Archiv für den Monat: Juni 2015

Der Paganini der Abschweifung. Nachruf auf Harry Rowohlt

Die lustigsten Anrufe erreichten mich aus Hamburg, wenn Harry Rowohlt am Apparat war. Hinterher wusste ich allerdings oft nicht mehr, was der Anlass des Anrufs war, denn Harry erzählte eine Anekdote nach der anderen, die ich dummerweise meistens wieder vergaß, auch wenn ich mir vornahm, die mir jetzt aber zu merken. Aber kaum dachte ich das, kam schon die nächste Episode, auf die ich mich konzentrieren musste, weshalb ich mich an die vorangehende dann doch wieder nicht mehr erinnern konnte.
Auf einer Lesereise, die uns zusammen mit dem großen Horst Tomayer von Düsseldorf über Bonn nach Duisburg führte, stellte ich fest, dass Harry seine Anekdoten, Witze und rätselhaften Geschichten an uns, seinen Mitstreitern, ausprobierte, um herauszufinden, ob sie bühnentauglich waren. Vermutlich war sein phänomenales Gedächtnis, von dem alle, die ihn kannten, schwer beeindruckt waren, darauf zurückzuführen, dass er es durch einen stetigen, ununterbrochenen Erzählfluss in Hochform brachte.
Mit meinem Gedächtnis ist es nicht so weit er, weshalb ich nur einen Übersetzerwitz behalten habe: »Was ist das denn für eine Übersetzung, wenn dasselbe drin steht wie im Original?« Aber vielleicht war das gar kein Witz, sondern ein Rat, sich nicht zu sklavisch an das Original zu klammern, vor allem dann nicht, wenn da Quatsch stand. Bei David Sedaris regte sich Harry Rowohlt schon auf, weil der dreimal hintereinander das gleiche Verb benutzt hatte und das beim nächsten Verb gleich nochmal machte. Manchmal reichte schon ein geringes Vergehen aus, um seinen Zorn auf sich zu ziehen, aber es zeigte auch seine Liebe zum Detail und seine Genauigkeit, die ihm dann völlig zu Recht u.a. den Kurd-Laßwitz-Preis, den Johann-Heinrich-Voß-Preis und den Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis für seine Verdienste um gute Übersetzungen eintrugen.
An die 170 Bücher hat Harry Rowohlt übersetzt, darunter vieles von Philip Ardagh, Robert Crumb, William Kotzwinkle, Shel Silverstein, Kurt Vonnegut und vor allem Flann O‘Brien, der für Harry Rowohlt ein Bruder im Geiste war, und vermutlich hätte er nichts dagegen gehabt, würde man über ihn einst genauso urteilen wie über Flann O’Brien: »So hätte Joyce geschrieben, wenn er nicht so bescheuert gewesen wäre«. Bei Harry Rowohlt könnte man noch hinzufügen: »So hätte Wollschläger übersetzt, wenn er nicht so bescheuert gewesen wäre.«
Er hat unzählige Hör-Bücher eingelesen, und für »Pu der Bär« von A. A. Milne erhielt er nicht nur die Goldene Schallplatte für über 250.000 verkaufte Exemplare, er hat sich ins Gedächtnis einer ganzen Generation von Kindern eingeschlichen, die mit seiner brummbärigen Stimme aufgewachsen sind. Er tingelte lange Zeit als »Paganini der Abschweifung« (Kieler Nachrichten), manchmal auch als »Papageno der Abschweifung« oder als »Paganini der Ausschweifung« durch die Republik, bevorzugt durch deren Provinz, weil er sein Programm kaum änderte und er sich in der gleichen Stadt nicht wiederholen wollte, es sei denn, die Nachfrage war so groß wie in Berlin, als er an zwei Tagen hintereinander den 600 Menschen fassenden Postbahnhof füllte. Und ab und zu schrieb er ja auch noch seine Kolumne »Pooh‘s Corner« in der »Zeit«, die in der deutschen Kolumnenliteratur einzigartig war. Nicht zu vergessen so wunderbare Geschichten wie den »kulinarischen Wildwest-Schundroman« »John Rock oder der Teufel«. Ganz zu schweigen davon, dass er seit 1996 auch noch den Penner in der Lindenstraße spielte.
Harry Rowohlt war ungeheuer fleißig und produktiv. Aber er war es nicht deshalb, weil er einen hohen Lebensstandard hatte und deshalb viel Geld verdienen musste. Harry Rowohlt war Luxus fremd, aber das, was er tat, machte ihm Spaß, meistens jedenfalls, und weil er deshalb Geld übrig hatte, gab er lieber in Not geratenen Kollegen und Freunden wie Hermes Phettberg etwas davon ab, ohne Aufhebens davon zu machen.
Als ich Harry Rowohlt auf der Buchmesse 2000 fragte, ob er nicht seine Memoiren auf Band »sauen« (Rowohlt) wollte, weil mir klar war, dass er sie nie selber schreiben würde, sie aber druckreif erzählen konnte, sagte er spontan zu, obwohl es auch große Verlage gegeben hätte, die das dann daraus entstandene Buch »In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege« gerne verlegt hätten und obwohl er mich damals nicht mal besonders gut kannte. Aber Harry Rowohlt tickte anders. Er war nicht erpicht darauf, unbedingt bei einem großen Verlag unterzukommen.
Als das Buch erschienen war, begeisterte Besprechungen erhielt und sich »wie geschnitten Brot« verkaufte, machte er sich immer gerne über seine »vergeigten Memoiren« lustig, die, wie er behauptete, von »polnischen Spargelstecherinnen« transkribiert worden seien. Andere Verlage waren von dieser Art Humor überfordert, wie der Luchterhand Verlag, der ihm verbieten lassen wollte, weiterhin zu behaupten, er hätte das Manuskript von Frank McCourts Bestseller »Die Asche meiner Mutter« dreimal übersetzt, »einmal aus dem Englischen und zweimal aus dem Lektorat«. Dem Verleger teilte er auf Nachfrage mit, dass er den folgenden Band von Frank McCourt gerne übersetzen würde, »aber nicht für Luchterhand«. In dieser Hinsicht war er unerbittlich, weshalb ihn manche für schwierig hielten, was er aber gar nicht war.
Einmal lasen wir zusammen aus meinen Kreuzberger Szenen-Büchern »Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alhokohol« und »Alles schick in Kreuzberg« im Festsaal Kreuzberg, der dann kurze Zeit später abbrannte. Wie sich herausstellte wegen Kurzschluss, nicht wegen Harry. In diesen Szenen wird viel berlinert und kaum einer konnte das so gut wie der Hamburger Harry Rowohlt, der aber sowieso fast jeden Dialekt perfekt beherrschte. An diesem Abend lernte ich, dass ein Hackenporsche nicht immer ein Hackenporsche ist, sondern nur dann, wenn man ihn zum Bahnhof hinter sich her zieht. Der für Einkäufe benutzte Hackenporsche ist gar kein Hackenporsche, sondern ein Kartoffelmercedes. Und schon wieder war ich klüger und um ein wunderbares Wort reicher. Außerdem klärte mich Harry Rowohlt darüber auf, dass es nicht der sondern das Virus heißt, und wenn der Duden beide Schreibweisen akzeptiere, wie ich zaghaft einwarf, dann komme das nur davon, dass es eben nur genügend »Idioten« geben müsse, die es so lange falsch machten, bis »der Scheiß« dann im Duden Aufnahme fände.
Bei ihm saß der Teufel im Detail. Als ich ihn fragte, ob er einen gemeinsamen Vorleseabend im Roten Salon der Volksbühne nicht wiederholen wollen würde, schrieb er mir von seiner Rückfahrt von Berlin nach Hamburg: »Dann kam als Höhepunkt der tschechische Speisewagen, wo es 50 g Schinken mit Setzeiern und Gurke gab. Ohne die tschechischen Speisewagen wäre das Wort ›Setzei‹ längst ausgestorben. Es gab kleine Plastikschläuche mit Senf und ke?up, ich sagte zur Wirtin: ›Meine Frau ist aus Tschechien; kann ich der die mitnehmen, als kleinen Gruß aus der Heimat?‹ Da hat sie mir einen ganzen Beutel vollgepackt und gefragt: ›Vielleicht winschen noch Brot fir die Frau?‹ Das kann man also jederzeit wieder machen.« Und so machten wir es dann auch.
Vor Welterklärungen anderer verwahrte er sich, denn eine zusätzliche brauchte er nicht. »Ich bin Kommunist: da ist die mit eingebaut.« Als solcher war er allerdings nicht verbissen, nachtragend oder ideologisch. Höchstens als er mal gefragt wurde, ob er die Grünen im Wahlkampf 2005 unterstützen würde. Er schrieb knapp und lakonisch zurück: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Vielleicht war er ungehalten wegen der Zumutung, dass er als »Promi« funktionalisiert werden sollte, der ein »persönliches Statement« abgeben und einen »kreativen Vorschlag« einbringen sollte, lauter Dinge, die ihm ein Graus waren. Jedenfalls schrieb, wie seine Freundin und Herausgeberin seiner Briefe Anna Mikula bemerkt hat, »Harry Rowohlt unbekümmert um die öffentliche Meinung, radikal in Zu- und Abneigung, in klassischer Weise démodé. Es ist der flamboyante Rowohlt-Sound, der eben gerade nicht auf Konsens erpicht ist.«
Und so viele Leute, die sich um Konsens nicht scheren, gibt es ja auch nicht. Jetzt ist Harry Rowohlt, der im April diesen Jahres 70 geworden ist, gestorben. Für einen Moment wünscht man sich, es gäbe einen Himmel. Er würde dort einigen Leuten gehörig auf die Nerven gehen und man könnte sich schon mal auf jede Menge Anekdoten freuen.