Archiv für den Monat: Oktober 2013

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Ein bisschen gelber Nebel im Dortmund-Block sorgte dafür, dass sich alle einig waren in der Verurteilung dieser niedlichen Aktion, Marcel Reif, Bild, Hans-Joachim Watzke, Jürgen Klopp, Horst Heldt, Andreas Rettig. Meine Güte, man sollte den »Chaoten« einen Orden verleihen, daß sie zu dieser seltenen Koalition und Einmütigkeit beigetragen haben. Früher war das in italienischen Stadien ein ganz normales Bild, über das sich niemand aufregte, und selbst deutsche Reporter, die ja ganz besonders viel Wert auf Ordnung legen, schwärmten dann von der tollen Stimmung. Heute kriegt sich Reif auf seinem sicheren Reporterplatz gar nicht mehr ein und schimpft auf die Polizei, weil sie nicht gleich mit Schlagstockeinsatz die »Chaoten« zur Räson bringt. Fünf Minuten verzögerte sich dadurch der Spielanpfiff. Auch nicht gerade weltbewegend, aber gesprochen wurde nur noch über die paar Rauchkerzen und kaum mehr über das Spiel. Und das hat das Spiel nicht verdient, denn die Dortmunder lieferten ein großartiges Spiel ab. Das 1:0 war schon ein sensationell herausgespielter Konter, den Aubameyang versenkte, das 2:0 ein großartiger Schuß von Sahin, der endlich mal wieder traf. Zwischenzeitlich hielt Weidenfeller einen Elfer von Boateng, schon den 4. der letzten acht, womit er sich langsam zum Alptraum der Strafstoßschützen entwickelt. Und in der 74. Minute schließlich kam es zum großen Auftritt von Mkhitaryan, der schon die beiden vorangegangenen Treffer mit vorbereitet hatte. Nun raste er fast über das gesamte Spielfeld, ohne daß ihn ein Schalker zu fassen bekommen hätte, um am Ende den freistehenden Kuba zum 3:1 zu bedienen. Er war zweifellos der Spieler des Tages. Mario Götze, für den er verpflichtet wurde, hätte das nicht hingekriegt, und insofern ist Mkhitaryan weit mehr als ein bloßer Ersatz. Er ist intelligent, spricht fünf Sprachen und hält sich zurück. Götze hat ein Unterwäschemodell als Freundin, die es bei der 7. Staffel von Heidi Klums »Germany‘s Next Topmodel« in die Top 50 geschafft hat und nach ein paar Semestern Psychologie jetzt Marketing studieren will. Schade, daß es fast immer so endet, aber wenn es schon so endet, dann ist Bayern der richtige Verein für solche hoffnungslosen Fälle. Auch im Spiel zu Hause gegen den Aufsteiger Hertha saß Götze zunächst auf der Bank, wurde aber schon frühzeitig eingewechselt, weil Kroos und Robben Leistenprobleme hatten. Er durfte also fast von Anfang an spielen und erzielte ganz untypisch mit dem Kopf das entscheidende 3. Tor der Bayern zum 3:2-Sieg, der allerdings nicht wirklich verdient war, denn Hertha ließ sie Bayern einige Male ziemlich schlecht aussehen und hätte durchaus einen Punkt verdient gehabt. Es ist also kein Zufall, daß Hertha auf dem 4. Platz steht, und Schalke wird sich schwer tun, ihnen diese Platzierung abzujagen. Die ersten drei Plätze hingegen scheinen schon vergeben zu sein. Dort kann man auf einen bequemen 10-Punkte-Vorsprung zurückblicken. Und selbst die Reihenfolge ist die, die von den meisten auch am Ende der Saison erwartet wird. Wenn es Überraschungen gibt, dann auf den folgenden Plätzen, denn von Platz 4 bis 15 gibt es nur einen 6-Punkte-Unterschied, wobei Hoffenheim schon auf Platz 4 stehen würde, wenn man in Leverkusen nicht um drei Punkte betrogen worden wäre. Auch in Hannover zeigten sie mit einem 4:1, daß sie mitmischen werden.

Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Man muß nicht immer haushoch überlegen spielen, um zu gewinnen, dachten sich die Dortmunder, als sie gegen Gladbach haushoch überlegen spielten und dann trotzdem verloren. Also spielten sie deshalb nicht haushoch überlegen und gewannen. Zu Hause gegen Hannover wurde Durm schon in der 3. Minute im Strafraum gefoult und Reus verwandelte sicher zum 1:0. Da ich zu spät in die Respectbar kam, verpaßte ich den Höhepunkt des Spiels, denn der Rest war dann doch sehr mäßig, und obwohl Hannover die auswärtsschwächste Mannschaft ist, hatten sie vor allem in der 2. Hälfte mehr vom Spiel und hätten eigentlich ein Unentschieden verdient gehabt, wenn es eine Gerechtigkeit im Fußball gäbe. Aber wer will die schon? Dann wäre der Fußball vollkommen langweilig, denn dann gäbe es nichts mehr zu diskutieren, auch nicht das »Phantomtor« Kießlings, der im Freitagsspiel gegen Hoffenheim den Ball durch ein Loch im Außennetz köpfte. Zunächst drehten sich alle enttäuscht ab, aber als der Ball plötzlich innerhalb der Netzes herumkugelte, sah man ein ungläubiges Staunen, und Jubel setzte erst dann ein, als Schiedsrichter Brych den irregulären Treffer anerkannte. Daß der Ball durch das eine kleine Loch im Netz flutschte muß man als Wunder bezeichnen, weshalb man eigentlich vom Wunder in Leverkusen sprechen müßte, aber da es in Leverkusen keine Wunder gibt, sondern nur Bayer, heißt das Tor jetzt »Phantomtor«. Eine Torkamera hätte das Tor sofort als Nichttor entlarvt, sagen die Fürsprecher der Torkamera, weil sie dem merkwürdigen Irrglauben anhängen, im Fußball könne es Gerechtigkeit geben. Aber die wird es so lange nicht geben, solange Schiedsrichter über das Spiel bestimmen, deren Entscheidung über eine umstrittene Situation einem Lotteriespiel gleicht, weil manchmal sogar eine Kamera nicht ausreicht, um zweifelsfrei entscheiden zu können. Wäre das Spiel durch die Augen einer Kamera entschieden worden, hätte Hoffenheim 2:1 gewonnen, denn es wäre nicht nur das »Phantomtor« nicht gegeben, sondern ein auch regulärer Treffer der Hoffenheimer anerkannt worden, der wegen angeblichen Abseits nicht gegeben wurde. Aber wer will schon, daß Hoffenheim gewinnt? Na gut, auch Leverkusen gehört zu den überflüssigen Vereinen in Deutschland, die sich ein Konzern aus Gründen der PR leistet, Vereine also, die meist in der Pampa liegen, wo der Standort für den Konzern günstig ist wie eben Leverkusen und Wolfsburg, weil dort niemand wohnen will und die deshalb toter sind als der Stuttgarter Friedhof. Kießling hätte zum Held werden können, wenn er gesagt hätte, dass er daneben geköpft hat, aber nachdem Brych das Tor gab, hat er sich nicht dagegen gewehrt. Nach dem Spiel wurde er vom Pressesprecher instruiert, er solle sagen, daß er das Tor nicht gesehen habe, um Unheil von ihm abzuwenden. »Bild« hat dafür extra eine Lippenleserin engagiert, weshalb inzwischen die meisten Spieler sich inzwischen hinter vorgehaltener Hand unterhalten. Aber die Reaktion nach dem Kopfball verrät etwas anderes: Kießling dreht sich ab, weil er gesehen hatte, daß der Ball daneben ging. Er macht die typische Geste eines Spielers, der sich darüber ärgert, eine gute Chance vergeigt zu haben. Im nachhinein zu behaupten, er hätte nicht gesehen, ob der Ball ins Tor ging, weil er sich abgewendet habe, ist natürlich gelogen. Jetzt geht es darum, ob das Spiel wiederholt wird oder nicht. Die Fifa ist dagegen, weil sie an den Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters festhält. Und das ist gut so. Wer will sich schon so ein Spiel nochmal ansehen?

Leben und Sterben in New York. Joseph Mitchells Reportagen über das Strandgut einer Metropole

New York ist ein mythologischer Ort, ein Ort der Sehnsucht und diffusen Erwartung, ein Ort, den man bereits kennt, obwohl man vielleicht noch nie dagewesen ist, weil das Kino immer schon große Geschichten über diese Stadt erzählte. New York ist zwar nicht mehr die Stadt Nummer eins auf der Welt, aber sie war es mal, und je weiter man das Rad der Zeit zurückdreht, desto faszinierender erscheint die Metropole.
Joseph Mitchell, der 1929 mit 21 Jahren nach New York ging, um Journalist zu werden, hat die Stadt auf eine ganz eigene Art erforscht. Als Nachtreporter der Herald Tribune berichtete er über die alltäglichen Katastrophen einer Großstadt, bis er schließlich bei The World-Telegram anheuerte, um Interviews und Reportagen zu machen. Menschen, denen er nicht gerne zuhörte, waren »Damen der besseren Gesellschaft, Wirtschaftskapitäne, berühmte Schriftsteller, Priester, Filmschauspieler (mit Ausnahme von W.C. Fields) und alle Schauspielerinnen unter fünfunddreißig. Die interessantesten Menschen sind für mich Ethnologen, Bauern, Prostituierte und ab und zu ein Barmann.«
Joseph Mitchell kommt zu Gute, dass er gerne einfach nur das Treiben um sich herum beobachtet und zuhört. Er beschreibt den mühsamen und harten Job der Burlesque-Tänzerinnen, die es sich nicht erlauben können, bei der Arbeit betrunken zu sein, weil sonst ganz schnell »die Vereinigung der Frauen Gegen Alles« über den Intendanten herfallen würde, er spricht mit Mr. Burger, der als Broadway-Promoter »Sensationen wie Verwandte ermordeter Verbrecher, Ballontänzerinnen und indische Gedankenleser als Vaudeville-Nummern bucht«. Er sieht der 19-jährigen Jan Marsh zu, die dort anfängt, wo der normale Striptease aufhört. Sie zieht sich an und ist davon überzeugt, mit ihrer Nummer »dem Stripteaserummel den Garaus« zu machen und ihrem Land einen großen Dienst zu erweisen.
Joseph Mitchell kommt immer direkt zur Sache. Schon nach dem ersten Satz befindet man sich mitten in einer verrückten Geschichte, die sofort Neugier und Interesse weckt. »Die betörende, gertenschlanke Sally Rand, Tochter eines Mais-Farmers in Missouri, die während ihrer stürmischen Karriere als erste Fächertänzerin Amerikas Gefängnisaufenthalte, Peitschenhiebe und ein Schicksal schlimmer als der Tod erleiden musste, saß in ihrer schwarzsilbernen Garderobe im Brooklyn Paramount Theatre auf einem Diwan und rollte langsam die hautfarbenen Strümpfe von ihren berühmten Beinen.« Und dann erfährt man alles, was es mit dem Fächertanz auf sich hat, und zwar von Mr. L. Sittenberg, der jährlich 650 Pfund Straußenfedern von Kapstadt importieren lässt, mit denen die Tänzerinnen formal gesehen ihre Nacktheit bedecken. Als die Sittenpolizei 1930 zum ersten Mal dagegen einschritt machte sie den Fächertanz unfreiwillig populär, denn die Verhaftung von Sally Rand, der berühmtesten Fächertänzerin, ließ die Nachfrage nach Straußenfedern in die Höhe schnellen.
Bei Joseph Mitchell taucht man tief in eine fremde, absonderliche Welt ein, die es schon lange nicht mehr gibt, verdrängt vom Fortschritt, untergegangen im Brodeln der ständigen Veränderungen. Es ist die Zeit der großen Depression. Mitchell schafft mit seinem klaren, einfachen und dennoch sehr eleganten journalistischen Stil eine Atmosphäre, die einen sofort in ihren Bann zieht. Man würde gern mit dem stadtbekannten Anarchisten und immer elegant gekleideten Carlo Tresca am schiefen Tresen einer heruntergekommen Bar stehen und mit dem »dienstältesten politischen Flüchtling der Stadt«, dem kämpferischen Redakteur, Mitstreiter der »dicken« Emma Goldmann und persönlichen Feind von Mussolini plaudern.
Mit seinem investigativen Journalismus war er eine Art Vorläufer von Schriftstellern wie Truman Capote, Tom Wolfe oder Jane Kramer. Die letzten 30 Jahre vor seinem Tod 1996 jedoch verstummte er. Er suchte zwar jeden Tag sein Büro im New Yorker auf, aber niemand wusste genau zu sagen, was er eigentlich tat. Geblieben aber sind seine frühen Arbeiten, die im nunmehr dritten Reportageband »New York Reporter« auch auf deutsch vorliegen, in dem wieder die Magie New Yorks aufblitzt, weil Mitchell die Gestrandeten, Exzentriker und Spinner zu Wort kommen lässt und sie mit großer Empathie zum Leben erweckt.

Joseph Mitchell »New York Reporter. Aus der größten Stadt der Welt«, aus dem amerikanischen Englisch von Sven Koch und Andrea Stumpf, Diaphanes, Zürich-Berlin 2013, 344 Seiten, 22,95 Euro

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

Ein verdammt hartes Brot nannte Klopp die Niederlage seiner Elf in Mönchengladbach, und zwar deshalb, weil vor allem in der ersten Halbzeit eine größere Überlegenheit der Dortmunder kaum möglich war. Von einem Klassenunterschied war die Rede, alle Werte sprachen für die Schwarzgelben, und wenn Gladbach überhaupt mal in die Hälfte der Dortmunder gelangte, dann war das etwas besonderes. Dortmund kombinierte wie schon gegen Marseille schnell und in die Tiefe, so daß man sich schon auf die unausweichliche Führung freute, aber sämtliche Großchancen wurden vergeben oder Ter Stegen machte sie mit einigen sensationellen Paraden zunichte. Je länger dann in der 2. Halbzeit das Spiel dauerte, desto mehr ließ sich beobachten, wie das Dortmunder Spiel an Dominanz verlor. Die Pässe hatten nicht mehr die Präzision, die Spieler hielten den Ball zu lange, die Kombinationen fanden um den Sechzehner statt, es wurde zu viel durch die Mitte gespielt, wo die Gladbacher Abwehr dicht gestaffelt stand, man merkte die Frustration bei den Dortmundern, die sich breitzumachen begann. Und plötzlich standen auch die Gladbacher mal vor dem Dortmunder Tor, Hummels mußte in letzter Not grätschen und verursachte nicht nur einen Elfer, sondern verstieß mit der »Vereitelung einer Torchance« gegen das schwachsinnige Reglement, demzufolge er den Platz verlassen mußte. Mit dem 1:0 war das Spiel völlig überraschend gekippt. Die  Dortmunder drängten auf den Ausgleich und wurden ausgekontert, so daß den Gladbachern das Kunststück gelang, mit ca. 5 Torschüssen, denen ca. 30 von Dortmund gegenüberstanden, 2:0 zu gewinnen. Ein selten absurdes Spiel, aber es war schon häufiger zu beobachten, daß die Dortmunder entweder gleich mehrere Tore schießen oder sich eben extrem schwertun, überhaupt eins zu erzielen, obwohl sie nicht unbedingt schlechter spielen. Den Bayern ging es bei Bayer ähnlich. Auch sie spielten drückend überlegen und knüpften an ihre Leistung gegen Man City an, aber es reichte nur zu einem mageren 1:1. Man City allerdings war kein aussagekräftiger Maßstab, denn selten konnte man eine Mannschaft sehen, die so völlig ohne Konzept angetreten war, den Bayern alle Räume überließ, die die benötigten, Zweikämpfen aus dem Weg ging und merkwürdig lethargisch auftrat. Es kommt allerdings selten vor, daß Bayern seine Überlegenheit nicht zu nutzen weiß, aber im Unterschied zu Dortmund verliert sie nicht. Aber wenn Dortmund schon verliert, dann ist es angenehmer, gegen Gladbach zu verlieren als gegen irgendeine andere Mannschaft. Dennoch tun solche Niederlagen deshalb besonders weh, weil man selten einen Gegner so beherrscht hat wie Gladbach. Und letztlich ist es nicht mal Unfähigkeit, sondern schlicht und einfach Zufall, daß die eine oder andere Chance nicht verwertet wurde, denn genauso gut hätte einer der Schüsse drin sein können und dann hätte Gladbach seine Spielweise ändern müssen, was Dortmund wiederum entgegengekommen wäre. Noch überraschender vielleicht war der 2:0-Sieg von Eintracht Braunschweig beim Lokalrivalen Wolfsburg, der erste Sieg des Aufsteigers überhaupt, und ein Sieg, der besonders süß schmeckte. Wolfsburg hingegen schwankt in seinen Leistungen von einem Extrem ins andere und als VW-Arbeiter weiß man nie, ob man nicht vielleicht eine kalte Dusche verabreicht bekommt.