Archiv für den Monat: September 2015

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Kaum hat Favre bei Mönchengladbach gekündigt, geht es mit zwei Siegen hintereinander wieder aufwärts. Und obwohl die Gladbacher in Stuttgart nur mit Glück gewannen, weil die Stuttgarter sich als Meister der ausgelassenen Chancen erwiesen, war Favres Entscheidung wahrscheinlich nicht voreilig. Es ist tatsächlich so, dass ohne ständige Erneuerung sowohl im Spielerkader als auch im Verein und im Trainerstab es irgendwann einmal zum Einbruch kommt, für den es zwar auch immer andere Gründe gibt, aber gewisse Abnutzungserscheinungen machen es nun mal schwerer als sonst, wieder aus dem Loch zu kommen. Favre musste schon in früheren Phasen immer wieder davon überzeugt werden, weiter zu machen, aber da es in der vierjährigen Erfolgsgeschichte trotz immer wieder großen Aderlasses von Spielern wie Reus und Dante von der Relegation bis in die Champions-League ging, ließ sich der selbstkritische und nie zufriedene Tüftler Favre immer wieder überreden. Vielleicht lag es ja nur an der Rückkehr einiger verletzter Stammspieler, vielleicht aber eben auch an der überraschenden Kündigung, dass der Knoten plötzlich platzte. Dennoch dürfte es sich auch in Gladbach herumgesprochen haben, dass die Erfolgsgeschichte spätestens mit dem Einzug in die Champions-League vorbei sein dürfte. Zu oft hat man bereits gesehen, dass Vereine, die es nach einer großartigen Saison überraschend in die Champions-League geschafft haben, nicht nur dort grandios gescheitert sind, sondern auch in der Liga plötzlich extreme Schwierigkeiten haben, weil man die auf allen Ebenen steigenden Ansprüche, angefangen bei den Spielergehältern, nicht mehr so ohne weiteres befriedigen kann, weil letztlich die Struktur und das Knowhow fehlen. Der Traum, den die Gladbach-Fans seit den Achtzigern träumen, als man in Europa mitmischte, ist schnell wieder ausgeträumt, und man muss kein Hellseher sein, um mit großer Wahrscheinlichkeit darauf wetten zu können, dass Gladbach kein einziges Spiel in ihrer CL-Gruppe  gewinnen wird, vor allem auch deshalb, weil das Augenmerk jetzt auf die Liga gerichtet ist, um nicht ganz und gar unten reinzurutschen. Gegen Stuttgart hatte man Glück. Andere Gegner werden den Gladbachern nicht den Gefallen tun, mit den Chancen so großzügig umzugehen. Zorniger Stuttgarter sind nach Gladbach die andere Überraschung dieser jungen Saison, denn keine Mannschaft spielt einen so bedingungslosen offensiven Fußball und spielt so viele Chancen heraus mit so wenig Erfolg wie die Schwaben. Die immerhin auf Platz 3 stehenden Schalker so an die Wand zu spielen und trotzdem 1:0 zu verlieren wie am letzten Spieltag, so dass auch Breitenreiter zugeben musste, dass den Schalkern drei Punkte geschenkt wurden, das muss man erstmal zustande kriegen und dann auch verdauen. Nachdem Wolfsburg von Lewandowski in nur zehn Minuten mit 5:1 zerlegt wurde, fiel ihnen auch gegen Schlusslicht Hannover nicht viel ein, außer blind anzurennen. Wolfsburg scheint den Weggang von de Bruyne also nicht so richtig verkraftet zu haben. Aber das ist ja auch gut so.

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

Die fünf Tore Lewandowskis in zehn Minuten gegen Wolfsburg waren nach dem Rücktritt Winterkorns wegen der Abgasmanipulation schon der 2. Tiefschlag gegen den VW-Konzern innerhalb kurzer Zeit und sie zeigten auf, wie schnell die Rolle des ernsthaften Bayern-Konkurrenten schon wieder ausgespielt war. Und bei den Bayern muss man sich fragen, wo man wohl stünde, wenn nicht zwei Ex-Borussen die ganzen Punkte einholen würden, wobei einer sogar kaum spielt. Dass der BVB ebenso souverän und schnell in Hoffenheim nachziehen würde, davon konnte niemand ausgehen, denn Hoffenheim, die mit einem Punkt einen grandiosen Fehlstart hingelegt hatten, würden alle Register ziehen, um den Dortmundern das Leben schwer zu machen. Dennoch war ein Sieg nicht gänzlich ausgeschlossen, aber als die Mannschaftsaufstellung bekannt gegeben wurde, sank die Hoffnung doch beträchtlich, denn Tuchel glaubte, ohne Mkhitaryan und Gündogan auskommen zu können, die Leistungsträger der letzten Spiele. Zwar spielte Reus wieder mit, aber bei ihm weiß man, dass er erst wieder ein paar Spiele benötigt, um nach einer Auszeit wieder Fahrt aufzunehmen. Und so kam es, wie es kommen musste. Die zunächst dominierenden Dortmunder wurden in der Abwehr immer unsicherer gegen die anlaufenden Hoffenheimer, die hinten äußerst engmaschig spielten und die hochstehenden Außen mehr oder weniger kaltstellten. Dortmund hatte zwar mehr vom Spiel, Hoffenheim aber die besseren Chancen, von denen eine Rudy dann verwertete, ein Konter, den Schmelzer nicht schnell genug antizipierte. Tuchel korrigierte in der zweiten Hälfte dann zwar mit der Hereinnahme von Mkhitaryan und Gündogan seinen Irrtum, aber Hoffenheim hatte da bereits Oberwasser, das so schnell dann auch wieder nicht abgelassen werden kann. Dass Dortmunds Ersatzspieler doch eher in die Kategorie Zweitklassigkeit gehören und vielleicht einem abstiegsbedrohten Verein nützlich sein könnten, aber nicht, um jemanden aus der ersten Mannschaft des BVB adäquat zu ersetzen, ließ sich an der Hereinnahme von Ramos ablesen, der den Druck auf Hoffenheim verstärken sollte. Ramos hatte die letzten beiden Großchancen, die einen Sieg bedeutet hätten, aber einmal traf er freistehend vor dem Tor eine flache Hereingabe nicht und beim zweiten Mal schoss er in aussichtsreicher Position den Ball weit übers Gehäuse. Vielleicht machte das Hummels so sauer, wobei ausgerechnet er es war, der in der ersten Halbzeit immer wieder Pässe in den leeren Raum spielte. Jedenfalls konnte man mit der Mannschaftsleistung nicht zufrieden sein, das Passspiel war zu ungenau und einige der entscheidenden Zweikämpfe gingen ebenfalls gegen eine Mannschaft verloren, die bislang die schwächsten Zweikampfwerte aufwies. Eine Auferstehung hingegen feierte Gladbach, die nach dem überraschenden Rücktritt Favres mit dem Interimscoach André Schubert gegen Augsburg nach 21 Minuten bereits 4:0 führten. Schwer anzunehmen, dass nach den ganzen Pleiten jemals ein Sieg so herbeigesehnt wurde wie in Gladbach

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

Auf dem Borussia-Fanzine »Schwatzgelb.de« steht ein von »Sascha« unterzeichneter ausgezeichneter Kommentar über die »Refugeeswelcome«-Aktion von Bild, der sehr und eindeutig benennt, was es damit auf sich hat, so dass ich mir erlaube, eine längere Passage daraus zu zitieren:
»Nun hat also auch die Bild-Zeitung ihr Herz für Flüchtlinge entdeckt. Am nächsten Spieltag, so hat man mit dem Ligasponsor Hermes vereinbart, soll auf den Ärmeln der Trikots statt der Werbung für den Logistikdienstleister mit zweifelhafter Einstellung zu Arbeitnehmerrechten ein Aufnäher der Bild-Zeitung mit den Worten ›Wir helfen – #refugeeswelcome‹ prangen. Als bisher einziger Verein der ersten und zweiten Bundesliga verweigert der FC St. Pauli die Teilnahme an dieser Aktion, woraufhin sich Bild-Chefredakteur Diekmann nicht entblödet, via Twitter zu verlauten, dass ausgerechnet der Club an der Reeperbahn wohl kein Herz für Flüchtlinge habe und man sich damit mit Parteien wie der AfD gemein machen würde.
Ganz davon abgesehen, dass diese Aktion einen eher zweifelhaften Mehrwert hat – die wenigsten Flüchtlinge dürften am Wochenende die Sky-Bundesligakonferenz gucken und gebannt auf die Ärmel von hochbezahlten Fußballmillionären starren –, handelt es sich um einen Vorgang, der an Verlogenheit und Doppelmoral kaum zu überbieten ist. Und der Umstand, dass der FC St. Pauli bislang der einzige Verein mit genug Mut ist, diese Kampagne abzulehnen, ist ein trauriges Zeichen für die Liga. Ausgerechnet die Bild-Zeitung mit ihrem Chef Diekmann geriert sich jetzt also zum Vorreiter im Kampf für Menschlichkeit, Mitleid und Hilfsbereitschaft. Da schwankt man zwischen schallenden Gelächter und fassungsloser Wut.«
Ich würde am liebsten den ganzen Artikel zitieren, denn er macht deutlich, wie pervers diese Bild-Aktion ist. Aber diese Perversion ist das Wesen der Medien heute. Es geht nicht mehr um eine Position oder Haltung, es geht darum, sich am Mainstream anzuflanschen und sich als Vorreiter aufzumandeln. Dann lässt sich gegen »(kriminelle) Ausländer« und gegen den »faulen Griechen« hetzen und mit der Refugeeswelcome-Aktion eine Empathie-Welle reiten, die schnell wieder in sich zusammenbrechen wird. Dann spätestens wird Bild wieder auf die Ausländer einprügeln. In diesem Fall missbraucht Diekmann die Vereine, um für seine Zeitung zu werben, und setzt sie mit moralischen Argumenten unter Druck. Dabei hat St. Pauli und Borussia Dortmund im letzten Freundschaftsspiel während der Länderspielpause gezeigt, dass Bild für eine Aktion der guten Gesinnung nun wirklich nicht nötig ist. Inzwischen hat auch der VfL Bochum und der 1. FC Nürnberg die Bild-Zeitungs-Aktion abgelehnt. Insofern muss man Kai Diekmann dankbar für seine Vorwürfe gegen St. Pauli sein, denn dadurch merkten auch ein paar andere Vereine, woher der Wind weht, und dass es Diekmann nur um die Desavouierung des einzigen großen Vereins geht, dessen Anhängerschaft sich als dezidiert links versteht.