Archiv für den Monat: Februar 2016

Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Mitten in der von Geld und Ölscheichs überfluteten Premier League geschieht ein Fußballwunder: Der als erster Abstiegskandidat gehandelte Leicester City scheint unaufhaltsam auf den Titel zuzumarschieren. Gegen Norwich siegten sie durch ein Tor in der 95. Minute und werden am schärfsten von Tottenham verfolgt, dem nächsten Gegner des BVB in der Euroleague. Und Tottenham hätte man auch nicht unbedingt auf Platz zwei vermutet, denn seit Jahren rangeln die üblichen Verdächtigen um Platz 1, d.h. Arsenal, ManU, ManCity, Liverpool (nicht immer) und der FC Chelsea, der im Mittelfeld herumtümpelt trotz Abramowitsch und seiner Millionen, die er in sein Spielzeug investiert. Das Phänomen Leicester kann niemand erklären, denn alle Zeichen deuteten auf einen Abstieg hin. Der Trainer, der den Kader zusammengestellt und u.a. den von Schalke aus Altersgründen aussortierten Christian Fuchs verpflichtet hatte, wurde entlassen. Es kam Claudio Ranieri, der als Trainer der griechischen Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation gerade 1:0 gegen die Faröer Inseln verloren hatte und auch sonst schon verdächtig häufig gefeuert wurde. Die Mannschaft besteht fast nur aus Fußball-Legionären, die sich wie der deutsche Robert Huth auf dem absteigenden Ast befanden, und die Tore schießt ein gewisser Jamie Vardy, der in einer Zeit, in der andere ihren Durchbruch schaffen, noch siebtklassig war und erst seit 2012 mit Leicester um den Abstieg spielte. Auf die Ernährung, der in der englischen Liga große Bedeutung beigemessen wird, achtet hier niemand, und das einzige Konzept Ranieris besteht darin, den Spielern zu sagen, dass das ihre große Chance ist, die nie wieder kommen wird. Ein bisschen ist das wie beim sensationellen EM-Sieg Dänemarks 1992, als Dänemark zunächst gar nicht qualifiziert war und ohne Vorbereitung teilnehmen konnte, weil in Jugoslawien gerade Bürgerkrieg herrschte. Oder wie die letzte Meisterschaft Kaiserslauterns 1998, als gleich nach dem Aufstieg in die 1. Liga der Titel geholt wurde. Ein bisschen wäre das so, wie wenn Ingolstadt oder Darmstadt auf die Schale zusteuern würde. Lustig wäre es, aber schön bestimmt nicht, denn nach dem 1:1 der Ingolstädter in Hamburg beschrieb Drmic den Gegner als einen »Horror für die Bundesliga«, denn was die spielen würden, sei »gar kein Fußball. Mir tat jeder leid, der das sehen musste.« Der Gegner sei nur darauf aus, den Spielfluss zu zerstören, Fouls zu begehen und beim Schiedsrichter zu reklamieren. Dass diese Beschwerde allerdings vom HSV kommt, dem selbst der Ruf einer Kloppertruppe vorauseilt, ist die Ironie der Geschichte. Und auch Darmstadt krallt sich mit allen Mitteln in der ersten Liga fest und schaffte bei Werder ein 2:2, das sich für sie allerdings anfühlte wie eine Niederlage, weil Pizarro erst in der 89. Minute den Ausgleich erzielte. Werder hingegen rutscht immer tiefer in den Abstiegsstrudel, weil Hoffenheim und Hannover immer näher kommen. 96 jedenfalls setzte ein Ausrufezeichen und siegte in einem spannenden Spiel mit vielen verpassten Gelegenheiten 2:1 in Stuttgart, die zuletzt von Sieg zu Sieg eilten. Hertha gewinnt mal zur Abwechslung wieder, diesmal 1:0 in Köln, allerdings mit Hilfe des Schiedsrichters, der ein Handspiel von Per Skjelbred übersah und damit den allerdings schwachen Kölnern die Chance verwehrte, den Ausgleich zu erzielen. Und Götze gewöhnt sich langsam an ein Leben auf der Bank.

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Schon zwölf Spieltage vor Saisonende gibt es erste Gerüchte über Spieler, die dem Ruf des Geldes folgen. Gündogan, der vor noch nicht allzulanger Zeit sagte, er könne sich auch vorstellen, weiter in Dortmund zu spielen, wechselt wahrscheinlich nach Manchester City, was logisch ist, denn dort trainiert ab Sommer Guardiola, der sich einen neuen Kader zusammenkaufen muss, denn der alte hat versagt, und die Scheichs lassen nicht locker und wollen es endlich wissen. Dortmund bedient sich dafür aus Vereinen, die mit dem BVB nicht mithalten können, also aus fast allen außer Bayern und Wolfsburg, wo sich wiederum die Premier League bedient. Mo Dahoud von Gladbach soll Gündogan perspektivisch ersetzen. Aber vielleicht liegt das Gute ganz in der Nähe. Sahin ist letzten Donnerstag nach einem Jahr Verletzungspause gegen Porto wieder zurückgekehrt und hat sofort die Position des strategischen Spielgestalters in glänzender Weise übernommen. Und vielleicht kommt er ja wieder, schließlich wurde er im ersten Meisterschaftsjahr mit seiner Beteiligung zum besten Mittelfeldspieler der Liga gewählt. Trotzdem ist es schade, dass wieder einer der besten Dortmunder den Verein verlässt genau zu einem Zeitpunkt, in dem hätte etwas heranreifen können. Aber das ständige sich Neuerfinden und Verjüngen hat ja auch etwas positives, jedenfalls ist es besser, es so zu sehen, bevor man eine Depression bekommt, denn die Haken und die Pässe Gündogans konnten einem auch ein schlechtes Spiel versüßen. Aber es ist schon merkwürdig, denn von den vier Großeklassespielern, die Dortmund verlassen haben, konnte sich nur Lewandowski durchsetzen, während Götze als Einwechselspieler endete und Sahin und Kagawa wieder zurückkehrten.
Die Bayern lagen bis zur 49. Minute gegen eine B-Elf Darmstadts zurück und taten sich schwer. Vermutlich deshalb übersah der Schiedsrichter einen Ellbogen-Schlag des für seine Ellbogen-Schläge berüchtigten Rafinha, der vom Platz hätte geschickt werden müssen, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre. Aber das tut es in München nicht, während in Dortmund in der Euroleague gegen Porto ein noch rüderes Foul von Varela, der Reus übel umtrat und es an ein Wunder grenzte, dass der nicht gleich ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, gnädig mit einer gelben Karte bedacht wurde. Hertha spielte mal wieder unentschieden. Diesmal gegen Wolfsburg, die inzwischen auf Platz 8 abgerutscht sind, aber es wahrscheinlich gegen die Luschen aus Gent ins Viertelfinale der CL schaffen. Gladbach hingegen stellte seine Heimstärke unter Beweis und gewann das Rheinderby gegen Köln mit 1:0. Und Werder bestätigte wieder einmal seinen Abwärtstrend, diesmal in Ingolstadt, wo man mit 2:0 unterging. Hoffenheim hingegen scheint auf die Beine zu kommen, denn unter Nagelsmann ist die Elf kaum mehr wiederzuerkennen. 3:2 gewannen sie gegen Mainz, wo man sich immerhin Hoffnungen auf einen internationalen Platz macht. Wenn es Hoffenheim aus dem Keller schafft und nächste Saison Leipzig aufsteigt, hat die Bundesliga schon vier Retortenvereine, deren Kennzeichen es ist, keine richtigen Fans zu haben. Aber auf die scheint man auf längere Sicht sowieso verzichten zu können. Wer braucht die schon, wenn man VIPs hat und Fernsehgelder und der normale Fan sich ein Ticket gar nicht mehr leisten kann.

Die Wahrheit über den 21. Spieltag

Gegen den ansonsten verlässlichen Punktelieferanten Hannover 96 wurde es ein zähes Spiel. Das war allerdings auch abzusehen, denn was kann eine Mannschaft, die auf dem letzten Platz steht, schon tun außer sich mit Mann und Maus kurz vor der Strafraumlinie zu versammeln. Immerhin bot Hannover defensiv eine beeindruckende Leistung, was ihnen gegen andere Mannschaften nicht gelang. Aber vielleicht weil sie inzwischen nichts mehr zu verlieren haben, spielten sie in Dortmund aufopferungsvoll und diszipliniert. Sie verloren nicht einmal die Ordnung als das erlösende Tor von Mkhitaryan fiel, das erste von 53 Treffern Dortmunds in dieser Saison, das nach einem Schuss außerhalb des Strafraums erzielt wurde, was viel über die Offensivqualitäten der Dortmunder aussagt. Hannover blieb in der eigenen Hälfte kompakt stehen, während die Dortmunder hinten herum spielten, immer die gleiche Ballstafette, Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer und wieder zurück. Und warum auch nicht? »Save the ball«, rief Tuchel einmal ins Feld, denn gegen diese Hannoveraner, die offenbar gar nicht gewinnen wollten, war es sinnlos, irgendein Risiko einzugehen. Und weil das Spiel so unansehnlich war, bis vielleicht auf die ersten zwanzig Minuten, als Reus bei einem Freistoß die Latte traf und Zieler aus kürzester Entfernung einen Ball von Reus parierte, sorgte der verletzte Aubameyang, der auf der Tribüne Platz nahm, in einer weißen Jacke mit flauschigem Kragen und einer verkehrt herum aufgesetzten hellblauen Baseballmütze für Glamour, der natürlich sofort für Spott sorgte, denn in der Fußballbranche zählen Schweiß und Tränen und schlechter Geschmack. Sofort machte man sich Sorgen, ob nicht womöglich eine ganze Horde Hasen ihr Leben für die Jacke lassen musste, und auch sein mit Strasssteinen geschmückte Handy wurde abfällig kommentiert, dabei ist das mal was anderes als in lächerlichen Lederhosen herumlaufen zu müssen, weil der Verein es anordnet. In Darmstadt riefen die Fans: »Ohne Schiri habt ihr keine Chance!«, weil der Mann in Schwarz systematisch die Leverkusener bevorzugte und die Darmstädter um ein gerechtes Unentschieden brachte. Obwohl die Stuttgarter im Pokal in einem tollen Spiel gegen Dortmund ausgeschieden sind, setzten sie ihren Höhenflug fort und feierten gegen Hertha ihren fünften Ligasieg in Folge, und das wiederum bedeutet, dass der BVB seinen Vorsprung auf den nunmehr von Leverkusen gehaltenen 3. Platz auf 13 Punkte ausbauen konnte. Ein angenehmes Polster, auch wenn es vermutlich unnötig ist und eigentlich nur die Spannung aus der Liga herausnimmt. Im Abstiegsduell Bremen gegen Hoffenheim kam Bremen über ein 1:1 nicht hinaus, weil man selbst die hochkarätigste Chancen vergab. Nachdem Huub Stevens wegen Herzproblemen aufhören musste, die man bei einem Verein wie Hoffenheim allerdings bekommen kann, brachte der mit 28 Jahren jüngste Trainer in der Bundesligageschichte, Julian Nagelsmann, zumindest Glück mit, das man in Hoffenheim auch dringend braucht, um nochmal den Hals aus der Schlinge zu ziehen. Frankfurt und Augsburg kommen alternativ für den Abstieg noch in Frage, aber wer will das schon. Die Eintracht wurde jedenfalls aufs schwerste in Köln vom Schiedsrichter benachteiligt. Armin Veh sagte: »Entweder ich verstehe das Spiel nicht mehr, oder der Schiedsrichter war schlecht.« Vermutlich ist beides der Fall.

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

Vor dem Spiel wurden wurde ich von einem dubiosen Autor aus Irland, einem gewissen „Ralle“, per SMS auf ein ebenso dubioses 9:1 vom April 1970 hingewiesen, weil Hertha-Fans sich an lange zurückliegende Ereignisse erbauen müssen, weil es sonst so wenig gibt, womit sie angeben können. Ich kann mich an dieses Spiel nicht erinnern, weil ich mich mit der verspielten Meisterschaft der Dortmunder gegen 1860 München im Jahre 1966 vom Fußball enttäuscht zurückzog, nicht zuletzt auch deshalb, weil es zu diesem Zeitpunkt nun wahrlich spannendere Dinge zu erleben gab. Und deshalb musste ich mir diese Anspielung zunächst mühsam zusammenreimen. Inzwischen heißt der Trainer Herthas Paul Dardai, der zurecht darauf hinwies, dass Hertha nicht etwa auf Platz 3 stünde, weil sie so toll Fußball spielten, sondern weil die anderen Mannschaften so schlecht seien. Und das ist kein Understatement, sondern eine ziemlich gute Einschätzung. Man muss sich nur Mannschaften angucken wie Leverkusen und Wolfsburg und Gladbach, die Anwärter auf die CL-Plätze, die sich zwar im oberen Drittel befinden, aber alles andere als konstant spielen. Hertha versucht einfach nur, möglichst keine Tore zu bekommen, womit sie erstaunlich erfolgreich sind. Ich habe das Spiel nur auf dem Ticker verfolgt, weil ich in Dresden war, um mir die armseligen Deppen von der Pegida anzugucken, die sich auf der anderen Seite der Elbe versammelt hatten, weit weniger als erwartet, während auf der anderen Seite ein paar Linke und Touristen neugierig, aber auch etwas gelangweilt hinübersahen. Ich erklärte meinem Kleinen, dass es sich um Leute handelte, die ein bisschen dumm seien und in der Schule nicht aufgepasst hätten, als mich ein „besorgter Bürger“ ansprach, der aber mit 30, Glatze und entsprechender Jacke alles andere als ein solcher aussah. Er würde sich Sorgen machen um Deutschland, wenn kein Dialog zwischen beiden Fraktionen mehr möglich sei. Ich sagte, ich würde mit solchen Vollidioten keinen Dialog wollen und dass ich besorgte Bürger noch schlimmer finden würde als Nazis. Damit war das Tischtuch natürlich zerschnitten, was mir aber auch recht war, denn dann konnte ich auf dem Live-Ticker nachsehen, wie es in Berlin aussah. Was ich da zu lesen bekam, ließ leider nicht auf ein besonders spannendes Spiel schließen, was Schmelzer nach dem Spiel denn auch bestätigte. Für die Hertha-Fans war das 0:0 natürlich toll, weil der Abstand zu Dortmund auch weiterhin 10 Punkte beträgt und sie auch nicht von einem anderen Verein von Platz 3 verdrängt wurden. Außerdem hatten die Dortmunder dafür gesorgt, dass das Olympiastadion endlich mal ausverkauft war, denn außer dem BVB ist höchstens Bayern für die Berliner attraktiv genug, um mal ins Stadion zu gehen, was natürlich auch wiederum für Berlin spricht, wo Hertha keine Rolle spielt, im Gegensatz zur Stadt Dortmund, für deren Bewohner der BVB alles ist, weil es außer Nazis nicht wirklich viel gibt, sieht man von ein paar wirklich netten Leuten ab, die nichts dabei finden, in Dortmund zu wohnen und die ich namentlich aufzählen könnte. Watzke war auch in Berlin. Er saß neben Mourinho und erklärte ihm irgendwas, aber der Portugiese schien schlecht gelaunt zu sein. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn Mourinho Trainer beim BVB wäre. Aber mit fiel einfach nichts ein. Fürs Image wäre es jedenfalls nicht gut.

Nachruf auf Marc Dachy

Von seinem Tod erfuhr ich erst sehr spät. Fast vier Monate seit dem 8. Oktober 2015, dem Tag seines Todes, waren vergangen, als ich davon erfuhr. Auf einem kleinen fotografierten Handzettel, den ich im Internet fand, war zu lesen: »Marc Dachy est Mort. Apostolidès est Vivant… C‘est un double malheur pour la pensée honnête.« Apostolidès ist der Autor der neuen, mittlerweilen vierten umfangreichen Biografie Guy Debords »Debord Le Naufrageur« (2015), und sie wurde von Gianfranco Sanguinetti, der zusammen mit Debord die Auflösungsschrift der SI verfasst hatte, verrissen. Marc Dachy genoss im schon lange totgesagten, aber immer noch existierenden postsituationistischen Milieu offenbar großes Ansehen. Vielleicht deshalb, weil er ihm nicht angehörte. Er war der Spezialist in Sachen Dada, das »lebende dadaistische Lexikon«, wie Le Monde schrieb. Er gab mit »Lunapark« ein Periodikum zur Kunst des 20. Jahrhunderts heraus und veröffentlichte z.B. unbekannte Briefe von Arthur Cravan. Selbst in Deutschland konnte ihm niemand auf diesem Gebiet das Wasser reichen, obwohl er nicht mal deutsch konnte. Sein Standardwerk »Dada & les dadaïsmes« erschien bei Gallimard. Schon in den Siebzigern entdeckte er Clément Pansaers, einen lange Zeit vergessenen Dadaisten aus Belgien, dessen Stern im Frühjahr 1921 am Pariser Dadaistenhimmel aufging und schon Ende 1922 in einem Krankenhaus verglühte. Nachdem Dachy dessen Schriften und Gedichte in der Editions Gérard Lebovici herausgegeben hatte, dem Hausverlag Guy Debords, lernte ich ihn kennen, weil ich die Schriften Clément Pansaers auf deutsch herausbringen wollte. Es entstand ein aufwendig gemachtes Buch mit dem Titel »Vive Dada!«, das kaum jemanden interessierte, mir aber die Freundschaft zu einem außergewöhnlichen Menschen bescherte, der sein Leben nie sparsam dosierte, sondern dessen Leidenschaft für die revolutionäre dadaistische Kunst immer brannte, der großzügig war, auch wenn er kein Geld hatte, der verschwenderisch war auf die Gefahr hin, sich zu ruinieren. Damals lud er mich in ein exquisites Restaurant in Paris ein und tat so, als wäre er dort zu Hause, was er vermutlich sogar war, während ich mich wie ein Fremdkörper fühlte, und erst später erfuhr, dass er am linken Ufer in einem winzigen Zimmer hauste. Als die Mauer fiel, besuchte er mich in Berlin, um sich den historischen Moment aus der Nähe anzusehen. Über was wir redeten, weiß ich leider nicht mehr, vielleicht weil wir uns mühsam auf Englisch unterhalten mussten, aber der Strampelanzug, mit dem er sich ins Bett legte, amüsierte mich über die Maßen. Der Kontakt zu ihm blieb, wenngleich nur sporadisch. Ab und zu besuchte ich ihn, wenn ich in Paris war, das letzte Mal im »Deux Magot« und ich war wie immer beeindruckt von seinen Geschichten, denn er kannte in Paris wirklich alle, das gesamte intellektuelle Leben, er war eine Plaudertasche, die nichts lieber tat, als den neuesten Klatsch zu erzählen, den schließlich jeder am liebsten hört. Wir trafen uns zur blauen Stunde, zum Aperitif, zu dem gesalzenes Gebäck gereicht wurde, das er in einer Geschwindigkeit vertilgte, als hätte er seit Wochen nichts mehr gegessen. Dem Martini bianco erging es nicht besser. Ich erfuhr, dass er inzwischen ein Kind bekommen hatte, und ich stellte mir das Chaos in seinem Leben vor. Schließlich wurde im ersten Stock des Deux Magot, wo wir uns aufhielten, ein Büchertisch für eine offenbar bevorstehende Lesung aufgebaut, und Marc Dachy machte sich einen Spaß daraus, ein Buch zu klauen und mit seinem Namen zu signieren, bevor er dabei ertappt wurde und es wieder abgeben musste, auch wenn er es vermutlich gar nicht behalten wollte. Es war nur die Geste, auf die es ihm ankam. Die Geste eines exzentrischen Chaoten, der Verwirrung stiften wollte, so wie es die Dadaisten gemacht hatten, der die den Menschen eigenen gewohnten Verhaltensweisen unterbrechen, sie aus ihrem gewohnten Trott bringen wollte. Wieder einer, der der Welt fehlen wird und der sein Wissen mit ins Grab nimmt, so dass sich in der Welt eine weitere Leerstelle des Vergessens breitmachen wird, die sich nie wieder schließen wird.