gegründet, und er war auch einer der wenigen unabhängigen Geister, die sich nicht dem Reglement des Chefs unterordnete und sich die Freiheit nahm, Romane zu schreiben, die von Breton als geistige Kleingärtnerei verachtet wurden und die in „menschenleeren Straßen“ spielen, „in denen Pfiffe und Schüsse die Entscheidung diktieren“, wie Walter Benjamin schrieb. Soupault war einer der großen Zeugen des letzten Jahrhunderts, denn er kannte alle, und ein Register ergäbe ein beeindruckendes Who‘s who, von Proust bis Joyce. Er erzählt zauberhafte Anekdoten und Episoden mit der Gelassenheit eines Mannes, der in seinem Leben alles gesehen hat, und zwar mehr als nur einmal.
Scherer hat ihm ein kleines Denkmal gesetzt, das bleiben wird, wie ihr Buch auch, denn es ist zeitlos, auch wenn sie über flüchtige zeitgeschichtliche Ereignisse geschrieben hat. Sie hat ihren Kern berührt und Literatur daraus gemacht, und das ist sehr selten.

Marie Luise Scherer, „Die Bestie von Paris“, Matthes & Seitz Berlin 2012.

Die Wahrheit über den 21. Spieltag

Eine große englische Sportzeitung hat mit Dortmund auf dem Titel aufgemacht. Warum der BVB das Erbe von Barca antreten würde. Große Worte und im Prinzip ja berechtigt, aber wie weit Dortmund von einer systematischen Überlegenheit entfernt ist, zeigte sich gegen Hamburg, als der BVB »überrollt« wurde. Überrollt wurde Dortmund aber weniger auf dem Rasen als vielmehr von Fehlentscheidungen der Schiedsrichter. Für die deutliche Niederlage gab es allerdings auch noch andere Gründe. Zunächst mußten vier Spieler antreten, die angeschlagen waren. Götze und Weidenfeller hatten einen Virus. Jetzt mußten sie sich auf dem Platz herumquälen. Reus hatte es mit den Adduktoren, Pisczcek Hüftprobleme und der zuletzt überragende Gündogan hatte auch irgendwas. Für Schmelzer mußte Bender spielen. Sahin war zum ersten Mal von Anfang an dabei und erlebte gleich ein Desaster, denn er fand keine Bindung zum Spiel, kaum Ballkontakte und seine Werte waren schwach, womit sich bewahrheitete, daß sich nach eineinhalb Jahren Abwesenheit nicht einfach dort beginnen läßt, wo man aufgehört hat. Hummels hatte einen gebrauchten Tag, denn er schaute bei zwei Toren einfach nur zu. Und vergab auch noch eine Großchance, die dem Spiel vielleicht eine Wende hätte geben können. Klopp hatte bereits vorher gesagt, daß er versuchen würde, sowas ähnliches wie eine Mannschaft auf den Platz zu schicken. Daß sie in dieser Zusammensetzung noch nie gespielt hatte und dann noch in einem Zustand, wo man sonst besser im Bett liegen bleibt, ließ sich gegen einen HSV nicht kaschieren, der nach einer erbärmlichen Heimniederlage gegen Frankfurt seine beste Saisonleistung abrufen konnte. Trotz allem passierte der Knackpunkt nach einer halben Stunde, als Lewandowsky vom Platz gestellt wurde, weil er im Kampf um den Ball »voll durchgezogen« hatte. Eine eigenartige Definition für eine rote Karte, denn Lewandowsky war nicht mit den Stollen voraus in den Mann gegrätscht, wie das Rincon ein paar mal machte. Und weil das höchstens gelb war, half van der Vaart nach: »Der Schiedsrichter wollte keine Rote geben. Da habe ich ein wenig Theater gemacht. Dann hat er sich mit seinen Assistenten besprochen und dann doch die Rote gegeben.« Van der Vaart wurde später von einem Zippo an der Brust getroffen, wie die TV-Bilder sehr schön zeigten, während sich der fiese Holländer an die Stirn griff. Dafür wurde van der Vaart von der BamS mit einer 1 benotet. Und Manuel Gräfe war reingefallen. Oder er ist von den Bayern bezahlt, die zu Beginn der Saison sicher gehen wollten, daß der BVB ihnen auf dem Weg zur erneuten Meisterschaft nicht in die Quere kommt, wobei sich inzwischen herausstellt hat, daß das unnötig war. Aber Geld spielt ja sowieso keine Rolle. Weshalb sie trotz der vier Stürmer, die sie schon haben, jetzt auch noch Lewandowsky kaufen, einfach, um ihn vom Markt zu holen, und der Pole ist tatsächlich so dämlich und glaubt, er würde dort spielen. Ob Dortmund wirklich das Erbe von Barca antreten wird, wird sich gerade in solchen Situationen zeigen, wenn Lewandowsky nach München geht, wie übrigens das Plappermaul Matthäus ausgeplappert hat. Man erinnere sich daran, daß auch Ibrahimovic mal bei Barca gespielt hat, und Barca ohne ihn dann erst recht den spanischen Fußball dominierte.

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

Mit der Prognose, dass in Hoffenheim jetzt langsam die Lichter ausgehen, war ich natürlich zu voreilig, weil der Wunsch der Vater des Gedankens war. Ausgerechnet gegen die hochgelobten und sich im Aufwind befindlichen Freiburger gewannen die Hoffenheimer 2:1. Hopp kam deshalb extra aus Florida zurück und drohte: »Ich bleibe jetzt hier.« Ich weiß nicht, ob er damit Panik im Kader ausgelöst hat, aber jetzt hat sich Hoffenheim auf den Relegationsplatz vorgerobbt nach der Devise: Ein Hoffenheimer stirbt zuletzt. Wie z.B. Tim Wiese, der nach seinen phänomenalen Aussetzern in der letzten Partie jetzt angeblich von Marco Kurtz »in Schutz genommen« wird. So heißt das in Hoffenheim, wenn jemand aussortiert wird und auf der Tribüne landet. Ersetzt wurde Wiese durch den kurzfristig verpflichteten Heurelho Gomes, einer genauen Kopie von Tim Wiese, denn auch von ihm gibt es im Internet eine schöne Sammlung von peinlichen Fehlgriffen. Dass eine solche Mannschaft drei Punkte holt war fast so sensationell wie die 2:1-Niederlage der Schalker zu Hause gegen den Tabellenletzten Fürth. Der Traum von Büskens wurde wahr. Andere Spieler sind zurückhaltend, wenn sie gegen ihren ehemaligen und langjährigen Verein gewinnen, aber auf Schalke ist das anders. Büskens ging in der Traube jubelnder Spieler unter. Er feierte vor den Augen seiner ehemaligen Fans ausgelassen den in letzter Sekunde erzielten Siegtreffer. Und die Schalker Fans wiederum ließen Asamoah hochleben, der auf seine alten Tage bei Fürth gelandet ist, während sie die eigene Mannschaft auspfiffen. Das dies nicht besonders toll ist, fiel sogar Jermaine Jones auf, der normalerweise mit Fouls beschäftigt ist und dem sonst gar nichts auffällt. Der vor kurzem verpflichtete Schalker Trainer Jens Keller kann einem leid tun, denn er wird auf Schalke gründlich verbrannt, was er nicht verdient hat. Noch hält Horst Held zu ihm, aber er weiß schon jetzt, dass er den falschen verpflichtet hat, aber schließlich kann er einen Trainer nicht nach vier Spielen schon wieder entlassen. Davon hat Jens Keller zumindest eines gewonnen. Bruno Labbadia hingegen hat alle vier verloren, worauf sein Vertrag bis 2015 verlängert wurde. Ausgerechnet gegen die dussligen Düsseldorfer verlor der VfB. Und als ob das nicht schon genug wäre, verlor auch noch die 2. Mannschaft des VfB in der dritten Liga gegen die Stuttgarter Kickers. Auch in Hamburg sitzt der Haussegen nach einer 2:0-Niederlage zu Hause gegen die Eintracht schief, denn die Frankfurter gewannen hochverdient trotz van der Vaart und trotz der Tatsache, dass Sylvie im Stadion gewesen sein soll. Und Uwe Seeler, eigentlich der ideale Partner für Sylvie, denn beide waren oder sind in der Vertreterbranche tätig, ließ auch kein gutes Haar an seinem Verein, weil der seinen Enkel Levin Öztunali an Leverkusen verkauft hatte. Was ich jetzt nicht so spannend finde, vielmehr frage ich mich, wie eigentlich ein Türke in die Familie der Seelers kommt. Und Werder ist wieder auf Kurs. Mit zwei späten Toren gegen Hannover befindet man sich zwar immer noch auf dem 11. Platz, aber ich bin sicher, Werder kommt wieder.