Archiv für den Monat: Juli 2016

Aus dem Leben eines Verlegers

Wieder landet ein Manuskript auf meinem Schreibtisch. Von einem Dr.-Dipl. Dipl-Ing. »Eine kritische Resonanz auf (Ver)führungsmechanismen des Establishments«. Dem Exposé entnehme ich: »Nach allem, was hin und wieder vor deutschen Mikrofonen aufpoppt, sind unsere medienflutschigen Exegeten diktionaler Schikanen, kaum mehr darin zu überbieten, über kleine Inhalte viel zu sprechen und dabei wenig Gehaltvolles einzureichen, geschweige denn, auf klare Fragen prägnant und umfassend zu antworten. Die medienvermittelte Teile der Politik ist bisweilen so flutschig, wie eine nasses Stück Seife: So groß, glatt und von so flüchtiger Substanz, dass der Zuhörer ungeduldiger werdend immer wieder nach ihr greift und doch nur bereits bekannte Reste in der Hand zurückbehält.« Interessant, denke ich, nicht nur wegen der eigenwilligen Interpunktion, sondern auch wegen des noch eigenwilligeren Gedankengangs. Ich überlege, das Buch in meiner Satire-Reihe zu veröffentlichen. Dr.-Dipl. schreibt, er wäre dankbar, wenn ich ihm schnell antworten würde, weil er das Buch noch vor der Bundestagswahl herausbringen möchte.
Hunter S. Thompson hätte ihm vermutlich geantwortet: »Du dummes, wertloses, acid-lutschendes Stück Scheiße! Schick uns nie wieder diese Art von hirnzerfressendem Schweinefutter. Wenn ich Zeit habe, mache ich mich auf den Weg zu dir und treibe dir einen Holzpflock in die Stirn … Sincerely, Yail Bloor III, Minister of Belles-Lettre P.S. Have a nice day.« Okay, das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich kann mir vorstellen, dass das Verfassen eines solchen Briefes eine große reinigende Wirkung haben kann. Die »Gonzo-Briefe« von Hunter S. Thompson, einem 600-seitigen Monumentalwerk, das auch andere großartige Schimpfkanonaden enthält, die für mindestens zehn Beleidigungsklagen ausreichen würden, habe ich einer Jury geschickt, die prüfen will, ob ich für einen mit 10000.- Euro dotierten Verleger-Preis in Frage komme, für den ich nominiert wurde. Ich fürchte, die Jury wird diese Briefe für nicht sehr seriös halten, falls sie einen Blick hineinwirft.
Dr.-Dipl. schreibe ich natürlich nicht, was Hunter Thompson von ihm halten würde. Ich glaube, er würde das nicht verstehen. Inzwischen habe ich einen weiteren Umschlag geöffnet, den mir die Post vorbeigebracht hat und der zwei Belegexemplare von Reclam enthält. Eine Anthologie mit Texten von Aristoteles, Epikur, Theodor Fontane, Egon Fridell, Baltasar Gracián, Martin Heidegger, Friedrich Hölderlin, Jean Paul, Konfuzius, Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Kurt Tucholsky und mir. Der Titel: »Sei gelassen. Gedanken. Anregungen. Ruhepunkte«. Ich hatte das ganz vergessen, aber jetzt, wo das giftgrün und mittelmeerblau strahlende Büchlein vor mir liegt, überkommt mich eine große innere Ruhe. Ich schreibe Dr.-Dipl.: »Vielen Dank für die Zusendung Ihres Manuskripts, aber leider verlegen wir nur seriöse Bücher.« Vor allem das »leider« gefällt mir gut.

High sein, frei sein … Nachruf auf Bommi Baumann

Von seinem 1975 erscheinenden und dann auch gleich konfiszierten Buch »Wie alles anfing« besitze ich noch die Erstausgabe. Völlig zerfleddert, weil das Buch von vielen Freunden gelesen wurde, weshalb es wahrscheinlich weit mehr Leser gab als die 100.000 Exemplare vermuten lassen, die damals verkauft wurden. Er beeinflusste mit seinem Lebensbericht wahrscheinlich mehr Jugendliche als er es sich jemals vorstellen konnte, denn Bommi Baumann hatte zu diesem Zeitpunkt bereits alles erlebt, wovon die damals aufbegehrende Jugend träumte. Er radikalisierte sich wie viele seiner Generation am 2. Juni 1967, als Benno Ohnesorg erschossen wurde, er war Mitglied der »Umherschweifenden Haschrebellen«, deren Motto lautete »High sein, frei sein, Terror muss dabei sein«, er klaute Autos und überfiel Banken und er war Mitbegründer der »Bewegung 2. Juni«, die von der RAF als anarchistisch abgetan wurde, obwohl dem »2. Juni« mit der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz eine der wenigen erfolgreichen Aktionen des bewaffneten Untergrunds gelang. Aber da war er bereits ausgestiegen und befand sich auf der Flucht. Mit seinem Buch hatte er sich auch vom bewaffneten Kampf losgesagt, weil er spätestens, als sein Freund Georg von Rauch erschossen worden war, wusste, dass dieser Kampf eine Sackgasse war. Stattdessen lief er in eine andere Sackgasse. Drogen und Alkohol. Eine Flasche Wodka trank er an einem Tag, zog die Vorhänge zu und vegetierte vor sich hin. Nur knapp entrann er im Urbankrankenhaus dem vorzeitigen Aus. Als ich ihn kennenlernte war er schon lange nicht mehr der Freak von früher. Er trat jetzt in einem antiquierten englischen Stil auf mit Tweedjackett, Krawatte und Manschettenknöpfen. Auf einer Lesung aus seinem neuen Buch »Rausch und Terror« (2009), die in der berüchtigten »Milchbar« stattfand und nicht in einer Buchhandlung, ließ ich mir ein Exemplar von ihm signieren. »Was soll ick reinschreiben?«, fragte er mich. »Was du willst.« Er schrieb dann: »Für Gott.« Nicht schlecht, dachte ich. Das war seine Art Humor. Undogmatisch, politisch nicht korrekt, aber immer gegen den Kapitalismus und seine Auswüchse. Natürlich war er kein Analytiker, aber er hatte ein funktionierendes politisches Koordinatensystem. Er hat nie die Seiten gewechselt wie viele aus seiner Generation, auch wenn er 1973 für die Stasi einen umfassenden Bericht über den bewaffneten Kampf in der BRD verfasste, weil er sonst an die Westbehörden ausgeliefert worden wäre. Den unreflektierten Antisemitismus, wie er in der radikalen Linken Anfang der 70er gepflegt wurde, hatte er abgelegt. Er war zu einem unabhängigen Geist geworden, der mehr von Kerouac, Ginsberg und Jack London sozialisiert worden war als von Marx und Lenin. Am vergangenen Dienstag starb er mit 68 Jahren in seiner Wohnung.

Eine Liebeserklärung and das Pariser Bistro

»Die Geschichte ist uns auf den Fersen. Sie folgt uns wie ein Schatten, wie der Tod«, schreibt der Anthropologe Marc Augé in seinem Buch »Orte und Nicht-Orte«, das ihn auch in Deutschland bekannt gemacht hat. Wenn uns die Geschichte vorantreibt, dann hat das etwas mit der Beschleunigung der Zeit zu tun, die immer rasanter wird, weshalb selbst die historischen Ereignisse immer mehr an Bedeutung verlieren. Kaum ist etwas an die Oberfläche der medialen Wahrnehmung geschwemmt worden, ist es auch schon Geschichte.
Dieses Phänomen ist ein Problem anthropologischer Natur. Und als ob Marc Augé sich nicht mit der Konstatierung des Problems abfinden will, scheint er mit seinem neuen Buch »Das Pariser Bistro« an etwas festhalten zu wollen, das sich dem rasenden Verwehen der Zeit entgegenstellt, resistent ist durch den Alltag der Leute, die mit ihren Gewohnheiten und täglichen Ritualen ein Moment der Trägheit sind, denn das Bistro ist ein Ort, auf den die beschleunigte Entwicklung und die Ereignisdichte keinen Zugriff hat und der sich in einer Art Parallelwelt befindet, eine Insel der Ruhe und der Glückseligkeit inmitten tosender Wellen. Und deshalb ist das Buch vor allem ein melancholisches Buch.
Louis Aragon, der für Augé eine Referenzgröße darstellt, hat in »Der Pariser Bauer« beklagt, dass »das Gefühl für das Wunderbare des Alltäglichen« verloren geht und dass das »Leben wie auf einem immer besser gepflasterten Weg voranschreitet«. Marc Augé versucht in seiner »Liebeserklärung« dieses Gefühl wiederzuentdecken. Dabei führt ihn die Erinnerung an seine Jugend in den 50er Jahren zum Place Saint-Sulpice am Café de la Mairie vorbei, wo André Breton saß und den Schüler vom Lycée Louis-le-Grand schwer beeindruckt. Damals konnte man in den Cafés in Saint Germain noch Sartré, Beauvoir, Althusser, Barthes begegnen. Augé beschwört diese Atmosphäre, auch wenn das Bistro als »irgendwo zwischen den schlichtesten Troquets [eine kleine Bar, in der man trinkt] und den kultiviertesten Cafés angesiedelt« nicht der Ort ist, der die Sehnsucht der Paris-Touristen immer wieder von neuem anfacht, wie überhaupt »Bistro« sich eben alles mögliche nennt und alles mögliche sein kann, von einer gewöhnlichen Bierkneipe bis zu einem gehobenen Restaurant. Aber das »Bistro« transportiert »eine unmittelbare Sympathie«, weshalb es für Augé auf eine »allzu strenge Definition nicht ankommt«. Und tatsächlich ist für Augé nicht entscheidend, was das Bistro ist, sondern wie es in seinen Erinnerungen vorkommt und was es für seinen Alltag bedeutet.
Als während der Befreiung von Paris von überall Menschen herbeiströmen und die vorrückenden Panzer umjubeln, da tauchen aus einem Bistro Weinflaschen auf, das von Augés Eltern immer gemieden wurde, obwohl sie im selben Haus wohnten. Vielleicht war das unbewusst eine prägende Erfahrung, in solchen Orten mehr zu sehen als nur Anrüchiges. Für Hemingway war das Bistro »ein behagliches, mitunter geselliges Zuhause, ein Büro zum Arbeiten und ein Salon, in dem er Gäste empfing«. Das Bistro ist also ein Ort für Gewohnheitstiere, ein Ort des Noch-nicht-zuhause-Seins, aber auch des Nicht-mehr-unterwegs-Seins, ein Ort, wo sich »Tragödie und Komödie« vermischen, ein Ort »der nichtssagenden Worte und des vielsagenden Schweigens, des lauten Lachens, des unterdrückten Seufzers und der diffusen Melancholie«.
Das Bistro ist die ideale Umgebung für oberflächliche Beziehungen, nach denen jeder Mensch ein Bedürfnis hat. Das Bistro enthält die Möglichkeit, sich in eine Zeitung ebenso wie in ein Gespräch zu vertiefen, ohne dass man sich deshalb verabreden muss, weshalb solche Gespräche oder vielleicht nur kleine Wortwechsel etwas Spontanes, aber auch etwas Ritualisiertes an sich haben.
In einer Welt, in der Großstadtmenschen sich während ihrer Arbeitspause immer mehr den Restaurantketten anvertrauen, in denen sich schnell und gedankenlos etwas hinunterschlingen lässt, entdeckt Augé die »paradoxen Existenz der Bistros« als etwas, das »als eine Form von Widerstand« betrachtet werden kann. »Sich an seinem Ort seine Zeit zu nehmen: Diese Formel, die das Ideal des Pariser Bistros gut definiert, hat heute etwas Provokantes.« Ob sich in ihnen allerdings das Wunderbare des Alltäglichen wieder entdecken lässt, das schon Aragon suchte?

Marc Augé »Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung«, Aus dem Französischen von Felix Kurz, Matthes & Seitz Berlin

Liebe ard Tagesthemen

es hat Dich zu Recht beunruhigt, dass bei dem Attentäter von Nizza, dem Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel kein Täterprofil festzustellen war, eine Katastrophe für die Ermittler, die versuchen, solche Wahnsinnigen zu stoppen, bevor sie mit einem Laster 84 Menschen überfahren. Aber dann hast Du trotzdem auf ein paar Indizien hingewiesen. Zwar nicht Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, aber einer der Attentäter von Paris hätte 30000.- Euro über den Straßenverkauf gefälschter Designer-Waren verdient, die er sich aus China an verschiedene Adressen hat schicken lassen, wie z.B. Luis Vuitton-Taschen, und damit seine Terrortaten finanziert. Du zeigtest Bilder von Afrikanern, die in Paris solche Taschen verkaufen, und lässt einen Firmenmann zu Wort kommen, der den Schaden beklagt, der der Wirtschaft dadurch entstehen würde, weil jeder, der eine gefälschte Designer-Tasche kauft, quasi den Terror finanziert. Vermutlich deshalb findet sich auch in einem Artikel über die Attentäter von Paris auf Spiegel-Online Werbung für Louis Vuitton-Taschen. Alle Achtung, ard-Tagesthemen, einen größeren bullshit habe ich selten gehört. Und das in den Nachrichten während der Primetime. Was hättest Du wohl gemacht, wenn sich einer der Attentäter mit dem Verkauf von Falaffel über Wasser gehalten hätte? Da ist jetzt echt gespannt, Ihr Klaus Bittermann

Karl Kraus in 33 Variationen

Es gibt zahlreiche Zusammenstellungen seiner Satiren und Polemiken, viele Ausgaben seiner Bücher, Edward Timms hat eine grandiose Biographie über ihn geschrieben, und dennoch scheint er immer noch das unbekannte Wesen zu sein, von dem man sich gerne das eine oder andere Bonmot herauspickt, den man aber nicht wirklich gelesen hat. Der österreichische Schriftsteller Richard Schuberth, dessen Eltern Abonnenten der »Fackel« waren, hatte das Glück, bereits früh mit Kraus sozialisiert worden zu sein. Er hat nun »30 und drei Anstiftungen« zu Kraus verfasst, sehr kluge, präzise, polemische Essays, wie Karl Kraus gelesen und verstanden werden sollte, wie die Linke ihn für sich fruchtbar machen kann, indem sie als erstes mit Karl Kraus lernt, sich von Phrasen fernzuhalten. Aber Karl Kraus wäre nicht Karl Kraus, wenn das so einfach wäre, denn er war kein Systematiker, der Widersprüche zu eliminieren suchte, sondern der sie auch selbst zugab, der sich über Stilblüten nicht lustig machte, sondern sich an ihnen erfreute. Richard Schuberth hat das facettenhafte Denken Karl Kraus bis in die letzten Winkel hinein reflektiert, und herausgekommen ist ein Buch, das die zahlreichen Meinungen über Karl Kraus nicht bloß reproduziert, sondern den Autor gegen seine Bewunderer wie Kritiker kenntnisreich verteidigt.

Richard Schuberth, »Karl Kraus. 30 und drei Anstiftungen«, Klever Verlag, Wien 2016