Archiv für den Monat: März 2016

Roger Willemsen. Notizen über eine verlorene Freundschaft

Im März 1990 las ich in der Konkret einen langen Artikel über Richard von Weizsäcker von einem mir damals unbekannten Autor: Roger Willemsen. Er sezierte die Sprache Richard von Weizsäckers und stellte dabei fest, dass seine Gedanken als profund gelten, aber tatsächlich nur schwer als solche interpretiert werden können, denn der Inhalt ist oft rätselhaft, nichtssagend und aufgeblasen. Weizsäcker verbringt, wie Willemsen schrieb, »sein Leben mit der Vermehrung rhetorischen Jahresmülls«. Ich war von dem Artikel begeistert, weil da jemand sehr präzise beschrieb, was es mit Richard von Weizsäcker auf sich hatte, der bis in die Linke hinein seit seiner nicht anders als salbungsvoll – rhetorischer Jahresmüll eben – zu bezeichnenden Rede 1985 zum 40. Jahrestages der Beendigung des Krieges großes Ansehen genoss. Und weil ich mich noch gut daran erinnerte, dass Weizsäcker als Bürgermeister Berlins den Rechtsradikalen Lummer zum Innensenator ernannt hatte, um die besetzten Häuser räumen zu lassen, war ich gleich noch mehr angetan von der ebenso vehementen wie eleganten Kritik, die dem Schaumsprachler Weizsäcker den Stecker zog, so dass von seiner Glaubwürdigkeit, mit der er wie niemand sonst das »andere, das gute Deutschland« repräsentierte, wenig ansehnliches zurückblieb.
Also setzte ich mich gleich mit Willemsen in Verbindung und schrieb ihm, dass ich gerne ein Buch von ihm machen würde, am besten eine verlängerte Fassung seines Artikels über Weizsäcker. Stattdessen machte er mir einen Gegenvorschlag: »Mir schwebt ein Buch vor mit dem Arbeitstitel ›Die guten Deutschen‹, darunter sollten sich versammeln etwa zehn Porträts der exponiertesten, widerlichsten und geistig-moralisch repräsentativsten deutschen Köpfe, und zwar so, daß, nähme man alle Einzelporträts zusammen, das Buch Deutschland in unterschiedlichen Perspektiven erhellte. Wohlgemerkt ein Deutschland-Porträt in polemischen Verrissen, in Substanz und Tonlage dem Weizsäcker-Text verwandt. Gedacht hatte ich neben R.v.W. unter anderem an: Franz Alt, Johannes Gross, Luise Rinser, Kroetz, Albertz, Cohn-Bendit, Wallraff, Höhler. Vielleicht auch Alice Schwarzer oder Ede Zimmermann, jedenfalls an Leute von diesem Kaliber.« Willemsen hatte für Radio Bremen zu den sechs erstgenannten jeweils eine Halbstundensendung gemacht, aber bei Albertz und R.v.W. hatte der Sender Angst, juristisch belangt zu werden, obwohl die Artikel auf Justiziables hin überprüft worden waren, weshalb er absagte, und auch Kiepenheuer »machte keinen Hehl daraus, [dass] ihnen das ›zu heiß‹ sei, das seien doch lauter nette Leute.« Daraufhin ließ Willemsen die Sache auf sich beruhen, und das nicht ohne großes Bedauern, »denn, ehrlich gesagt, die Recherchen für ein solches Buch sind grauenhaft, es ist einfach Drecksarbeit (für den Weizsäcker-Text las ich allein etwa 1500 Seiten Präsidentenreden, das ist mehr als man geistig unangefochten durchsteht).« Aber dann bekam er Post aus Berlin.
Damals lebte Willemsen in London. Er kam nach Berlin und klingelte bei mir. Später sagte er häufig, er hätte seine Zusage zu dem Buch davon abhängig gemacht, ob ich ihm im Moment des Türeaufmachens sympathisch sei oder nicht. Offenbar war ich es, denn herauskamen unter dem Titel »Kopf oder Adler. Ermittlungen gegen Deutschland«, ein Porträt Deutschlands, in dem die ganzen »netten Leute«, die er in seiner Liste aufgenommen hatte, natürlich eine Rolle spielten, weil sie dieses Deutschland ja nicht unerheblich repräsentierten, ein Horrorkabinett, und keiner auf dieser Liste hätte in einem »Who‘s who peinlicher Personen« fehlen dürfen.
Als ich unsere Korrespondenz von damals wiederlas, fiel mir eine dreiseitige Replik Willemsens in die Hände, die er auf Broders eigentlich lobende taz-Rezension seines Buches geschrieben und die ich völlig vergessen hatte. »Zunächst mal: habe ganz lahme Schultern davon bekommen, so oft hat er mir drauf geklopft. Auch wenns gut gemeint ist, ich habs nicht gern, und täusche mich auch nie darin, daß der Rezensent vor allem feststellen wird, daß am Ende doch er selbst der Klügere ist. Formulierungen wie: ›Faustregel, der ich hier nur zustimmen kann‹, ›kann ich ihm meinen Respekt nicht versagen‹ (…) oder ›schreiben kann er‹ verraten mir vor allem, welchen Respekt der Rezensent vor sich selber hat. Würde er Adorno auch so rezensieren? ›Schreiben kann er‹? Also ich für meinen Teil lasse mich entmündigen, sobald mir ein einziger dieser Sätze unterläuft.« Willemsens Misstrauen war gut begründet, wenngleich in der Frage, ob Broder Adorno auch in diesem Stil rezensiert hätte, bereits eine kleine Hybris aufschien. Willemsen stellte es mir anheim, seine Überlegungen an Broder weiterzuleiten, mit dem ich gerade zusammen »Liebesgrüße aus Bagdad. Die edlen Seelen der Friedensbewegung und der Krieg am Golf« herausbrachte. Ich weiß nicht mehr, ob ich es getan habe, aber auch ohne diese Vermittlung waren sich die beiden nie grün.
An der Anthologie »Liebesgrüße aus Bagdad«, in der u.a. »Hitlers Wiedergänger« von Enzensberger enthalten war, beteiligte sich Willemsen nicht, weil er gegen den Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak trotz völkerrechtlicher Gründe Einwände hatte, die sich für ihn auch durch die Hysterie der Friedensbewegung nicht relativierten. Auf der Buchvorstellung von »Kopf oder Adler« im Berliner Literaturhaus trat unser Dissens andeutungsweise zu Tage, tat unserer Freundschaft aber keinen Abbruch. Er belieferte viele der in den neunziger Jahren im Verlag erscheinenden Anthologien wie »Das Wörterbuch des Gutmenschen«, und er war regelmäßiger Beiträger des Jahrbuchs »Warum sachlich, wenns auch persönlich geht. Das Who‘s who peinlicher Personen«, auch wenn ich immer ein wenig drängeln musste. Aber das gehört zum Geschäft. Dafür bekam ich dann schöne Faxe wie das vom 18.2.94: »Du fragst mich nach meinen guten Nachrichten für Dich. Ja, ist das nichts, dieses in geradezu metaphysischer Anhänglichkeit an Dich und Treue zu Dir dahinziselierte ›FR-Manuskript‹ [?], mit dem sich die Summe meiner publizistischen Feinde wieder einmal vergrößert? Alles, weil ich damals an Deiner Berliner Haustür nicht rechtzeitig den Schwefeldampf gerochen habe, der von Dir, wie von jedem Teufel, aufsteigt.«
Ich weiß nicht, inwieweit »Kopf oder Adler« dazu beigetragen hat, dass Willemsens Karriere als Autor nun ziemlich schnell Fahrt aufnahm. Bei Redakteuren, die früher bei seinen Texten kalte Füße bekamen, hatte er jetzt carte blanche. Der Spiegel veröffentliche Willemsens Verriss des neuesten Buches von Johannes Gross und auch das Zeit-Magazin öffnete ihm seine Seiten. Das hielt ihn nicht davon ab, sich spöttisch über seine Auftraggeber zu äußern. Wunderbar seine Sottise über die Zeit: »Die Zeit ist ein wohlerzogenes Blatt und liebt die freie Meinungsäußerung, aber vornehmlich bei Meinungen, für deren Äußerung man keine braucht. Nur die Rechtsradikalen müssen vor ihr wirklich Angst haben. Denen werden hier nämlich derart die Leviten gelesen! Wenn die ihre Wochenration Theo Sommer hinter sich haben, dann kriegen sie vor Unrechtsbewußtsein keinen Molotow mehr hoch.«
Das war zu scharf und zu intelligent, um jemals massenkompatibel zu sein. Als seine Essays und Polemiken 1999 bei Tiamat unter dem Titel »Bild dir meine Meinung« erschienen, war er bereits fernsehbekannt, sein Buch aber profitierte nicht davon. Schon 1990 wurde er vom Bezahlfernsehkanal Premiere für eine tägliche Interview-Sendung entdeckt, denn mit dem Medium hatte er vorher nie etwas zu tun. Später verpflichtete ihn dann das ZDF, nachdem sich in der Medienwelt herumgesprochen hatte, was für eloquente und brillante Interviews er führte. Die waren dem ZDF dann aber doch zu eloquent und brillant, weshalb er immer wieder Ärger bekam, weil er Politikern zu sehr auf den Zahn fühlte, bis er schließlich diese Spezies nicht mehr einladen durfte. Legendär war sein Interview mit Helmut Markwort, den er mit seiner Vergangenheit als Pornofilm-Darsteller konfrontierte und den er mit seinen Ausreden und Beschönigungen nicht davonkommen ließ. Willemsen wollte sich mit politischen Gegnern streiten und sie nicht bauchpinseln. Und er hatte die Mittel dazu, denn er war umfassend gebildet, hatte ein unglaubliches Wissen gespeichert, das er jederzeit abrufen konnte, war rhetorisch allem gewachsen und schnell und präzise im Denken.
Da ich dem Medium Fernsehen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe, war ich von dem etwas schlichten Gedanken überzeugt »Fernsehen verdirbt den Charakter«, in jedem Fall aber glaubte ich, dass Willemsen seine großartigen Fähigkeiten als Autor im Fernsehen vergeudete, und zumindest als er einmal eine (oder vielleicht auch mehrere?) große Galashows moderierte und Gerhard Schröders Karriere vor und nach der Wahl wie eine Homestory dokumentierte, sich ihm »einfühlsam« näherte, war dieser Gedanke ja auch nicht völlig abwegig, denn er begab sich in die Nähe von Leuten, die für ihn früher höchstens als Gegenstand der Polemik taugten. Er wurde durch das Fernsehen noch narzistischer und eitler als man es als Autor und TV-Moderator sowieso sein muss, was mich damals sehr befremdete, mehr als heute.
Als er mich 1998 auf der Buchmesse an meinem Stand besuchte, weil wir das geplante Buch »Bild dir meine Meinung« besprechen wollten, gingen wir ein wenig durch die Hallen. Er wurde dann sehr schnell von einer jungen Frau angesprochen, die er überschwänglich begrüßte und mit der er sich den Rest unseres Spaziergangs unterhielt. Eine alte Freundin, dachte ich, aber dann stellte sich heraus, dass Willemsen sie gar nicht kannte. Die Empathie, mit der er Menschen begegnete, war erstaunlich, gleichzeitig aber auch etwas beliebig und – diesem unangenehmen Gefühl konnte man sich nicht so richtig entziehen –auch etwas routiniert, denn wenn man vielen auf so emphatische Weise begegnet, entwickelt man eine Verhaltenstechnik, die die Empathie nur als solche erscheinen lässt. Als Gegenüber weiß man dann nie, ob die Empathie, die einem entgegengebracht wird, echt oder einfach nur eine launische Übertreibung ist, und man beginnt zu zweifeln, ob der andere sich selbst darüber im Klaren ist. Zudem weckt die ständig zur Schau getragene Begeisterung Erwartungen, die zwangsläufig enttäuscht werden, denn niemand kann sie in dem Ausmaß erfüllen, wie sie geweckt wurden.
Letztlich lässt sich das schwer beurteilen, aber trotz der leichten Vorbehalte, die ich ihm gegenüber hatte, nahm sich Willemsen die Zeit, 1999 auf meinem 20-jährigen Verlagsjubiläum eine Eloge auf den Verlag und den Verleger zu halten. Leider gibt es davon kein Ton-Dokument, nur ein Foto, denn außer, dass er mich über den grünen Klee lobte, habe ich keine Erinnerung mehr an irgendeinen konkreten Inhalt der Rede, die er vermutlich aus dem Ärmel schüttelte und die lobend, aber dennoch nicht platt war, so dass man ihr gar nicht anders folgen konnte als mit einem gewissen Stolz, auch wenn ich sie damals leider an mir vorbeirauschen ließ. Immerhin versuchte ich einigermaßen erfolgreich, mich nicht für den zu halten, den Willemsen aus mir zu machen versuchte.
Auch wenn wir uns danach noch ein paarmal trafen, trat eine zunehmende Entfremdung ein, weil unsere Positionen in politischen Fragen auseinanderdrifteten, und das nicht nur im Irak-Krieg, sondern auch bei der Wiedervereinigung, bei der er dazu neigte, die kleinen Leute zu idealisieren und sich für das zu begeistern, was noch nicht vom Westen modernisiert worden war. Das ist vielleicht unfair, weil er in seinem bereits 1990 entstandenen Beitrag für das dann 1993 entstandene Buch »Der rasende Mob. Die Ossis zwischen Selbstmitleid und Barbarei« natürlich noch nicht die Ausländerfeindlichkeit in Rostock und Lichtenhagen ahnen konnte, aber die Romantik, die er zwar ausdrücklich daraus nicht gewinnen wollte, die aber trotzdem fühlbar war, wenn er der »Abwesenheit von Luxus« in der DDR nachtrauerte, in einer Umgebung, »in der Produkte schlicht ihre Zwecke erfüllen«, was »zwangsläufig Erleichterung auslöst vom Terror des Konsums«, hat etwas merkwürdig rückwärts Gewandtes, weil er etwas erhalten will, was nur für den touristischen Blick erhaltenswert erscheint, für den Außenstehenden, der die aus der Not geborene Schlichtheit als pittoresk empfindet, nicht aber für Leute, die den Mangel einfach satt hatten und sich dem Terror des Konsums nur zu gerne unterzogen haben und zwar von Anfang an, auch wenn es nicht sehr schön anzusehen war, weil freiwillige Unterwerfung nie schön anzusehen ist.
Heute sehe ich die Differenzen differenzierter, ich kann seine Motive besser nachvollziehen, aber was ich weder damals noch heute verstehe, war seine Begeisterung für Arafat, mit dem er einmal ein Interview geführt hatte, das ich mich scheute anzusehen. Arafat aber war immer einfach nur ein korrupter und israelhassender Politiker. Für diese Erkenntnis ist es manchmal besser, nicht mit demjenigen gesprochen zu haben, genausowenig wie ich mit einem Nazi gesprochen haben muss, um zu wissen, dass mich seine Vorstellungswelt nicht interessiert. Oder, um mit Wolfgang Pohrt zu sprechen, man muss nicht an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass sie stinkt. Aber solche unterschiedlichen Anschauungen haben wir nicht diskutiert, schon aus Mangel an Gelegenheiten, dennoch wussten wir um die Unterschiede. Nicht en detail, aber es war klar, dass ich mit Autoren zu tun hatte (Pohrt, Geisel, Broder) und mich in einem Milieu (Konkret, für die ich damals regelmäßig schrieb) aufhielt, das ihn nicht besonders schätzte (später dann auch heftig kritisierte), und umgekehrt war es vermutlich auch nicht anders, obwohl ich das nicht beurteilen kann. Aber solche Dinge wie sein grandioser Totalverriss Helmuth Karaseks und sein natürlich tadesloses und geschmeidiges Auftreten im Literarischen Quartett war etwas, das ich zwar bewunderte, das aber auch seine Integration im Kulturbetrieb dokumentierte, dem er immer weniger mit beißendem Spott und immer mehr mit kritischer Teilnahme begegnete.
Viele seiner Fernsehsendungen und -Auftritten bekam ich allerdings gar nicht mit, nicht nur, weil sie mich nicht wirklich brennend interessierten, sondern weil ich sie nicht mitbekommen wollte. Ich wollte nicht etwas ansehen müssen, was ich womöglich schlecht oder auch einfach nur beliebig gefunden hätte. Und mit großer Sicherheit wäre das der Fall gewesen, hätte ich den Willemsen, den ich wegen seiner scharfen Polemiken schätzte, nicht mit dem Willemsen zusammengebracht, der im Fernsehen Promis moderierte. Seine Faxe enthielten nur noch Grüße und Entschuldigungen, weil er noch zwei Bücher schreiben müsse oder gerade wieder unterwegs sei oder sonstigen Verpflichtungen nachkommen müsse. Das ist nichts außergewöhnliches bei jemanden, der eben viel zu tun hat, aber es wurde auch deutlich, dass er andere Prioritäten setzte, die mit dem, was er einmal gemacht hatte, nicht mehr viel zu tun hatte.
Als ich ihn schließlich zum letzten Mal vor ein paar Jahren auf dem Empfang des Fischer Verlages sah, standen wir nur wenige Meter voneinander entfernt. Er war umringt von wie ich vermutete Praktikantinnen des Fischer-Verlages, die ihn, wie man deutlich sehen konnte, anhimmelten. Plötzlich waren wir füreinander zwei völlig Fremde, und ich habe nie herausgefunden, warum es so war, denn es gab nie ein richtiges Zerwürfnis, höchstens die eine oder andere Vermutung, die nun endgültig sinnlos geworden ist.
Ich hörte von seinem Tod im Radio und war überrascht, denn ich hatte nichts von seiner Krebserkrankung und seinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben mitbekommen. Der Rundfunk strahlte ein längeres Interview aus, dass er kurz vor seinem 60. Geburtstag gegeben hatte. Er trat dafür ein, dass man sich der Zerstreuungsmaschinerie durch Internet und Facebook entziehen sollte, und wenn man etwas macht, sich vollkommen darauf einzulassen und zu konzentrieren. Ein guter Gedanke, den er auch gleich konkretisierte, indem er sinngemäß sagte, dass, wenn man sich nicht ganz und gar auf diese Situation einlasse, die ihm die Einladung und das Privileg beschert habe, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, nicht nur jeder Augenblick, den er mit dem Interviewer das Glück habe verbringen zu dürfen, vollkommen verloren sei, sondern das ganze Leben. In einem weiteren Interview, das am gleich Tag lief, hörte ich den selben Gedankengang fast gleichlautend noch einmal.
Natürlich ist es nicht ungewöhnlich, sich in unterschiedlichen Interviews zu wiederholen und dabei die gleiche Wortwahl zu benutzen, aber im Ohr bleibt ein leichter Misston, der befremdlich wirkt und misstrauisch macht, nicht weil sein Denken so radikal wäre, sondern weil die Weltsicht, die Willemsen präsentiert und die er für sich reklamiert, so exklusiv und fast schon religiös ist. Die unheilvolle Rede vom Verlust des ganzen Lebens ist eigentlich nur ein Gedankenspiel, denn im Alltag des Menschen erscheint diese Konsequenz lächerlich, aber Willemsen gibt damit allen zu verstehen, dass dem formulierten Anspruch niemand besser gerecht wird als der Autor selbst. Die Kritik, die er einmal an Broder formuliert hatte, ließe sich auch auf ihn anwenden.
Seine politische Einstellung war im linken Milieu common sense, wenngleich dieses Milieu ihn nicht wirklich zu schätzen wusste, weil er sie zu elegant und zu wenig schablonenhaft formulierte. Gleichzeitig aber war er nicht wirklich analytisch, seine Überlegungen waren oft zu glatt, und ihre Oberflächlichkeit verbarg sich häufig hinter beeindruckenden Wortgirlanden, die mit Bildungswissen geschmückt Bedeutung simulierten. Und das kann auch gar nicht anders sein, denn wer in vielleicht 40 Schaffensjahren über 50 Bücher schreibt oder herausgibt, kann kaum den Ansprüchen gerecht geworden sein, die sich Willemsen vermutlich selbst gestellt hat.
Jenseits von dieser möglicherweise kleinlichen Kritik, war an Willemsen bewundernswert, wie er durch die Welt gerast ist, um alles zu sehen und alles zu hören, alles aufzusaugen und alles kennenzulernen. Keine Tür scheint ihm dabei verschlossen geblieben zu sein und bei keinem Menschen schien er Berührungsängste zu haben. Wenn sich seine unglaubliche Neugier auf etwas richtete, dann versuchte er den Gegenstand wirklich zu durchdringen. Er hat sich dabei nie nur auf eine Tätigkeit beschränkt. Als Buchautor und Journalist wurde er Talkmaster, er gründete seine eigene Produktionsfirma und löste sie wieder auf, er verabschiedete sich vom Fernsehen, reiste in der Welt umher, besah sich ihr Elend und schrieb Bestseller darüber.
Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann, schrieb Picabia einmal. Willemsen hat davon viel Gebrauch gemacht, weil er immer wissen wollte, was die Welt und die Menschen umtrieb. Und diese Eigenschaft ist nicht die schlechteste.

Das Kriegsspiel. Über die Repräsentation des Kriegs und die Dialektik aller Konflikte

Ursprünglich war es als Spiel konzipiert, dann aber wurde es Kunst. Als »Le ›Jeu de la Guerre‹« von Guy Debord und Alice Becker-Ho, das nun auch auf deutsch unter dem Titel »Kriegsspiel« vorliegt, 1987 in Frankreich erschien, da trug es den Untertitel »Geländeskizzen der aufeinander folgenden Positionen der gesamten Streitkräfte im Laufe einer Partie«, die Debord mit seiner Frau Alice Becker-Ho gespielt hat. Die Partie dauerte ungefähr zwei Stunden und es fanden 110 Spielzüge statt, die alle mit einem Kommentar versehen dokumentiert wurden. Als Spielanleitung taugt so etwas nicht wirklich. Und auch die mehr als 20 Seiten umfassende Erläuterung der Spielregeln lässt sich nicht ohne Probleme anwenden. Becker-Ho räumt in einer Neuauflage des Buches Fehler ein, und auch der deutsche Übersetzer Ronald Voullié, der den nicht einfachen Stoff hervorragend gemeistert hat, entdeckte noch regelwidrige Züge. Und wenn schließlich bei Debord zu lesen ist, dass das »Kriegsspiel« »den Gesetzen der Theorie von Clausewitz« folgt, also »auf dem Modell des klassischen Krieges des 18. Jahrhunderts« beruht, »erweitert um die Kriege der Französischen Revolution und des französischen Kaiserreichs«, dann liegt die Vermutung, dass das Spiel einer gewissen Vorbereitung bedarf, doch ziemlich nahe, denn Debord gibt zu verstehen, dass man nicht nur Clausewitz, sondern auch Jomini und Sun Tse gelesen haben sollte. In England kam das »Kriegsspiel« mit Spielbrett, Infanterie, Kavallerie und Artillerie heraus, aber selbst in Frankreich ging niemand davon aus, dass Leute sich der Mühe unterziehen würden, das Kriegsspiel zu erlernen.
Mitte der fünfziger Jahre hat sich Debord das »Kriegsspiel« ausgedacht. 1965 meldete er es als Patent an und 1977 gründete Debord mit seinem damaligen Freund und Verleger Gérard Lebovici eine Firma, die die Produktion, Publikation und Verwertung des Spiels vorantreiben sollte. Ein Kunsthandwerker stellte vier oder fünf Exemplare des Kriegsspiels mit ziselierten Figuren aus versilberten Kupfer her. Ein Exemplar wurde dann 2013 in der großen Ausstellung des Nachlasses von Debord in der Bibliothèque nationale gezeigt.
Dieses Spiel hat Debord sein Leben lang nicht losgelassen. Nicht nur erschienen auf sein Betreiben hin im Verlag Champ Libre viele Bücher von Kriegstheoretikern, Debords intensive Beschäftigung mit diesem Thema schlägt sich auch in seinem theoretischen Hauptwerk »Die Gesellschaft des Spektakels« nieder und ging soweit, dass er seine Rolle während des Mai 68 als Protagonist der Situationistischen Internationale in Begriffen der Kriegsführung dachte, wie in seiner filmischen Rückschau »In girum imus nocte et consumimur igni« deutlich wird, wenn er davon spricht, »mehr oder weniger starke Einheiten im richtigen Moment ins Gefecht zu werfen« und als Illustration Ausschnitte aus Filmen über den amerikanischen Sezessionskrieg, eine in Formation reitende Kavallerie, Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« und das »Kriegsspiel« selbst gezeigt werden.
Auf das »Kriegsspiel«, so Debord nicht ohne Stolz, trifft zu, was Marco Girolamo 1529 über Schach gesagt hat: »Ludimus effigiem belli« – was wir hier spielen, ist eine Repräsentation des Krieges. Diese Repräsentation bringt jedoch Einschränkungen mit sich, denn einige Faktoren, die im Krieg eine entscheidende Rolle spielen, können im »Kriegsspiel« nur »unzureichend abgebildet« werden, wie Debord schreibt, weder der Zufall lässt sich darstellen, noch die klimatischen Bedingungen und die Moral oder die Erschöpfung der Truppen. Dennoch ist Debord überzeugt, dass das »Kriegsspiel« »exakt sämtliche Faktoren, die im Krieg eine Rolle spielen, und noch allgemeiner: die Dialektik aller Konflikte reproduziert«.
Um das bestätigt zu finden, muss man sich auf ein Wagnis einlassen, das nichts mit der bei Brettspielen intendierten Zerstreuung zu tun hat, sondern ein wirkliches Interesse voraussetzt, aber Debord ist ja auch nicht dafür bekannt, dass er es einem dabei hätte leicht machen wollen. Ein wunderbar sperriges Werk, das den Charme der Unnahbarkeit versprüht.

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Im Abstiegskampf wird es jetzt noch einmal spannend. Frankfurts Eintracht gewinnt gegen den direkten Konkurrenten Hannover durch ein Abseitstor mit 1:0, das erste Tor Ben-Hatiras, der von Hertha eingekauft wurde. Ein Tor ist nicht viel für einen Stürmer, aber immerhin war es ein entscheidendes, denn jetzt liegt die Eintracht zehn Punkte vor Schlusslicht Hannover. Und trotzdem ist Frankfurt vom Relegationsplatz auf Platz 17 gerutscht, weil Hoffenheim mit 3:1 in Hamburg gewonnen hat und nun mit dem besseren Torverhältnis einen Platz gut gemacht hat. Jetzt kommt sogar der HSV mit 31 Punkten wieder ins trudeln, denn die Darmstädter, Bremer und Augsburger stehen dicht dahinter. In Hamburg spielte Schiedsrichter Knut Kircher die Hauptrolle, denn statt rot gab er nur gelb für Rene Adler, der Volland im Strafraum umriss und damit ein Tor verhinderte. Die Hamburger waren zwar überlegen, aber schafften es einfach nicht, ihre Chancen zu verwerten. Erst Kircher musste ihnen zu Hilfe eilen und ihnen einen Elfer schenken für ein Handspiel, das gar keins war. Hoffenheim hingegen konterte, und das nicht schlecht. Hoffenheim ist also im Aufwind und kann im nächsten Spiel gegen Köln die Abstiegsplätze verlassen. Am gefährdetsten ist die Eintracht mit ihrem neuen Trainer Kovac, der offenbar so überhaupt nicht in der Lage ist, Aufbruchsstimmung zu verbreiten, geschweige denn, eine Handschrift erkennen zu lassen. Auch für Bremen wird es schwer, aber immerhin gelingt ihnen hin und wieder auch ein tolles Spiel und immerhin haben sie es bis ins Pokalhalbfinale geschafft. Gegen Mainz taten sie sich wieder schwer und schafften mit Müh und Not ein 1:1. Überschattet wurde das Spiel durch den Bremer Abwehrspieler Papy Djilobodji, der nach einem Zweikampf mit Pablo De Blasis, dem er ins Gesicht griff und der daraufhin Strafstoß reklamierte, die Kopf-ab-Geste zeigte. Nicht schön und zeigt natürlich auch die Verrohung des Fußballs in den unteren Regionen, wenn vom Verein und Trainer jedes Mittel legitimiert wird, um weiter in der ersten Liga zu spielen und die Fernsehgelder zu kassieren. Hertha ergaunerte sich mit einem irregulären Treffer gegen Ingolstadt, dem ein klares Foul vorausging und das der Schiedsrichter nicht pfiff, obwohl er direkt daneben stand, drei Punkte und bleibt auf Platz drei. Direkt hinter ihnen befindet sich jetzt Schalke, weil die in einem vollkommen absurden Spiel gegen Gladbach 2:1 gewannen, denn Schalke spielte grottenschlecht, aber Gladbach vergab eine Chance nach der anderen und verhalf den Schalkern mit einem Eigentor, das als eines der kuriosesten Tore der Fußballgeschichte eingehen wird, zum Sieg. Und auch der CL-Viertelfinalist Wolfsburg blamierte sich mit einem 1:1 zu Hause gegen Darmstadt, woran man sieht, dass die CL- und Euroleague-Anwärter nicht viel zu bieten haben und sich die Punkte erzittern oder sie glücklichen Umständen oder den Schiedsrichtern verdanken. Und bei Bayern wird Götze nicht einmal mehr für die B-Elf nominiert. Nach dem geschenkten Weiterkommen in der CL gegen Juve dank des Schiedsrichters, der ein Tor wegen angeblicher Abseitsstellung aberkannte, gewann Bayern in einem sogenannten »dreckigen Spiel« gegen zum Ende hin immer stärker werdende Kölner 1:0. Das war den Dortmundern in einer ähnlichen Situation nicht gelungen, als sie in Köln am Ende noch zwei Tore kassierten und verloren. Und das ist der Unterschied.

Die Wahrheit über BVB gegen Mainz

Ein eigenartiger, aber auch berührender Abend. Und danach wusste ich wieder einmal, warum ich BVB-Fan bin. Im Spiel des BVB vor heimischer Kulisse gegen Mainz, die zuletzt gegen fast alle CL-Anwärter gewonnen hatten (Gladbach, Schalke, Leverkusen und Bayern), gingen die Dortmunder sofort ein hohes Tempo und hielten die Mainzer in einer Weise in Schach, wie das nicht zu erwarten war, vor allem, weil der BVB einige englische Wochen hinter sich hatte. In der zweiten Halbzeit wurde es dann merkwürdig still im Stadion. Ein BVB-Fan war an einem Herzinfarkt gestorben, einen weiterer musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Fans rollten ihre Transparente ein und schwiegen. Schiedsrichter Aytekin fragte Reus, was sie angestellt hätten, weil die Südtribüne nicht zu hören war. Und als Kagawa das beruhigende 2:0 schoss, verzichtete man auf die obligatorische Tor-Musik. Und dann begann das ganze Stadion in 88. Minute »You never walk alone« zu singen. Selbst die Mainzer Fans. Auch wenn man das, wenn man tot ist, natürlich nicht mehr miterlebt, aber einen schöneren Abgang kann man sich kaum vorstellen. Als nach dem pünktlich abgepfiffenen Spiel alle wussten, was los war, standen die Dortmunder und Mainzer Spieler vor der Südtribüne, während das »You never walk alone« langsam verklang. In Hannover hingegen, wo die Heimmannschaft gut gespielt, aber trotzdem verloren hatte, drohten die Fans den Spielern, sie »abzustechen« und einen Kopf kürzer zu machen. Und einer hatte einen Strick dabei, an dem er die Spieler gerne baumeln sehen würde.

Der Kampfhund Erinnerung. “Panikherz” von Benjamin von Stuckrad-Barre

Hunter S. Thompson schrieb einmal, Schreiben sei wie Ficken, es mache nur den Amateuren Spaß. Jenseits der Qual jedoch, die das Schreiben über sein Leben vermutlich auch Benjamin von Stuckrad-Barre bereitet hat, war es für ihn vor allem eine Therapie, um wieder Zugriff auf sein Leben zu bekommen, das ihm für einige Jahre entglitten war, weil Kokain das Kommando übernommen hatte. Niemandem fällt es leicht, über seine Abhängigkeit zu schreiben. Aber das ist nicht der Punkt, denn plötzlich ist nicht mehr die Droge der Feind bzw. der Freund, sondern der Leser, also ein Fremder, dem man sich öffnet und dessen voyeuristischem Blick man sich aussetzt. Man braucht also eine exhibitionistische Ader, will man das Publikum nicht langweilen, sondern unterhalten und in seinen Bann ziehen. Und das beherrscht Stuckrad-Barre wie kaum ein anderer. In seiner Autobiographie »Panikherz« lässt sich nachlesen, wie er durch Raum und Zeit jagt wie ein Getriebener, dessen Leben schneller verbrennt als andere, und das nicht nur deshalb, weil er drogenabhängig war.
Stuckrad-Barre ist einer der ersten Autoren, die ein Leben als Popstar geführt haben. Und genau das wollte er auch. Als Schüler in Göttingen fängt alles an, als Plattenkritiker, um gratis an Musik und auf Konzerte zu kommen. In seinem Leben auf der Überholspur ist er Praktikant bei der taz Hamburg, arbeitet als Redakteur beim Rolling Stone, bekommt einen Job bei der Plattenfirma Motor Music, wird Gagschreiber bei Harald Schmidt, persönlicher Referent von Küppersbusch, Redakteur bei den Berliner Seiten der FAZ, Moderator bei MTV, schreibt in kurzer Zeit mehrere Bücher und geht mit ihnen auf ausverkaufte Tourneen. Alkohol und Kokain werden zu seinen ständigen Begleitern, um die immer schneller rotierende Maschine zu ölen, um sich wegzubeamen und abzuheben.
Mitte der achtziger Jahre wird Stuckrad-Barre von Udo Lindenberg musiksozialisiert, eine Liebe, die sein ganzes Leben bestehen bleibt, weil Lindenberg bei ihm eine Saite zum Schwingen bringt, die mit der Sehnsucht der Jugend zu tun hat, dem Gefängnis des alten Lebens zu entrinnen. Bei Lindenberg entdeckt Stuckrad-Barre den »Rausch als Spaß und Selbstzweck, Rausch aber auch als Protest, als Haltung. Als Art, durchs Leben zu taumeln und nur sehr ausgewählt die permanenten Ernsthaftigkeitsangebote der Umwelt anzunehmen.« Und das ist eine Beschreibung, die Lindenberg auch Leuten sympathisch macht, die ihn eher für etwas schlicht halten, denn es ist nicht das schlechteste Lebenskonzept. Und auch wenn Stuckrad-Barre in den Anfängen seines Journalistenlebens Lindenberg einmal im Rolling Stone in die Pfanne haut, weil er zu klug ist, die fortschreitende »Mumifizierung« Lindenbergs nicht zu bemerken, so haben ihn die Lindenberg-Songs doch geprägt. Noch im weggetretensten Zustand kann er die Lyrics auswendig, findet er in seiner Autobiographie für jede Situation die richtigen Lindenberg-Worte. Lindenberg wird ein wichtiger Freund, der immer da ist, wenn Stuckrad-Barre ihn braucht. Stuckrad-Barre muss konzedieren, dass sich mit Häme ein Idol nicht so ohne weiteres aus dem Weg räumen lässt, dass enttäuschte Liebe nur dazu taugt, als »Karikatur seiner selbst« zu enden, und dass »mitmachen« viel besser ist.
Das kann man leicht als selbstentlarvend empfinden, und nicht wenige werden sagen, dass Stuckrad-Barre nie etwas anderes wollte. Und das stimmt auch, aber der Erkenntniswert des Das-habe-ich-ja-schon-immer-gewusst ist eher gering, denn das Geltungsbestreben eines jungen Menschen ist letztlich grundsätzlich von der Paradoxie bestimmt, alles einreißen zu wollen, dies aber nur tun zu können, wenn man mitmischt, wenn man nicht »rein« bleibt, indem man alle Angebote ausschlägt und somit auch nichts bewegt.
Stuckrad-Barres literarische Helden heißen Bukowski, Fante, Hemingway, Kerouac, Burroughs, Henry Miller und Ellis. Nicht zu vergessen Jörg Fauser, der in Stuckrad-Barre den Wunsch weckt, »später mal … allabendlich mit Trenchcoat im ROTLICHTVIERTEL rumzutigern, immer auf der Flucht und in Schwierigkeiten, Hinterzimmer, Tapetentüren, letzte Münzen in die Jukebox und dann ab durch den Notausgang, mit der Kellnerin durchbrennen.« Und genau das macht er dann auch. Sehr konsequent und zielstrebig, bis sämtliche Türen zugeschlagen sind und es keinen Ausweg mehr gibt. Mit diesen Leuten im Gepäck ist er gegen das Leben immunisiert, das seine Eltern für ihn vorgesehen haben und das er fürchtet.
Nach dem Leben als Popstar kommt der Absturz. Stuckrad-Barre geht durch die Hölle. Er hinterlässt »eine Schneise der Enttäuschung und Zerstörung«, er verliert den Bezug zur Realität, flüchtet aus allen sozialen Bindungen, vergräbt sich, heckt wahnwitzige Pläne aus, solange das Koks das Gehirn auf Touren bringt, und versteht die kurz vorher entworfene »rätselhafte Pfeilgraphik« selbst nicht mehr, die das ganz große Ding hätte werden sollen.
Die Sucht ist deprimierend, eintönig, öde. Sie zu beschreiben, daran sind viele gescheitert, denn sie lässt den Menschen auf ein Reiz-Reaktions-Bündel schrumpfen, weil kaum etwas passiert und jede Abweichung vom Gewohnten als bedrohlich wahrgenommen wird. Stuckrad-Barre bleibt distanziert, analytisch, erscheint nie mitleidig, und dennoch schafft er es, dass man zu begreifen glaubt, was das ist, die Sucht. So intensiv und nah und erschreckend und detailliert hat sonst nur Sebastian Horsley darüber geschrieben.
Vielleicht wegen seiner Gewissheit, wirklich am Ende zu sein, gerät Stuckrad-Barre aus dem Gleichgewicht, als ihn die Einladung zum 20-jährigen Klassentreffen erreicht. In einer seitenlangen angstneurotisch gesteuerten Suada, die literarisch zu einem der Highlights in dem an Highlights nicht armen Buch gehört, fallen ihm tausend Gründe ein, warum er die Einladung nicht annehmen kann. »Wer sagt, ›Das müssen wir unbedingt wiederholen‹, will nach Hause. Wer etwas zu laut und oft sagt, ›Ich bin ein totaler Familienmensch‹, ist fertig mit den Nerven, sehnt sich nach Einsamkeit. Wer sagt, ›Du hast dich ja echt kaum verändert‹, möchte genau das über sich selbst hören, und zwar schnell.« Am Ende der langen Liste von Verhaltensgestörtheiten, die jeder kennt, bleibt nichts mehr übrig, ist jede Gewissheit, die den Menschen am Laufen hält, zerpflückt. Stuckrad-Barre kann all diesen Leuten nicht gegenübertreten, weil er sich in ihnen spiegeln würde, sich selbst wieder begegnen, dem, der er mal war und werden wollte. »Die Erinnerung ist die einzige Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Und an sie zu rühren, sie zu betreten, sie mit Gegenwart aufzuladen, heißt, einen Kampfhund zu reizen.«
Stattdessen entdeckt er auf der Flucht vor ihr eine ungewöhnliche Schönheit: die Reeperbahn, »wenn die Nacht sich dem folgenden Tag ergab, wenn es schon dämmerte und die allerletzten Angebote gemacht wurden, wenn wirklich nur noch die Profis und Fertigen unterwegs waren und das sanfte Crescendo der Straßenkehrmaschinenbürsten andeuteten: Das war‘s für heute.« Das mag romantisierend klingen, auch wenn die gesellschaftliche Konvention in einem solchen Bild nur etwas abschreckendes sehen kann. Aber Erlebnisse, in denen wir Glück empfunden haben, werden nun mal später zwangsläufig romantisiert, weil sie unwiederbringlich vorbei sind und dadurch zu unerfüllten Sehnsuchtsorten werden.
Stuckrad-Barre hat den Kampfhund Erinnerung gereizt und herausgekommen ist ein großes Buch, ein Buch, das bleiben wird, weil er sein Leben in die Waagschale geworfen hat, um Ruhm und Erfolg zu erlangen. Er ähnelt damit mehr als er es vielleicht weiß, weil der Name in seinen hagiographischen Aufzählungen nie auftaucht, Hunter S. Thompson, auch ein Getriebener und großer Autor.
»Das Leben ist ein mittelmäßiges Theaterstück mit einem schlecht geschriebenen dritten Akt«, zitiert Stuckrad-Barre gerne einen seiner Säulenheiligen Fitzgerald, weil ihm sein eigenes Leben so erscheint. Das hört sich wie Koketterie an, denn auf das Leben, das uns aus seinem Buch entgegentritt, trifft das ganz und gar nicht zu.

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

Zumindest für Hannover 96 gehen bereits acht Tage vor Saisonende so langsam die Lichter aus, nicht weil mit sieben Punkten der Abstand zum Relegationsplatz bei immerhin 24 noch zu vergebenden Punkten so groß wäre, sondern weil nichts darauf hindeutet, wie dieser Abstand noch egalisiert werden könnte. Zu Hause empfing 96 die im Mittelfeld herumkrebsenden Kölner, die in der Rückrunde nach 96 zweitschlechteste Mannschaft, d.h. man spielte gegen einen direkten Konkurrenten. Gegen wen also will Hannover noch punkten, wenn nicht gegen Köln? Hannover zeigte die beste Vorstellung unter der Regie von Thomas Schaaf, aber Köln reichte es, zweimal vors Tor der 96er zu kommen, um zwei Tore zu schießen. Und wenn nicht mal mehr eine gute Leistung hilft, dann sind die Tage in der Regel gezählt, weil nun auch den Spielern der Glaube abhanden kommt, noch etwas bewirken zu können. Wirklich schlimm ist der Abstieg Hannovers nicht wirklich, aber es gibt einige Mannschaften, die man noch weniger in der ersten Liga sehen mag. Hoffenheim z.B., aber auch wenn die immer noch auf einem Abstiegsplatz stehen, so befinden sie sich doch gerade im Aufwind, den der gerade zum Trainer promovierte 28jährige Nagelsmann brachte. Schon drei Heimsiege hintereinander kann er auf sein Konto verbuchen. Den dritten gegen Wolfsburg, ebenfalls ein Verein, der nicht mal in der Champions-League sein Stadion voll kriegt und von dem niemand weiß, was er in der Liga zu suchen hat. 1:0 stand es am Ende, wobei sich Hoffenheim sogar den Luxus erlaubte, einen allerdings zweifelhaften Elfer zu verschießen. Immerhin wurde Wolfsburg auf Abstand zu einem internationalen Tabellenplatz gehalten. Als eines der zumindest auf dem Papier besten acht Teams Europas ist das nicht viel und zeigt einmal mehr, welche Rolle der Zufall spielt, dass Wolfsburg ins Viertelfinale der CL gekommen ist. Bei Bayern durfte im Heimspiel gegen Bremen auch Götze mal wieder eine Stunde spielen, weil Guardiola Lewandowski und Robben für das Spiel gegen Juventus schonen wollte und weil Bremen bereits vorher signalisiert hatte, dass man sich mit einer Niederlage abgefunden hat. Jedenfalls verschafften sich die beiden Stammspieler Junuzovic und Fritz mit erschummelten gelben Karte eine Spielpause gegen die Bayern und müssen, weil sie es auch noch zugaben, jeweils 20000 Euro Strafe bezahlen. Frankfurt hat einen neuen Trainer: Nico Kovac. Das scheint keine gute Idee gewesen zu sein, denn die Eintracht brachte gegen Gladbach nur haarsträubende Fehler zustande. Diesen Erfolg hätte man auch mit Armin Veh haben können. Wenn ein neuer Trainer es nicht schafft, der Mannschaft neues Vertrauen selbst zu geben, dann hat sich seine Verpflichtung als Rohrkrepierer erwiesen, vor allem, wenn es um einen schnellen Erfolg geht und der Abstieg droht. Kovac hat nur für die erste Liga unterschrieben, d.h. für neun Spiele, ein Signal für jeden Spieler, dass der Trainer eins bestimmt nicht will, nämlich mit der Mannschaft durch dick und dünn zu gehen. Und genau deshalb wird die Eintracht auch zum 5. Mal in zwanzig Jahren wieder absteigen. Ohne Kovac, was mit Sicherheit auch besser ist. Gladbach hingegen bleibt den Berlinern auf den Fersen, die mit einem Heimsieg gegen Schalke sich weiter hartnäckig auf Platz 3 halten. Gegen Schalke gewinnen muss in einer Woche Gladbach, denn könnte es für die Hertha nochmal eng werden.

Die Wahrheit über den 25. Spieltag

Am Ende waren alle beeindruckt und bekundeten sich gegenseitig Respekt. Tuchel grinste selig in die Kamera und sagte, wie glücklich er sei, diese Mannschaft coachen zu dürfen, und wie sehr er das Spiel genossen habe. Für einen Trainer waren das eher ungewöhnliche Worte, und ich bin mir nicht sicher, ob diese fast schon religiöse Sicht auf das Spiel angemessen war. Guardiola hingegen scheint immer mehr abzudrehen. Seine Umarmung Tuchels nach dem torlosen Remis war weniger herzlich als fast aggressiv und kurz angebunden, bevor er auf das Spielfeld rannte, sich Kimmich schnappte und auf ihn einteufelte, dann wieder dessen Gesicht in seine Hände nahm, als wollte er ihn küssen, dann seine Stirn an Kimmichs Stirn presste wie ein Stier, als wollte er ihn in Grund und Boden stampfen, um dann einen Reporter zu sagen, er hätte Kimmich nur gelobt. Wäre Guardiola nicht Trainer bei einem großen Fußballclub, wäre er wahrscheinlich Insasse einer Nervenklinik, wo man ihn dabei beobachten könnte, wie er undurchsichtige Grafiken auf ein Blatt Papier malt, ständig über irgendwelche Aufstellungen brütet und taktische Varianten austüftelt, völlig in sich versunken und dann plötzlich wieder eruptiv und aggressiv auf Leute losgeht. Nicht umsonst wird er als »Fußballverrückter« bezeichnet. Immerhin tritt er modisch gesehen tadellos auf, während Tuchel in einer ästhetisch bedenklichen vereinslogobeschrifteten Regenwurstpelle und Warmhaltefolie steckt. Das Spiel fand tatsächlich auf einem hohen Niveau statt, wobei taktisch gesehen die Dortmunder variabel mit Dreierkette und bei Angriff der Bayern auf Fünferkette umschalteten, mit Gündogan und Weigl Struktur und Sicherheit ins Spiel bringen wollten und vorne auf die schnellen Spitzen setzten. In der ersten Halbzeit ging das auch auf, denn Bayern konnte nicht sein Dominanzspiel aufziehen und hatte mit knapp 60 Prozent Ballbesitz den niedrigsten Wert in dieser Saison. In der 2. Halbzeit jedoch ließ die Präzision der Dortmunder nach, konnten sie dem Druck der Bayern nicht mehr standhalten, und die Konter wurden immer ungenauer. Reus konnte sich kaum in Szene setzen und versiebte Chancen, die er früher gemacht hätte. Dass es schließlich trotz einiger Großchancen der Bayern beim 0:0 blieb war diesmal auch Bürki zu verdanken, der einen Gewaltschuss von Vidal reaktionsschnell an die Latte lenkte und gegen den allein auf ihn zulaufenden Costa klärte. Und das war auch mal notwendig, denn das desaströse Ergebnis beim Hinspiel in München hatte vor allem er verbockt. Leider zeigt sich, dass die Bayern sich keine Blöße geben, jedenfalls nicht gegen den ärgsten Konkurrenten aus Dortmund, mit denen man sich jetzt prima versteht, weil man sie auf Distanz gehalten hat, und deshalb fällt auch niemandem ein Zacken aus der Krone, wenn man voll des Lobes für Dortmund ist, was sich aber aus dem Mund von Sammer sehr schmierig anhört. Schade, denn ich hatte gehofft, dass Vidal Zwietracht säen würde, wenn ein wenig Unruhe aufkäme, aber die Niederlage gegen Mainz reichte dafür leider nicht aus. Immerhin kann man jetzt sagen, dass Bayern aus den letzten beiden Spielen nur einen Punkt geholt hat. Der Abstand zum BVB ist bei fünf Punkten geblieben, und da Dortmund in einer Woche zu den rasenden Mainzern reisen muss, könnten es auch wieder acht werden. Die Meisterschaft wurde genau für eine halbe Woche wieder spannend.

Die Wahrheit über den 24. Spieltag

Kagawa, Mkhitaryan, Reus, Sahin, Piszczek, Schmelzer, Bender, um nur mal ein paar Namen zu nennen, saßen auf der Bank oder waren gleich zu Hause geblieben. Dafür liefen auf dem Böllenfalltor Spieler auf wie Passlack und Ramos. Tuchel hatte also kräftig rotiert, aber diejenigen, die auf dem Darmstädter Acker spielen mussten, waren nicht unbedingt 2. Wahl, sie konnten aber beweisen, dass sie zu Recht aufgestellt worden waren. Niemand wollte natürlich einer Elf angehören, die es dann ausgerechnet gegen Darmstadt vergeigt, denn die Lilien gewinnen nur ganz selten zu Hause und holen ihre Punkte lieber auswärts, wie in der Hinrunde u.a. in Dortmund. Es entwickelte sich das zähe Spiel, dass man erwarten konnte, denn Darmstadt hatte einen Sechser-Abwehrriegel installiert und alle Löcher zubetoniert. Und deshalb spielten die Dortmunder wie im Handball um die Abwehr herum, weshalb es kein Zufall ist, dass Weigl mit 134 Ballkontakten an der Spitze stand, denn er verteilte die Bälle von links nach rechts und wieder zurück. Es war also zäh und unattraktiv, aber zur Pause stand es 1:0 durch Ramos, der ein Tohuwabohu im Strafraum ausnutzte und am schnellsten reagierte. Erst nach dem 2:0 durch Durm, der einen genial durchgesteckten Ball von dem im übrigen schwach spielenden Castro verwerten konnte, machte Darmstadt mehr und hatte tatsächlich sogar eine Riesenchance auf den Anschlusstreffer. Aber die Bemühungen waren übersichtlich und als in der 86. Minute ein Raunen durch die Respect-Bar ging, hatte das nichts mit Dortmund zu tun, sondern mit dem 2:1-Siegtreffer von Cordoba in München. Und plötzlich flirrten in der rauchgeschwängerten Bar eine Menge Spekulationen und Hoffnungen, denn nun hatte sich der Abstand zwischen den Bayern und dem BVB auf 5 Punkte verkürzt, und wenn am Samstag im Spitzenspiel im Westfalenstadion die Dortmunder die Nase vorn haben würden, wären es plötzlich nur noch zwei Punkte, und auf einmal wäre der Kampf um die Meisterschaft wieder spannend geworden. Wunschdenken geht so. Realistisch ist es nicht. Auch wenn die Dortmunder die besten Zweitplatzierten sind, die es jemals gab, so auch nur deshalb, weil die Mannschaften, die sonst noch um die internationalen Plätze kämpfen, so schlecht und so schwankend in ihren Leistungen sind. Hertha hat in den letzten Spielen fast immer nur Remis gespielt, ist aber mit einem Sieg gegen die abstiegsbedrohten Frankfurter plötzlich wieder mit einem 3-Punkte-Vorsprung Dritter. Bei Mönchengladbach ist gerade der Knoten geplatzt. Gleich mit 4:0 besiegten sie die Stuttgarter, die nach ihrer Siegesserie nun wieder eine kleine Niederlagenserie produzieren. Mainz hat seinen guten Lauf in München gekrönt, und auch Schalke scheint seinen Negativtrend nun leider gestoppt zu haben, wenngleich der HSV nicht gerade ein großartiger Test gewesen ist und es den Schalkern nach der roten Karte gegen Djourou auch nicht wirklich schwer gemacht wurde. Im Verfolgerfeld geht es also munter drunter und drüber. Wolfsburg durfte sich am Tabellenletzten Hannover wieder aufrichten, nachdem sie nur miese Spiele abgeliefert haben. Und Leverkusen verlor jetzt sogar zu Hause gegen den Abstiegskandidaten Bremen mit einem sensationellen 4:1 und brachte dabei das Kunststück fertig, kein einziges Tor zu schießen, denn das übernahm Djilobodji mit einem wunderschönen Kopfballtor.