Archiv für den Monat: Februar 2014

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Auf dem Fußballplatz sagt Fup (4,5 Jahre) zu mir: »Du bist der HSV und ich bin der BVB. Ich sagte: »Da träumst du aber von! Ich der HSV? Niemals.« Ein paar Stunden später dachte ich, man sollte nicht immer so voreilig sein. Da hatte der HSV Dortmund mit 3:0 bezwungen, und bezwungen ist das richtige Wort. Alle dachten, dass es nur eine Frage der Höhe wäre, mit der der HSV verlieren würde. Und das lag ja auch nahe nach den letzten Spielen, die der HSV abgeliefert hatte. Andererseits sagte die Statistik, dass von den letzten sechs Heimspielen der HSV fünf Spiele gegen den BVB gewonnen hatte, und außerdem weiß man nie, was passiert, wenn ein neuer Trainer kommt. Das setzt irgendwelche geheimnisvollen psychologischen Mechanismen frei, und plötzlich sieht man eine ganz andere Mannschaft, obwohl es keinen vernünftigen Grund gibt, warum eine Mannschaft vorher verzagt gespielt hat und warum auf einmal kämpferisch. Aber das alles ist gar nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war, dass der BVB sich dem Hamburger Niveau angepasst hat. Hamburg hatte nur Einsatz und Kampfeswille zu bieten. Alles andere war unterirdisch. Jeder andere Gegner hätte den HSV zerpflückt. Dortmund hingegen schien zunächst abzuwarten, weil die Taktik des HSV darin bestand, defensiv zu stehen und ab und zu einen Konter zu setzen. Das sah zunächst sehr erbärmlich aus, aber der Einsatz und das Zweikampfverhalten setzte den Dortmundern so sehr zu, dass sie irgendwann auch nicht besser spielten. Lange Bälle statt Kombinationen, die in der Regel schon im Ansatz scheiterten, keine Struktur, schwerfälliges Spiel. Nach den zwei Siegen gegen Frankfurt glaubte man in Dortmund schon, die kleine Krise überwunden zu haben, aber mir war klar, dass das 4:0 vor einer Woche kein Maßstab war, weil die Eintracht gar nicht gewinnen wollte. Insofern war der Spielstil der Frankfurter wirklich Gift, denn er wiegte die Dortmunder Spieler in trügerische Sicherheit, bestärkt durch die sagenhaft schlechten Auftritte der Hamburger, gegen die man, wie es schien, gar nicht verlieren konnte. Mit Sicherheit hat Klopp gegen diese Einstellungen angekämpft, aber er hat die Spieler offenbar nicht erreicht. Anders ist der Dortmunder Auftritt nicht zu erklären. Und dann kommt es, wie es eben kommt, nämlich dick. Lasogga flankt umringt von Friedrich und Schmelzer blind in den Strafraum, wo Jiracek umringt von Aubameyang und Piszczek frei zum Köpfen kommt. Erste zufällige Chance und schon drin. Dann ein verlorener Zweikampf von Sahin, und Lasogga überläuft die weit aufgerückte Abwehr der Dortmunder. Und dann noch ein Freistoßtor aus 41 Metern, bei dem Wiedenfeller auch nicht wirklich gut aussieht, auch wenn sich der Ball kurz vor dem Tor wegdreht. Damit hat der BVB die Chance verpasst, den 2. Platz wieder zurückzuerobern, denn Leverkusen hat in Wolfsburg verloren, aber zumindest war Bayer die bessere Mannschaft. Und Schalke hat auch nur ein torloses Remis gegen Mainz geschafft, traf aber auf gutsortierte und taktisch gut eingestellte Mainzer. So bleibt der Kampf um die CL-Plätze spannend, auch wenn die Chancen der Dortmunder in dieser Form ziemlich gering sind, sich noch einmal zu qualifizieren. Und auch Petersburg muß schon einen sehr gebrauchten Tag haben, um gegen Dortmund nicht zu bestehen. Und vielleicht ist das wahrscheinliche Ausscheiden der Dortmunder auch gar nicht so schlecht, denn dann kann sich der BVB wieder auf die Bundesliga konzentrieren.

Die Wahrheit über den 21. Spieltag

Endlich wieder in Dortmund. Immer noch reihen sich auf der zum Stadion führenden Lindemannstraße Kneipen und ambulante Händler wie eine Perlenkette aneinander. Überall Trauben mit BVB-Fans. Das Bier ist hier das Hauptlebensmittel. Es gibt aber auch eine Bude, an der ein Doppelschnitzel im Brötchen angeboten wird, und es gibt Leute, die das auch essen. Auf dem Walk of Fame treffe ich Matthias Sammer, Stefan Klos und Lambert, die CL-Sieger von 1997, eingraviert am Boden. Ich bin als VIP eingeladen. Das war ich noch nie. Aber auch VIPs müssen sich anstellen und eine halbe Stunde lang in der Menge stehen, die durch ein Nadelöhr drängt. Dafür erlebe ich einen angenehmen, entspannten Nachmittag, denn die Eintracht aus Frankfurt hat offenbar gar nicht die Absicht zu gewinnen, denn Armin Veh läßt die mit einer Gelbsperre bedrohten Rode und den argentinischen Treter Zambrano draußen, um nicht in der nächsten Partie gegen Bremen auf sie verzichten zu müssen. Und so müssen die Dortmunder nichts befürchten und können nach Herzenslust kombinieren auch ohne Reus und Bender, die sich verletzungsbedingt abmeldeten. Und obwohl es 4:0 ausging, ließen die Dortmunder jede Menge Chancen aus. Trotzdem alles prima, denn selbst die in der 68. Minute eingewechselte Neuverpflichtung Milos Jojic kann nach nur 15 Sekunden auf dem Platz einen Abpraller zum Endstand einschieben. Ich erfahre dann, daß ich von Flyeralarm, einer Billigdruckkette, eingeladen worden bin. Da ich selber dort schon habe drucken lassen, kann ich sagen, daß ich indirekt über Flyeralarm ein BVB-Sponsor bin. Ich frage, wie teuer die Bandenwerbung gewesen ist. Viel billiger jedenfalls als bei Bayern München, erfahre ich, wie es überhaupt in Dortmund viel angenehmer sei, als Sponsor tätig zu sein. Ich bin erstaunt, wie groß der VIP-Bereich ist und wie viele VIPs hier herumlaufen, die gar keine sind. Wie ich zum Beispiel. Flyeralarm geht dann noch Michael Zorc die Hand schütteln, während ich lieber Fisch mit gelber Soße esse. Inzwischen läuft auf den Bildschirmen das Abendspiel Leverkusen gegen Schalke. Irgendwie komisch, findet das ein Eintracht-Fan und ich muß dem zustimmen. Und sonst? Der HSV implodiert. Der Club verliert das Abstiegsduell gegen Braunschweig. Van Marwijk ist jetzt draußen und Slomka übernimmt als Feuerwehrmann den Verein, weil Magath inzwischen bei dem Abstiegskandidaten der Premier League Fulham angeheuert hat. Gladbach kann auch nach 27 Jahren nicht in Bremen gewinnen, obwohl gerade die Gelegenheit sehr günstig ist, denn Bremen gehört ebenfalls zu den heißen Anwärtern auf die letzten beiden Plätze. Bayern gewinnt zu Hause gegen Freiburg, weil inzwischen nicht mal mehr die Tore anerkannt werden, die gegen Bayern erzielt werden wie das von Mehmedi. Auch Stuttgart trudelt in die Abstiegszone nach der sechsten Pleite in Folge. Da ist nur der HSV mit sieben Pleiten in Folge besser. Aber auch Leverkusen hat fünf Pleiten in sieben Spielen zu verzeichnen. Die neue Niederlage gegen Schalke ist besonders schmerzhaft, weil man gegen einen direkten Konkurrenten, verloren hat. Und da auch Gladbach Punkte liegen gelassen hat, sieht es so aus, als würden Dortmund, Leverkusen und Schalke die Plätze 2 bis 4 belegen. The same procedere as every year.

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

Niemand wird mir irgendwelche Sympathien für Hertha BSC nachsagen können und das nicht nur, weil ich schon mal mit ihren Fans ein Zugabteil von Dortmund nach Berlin geteilt habe. Aber dass Hertha den HSV mit einem 3:0 noch tiefer in ein bereits angerichtetes Chaos gestoßen hat, bereitet mir jetzt nicht gerade schlaflose Nächte. Die Hamburger sind jedenfalls so verunsichert, dass sie gar nicht mehr laufen können, jedenfalls zeigte die unerbittliche Statistik auf, dass die HSV-Spieler am wenigsten gerannt ist. Und deshalb versammelte sich der Aufsichtsrat, um van Marwijk wieder rauszuschmeißen, während der Vorstand an van Marwijk festhält, weshalb der Aufsichtsrat wiederum damit droht, den Vorstand zu entlassen, und wahrscheinlich auch den Sportchef Oliver Kreuzer, der ebenfalls für den Trainer ist. Die Fans wiederum sind auch für van Marwijk und gingen auf die Spieler los und hätten sie am liebsten in die Tonne getreten, was ihnen bei Jacques Zoua sogar fast gelungen ist, der von einem Wurfgeschoß am Kopf getroffen wurde, aber auch die anderen Spieler waren laut Aussage von Heiko Westerman nach dem 1:0 von Hertha sowieso schon »tot«. Wenn am Mittwoch zum Pokal die Bayern nach Hamburg kommen, wird es dann besonders lustig zugehen. Ein anderer Abstiegskandidat heißt Werder Bremen und half bei der Wiederauferstehung der Dortmunder. Der zuletzt völlig desolat spielende Mkhitaryan trumpfte groß auf und schoß sogar zwei Tore, wobei die Kombination und der Abschluß seines zweiten Treffers einfach sensationell waren. Die ohne den schon wieder verletzten Hummels spielende Innenverteidigung war keinen größeren Belastungen ausgesetzt, so daß man sich in der Respectbar wieder dem Erzfeind Schalke zuwenden konnte. Der bekennende BVB-Fan und Kölner Tatort-Kommissar Dietmar Bär erzählte einen anspruchsvollen Witz: Jens Keller fragt bei Klopp nach, wie er mit seinen Spielern so erfolgreich sein kann. Klopp sagt, er achte auch auf die Intelligenz seiner Spieler. Wie denn? Er stelle ihnen ab und zu eine Frage. Was denn für eine Frage? Klopp ruft Sahin zu sich und fragt ihn: Deine Eltern haben ein Kind, das aber weder dein Bruder noch deine Schwester ist. Wer ist das? – Ich gebe zu, daß ich im ersten Moment ebenfalls überlegen mußte – Sahin sagt wie aus der Pistole geschossen: Das bin ich. Keller geht beeindruckt zurück, ruft Draxler zu sich und stellt ihm die gleiche Frage. Draxler sagt, da müsse er erst überlegen, geht zu seinen Kollegen, aber niemand hat eine Antwort auf die Frage. Nur Felipe Santana, der ehemalige Dortmunder sagt ihm: Na, das bin ich. Also geht Draxler zum Trainer zurück und sagt: Ich weiß es jetzt. Das ist Felipe Santana. Und Keller sagt: Du Trottel, das ist Sahin. Vor allen die zweite Pointe gefiel mir sehr gut. Ansonsten rätselten wir mal wieder, warum Lewandowski zu den Bayern geht. Autoklauen und zu den Bayern wechseln sei eben typisch polnisch, verlautete eine nicht ernst zu nehmende Stimme, die mir aber trotzdem gut gefiel. Die Bayern jedenfalls gewannen auch beim wieder erwachten Nürnberg, und das völlig unverdient, aber das ist eigentlich egal, denn man fragt sich, wen das überhaupt noch interessiert. Viel bedauerlicher war da schon, daß Arsenal, der nächste CL-Gegner Bayern gerade jetzt mit einem 5:1 gegen Liverpool schwächelt. Typisch Özil. Und auch typisch für die Bayern. Immer, wenn es für sie gefährlich werden könnte, macht der Gegner schlapp.

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Die Bundesliga eilt von Umsatzrekord zu Umsatzrekord und ist mittlerweile bei 2,172 Milliarden angelangt. Man verzeichnet die zweithöchsten Einnahmen in Europa. Besser ist nur die Premier-League, und die ist nur deshalb besser, weil dort diverse Ölmagnaten und Scheichs Vereine kaufen und in ihr neues Spielzeug investieren. Aber ohne Erfolg, denn zuletzt schaffte es kein englischer Verein ins Halbfinale der CL. Das könnte diesmal anders werden, denn Manchester City scheint nun die richtige Mischung gefunden zu haben, denn sie haben die auch nicht schlecht aufgestellten Gunners inzwischen an der Spitze abgelöst. Sie sind zudem eine der wenigen Mannschaften, die einen 2:0-Rückstand gegen die Bayern noch in einen Sieg umdrehen konnten. Vermutlich ist Manchester City neben Real Madrid und Paris eine der wenigen Mannschaften, die den Bayern Schwierigkeiten bereiten könnten. Dortmund jedenfalls wird nicht mehr dabei sein, und falls sie gegen Petersburg überhaupt weiterkommen, spätestens im Viertelfinale wird dann Schluß sein. Der BVB hat z.Z. ganz andere Schwierigkeiten, denn man muß sich gegen Mannschaften am Tabellenende durchsetzen. Immerhin hat der BVB in Braunschweig knapp und mit ein bißchen Glück 2:1 gewonnen, das ihnen in den letzten Partien gefehlt hat. Braunschweig hielt tapfer mit, weil Dortmund wie immer jede Mengen Chancen liegen ließ und schließlich unsicher wurde und sogar in die Bredouille geriet. Jetzt hat Dortmund den Serben Jojic verpflichtet, wieder ein junger talentierter Nachwuchsspieler für das kreative offensive Mittelfeld. Ob er es schafft, die Mannschaft zu verstärken wie damals Kagawa, ist nicht unbedingt gesagt. In Dortmund sind die Aufstiegschancen für junge Spieler geringer geworden. Diese Probleme hat Bayern nicht, denn sie bedienen sich aus dem Reservoir Dortmunder Spieler, die dort zur Weltklasse gereift sind, weshalb man Dortmund als das beste Ausbildungszentrum der Bayern betrachten kann. Nach dem fünften in Folge verlorenen Spiel gehen in Hamburg alle Warnleuchten an. Bei der 3:0-Pleite in Hoffenheim spielten die beiden schlechtesten Defensiven gegeneinander, allerdings hat Hoffenheim zumindest eine gute Offensive mit Firmino und Volland, der als Nachfolger für Lewandowski im Gespräch ist. Van Marwijk sieht nicht so aus, als ob er dem HSV Kampfgeist und Spielkultur zurückgeben könnte. Trotzdem hält der Sportchef an ihm fest mit der eigenartigen Begründung, daß bislang immer der Trainer der »Schuldige« gewesen sei und damit müsse nun Schluß sein. Aber es geht nicht um Schuld, sondern darum, ob der Trainer es versteht, die Mannschaft aus einer Negativserie wieder herauszuhelfen. Von mir aus muß das nicht sein und wenn van Marwijk den HSV in die 2. Liga führt, dann wird mir der Trainer um kein Stück unsympathischer werden, denn die Annahme, wie sie der zum Monster mutierte Boris Becker im Sportstudio äußerste, der HSV dürfe nicht absteigen, weil es der einzige Verein sei, der noch nie abgestiegen sei, ist einfach nur ein bißchen schwachsinnig.