Archiv für den Monat: März 2013

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Die Bayern sind schon lange Meister, und allein diese Tatsache scheint bei den meisten Gegnern schon eine Lähmung hervorzurufen und macht sie zu dankbaren Sparringspartnern. Und mehr war der HSV auch nicht. 9:2 hieß es am Ende, und mit diesem Ergebnis können sich die Bayern zwar schmücken, aber viel mehr hat sich der HSV damit blamiert. Ausgerechnet der HSV, die bislang einzige Mannschaft, die gegen den BVB sechs Punkte holte. Und wenn das eine Mal zwar auch mit Glück und das zweite Mal mit unfairen Tricks, so fragt man sich doch, was es auf sich hat, daß die meisten Mannschaften gegen Dortmund ihre besten Saisonleistungen abrufen, während man die Spiele gegen die Bayern bereits vorher als hoffnungslos ansieht und genauso auch spielt. Die Stuttgarter jedenfalls traten gegen Dortmund an, bzw. vielmehr zu, und am Ende der Partie wunderte man sich, daß nicht noch mehr Dortmunder auf der Strecke geblieben sind und nur Schmelzer mit einem Nasenbeinbruch vom Platz mußte. Stuttgart stellte eindrucksvoll unter Beweis, daß sie die übelste Tretertruppe der Liga sind, die von Labbadia auf den Platz geschickt wurde mit der Anweisung, keine Gefangenen zu machen. Und genauso spielte Niedermeier auch, als er mit dem Vorsatz in Götze hineingrätschte, ihm ein paar Knochen zu brechen. Daß es nicht klappte war nur der Reaktionsschnelligkeit Götzes zu verdanken, der in die Luft sprang. Niedermeier hingegen tat so, als wäre er bei einem fairen Tackling von Götze vorsätzlich im Gesicht verletzt worden, und zwar so schwer, daß er sich aufbäumte wie ein tödlich verletzter Stier, und Götze auch noch den ausschlagenden Niedermeier abwehren mußte. Aber als Niedermeier schließlich die Hände vom Gesicht nahm, war alles noch dran, nicht mal ein Kratzer war zu sehen. Und er war auch noch lebendig genug, nach der roten Karte wutentbrannt ob dieser Ungerechtigkeit sich das Trikot vom Leib zu reißen und in die Kabine zu stampfen. Es sind Leute schon für weniger in die Klapse gekommen, der Realitätsverlust Niedermeiers aber war vollkommen, und seine Kollegen und die Vereinsheinis standen ihm in nichts nach. Labbadia sagte, daß Dortmund nicht unter „Artenschutz“ stünde, nur weil Klopp um die Gesundheit seiner Spieler fürchtete, um die es nach dem Spiel tatsächlich nicht zum Besten bestellt war, denn die hatten fast alle Blessuren. Daß es trotzdem ein attraktives Spiel wurde, war den Dortmundern zu verdanken, und wenn sie ähnlich gegenhalten, könnte es vielleicht sogar in Malaga klappen. Der Sieg war jedenfalls sehr wichtig, nicht nur als moralische Stütze, sondern auch, weil die Verfolger punkteten. Inzwischen dürfte den Dortmundern ein Champions-League-Platz kaum mehr zu nehmen sein, der Vorsprung zum 5. Platz beträgt immerhin 13 Punkte. Das einzig interessante in der Bundesliga sieben Tage vor Spielschluß besteht lediglich in der Frage, wer sich für die Euroleague qualifiziert, denn zwischen Platz 5 und Platz 10 liegen nur zwei Punkte, d.h. sechs Mannschaften spielen noch um einen internationalen Platz, sogar der HSV. Und das ist der eigentliche Witz des Spieltags.

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

Als Watzke wieder einmal bemerkte, wie überflüssig er Werksklubs finde, die mit dem Geld des Konzerns die Wettbewerbsbedingungen verzerren würden, kam aus Wolfsburg die Replik, es wäre pikant, dass dieser Angriff ausgerechnet aus Dortmund käme, die doch nur durch einen zwielichtigen Börsenspekulanten jahrelang am Leben gehalten worden seien. Gemeint war Florian Homm, der mit 20 Millionen den BVB 2004 vor der Insolvenz rettete. Der gerne mit Zigarre auftretende, die Kameras suchende und sich gern als Heilsgestalt inszenierende Homm machte dann zwar mit seinen Hedgefonds auch 154 Millionen Euro Verlust, brachte viele Kunden um ihr Geld und mußte im September 2007 über Nacht verschwinden, aber sein finanzieller Einsatz in Dortmund war nicht betrügerisch. »Ich fand mich schmierig, humor- und seelenlos«, zeigte sich Homm nach einigen Jahren unter falschen Identitäten einsichtig. Jetzt wurde er in den Uffizien in Florenz von FBI-Beamten verhaftet, vor denen er sich in 130 Ländern auf der Flucht befand. In meinen Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit war ich nie gut auf Florian Homm zu sprechen, ich konnte es gar nicht fassen, daß sich der Verein in die Hände dieses windigen Burschen begeben hatte, aber im nachhinein kann man an ihm ablesen, welche rasante Entwicklung der BVB genommen hat, und dem leicht Anrüchigen und der gewissen Nähe zu verbrecherischen Machenschaften kann ich sogar etwas abgewinnen, denn gegenüber den Bayer-Werken, die ganz legal ihren üblen Geschäften nachgehen, kann man dem Intermezzo mit Homm ein gewisses halbweltliches Flair nicht absprechen, und das ist angesichts der nichts als Biederkeit und Langeweile ausstrahlenden Werksvereinen immerhin etwas, das wenigstens eine gewisse Faszination hat. Und jetzt müßte ich nur noch die Kurve zu dem Spiel der Dortmunder gegen Freiburg kriegen. Eine richtige Kurve ist es nicht, aber daß Sahin in diesem Spiel seine 2. Auferstehung feierte, indem er zum ersten Mal überhaupt zwei Tore schoß, nachdem er in Madrid und Liverpool gescheitert war, weil ihm nicht das Vertrauen entgegengebracht wurde, das ihm von Klopp und dem Verein entgegengebracht wurden, das ist auch so eine Geschichte, die meilenweit von der Einkaufspolitik von VW entfernt ist, wo Hauptsache teuer eine Rolle spielt. Sahin sagte nach dem Spiel, daß es das nur in Dortmund gäbe, diese Geduld und das Vertrauen auf seine Fähigkeiten, daß er in der Bringschuld und froh sei, zu einem Sieg des BVB beigetragen zu haben, und das war nicht nur understatement, sondern ehrlich gemeint. Das war der eigentliche Höhepunkt der an Höhepunkten nicht gerade armen Partie. Vor allem sah es in den ersten 40 Minuten nicht gerade so aus, als ob die Dortmunder überhaupt etwas reißen würden, so pomadig traten sie auf, so schlecht wie selten, aber dann kam das Dortmunder »Überfallkommando« (FAS) angeführt von Sahin und kam in weniger als 5 Minuten (schon wieder ein neuer Rekord) zu drei Toren. Und auch in der 2. Halbzeit war von der Freiburger Dominanz nichts mehr zu spüren. Und wieder konnte man einem großen Spektakel beiwohnen, und das sieht man doch lieber als ein mit Hängen und Würgen errungenen, spielerisch anspruchslosen Sieg der Bayern gegen Bayer, obwohl nichts dagegen einzuwenden ist, denn dadurch konnte der BVB den Werksklub auf einen Vier-Punkte-Abstand bringen.

Ein Künstler als Geldfälscher. Eine kleine Erinnerung an den belgischen Surrealisten Marcel Mariën

Der Surrealismus hatte in Deutschland nie ein besonders hohes Ansehen, und nach einer kurzen Konjunktur in den Siebzigern als Folge der 68er Bewegung fristete er in der Verlagswelt schnell wieder ein Nischendasein. Die sowieso schon niedrigen Auflagen schrumpften und ließen auf ein eher marginales Interesse bei einem Publikum schließen, dem unter surrealistischer Kunst vor allem Dali oder Magritte einfiel. Gerade Magritte jedoch hat dieses Schicksal eigentlich nicht verdient, denn als Vertreter der in Deutschland weitgehend unbekannten belgischen Surrealistengruppe war er weit radikaler, als seine Bilder heute vermuten lassen.
Da kommt ein Buch gerade recht, das zwar nicht von Magritte, sondern von Marcel Mariën ist und mit „Das Massengrab“ betitelte Humoresken enthält, aber das sehr informative Nachwort des Übersetzers und Surrealismusexperten Heribert Becker widmet sich ausführlich der abwechslungsreichen Geschichte dieser Gruppe.
Marcel Mariën stieß erst 1937 zu den Brüsseler Surrealisten. Da war er gerade 17.  Zwei Jahre später wurde er eingezogen, geriet in Kriegsgefangenschaft und wurde 1941 wieder entlassen. Marcel Mariën arbeitete in den Kriegsjahren u.a. mit Léo Malet in der Gruppe »La Main à Plume« zusammen, ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, das einige Mitstreiter nicht überlebten. Er gründete einen kleinen Verlag, organisierte Ausstellungen und reiste ab 1942 häufig nach Paris, um dort gefälschte Gemälde von Picasso, Braque, de Chirico und Klee zu veräußern, um durch den Verkauf die surrealistischen Unternehmungen zu finanzieren. Der Fälscher war niemand geringerer als Magritte, der damals selbst noch irgendwie über die Runden kommen musste.
Marcel Mariën war in der Nachkriegszeit die schillerndste Persönlichkeit in der surrealistischen Künstlerszene in Belgien und ihr größter Aktivist. Er war „Lyriker, Erzähler, Pamphletist, Essayist, Maler, Objektkünstler, Collagist, Fotograf, Cineast, Verleger“, wie Heribert Becker aufzählt. Von ihm stammt die berühmte Zyklopenbrille, die in Wirklichkeit „L‘Introuvable“ hieß, also der, die oder das Unauffindbare. Mit Breton in Paris gerieten sich Mariën und die belgischen Surrealisten bald in die Haare, weil sie kommunistisch orientiert waren, was in der unmittelbaren Nachkriegszeit durchaus verständlich war, denn schließlich hatte die Sowjetunion den größten Anteil an der Niederschlagung des Nationalsozialismus, weshalb sie bei vielen Intellektuellen hoch im Kurs stand. Breton hingegen hatte seine schlechten Erfahrungen mit den Kommunisten schon in der Vorkriegszeit gemacht und war als Bewunderer Trotzkis, den er in Mexiko besucht hatte, alles andere als Stalin zugetan. Marcel Mariën jedoch war jung und sah in der Kommunistischen Partei die einzige Chance, der Kunst eine revolutionäre Perspektive zu geben, auch wenn umgekehrt die Kommunisten mit dem verrückten Künstler nicht viel anfangen konnten.
Mitte der fünfziger Jahre gab Marcel Mariën die Zeitschrift »Les Lèvres Nues« (Die nackten Lippen) heraus, in der auch Guy Debord und die Lettristen fleißig veröffentlichten, bevor sie dann 1957 die Situationistische Internationale gründeten. Im letzten Heft publizierte Mariën unter dem Titel »Théorie de la révolution mondiale immédiate« eine Handlungsanleitung, wie sich eine »Weltrevolution in 365 Tagen« (so der Titel der 1989 erschienenen deutschen Übersetzung) inszenieren ließ, eine faszinierende Träumerei, die durchaus gut durchdacht war und mit den modernen Mitteln der Werbung – Marcel Mariën arbeitete damals in einer Werbe-Agentur – durchgeführt werden sollte.
1963, als es ihn aus Gründen einer amour fou über New York, San Francisco, Japan, Singapur, Hongkong und Vietnam schließlich nach Peking verschlagen hatte, wurde er schnell von seiner »Illusion, die mich so lange irregeleitet hatte«, geheilt, denn in China war das, was Marx sich unter einer freien Gesellschaft vorgestellt hatte, »im äußersten Stadium des Zerfalls angelangt«. Seine kommunistische Einstellung gab Marcel Mariën deshalb nicht auf.
Neben den Humoresken, an denen ein wenig die Patina der Entstehungszeit haftet, befinden sich in dem Buch noch »ein paar andere Texte«, und die haben es in sich, wie z.B. der Bericht über den »Skandal von Notre-Dame«, als drei Lettristen vor der Ostermesse am 9. April 1950 die Kirche betraten und Michel Mourre in Mönchskutte des Dominikanerordens von der Kanzel herab den Gläubigen verkündete: »Wahrlich ich sage euch: Gott ist tot.« Eine Aktion, die in klerikalen Kreisen für ebenso große Empörung sorgte wie im intellektuellen Milieu um Breton herum für Bewunderung. 1960 wirbelte Marcel Mariën mit dem Film »L‘Imitation du cinéma«, der wegen seines blasphemischen Inhalts in Frankreich lange Zeit verboten war, selbst viel Staub auf. Und auch sein Bericht darüber, wie er versuchte, von Magritte und seinem Bruder gefälschte Banknoten unter die Leute zu bringen, brachte ihm viel Ärger ein, genauso wie eine überall verbreitete Bekanntmachung, der zu Ruhm und Reichtum gelangte Magritte würde »Aus Anlaß meiner großen Retrospektive im Kasino von Le Zoute« seine Gemälde »für jeden Geldbeutel erschwinglich« machen, weil der Maler dem »nichtswürdigen Ausschlachten des Geheimnisses« ein Ende bereiten wollte.
Marcel Mariën glich in seinen Aktionen eher einem Anarchisten als einem Kommunisten, einem Fürst der Intrige, einem Possenreißer, einem Chaoten, der gern ein wenig am Pulverfass der herrschenden Ideologien zündelte, einem Meister des Zerwürfnisses, der keinem Streit aus dem Weg ging, einem Agent Provocateur, der gerne die Bürger und die Religion beleidigte, einem Mann also, für den das lateinische Palindrom erfunden worden zu sein schien: In girum imus nocte et consumimur igni, wir irren des nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt. Dass solche außergewöhnlichen Menschen, die Kunst auf eine Weise betrieben wie die Anarchisten die direkte Aktion, im Kunstmarkt unbeachtet blieben, verwundert eigentlich nicht. Umso schöner, dass mit diesem Buch an ihn erinnert wird. Auch wenn Marcel Mariën nicht alles gelungen ist und er sich häufig im Handgemenge mit den Themen seiner Zeit befand und deshalb nicht wirklich viel geschaffen hat, was auf dem Kunstmarkt als »bleibend« bewertet wurde, so war sein Leben vielleicht selbst das Kunstwerk, das die Surrealisten und Situationisten anstrebten, als sie die Aufhebung der Kunst forderten und das Hinterlassen von gegenständlichen Kunstwerken inakzeptabel fanden.

Marcel Mariën, »Das Massengrab. Humoresken«, Karin Kramer Verlag, Berlin 2012

Die Wahrheit über den 25. Spieltag

Klopp sagte nach dem 142. Revierderby, daß es bestimmt nicht an der Motivation gelegen habe und daß alle wie ein Häufchen Elend in der Kabine sitzen würden. Aus irgendeinem Grund jedoch haben die Dortmunder in der ersten Halbzeit seltsam deplatziert gespielt, und das nicht nur, weil die Schalker so stark auftraten, ja sogar laut Horst Heldt »eine der besten ersten Halbzeiten spielten, die ich je gesehen habe«. Die Dortmunder Abwehr wackelte bedenklich und Subotic, den man laut Klopp bedenkenlos in irgendeinen unbekannten tiefen Wald schicken kann, aus dem er dann frisch geduscht und gefönt nach ein paar Tagen wieder auftaucht, dieser Subotic hatte einen rabenschwarzen Tag erwischt, denn er lieferte als letzter Mann nicht nur die Vorlage zu einem Fast-Tor, sondern leistete sich bei den beiden Schalker-Treffern auch noch grandiose Stellungsfehler. Aber auch Hummels geisterte auf dem Platz umher, als sei er von seiner Grippe noch nicht wiedergenesen. Vielleicht war es auch einfach nur ein »dreckiger Tag«, wie Sahin sagte, der in der 2. Halbzeit ein paar Fäden in die Hand nahm, denn auch der zuletzt glänzende Strippenzieher Gündogan blieb diesmal weit unter seinen Möglichkeiten. Immerhin erlebte man in der 2. Halbzeit eine völlig andere Dortmunder Elf, der durch Lewandowski in der 88. Minute fast noch der Ausgleichstreffer geglückt wäre, aber vielleicht hat man sich in der Liga inzwischen schon besser auf die Spielweise der Dortmunder eingestellt, auf jeden Fall aber scheint es Dortmund zu verstehen, aus den Gegnern das Optimum herauszuholen, denn nicht selten gelingt es auch eher mittelmäßigen Mannschaften plötzlich, alles aus sich herauszuholen. Leverkusen ließ wie immer die Möglichkeit ungenutzt und verlor seinerseits in Mainz mit 1:0, wenn auch nur durch einen ungerechtfertigten Elfmeter, den nicht mal Tuchel gepfiffen hätte und für den Völler Schiedsrichter Meyer »Kopf- und Bauchschmerzen« wünschte. Im Kellerduell setzte sich überraschend leicht Hoffenheim als auswärtsschwächste Mannschaft gegen die heimschwächste mit 3:0 durch, nämlich gegen Fürth, die damit auch offiziell jede Hoffnung auf den Verbleib in der Liga aufgegeben hat. Die Hoffenheimer Fans allerdings interessierte nur eins, nämlich die Alkoholaffäre von Tim Wiese, die ihn jetzt endgültig ins Abseits gebracht hat, vielleicht aber nur ein Vorwand für den Verein ist, ihn wieder loszuwerden. Die Fans hielten ein Transparent hoch, auf dem sie Tim Wiese anboten, ihm den Alk zu finanzieren. Diese merkwürdige Anwandlung konnte mit dem Bekenntnis von Tim Wiese allerdings nicht mithalten: »Ich habe mich nicht danebenbenommen. Ich lasse alle Vorwürfe der Heckenschützen, die mir jetzt ans Bein pinkeln, von meinem Anwalt prüfen.« Und für diese großartige schräge Metapher muß man Tim Wiese schon fast wieder loben in einer Welt des vorgefertigten Sprechens. Schade, daß Wolfsburg durch einen Sieg in Freiburg wieder in die Nähe eines Relegationsplatzes gekommen ist, nur weil ihnen einfach alles glückte und jeder Schuß ein Treffer war, die leider auch noch schön waren.

Die Wahrheit über den 24. Spieltag

Klopp hatte mit seinem kleinen Seitenhieb, die Bayern hätten wie die Chinesen in der Wirtschaft bei den Dortmundern abgekupfert, gar nicht so unrecht. Natürlich sind die Spielsysteme nicht identisch, Bayern bestreitet wenige Zweikämpfe, die Dortmunder hingegen viele, und auch die Lauffreudigkeit ist sehr unterschiedlich, aber der autoritätsfixierte van Gaal hatte nun mal durch sein ballbesitzorientiertes ödes Hin- und Hergespiele die Bayern nicht gerade nach vorne gebracht. Natürlich haben die Bayern dann geguckt, wo der erfolgreiche und vor allem attraktive Fußball gespielt wird. Nämlich in Barcelona und in Dortmund. Und haben ihre Spielweise dann entsprechend umgestellt. Das ist in der Umstellungsphase mit Heynckes noch nicht so ganz geglückt, aber in allen drei Wettbewerben Zweiter werden, ist ja auch nicht schlecht. Und sie haben das Dortmunder Spiel dahingehend verfeinert, daß sie mehr Geld für die entsprechenden Spieler hinlegten, die das Zeug dazu haben, modernen Fußball zu spielen. Das machen sie jetzt auch mit Lewandowski und verfolgen damit die alte Strategie, dem direkten Konkurrenten die besten Spieler einfach wegzukaufen. Nicht unbedingt, um sich zu stärken, sondern um den Gegner zu schwächen. Ein paar intelligente, junge Spieler haben das inzwischen begriffen. Die meisten von ihnen spielen in Dortmund. Nicht weil die Stadt so toll ist, sondern weil sie dort die besten Perspektiven haben. Und wenn man als junger Profi es ernst mit dem Fußball meint, dann spielt es sowieso nicht so eine große Rolle, ob es irgendwelche angesagten Diskos gibt, in denen irgendwelche hirntote Modells sich auf Promijagd befinden. Dortmund jedenfalls hat einen längst fälligen Entwicklungsschub in der Bundesliga initiiert mit der vielleicht nicht ganz so schönen Folge, daß nun auch in Deutschland wie schon in Spanien die Liga von zwei Vereinen dominiert wird. Die Parallelen sind offenkundig, und es ist schön, dann auf der Seite von Barca zu stehen. Und noch interessanter ist es, an Barca bereits eine gewisse Entwicklung absehen zu können, die Dortmund erwartet. Zur Zeit allerdings hat Dortmund mit anderen Widrigkeiten zu kämpfen, die schon beim Unentschieden in Gladbach vor einer Woche zu besichtigen waren, als die Dortmunder ein Spiel dominierten, dann aber nachlässig wurden, so daß es plötzlich und überraschend zum Ausgleich kam, danach aber den Schalter nicht mehr umlegen konnten. Ein Ablauf, der sich auch gegen Hannover zu bestätigen schien, denn nach einem furiosen Auftakt und einem frühen 2:0 kamen die Niedersachsen bei einer ihrer ersten Chancen gleich zum Anschlußtreffer und niemand wußte, was passieren würde, denn Dortmund spielte mit Schieber als Stoßstürmer, Großkreutz als rechten Verteidiger und Lewandowski als hängende Sturmspitze, und so hatten sie noch nie zusammengespielt. Es klappte trotzdem. Aber wie Netzer in seiner BamS-Kolumne messerscharf kombinierte, die Dortmunder sind auf der Bank nicht so hochkarätig besetzt wie die Bayern. Könnte allerdings sein, daß das den Bayern nicht immer zum Vorteil gereicht, wenn ein Stinkstiefel zu stinkstiefeln anfängt.