Archiv für den Monat: Juni 2013

Nachruf auf Maurice Nadeau

Durch seine »Geschichte des Surrealismus«, die 1965 in »rowohlts deutscher enzyklopädie« zwanzig Jahre nach der französischen Ausgabe auch auf deutsch erschien, beeinflusste er den intelligenteren Teil einer ganzen Generation, denn Maurice Nadeau zeigte darin, dass es auf der Ebene des Widerstands auch noch etwas anderes gab als die Politik der Kommunisten, eine andere Traditionslinie, nämlich eine Bewegung, die auch ästhetisch etwas zu bieten hatte, die polemisch, radikal, unversöhnlich war, die in ihrem possenhaften und theatralischen Auftreten dem heiligen Ernst des konventionellen und etablierten Kulturbetriebs die Luft herausließ, und die neue Maßstäbe in der Beurteilung von Literatur setzte, in der es nicht darum ging, wie André Breton schrieb, »auf Hunderten von Seiten mit den nichtssagendsten Schilderungen kleinlicher Dinge und der Darstellung völlig uninteressanter Personen« das Publikum zu langweilen. Viele junge Menschen, die sich damals auf der Suche befanden, eröffnete sich in diesem Buch ein anderer Kosmos, in dem Existenz und Literatur zusammenschmolz, sie hörten zum ersten Mal von den surrealistischen Protagonisten wie Jacques Vaché, Arthur Cravan oder den Comte de Lautréamont, die wenig geschrieben hatten, aber deren kurzes Leben spannender war als die gesamte Bibliothek, die die Eltern zu Hause im furnierten Einbauwohnzimmerschrank hatten.
Maurice Nadeau war Zeit seines langen Lebens von 102 Jahren an einer Literatur interessiert, die sich auseinandersetzt mit dem »Sichselbstbegreifen in einer Welt, die sich rasend schnell verändert«, die sich beschäftigt mit einer »Gesellschaft, die nicht recht weiß, wohin sie geht«. 1930 schloss er sich den KP an, wurde zwei Jahre später allerdings schon wieder ausgeschlossen, weil er Trotzkis Memoiren gelesen hatte. Er war in der Résistance aktiv und in der Nachkriegszeit sieben Jahre lang der für Literatur zuständige Mitarbeiter der von Albert Camus geführten Zeitschrift »Combat«. Trotz seines Kampfes gegen die Nazis wurde er in der Nachkriegszeit zu einem Fürsprecher deutscher Literatur in einem Frankreich, das sich von der Außenwelt abschottete, weil es sich als grande nation für etwas Besonderes hielt. Er gab Enzensberger heraus, Arno Schmidt und Walter Benjamin, er holte große internationale Literatur nach Frankreich wie Henry Miller, Jack Kerouac und Gombrowicz, er setzte sich für die »Reise ans Ende der Nacht« ein, weil für Nadeau die literarische Qualität entscheidend war und nicht die Tatsache, daß sein Autor Louis-Ferdinand Céline ein Faschist und Antisemit war. Er schrieb mit »Proteus« einen Kanon des französischen Romans der Nachkriegszeit bis Anfang der Sechziger. In seiner von ihm gegründeten Literaturzeitschrift »La Quinzaine litteraire« ermöglichte er Michel Foucault seinen Durchbruch. Die zahlreichen Mitarbeiter und Autoren waren das »Who‘s who der französischen Literatur«. In seinem 1984 gegründeten Verlag veröffentlichte er Houellebecqs ersten Roman »Ausweitung der Kampfzone«, lehnte seine Gedichte jedoch ab. Am vergangenen Wochenende ist Maurice Nadeau in seiner Wohnung in der Nähe vom Centre Georges Pompidou gestorben.