Archiv für den Monat: November 2013

Fotos von einem untergegangenen Kontinent

Als der Bildband »Nächtliches Paris« 1932 erschien, machte es den Autor Brassaï in kürzester Zeit berühmt. Viele Fotos, wie das von der 70jährigen Prostituierten „Bijou“ in einer Bar in Montparnasse sind seither fest im kollektiven Gedächtnis nicht nur der Franzosen eingeschrieben, denn Paris war in den dreißiger Jahren ein Ort mit einer großer Anziehungskraft auf der ganzen Welt. Und Brassaï zeigte Paris zum ersten Mal von einer Seite, die nichts mit dem touristischen Blick auf die Stadt zu tun hatte und gerade deshalb die Betrachter faszinierte, denn die Fotos machten das verrufene und das in versteckten Winkeln verborgene Paris sichtbar, ein Paris, wie es selbst die meisten Pariser nicht kannten. Clochards unter der Brücke, Bordelle in der Passage de Clichy, den von Clochards bevölkerten Säulengang der Börse, die Markthallen, Fotos, die ihren Zauber durch Menschen entfalten, über die sich in Anlehnung an ein lateinischen Palindrom sagen ließe, sie irren des nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt.
„Paris de nuit“ erlebte zahlreiche Neuauflagen. 1935 erschien ein Nachfolgeband mit nächtlichen Fotos mit dem Titel „Voluptés de Paris“, der allerdings von Brassaï abgelehnt wurde, weil der Verleger ohne Absprache mit dem Autor das Buch in reißerischem Ton anpries. Nach langer Vorbereitungszeit, die nicht zuletzt der prüden Moral in der Öffentlichkeit geschuldet war, kamm dann »Le Paris secret des années 30« heraus und wurde schnell ein internationaler Erfolg. Inzwischen wurden von der Witwe Brassaï Teile des Nachlasses dem französischen Staat vermacht und gelangten ins Centre Pompidou, ein weiterer Teil wurde versteigert. Gallimard beauftragte Sylvie Aubenas und Quentin Bajac mit der Herausgabe eines Buches, das die Entstehung der Nachtbilder Brassaïs und die Editionsgeschichte seiner Bücher beleuchtet, wobei den Herausgebern der Zugang zum Brassaï-Archiv aus ungenannten Gründen verwehrt blieb. Unter dem Titel »Flaneur durch das nächtliche Paris« ist das Buch nun auch auf deutsch bei Schirmer/Mosel ion toller Aufmachung erschienen und enthält neben den Fotos aus den drei Bildbänden (bis auf die Aufnahmen aus den Opiumhöhlen, die Brassaï nicht veröffentlicht sehen wollte) auch bislang unbekannte Fotos. Die Editionsgeschichte der Herausgeber ist zwar etwas bieder und langatmig geraten, aber durch das Fotomaterial wird man mehr als entschädigt.
Klaus Bittermann

Sylvie Aubenas & Quentin Bajac, „Brassaï. Flaneur durch das nächtliche Paris“, übersetzt aus dem Französischen von Matthias Wolf, Schirmer/Mosel 2013

Pressschlag zum 13. Spieltag

Es ist erstaunlich, was alles unternommen wird, um den BVB als möglichen Meisterschaftskonkurrenten, der er nach dem überraschenden Wechsel von Götze und der neuerlichen Aufrüstung der Bayern gar nicht ist, auch noch alle möglichen Steine in den Weg zu legen. Das fing schon vor einer Woche in Wolfsburg an, als der Schiedsrichter den Dortmundern in den Schlussminuten zwei klare Elfmeter verweigerte und sie dadurch um mindestens einen, wenn nicht sogar um drei Punkte brachte. Und um ganz sicher zu gehen, wurde nach der Verletzung von Subotic in Wolfsburg die vorhandene Restverteidigung Hummels und Schmelzer in einem ebenso unwichtigen wie überflüssigen Freundschaftsspiel gegen England verheizt. Und plötzlich stand Dortmund im Spitzenspiel ohne Verteidigung da. Aber in Dortmund ist man in der Kunst der Improvisation geübt, und so verpflichtete Klopp einen alten Bekannten aus Mainzer Zeiten, den 34-jährigen Manuel Friedrich. Die Chance, mit solchen Maßnahmen gegen eine Mannschaft wie Bayern zu bestehen, wurde zu Recht von niemandem als besonders groß eingeschätzt. Der Partie wurde dadurch bereits vor Anpfiff die Brisanz genommen und wenn jemand Ahnung vom Fußball hatte, dann wusste er, dass das einzige Interessante an dieser Partie darin bestand, wie sich Dortmund aus der Affäre ziehen würde. Würden sie sang- und klanglos untergehen oder sich einigermaßen achtbar schlagen. Eine Option war so unangenehm wie die andere, aber immerhin ließ sich eine gewisse Gelassenheit unter den Fans beobachten, denn bei einer solchen Konstellation konnte man eigentlich nur gewinnen. Und das tat man dann ausführlich, indem vor allem in der ersten Halbzeit die Abwehr der Bayern vorgeführt wurde, als Lewandowski, Mikhitaryan und Reus allein vor Neuer auftauchten, aber alle von einer plötzlichen Versagensangst gepackt wurden, weil man selber nicht so recht dran glaubte, es zu packen. Und mit jeder Chance, die Dortmund verdaddelte, rückte die Sensation in weitere Ferne. Es war ein Spiel, wo man sich ziemlich sicher sein konnte, dass nach dem ersten Tor auch das zweite und dritte fallen würden und zwar mit großer Leichtigkeit. So war es dann ja auch, allerdings eben für die Bayern, für die der eingewechselte Götze den Dosenöffner spielte. Eine Geschichte, aus dem der Stoff für Fußballlegenden sind. „Ausgerechnet  Götze“ heißt es dann. Dabei tut er nur, was sein Job ist und weshalb ihn die Bayern geholt haben. Dortmund jedenfalls, und das ließ sich auch wieder in dieser Partie beobachten, spielte mitreißend und spektakulär, und die Wahrscheinlichkeit, vom Zauber ihres Spiels ergriffen zu werden, ist hoch. Aber es ist kein Ergebnisfußball wie ihn die Bayern spielen, die auch schlechte Spiele gewinnen. Und das ist das Schöne am Dortmunder Spiel. Man weiß, auch gegen Neapel am Dienstag, wo es um das Weiterkommen in der Champions-League geht, wird wieder ein großer Abend, den man um keinen Preis gegen ein Spiel gegen Viktoria Pilsen eintauschen möchte.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Nachdem sich Subotic in Wolfsburg verletzt hatte, fiel mit Schmelzer und Hummels die restliche Vierekette aus, denn die hatten sich im Länderspiel gegen England Plessuren geholt, die sie nun zu einer längeren Pause zwingen. Wenn die komplette Abwehr ausfällt, sind die Chancen gegen einen Gegner wie Bayern nicht allzu hoch. Noch dazu wenn auch noch der Taktgeber Gündogan fehlt. Keine guten Voraussetzungen also, und deshalb ging ich sogar leichten Herzens in die Respectbar, weil man aus einer solchen Position heraus nur gewinnen kann. In der Respectbar aber herrscht Melly, die Königin des Optimismus, deren Tipp 2:1 für den BVB war. Im übrigen war das Interesse groß, herauszufinden, wie Dortmund mit dieser Situation der Unterlegenheit umgehen würde. Würden sie einfach zerlegt, was gar nicht so unwahrscheinlich war, denn schließlich spielte im Zentrum der kurzfristig engagierte 34-jährige Manuel Friedrich, ein alter Bekannter Klopps aus Mainzer Zeiten und ehemaliger Nationalspieler, und in der Tat merkte man ihm vor allem im Spielaufbau an, dass er keine Ahnung von den Abläufen in der Mannschaften hatte. Für eine Viererkette, die so zum ersten Mal zusammenspielte, machten Friedrich und Sokratis in der Innenverteidigung und Durm und Großkreutz außen ihre Sache jedoch ziemlich gut. Vor allem in der ersten Halbzeit waren die Dortmunder überraschenderweise eindeutig überlegen und hatten durch Lewandowski eine Großchance, auch wenn der Ball schwierig unter Kontrolle zu bringen war, aber wer, wenn nicht Lewandowski ist dazu in der Lage. Und die Chancen rissen nicht ab. Auch Reus tauchte einmal allein vor dem Tor Neuers auf und probierte es mit einem unplatzierten Gewaltschuss, statt gezielt in die Ecke zu schießen. Und auch Mikhitaryan brauchte zu lange, um sich den Ball zurechtzulegen, statt ihn direkt zu verarbeiten. Nach einem gefühlten 3:0 hörte ich auf zu zählen, weil klar war, dass der BVB nach diesen liegengelassenen Chancen an diesem Tag kein Tor mehr schießen würde, denn irgendwann verkrampfen die Spieler und das Tor erscheint dann wie vernagelt. Bayern hatte dieses Problem nicht, ungenutzten Chancen hinterherzutrauern. Sie hatten keine. Ihnen reichte es, dass in der 66. Minute Götze eingewechselt wurde, der zwar keine Akzente setzen konnte, aber in der entscheidenden Situation am gedankenschnellsten war und mit der Pike den Ball in den Winkel setzte. Beim letzten 1:0-Sieg der Dortmunder in München war Götze ebenfalls der Matchwinner. Und insofern läßt sich tatsächlich sagen, daß ein Mann wie Götze an diesem Tag den Unterschied ausmachte. Trotzdem weiß man natürlich nicht, ob Dortmund mit Götze in ihren Reihen gewonnen hätte. Vermutlich nicht. Und dann kam, was kommen mußte. Die Dortmunder bliesen zur Offensive, um den Rückstand zumindest noch zu egalisieren, aber auch die Bayern können natürlich kontern, und das bewies ein weiterer eingewechselter Spieler, nämlich Thiago, der mit einem genialen Pass in den Lauf von Robben das Spiel endgültig entschied. Das 3:0 war dann nur noch Ergebniskorrektur, hatte aber kaum mehr etwas mit dem Spiel, wie es wirklich war, zu tun. Dortmund hat nun das 3. Spiel hintereinander verloren. Alle drei letztlich mit Pech, man kann auch sagen durch mangelnde Fähigkeit, die Chancen zu verwerten. Jetzt geht es am Dienstag gegen Neapel um alles.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Mein Freund Wiglaf hatte mich nach Wolfsburg zum Spiel eingeladen. Die Sonne schien, und es versprach ein schöner Tag zu werden. Aber dann wurde ich meinem Ruf als Pechvogel doch gerecht. Das letzte Spiel in Dortmund, das ich mir anguckt hatte, war vor zwei Jahren. Da ging es gegen Hertha. Eine sichere Sache, dachte ich, und dann verloren die Dortmunder, und als ob das noch nicht gereicht hätte, musste ich mit dem einzigen Zug, der von Dortmund nach Berlin fuhr, mit einer Horde betrunkener Hertha-Fans zusammen verbringen. Zunächst aber versuchten wir in dem netten VW-Stadion der Autostadt Wolfsburg an eine Bratwurst zu kommen, aber das ist nicht ganz einfach, denn man muss seine EC-Karte mit einem Betrag aufladen lassen, der dann beim Wurst- und Getränkestand abgebucht wird. Meine Commerzbank-Karte jedoch wurde nicht akzeptiert, weil »die Commerzbank da nicht mitmacht«, und dafür muss ich die Commerzbank jetzt auch mal loben, wenngleich ihre Motive wohl kaum darin liegen, ihre Kunden vor Abzocke schützen zu wollen, denn um nichts anderes handelt es sich, denn natürlich bleiben auf der Karte immer ein paar Euro Rest, der im Land der Bonuspunkte sonst nirgends eingelöst werden kann, und ich schätze, diese Geldreste dürften sich zu einem hübschen Sümmchen addieren, die sich Wolfsburg da unter den Nagel reißt. Noch dazu, daß Fleischwurst und Pommes kaum zu genießen waren, deren industrielle Herstellung zur Abfütterung der Fan-Massen einen Bruchteil vom Verkaufspreis kostet. Aber das alles hätten wir gerne und lächeln hingenommen, wenn Dortmund wenigstens gewonnen hätte, aber Wolfsburg spielte wie zu erwarten sehr stark und machte den Dortmundern das Leben schwer, denn sie beherrschten an diesem Tag mindestens ebenso gut das Spiel des Pressings und Verschiebens, denn Hecking gilt als großer Verfechter des Kloppschen Spielweise. Und während bei den Dortmundern an diesem Tag einige Spieler nicht ihren besten Tag hatten wie Sahin, Mkhitaryan oder Schmelzer, glänzten bei den Wolfsburgern etliche Spieler. Dann verletzte sich in der 42. Minute auch noch Subotic und fällt voraussichtlich mit einem Kreuzbandriß für längere Zeit aus. Ein Glücksschuß von Olic, dem Schmelzer nur Geleitschutz gab, entschied die Partie, ein Treffer, der das Zeug zum Tor des Monats hat. Und schließlich gab es da noch Schiedsrichter Drees, der dafür sorgte, daß nichts mehr anbrannte. Gleich zweimal gleich wurde Lewandowski von Rodriguez im Strafraum umgerissen, und zweimal verweigerte er einen Strafstoß. Dafür verteilte er unter den Dortmundern munter eine gelbe Karte nach der anderen, für die andere Schiedsrichter nicht mal Freistoß gepfiffen hätten. Drees war der Mann, der die letzte Partie der Dortmunder in der letzten Saison gegen Hoffenheim gepfiffen hat und dort auch nicht gerade als jemand aufgefallen ist, der Sympathien für Schwarzgelb hat. Ein schwarzer Tag, weil es nach dem 0:1 gegen Arsenal schon die zweite Niederlage hintereinander war. Ein Gefühl, das in Dortmund kaum jemand mehr kennt. Als nächstes kommen die Bayern und dann stehen die CL-Schicksalsspiele an. Da sind zwei Niederlagen keine gute Voraussetzung. Mit dem letzten Zug flüchteten wir zurück nach Berlin. Und wer bevölkerte den Zug? Hertha-Fans, die ihren Sieg gegen Hoffenheim feierten. Mit Billigschnaps und Billigbier. Kein schöner Anblick.

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Wer sich noch an das sagenumwobene 4:4 der Stuttgarter in der vorletzten Saison in Dortmund erinnerte, das immerhin den Wechsel von Schieber zur Folge hatte, konnte sich nicht unbedingt sicher sein, daß die Partie schon vor Spielbeginn gelaufen war, vor allem nicht, als Stuttgart durch einen glücklichen Treffer in Führung ging. Und die Stuttgarter hielten in den ersten dreißig Minuten durchaus mit, aber als Dortmund die Geschwindigkeit erhöhte, begann die Stuttgarter Abwehr zu schwimmen. Reus schoss das 2:1, nachdem ihm kurz vorher nach sensationellem Zuspiel von Lewandowski ein technischer Fehler bei der Ballannahme unterlaufen war. Er formte den Diamanten, das Zeichen seines Lieblings-Rappers Jay-Z, wie Bild aufklärte, während ich an was Obszönes dachte. Jedenfalls zeigte er wie schon den in den letzten Spielen eine außergewöhnliche Leistung, weshalb der Verein gerade alles daran setzt, Reus die 2015 in Kraft tretende Ausstiegsklausel von festgelegten 35 Millionen Ablöse, was ungefähr dem augenblicklichen Marktwert von Reus entspricht, abzukaufen. Nicht nur aus diesem Grund hat Klopp vorzeitig um zwei Jahre verlängert, um den Spielern ein Signal zu geben, daß es sich bei Dortmund nicht nur um einen vorübergehenden Höhenflug handelt, sondern der Verein alles daran setzt, seine Position als einer der besten Vereine der Welt zu verteidigen. Bislang ist das eindrucksvoll gelungen, denn die Weggänge alles Stars konnten kompensiert werden, und nicht nur das, die Mannschaft wurde sukzessive sogar besser. Und das ist wirklich eine herausragende Fähigkeit des Trios Klopp, Watzke und Zorc, den Verein immer wieder zu erneuern. Und zwar nicht wie Bayern München, wo man einfach die besten Spieler vom Markt wegkauft, sondern indem man eigenen Talenten eine Chance gibt. Aber auch die Methode Bayern ist nicht ohne Risiko, denn wie man an Madrid sieht, kann man sich mit dieser Methode auch ohne Ende verschulden, ohne daß man automatisch Titel damit generiert. Bale ist immer noch nicht angekommen, und im Zentrum fehlt Özil. Dem wurde allerdings nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, daß er in den entscheidenden Spielen untertauchte. Wie z.B. im letzten CL-Heimspiel gegen den BVB, wo er durch Bender schachmatt gesetzt wurde. Vor dem wichtigen Rückspiel der Dortmunder gegen Arsenal war der rauschende 6:1-Sieg der Stuttgarter nicht ganz unwichtig, auch wenn solche psychologischen Deutungen sich schnell ins Gegenteil verkehren können, denn Arsenal hat ein bißchen mehr zu bieten als Stuttgart, die den Dortmundern in die Karten spielten, weil sie dachten, sie könnten spielerisch mithalten. Bayern hatte gegen Hoffenheim ziemliche Mühe, und hätte Hoffenheim ein wenig mehr Glück gehabt, hätte Bayern den dreißig Jahre alten Rekord des HSV, 36 Spiele ungeschlagen zu sein, nicht einstellen können. Im Spiel der Nürnberger gegen Freiburg, den einzigen Mannschaften, die noch keinen Sieg verbuchen konnten, spielten die Nürnberger die badische Mannschaft an die Wand und verloren trotzdem 3:0. Und die Eintracht schaffte es auch gegen Wolfsburg nicht, den ersten Heimsieg einzufahren, weshalb es für sie in Bundesliga jetzt schon um den Abstieg geht, während man in Europa glänzt. Und Leverkusen rotierte in Braunschweig auf fünf Positionen und verlor prompt. Aber die Coolness von Hyypiä, der auf die Frage, ob er sich nicht verzockt hätte, einfach mit »nein« antwortete, war toll.