Archiv für den Monat: September 2013

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Freiburg steht zwar nur auf Platz 17. und hat in Dortmund so gut wie nie etwas holen können, aber andererseits ist Freiburg die einzige Mannschaft, die Bayern bisher ein Remis hat abtrotzen konnten. Und tatsächlich konnten die Freiburger eine halbe Stunde gegenhalten trotz der vollkommenen Überlegenheit der Dortmunder. Aber dann konnte Reus einen Abpraller mitten im Tohuwabohu elegant ins Tor lupfen, der Anfang eines rauschhaften Spiels, bei dem es am Ende nur 5:0 stand. Überhaupt war Reus wieder sensationell aufgelegt, und auch Lewandowski konnte zwei Tore erzielen, und selbst „Bild“ fragt sich, warum der eigentlich zu den Bayern gehen will, wo er nur ab und zu mal spielen darf, wenn überhaupt. Aber auf der anderen Seite kann man es verstehen, wenn einer nicht sein ganzes Fußballerleben in einer Stadt wie Dortmund zubringen will. Das jedoch ist nicht der Grund, denn wenn die Bayern ein Verein aus Hintertupfing wären, würde er dennoch wechseln. Für Dortmund ist die Sache vielleicht gar nicht so schlecht, denn im Fußball muß man sich sowieso ständig neu erfinden. Man kann das so machen wie die Bayern, und wenn man Geld hat ist dies die einfachste Methode, um mit einem Ensemble von Ausnahmekönnern immer vorne mitzuspielen. Erste Anzeichen jedoch, daß das bei den Bayern nicht klappen könnte, gibt es bereits, denn unter den Spielern macht sich Unruhe breit. Je mehr Spieler erreicht haben, ein desto größeres Mitspracherecht nehmen sie für sich in Anspruch, wie Schweinsteiger die Position der Nummer 6, auf der ihm Lahm vor die Nase gesetzt wird. Weiter vorne spielte er schlecht und schlug aus lauter Frust Diego nieder. Eine klare rote Karte, aber bis jemand von den Bayern vom Platz gestellt wird, muß offenbar erst ein Massaker passieren. Das war ja schon im CL-Endspiel zu bewundern, wo sich Ribéry als Schläger betätigte und Dante trotz groben Einsteigens und Elfmeter keine gelbe Karte erhielt, wie es das Regelwerk vorsieht, weil er dann ebenfalls vom Platz gemußt hätte. Hingegen hatte ein Trikotzupfer des Freiburger Diagne gegen Lewandoswki im Sechzehner nicht nur einen Elfer zur Folge, was völlig ausgereicht hätte, sondern auch eine rote Karte, die es gegen einen Bayern-Spieler nie gegeben hätte, nicht mal einen Elfer, wie man im Spiel der Münchner wieder sehen konnte, als Rafinha kurz vor dem Tor einen einschußbereiten Wolfsburger umsäbelte. Warum Schiedsrichter die Bayern systematisch bevorzugen, wäre eine viel interessantere Frage als die aktuelle Diskussion, was Handspiel ist und was nicht. Es liegt nicht an der Regel, die nur Leute nicht kapieren, die vom Fußball wenig Ahnung haben und wahrscheinlich auch nicht wissen, was Abseits ist, sondern an der jeweiligen Wahrnehmung. Aber die Wahrnehmung der Spieler ist sowieso nicht ernst zu nehmen, weil die grundsätzlich behaupten, nur den Ball gespielt zu haben, selbst wenn der Gegner mit gebrochenem Bein auf dem Boden liegt. Rafinha ist in dieser Hinsicht ein großer Künstler, der, als er bei der letzten Begegnung Bayern / Dortmund Kuba niederstreckte, bis in die Kabine hinein wie ein Rohrspatz schimpfte. Die Dortmunder sind auch da eine angenehme Ausnahme, nicht nur weil sie zwar auch hart in den Zweikämpfen sein können, wenn sie vom Gegner dazu gezwungen werden, aber niemanden niederschlagen oder vorsätzlich verletzen. Und genau das kostete ihnen in der letzten Saison die Champions-League.

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

Nach dem sensationellen Spiel in Neapel, in dem alles schief ging, was schief gehen konnte, war mir klar, daß beim Club schwerlich etwas zu holen sein würde, und zwar auch deshalb, weil Nürnberg noch kein Spiel hatte gewinnen können und Trainer Wiesingers Weiterbeschäftigung davon abhing, wie die Mannschaft auftreten würde. Und prompt lieferte sie ihr bestes Spiel des Saison ab. Und Klopp hatte angesichts des bevorstehenden Pokalspiels in ein paar Tagen bei 1860 München, bei dem er nicht vorzeitig ausscheiden will, in großem Stil rotiert. Mit Duksch im Sturm und Durm auf der rechten Außenseite, d.h. ohne Lewandowski, ohne Sahin, ohne Mkhitaryan und ohne Hummels, der in Neapel verletzt vom Platz mußte, und als zur Pause auch noch Schmelzer und Reuss ausfielen, wurde die Mannschaft noch mehr durcheinandergewürfelt. Dortmund hat zwar viele Spieler, die flexibel einsetzbar sind und auf mehreren Positionen spielen können, aber wenn so gut wie alle Leistungsträger ausfallen, denn Gündogan und Kehl fehlen verletzt, dann läßt sich das kaum mehr kompensieren. Dennoch wollten die Dortmunder in der Schlußphase unbedingt noch das entscheidende Tor erzwingen und zauberten sich durch die dicht gestaffelte Nürnberger Abwehr, aber ausgerechnet der verläßlichste Torschütze der letzten Saison Lewandowski scheiterte an dem ziemlich gut aufgelegten Schäfer. Aber auch die Nürnberger hatten noch eine Riesenchance in der letzten Minute, die aus einem wenig schönen Tag einen ganz miesen hätte machen können. Und insofern war die Punkteteilung nicht völlig ungerecht, auch wenn der Ausgleich der Nürnberger gleich durch zwei Regelverstöße zustande kam. Zuerst stand Nilsson im Abseits und dann legte er sich den Ball auch noch mit der Hand vor. Aber auch das Dortmunder Freistoßtor durch Schmelzer kam durch einen ungerechtfertigten Pfiff des Schiedsrichters zustande. Das Spiel aber hatte wieder hohen Unterhaltungswert und war spannend bis zum Schluß, und mehr kann man von einer Mannschaft schließlich nicht erwarten. Langweilige Spiele habe ich in meinem Leben schon mehr als genug gesehen. Aber all das interessierte nur am Rande, denn die Journalisten hatten nur Augen für Jürgen Klopp. Er stand unter permanenter Beobachtung, weil er in Neapel so ausgerastet war und mit fürchterlich verzerrtem Gesicht auf den 4. Offiziellen einteufelte. Das Unangenehmste dabei aber war, daß er das Mitgefühl von Kahn hatte, der ihn grinsend als Bruder im Geiste vereinnahmen wollte und meinte, er würde ihn gut verstehen, weil er aus dem gleichen Grund die Presse gegen sich gehabt habe. Aber im Unterschied zu Kahn, der sein Schreckensgesicht systematisch zeigte wegen des sog. »Siegergens« und dann auch Spieler darunter zu leiden hatten, die ihm zufällig in die Quere kamen, hatte Klopp zumindest einen Grund, auf den Schiedsrichter an der Außenlinie sauer zu sein. Klopp hatte sich wie schon vorher angekündigt diesmal besser im Griff und teilte der Presse mit, sie könne noch so lange über seine entgleißten Gesichtszüge schreiben wie sie wolle, er habe alles dazu gesagt. Und der HSV machte im Nordderby gegen Werder wieder keine gute Figur. Nur der Interimstrainer Cardoso und sein Stellvertreter, der ehemalige Dortmunder Otto Addo, sahen verdammt gut aus. Und die Schalker zeigten zu Hause gegen Bayern, was sie wirklich drauf haben. Wie das 4:0 zeigte, nicht sehr viel.

Der Pumuckl des Literaturbetriebs. Nachruf auf Reich-Ranicki

Aus gegebenen Anlass ein Text, der schon 1996 verfasst wurde und erschienen ist in: “Das große Rhabarbern. Neununddreißig Fallstudien über die Talkshow”, hrg. von Jürgen Roth und Klaus Bittermann.

 

Mit krächzender Fistelstimme und dem rollenden »r« als Markenzeichen, das Generationen von Kabarettisten inspiriert hat, mit rudernden Armen, verzweifelt zur Decke gerichtetem Blick und offenem Zweireiher fährt er dazwischen, wenn seine Kollegen mal wieder Murks erzählen, und gefährlich fuchtelt Pumuckl Ranicki mit ausgestrecktem Zeigefinger vor der Nase seines Gegenübers herum, wenn der nicht gleich die Klappe hält. Pumuckl beherrscht alle Tonlagen, von der einschmeichelnd-liebenswürdigen bis zur verächtlichen und herablassenden. Meckern und Mäkeln, großspuriges Hinausposaunen und -trompeten, reflektierende Vorsicht, überfallartige Attacken, Pumuckl kennt alle Schliche und Kniffe, und auf sie verzichten würde er zuallerletzt aus Höflichkeit. Er inszeniert seinen Auftritt als Show, und dabei hat er eines seinen Kritikern auf jeden Fall voraus: Er ist nicht langweilig bzw. nicht so langweilig wie seine Kritiker.
Bevor der Zuschauer dann dem zwar oftmals bizarren, aber friedlich vor sich hinplätschernden Geplapper per Knopfdruck ein Ende bereitet, greift Pumuckl Ranicki ein. Dann schiebt sich seine Hand ins Bild und auf den Arm des immer links von ihm sitzenden Hellmuth Karasek, wahrscheinlich um ihn zu kneifen, wenn er ihn unterbrechen sollte, und Pumuckl Ranicki hantiert dann mit apodiktischen Aussagen und rhetorischen Figuren, von denen das Publikum, welches hauptsächlich aus Frauen besteht, schwer beeindruckt ist, auch wenn man sich das Zeug in jeder Sendung zwei oder dreimal anhören muß und inzwi-schen schon auswendig hersagen kann: »Alles, was Sie gesagt haben, ist richtig und wahr, nur hat es mit dem Buch nichts, aber auch gar nichts zu tun.« Schön auch, wenn Hellmuth Karasek einfach mal so behauptet: »Ich behaupte jetzt mal einfach, ich habe das Buch von A bis Z mit atemloser Spannung gelesen« – wobei er da über die zweite Seite nicht hinausgekommen sein dürfte –, dann hält es Pumuckl nicht länger in seinem Sessel, und er kräht: »Das ist alles großer Blödsinn.«
Das alles hat mit Literatur nicht viel zu tun, und das ist vielleicht auch der Grund, warum das »Literarische Quartett« so beliebt ist. Lauschen wir also in eine Sendung hinein:

Reich-Ranicki: Frau Löffler, Sie sagen, das Buch stelle die Banalität des Lebens dar. Ich glaube, das ist eine treffende Beobachtung. Die Frage ist nur, muß ich Bücher lesen, die auf Hunderten von Seiten die Banalität des Lebens darstellen?
(Gelächter im Publikum.)
Löffler: Sie sagen, Sie wollen mit den Banalitäten nichts zu tun haben. Das verstehe ich sehr gut, Sie haben eine Frau, die das für Sie erledigt […].
Reich-Ranicki: Frau Löffler, ich bin nicht ganz sicher, ob Sie mein Eheleben, das die Banalitäten meines Lebens erledigt, hier ins Gespräch zerren sollten. Ich sag’ ja auch nicht, wie’s in Ihrem Eheleben aussieht …
Karasek: Um Gottes willen, wo kämen wir denn da hin!
Reich-Ranicki: … und wer sich da mit den Banalitäten beschäftigt.
Karasek: Jetzt kehren wir doch zur Literatur zurück!
Reich-Ranicki: Nein, ich kehre dahin zurück, wohin ich will, Herr Karasek.
Karasek: Ja, aber nicht in das Eheleben von Frau Löffler.

Hier gibt es ihn also noch, den guten alten Geschlechterkampf der siebziger und achtziger Jahre, der aus der gesellschaftlichen Diskussion seither verschwunden ist, und irgendwie ist es rührend, daß man ihn ausgerechnet bei Ranicki wieder trifft, der zwar ein Konservativer bis auf die Knochen sein mag, aber ganz und gar recht hat, wenn er der Löffler derart über den Mund fährt, denn er braucht sich schnippische Anspielungen auf sein Privatleben nicht gefallen zu lassen. Und dennoch kommt durch den beckmesserischen und rechthaberischen Tonfall, den sich kein Talkmaster sonst leisten könnte, zum Vorschein, was Reich-Ranicki auch und schon immer gewesen ist, »Staatsanwalt« und »Verkehrspolizist« (MRR über sich selbst), die quasi in Amtshilfe als Bewährungshelfer darüber wachen, »daß ›meine Patienten und Schützlinge‹, die Autoren, keine Dummheiten machen und nicht wieder straffällig werden durch Mangel an ›Niveau‹, ›Format‹ oder ›Geisteshaltung‹, andernfalls er ihnen leider den Totenschein ausstellen muß.« Oder, um noch ein paar schöne Stellen aus einer Kritik von Christian Schulz-Gerstein im Spiegel aus dem Jahr 1978 zu zitieren: MRR als Mann, dessen Literaturkritik an den Deutschunterricht erinnert, »in dem es noch als Schwäche galt, Goethes Todesdatum nicht zu wissen«, der »mit dieser Offiziers-Kasino-Bildung des – 333 – bei Issos Keilerei – immer irgendeinen Ritterkreuzträger des Geistes« zitiert, ein Mann mit »rhetorischen Rausschmeißer-Gebärden«, der sich dennoch »derart mustergültig ins Bestehende fügt, daß er, saubere Fingernägel und die ökonomische Macht eines auflagenstarken Blattes hinter sich zu haben, schon für eine intellektuelle Leistung hält?«
Auf der anderen Seite hat er sich verdienstvollerweise über solche trüben Tassen wie Martin Walser (»unbedarft und primitiv«) und Peter Härtling (»dürftig und billig«) lustig gemacht? Nicht hoch genug ist es Reich-Ranicki außerdem anzurechnen, daß er eines der besten Bücher über Auschwitz, “weiter leben” von Ruth Klüger, und auch das hervorragende Lügen in Zeiten des Krieges von Louis Begley mit Engelszungen gepriesen hat, wofür man ihm Fehlurteile gerne nachsieht.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

Der Angstgegner des letzten Jahres kam, gegen den man 3:2 und 4:1 verloren hatte, gegen den eine Serie gerissen war und gegen den die Dortmunder Pech hatten wie noch nie. Und gegen den es immer torreich zuging. In 92 Duellen gab es 329 Tore. Die Stimmung war auf Dortmunder Seite entsprechend gedämpft und viele waren sich unsicher, nicht zuletzt deshalb, weil die Dortmunder zwar alle vier Spiele gewonnen haben, dabei aber nicht geglänzt hatten. Und auch diesmal sah es für einen kurzen Moment so aus, als ob der HSV seinem Ruf als Angstgegner wieder alle Ehre machen sollte, denn nach einer schnellen 2:0 Führung, kam nach einer halben Stunde Hamburg das erste Mal in Dortmunds Tornähe, Lam gab den ersten Schuß ab und traf sofort ziemlich glücklich ins Eck. Und kurz nach der Halbzeit unterlief Subotic ein Stellungsfehler, den Westermann nach einer Ecke mit dem Kopf zum 2:2 ausnutzte. Für einen kurzen Moment träumte van der Vaart davon, den Dortmundern wieder eins auswischen zu können, aber die ließen sich nicht verunsichern und fingen stattdessen an zu zaubern. Und wie! Reus, Aubameyang und Mkhitaryan ließen den armen Hamburger keine Atempause mehr und schraubten innerhalb von 15 Minuten das Ergebnis auf 6:2 nach oben. Und das war noch gnädig, denn »es hätte auch wieder ein 9:2 wie bei den Bayern geben können«, wie auch van der Vaart zugab, was bei einem Torschußverhältnis von 32:4 nicht verwunderlich gewesen wäre. Und Klopp meinte: »Wenn wir so ins Rollen kommen, sind wir schwer aufzuhalten.« Vor allem nicht von Hamburgern, die es zunächst mit einer Dreier-Abwehrkette probierten, den Dortmundern viel Platz ließen, sehr hoch standen und dem Irrglauben anhingen, sie könnten mitspielen. Sie gaben damit dem schnellsten Mann der Liga Aubameyang den Platz, den er brauchte, um sich voll entfalten zu können. Und Hummels war nach zuletzt schwächeren Spielen, als er sogar einmal ausgewechselt wurde, wieder das Zentrum der Abwehr, das alle Bälle magisch anzog. Er unternahm Ausflüge nach vorne, spazierte durch die Hamburger Abwehr und hätte fast sogar ein Tor geschossen. Von Löw wurde er bei den letzten beiden Länderspielen nicht berücksichtigt, was Anlaß zu vielen Spekulationen in der Presse gab. Lothar Matthäus wunderte sich darüber, warum immer die Dortmunder Spieler von Löw öffentlich kritisiert wurden, nie aber die Bayern. Klopp war von der Diskussion sichtlich genervt, denn schließlich kann jeder Mal außer Form sein, was aber nichts über seine Möglichkeiten und Fähigkeiten aussagen würde. Sammer hielt wieder mal eine seiner gefürchteten Brandreden, weil man gegen Freiburg zwei Punkte liegen gelassen hatte und gegen Hannover zwar 2:0 gewonnen, aber eher pomadig gespielt hatte. »Wir sind nach all den Erfolgen wieder bei null«, sagte er. Bei null fangen alle Vereine an, auch ohne Erfolge, denn mit jeder Saison geht es von vorne los. Vielleicht meinte Sammer, daß sie nach all den Erfolgen eine Null sind. Dagegen wäre nichts zu sagen. Ich würde das sogar begrüßen. Nach diesem Spieltag keimen bei den Dortmundern schon wieder die Hoffnungen auf eine weitere Meisterschaft, und warum auch nicht.

Kamikaze Dream Machine. Stories aus dem Nachlass des Übersetzers Carl Weissner

„Gegen 5 fing es an schiefzulaufen. Janis (Joplin) schmiß Cocktailgläser durch die Gegend. Linda M. (aus der Manson Family) saß mit dem chinesischen Koch in der Badewanne, fuchtelte mit einem Tranchiermesser & drohte sich die Kehle durchzuschneiden, sobald er ihr zu nahe kam. Ferlinghetti kotzte ins Goldfischglas & O‘Gallagher schrie nach der Polizei.“ Carl Weissner, von dem diese Szene aus einem schrägen Leben stammt, war einer der letzten Überlebenden der Beat Generation. Im Januar 2012 ist er mit 72 unerwartet gestorben. Die meisten kennen ihn nur als Übersetzer, aber er hat auch großartige Prosa geschrieben, von der nun eine Auswahl unter dem Titel „Eine andere Liga. Stories, bei denen man auf die Knie geht und vor Glück in die Fußmatte beißt“ veröffentlicht wurde.
Die vielleicht beste Kurzgeschichte heißt „Last Exit to Mannheim“. Sie ist 1973 in der von ihm, Jörg Fauser und Jürgen Ploog herausgegebenen Untergrundpostille „Gasolin23“ erschienen und liest sich wie Hunter S. Thompson in seinen besten Zeiten. Carl Weissner, der sich 1966 für zwei Jahre mit einem Fulbright-Stipendium in New York und San Francisco herumtrieb, lässt da bereits keinen Zweifel daran, wie Literatur zu sein hat. Jedenfalls kein „Lindenblütentee und denaturierter Zwieback“, die er bei der von Grass und der Gruppe 47 dominierten Nachkriegsliteratur assoziierte, denn da gab es „kein Rülpsen mehr bei Tisch, keine fettigen Finger, keine Kotzflecken in der Diele, keine verstopften Klos. Nie war deutsche Dichtung so arm an Pep und Kalorien.“
Als Gegenentwurf hatte Weissner eine Literatur im Sinn, die in einem existentielle Saiten zum Schwingen bringt, Literatur aus der Gosse, Literatur von Leuten, die den Bodensatz des Lebens kannten, die wie sein Freund Jörg Fauser jahrelang an der Nadel hingen und die schon mal ins Maul der Hölle geguckt hatten, die Schreiben als Notwehr begriffen.
In den sechziger Jahren erwarteten sehr viele junge Menschen mehr von Literatur als moralische Erbauung, sie wollten eine Literatur, die ihre Erfahrungen wiederspiegelte. Carl Weissner fand sie bei Bukowski, Burroughs, Warhol, J.G. Ballard, Ken Kesey, der Beat-Generation, die alle in seiner persönlichen „Hall of Fame“ aufgelistet sind, und natürlich bei den stilbildenden Chandler, Hammett und Ambler. Die damals zahlreich aus dem Boden sprießenden und meist sehr kurzlebigen Untergrundmagazine waren das Übungsfeld für diese Art von Literatur. Weissner experimentierte früh mit der Cut-up-Methode, um lineare Denk- und Lesegewohnheiten zu durchbrechen, als „Demontage der klassischen d.h. bürgerlichen Wirklichkeit“. Der Erkenntnisgewinn jedoch ist bescheiden und die kleinen stilistischen Fundstücke zufällig und selten von befremdlicher Schönheit.
Weissner blieb nicht dabei stehen, schon allein deshalb nicht, weil er zum Übersetzer seiner Freunde aus der amerikanischen Untergrundszene wurde, als deren Agent er sich z.T. auch betätigte. Gelegentlich aber schrieb er, und das auf einem Niveau, das jedem Vergleich mit seinen Vorbildern und Freunden standgehalten hätte. In einigen Kurzgeschichten scheint auf, welchen Erfolg Carl Weissner als Schriftsteller hätte haben können, hätte er den langen Atem für ein Buch gehabt. Aber Carl Weissner ging nie über eine „condensed story“ hinaus, und auch wenn er seine späten Werke wie „Manhattan Muffdiver“ oder „Die Abenteuer von Trashman“ als Romane titulierte, so waren auch sie aus Miniaturen, Fragmenten, Einschüben und Fundstücken zusammengesetzt, genauso wie das in diesem Buch zum ersten Mal veröffentlichte Stück „Tod in Paris“, das als kollektive Arbeit unter Federführung Weissners zustande kam und bislang nur auf englisch im Internet kursierte.
Manchmal liest sich das wie ein Zettelkasten, Zeitungsschnipsel, die Weissner aufgefallen sind und die er manchmal nur zitiert, manchmal eine kurze Meldung daraus bastelt. Darin geht es immer wieder um die großen, nie enden wollenden Perversionen dieser Welt, um Gewalt, Elend, Dummheit, Sadismus, Qual, Folter, um Selbstmordattentäter und die Sinnlosigkeit ihres Tuns. Eine Lektüre hart an der Grenze, aber mit jede Menge Realitätsgehalt. Vielleicht waren das die Fingerübungen für den großen Roman, den Carl Weissner plante, bevor ihm der Tod ins Handwerk pfuschte.
Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis ein Buch aus seinem Nachlass veröffentlicht wurde. Es enthält Bild-Collagen, Interviews, Geschichten, Vorworte, Fotos ohne Legenden, Porträts von ihm (über Bukowski) und über ihn (von Jürgen Ploog), ohne zeitliche Chronologie, ohne inhaltliche Ordnung. Und das alles in verschiedenen Schrifttypen, manche Texte weiß auf schwarz, manche zweispaltig, manche Texte auf englisch, manche übersetzt. Warum das alles so gemacht wurde, ist nicht nachzuvollziehen, auch nicht, warum man das Buch umdrehen muss, um „Tod in Paris“ lesen zu können. Schade ist es zudem, dass der großartige Text über Jörg Fauser, der im „Rolling Stone“ erschienen ist, nicht in das Buch aufgenommen wurde.
Vermutlich wollte man den Charakter und die Ästhetik einer Untergrundzeitschrift, in der viele Texte von Carl Weissner erschienen sind, bewahren, aber ich glaube, das war keine gute Entscheidung, denn Carl Weissner hätte es verdient gehabt, aus diesem mittlerweile und aus gutem Grund vergessenen Milieu hervorgehoben zu werden. Eine sorgfältig editierte Ausgabe wäre vermutlich besser gewesen, mit der mehr Leute etwas anzufangen gewusst hätten als die üblichen Verdächtigen, bei denen jede Literatur unter Generalverdacht gerät, die Erfolg hat oder möglicherweise in den Literaturkanon aufgenommen wird. Genau das aber hätte Carl Weissner verdient gehabt.

Carl Weissner, „Eine andere Liga. Stories, bei denen man auf die Knie geht und vor Glück in die Fußmatte beißt“, Hrg. Matthias Penzel und Vanessa Wieser, Milena Verlag, 374 Seiten, 24.90 Euro