Archiv für den Monat: September 2016

Irrationalität und Rechtsruck. Über Didier Eribons “Rückkehr nach Reims”

Didier Eribon wurde in Deutschland bislang nur über seine Foucault-Biographie wahrgenommen, obwohl er in Frankreich auf zahlreiche Buchveröffentlichungen zurückblicken kann, u.a. auf »Réflexions sur la question gay« und »Une Morale du minoritaire«. Mit sieben Jahren Verspätung ist nun bei Suhrkamp »Rückkehr nach Reims« erschienen, hat bereits zahlreiche Auflagen erlebt und wurde hymnisch besprochen, womit auch der Verlag nicht gerechnet hat, sonst hätte man dem Buch einen Hardcover-Auftritt verschafft. Didier Eribon beschreibt seine Herkunft aus der Unterschicht in der französischen Provinz und seinen langen Weg der Emanzipation, der vor allem die Emanzipation von seinen Eltern, Geschwistern und Verwandten bedeutete, die Eribon nur deshalb zu gelingen schien, weil er nach einer lange sich hinziehenden schleichenden Entfremdung den Kontakt schließlich vollkommen abgebrochen hat. Zwanzig Jahre lang sieht er seine Eltern nicht mehr, bis sein Vater stirbt und er die »Rückkehr nach Reims« antritt, um über sich und sein Verhältnis zur Familie etwas in Erfahrung zu bringen.
Eribon hat jedoch nicht nur eine Selbstfindungsgeschichte geschrieben, sondern er hat sie als soziologisches Material verwendet, um zu untersuchen, warum ein Großteil des kommunistisch wählenden Milieus, dem er entstammt, inzwischen zur Front Nationale übergelaufen ist. Das hat in erster Linie mit den strukturellen Übereinstimmungen der auf den ersten Blick unterschiedlichen Milieus zu tun, die nationalistisch oder kommunistisch wählen, bzw. vielmehr gewählt haben, denn die Kommunisten spielen schon lange keine Rolle mehr, während die Front Nationale sich auf einem guten Weg befindet, die französische Wirklichkeit radikal umzukrempeln. Und wenn die regierenden Sozialisten es endlich geschafft haben, die Reste des Sozialstaats und die Arbeitsgesetzgebung wie den Kündigungsschutz zu liquidieren, dann braucht sich Marie Le Pen nur noch ins gemachte Nest zu setzen.
Die strukturellen Ähnlichkeiten beschreibt Eribon sehr eindrücklich. Im ständigen Streit seiner traditionell KP wählenden Eltern kam der gleiche diffuse Hass auf »die da oben« zum Vorschein wie bei den Rechten, die gleiche Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, unter der Eribon als Schwuler besonders zu leiden hatte. »Lange habe ich mir die Frage nach dem Warum gestellt. Aber auch die Frage: ›Was haben wir eigentlich getan?‹ Es gibt keine andere Antwort darauf als die Willkür und Absurdität der sozialen Verdikte. Wie in Kafkas Prozess ist es zwecklos, nach einem Gericht zu suchen, das dieses Urteil erlassen hätte. Es existiert nicht. Dieses Gericht tagt nicht. Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind. Früher oder später nehmen wir unseren Platz in ihr ein. Den Platz derjenigen, die von der öffentlichen Rachsucht längst dazu verdammt worden sind, dass es immer einen anklagenden Zeigefinger geben wird, der auf sie deutet, und denen gar keine andere Wahl bleibt, als sich mehr schlecht als recht vor dieser Rachsucht in Acht zu nehmen und ihre ›beschädigte Identität‹, wie der Untertitel von Erving Goffmans Buch Stigma lautet, irgendwie zu verwalten. Die Verfluchungen und Verurteilungen, mit denen man leben muss, pflanzen tief im Selbst eine Unsicherheit und Verletzlichkeit ein, eine diffuse Angst, die die schwule Subjektivität prägt.«
Letztlich ist das der Grund, warum Eribon alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, obwohl das nicht unbedingt der logische und zwangsläufige Lebensweg war, seine Karriere vielmehr vollkommen atypisch war. Seine Geschwister sind alle Mitglieder ihrer Klasse geblieben, weil in dem französischen Bildungssystem der Nachkriegszeit die Chance, aufzusteigen, nicht sehr groß war. Nur Didier Eribon wurde auf eine weiterführende Schule geschickt, was für seine Eltern nicht einfach war und ihnen Opfer abverlangte, und das, obwohl sich an ihren Vorurteilen gegenüber Bildung und die intellektuelle Elite nichts änderte, die abfällig »die Herren Professoren« genannt wurde. Da Eribon später Trotzkist wurde, beging er damit im Vokabular seiner Ideologie »Klassenverrat«. Und auch seine Eltern dürften das so empfunden haben. Nur haben sie es nicht so genannt, sondern dem Sohn »Undankbarkeit« vorgeworfen. Welche Abneigungen und Vorurteile eine solche Wortwahl nahe legt, die in diesem Konflikt zwischen radikaler Selbstemanzipation und der Ermöglichung dieses Schrittes zugefügten Verletzungen auf beiden Seiten verheilen nie richtig. Und manchmal, wie in diesem Fall, ermöglicht es erst eine völlige Entfremdung voneinander, auf das beschädigte Leben mit einer gewissen Distanz zu blicken.
Diese Aporie gab es Deutschland nicht in diesem Ausmaß. Hier waren die Voraussetzungen und Konflikte andere, selbst wenn die soziale Herkunft ähnlich war. Die nazistische Durchstrukturierung der Gesellschaft war gar nicht nötig, es genügte die Tradierung der reaktionär-autoritären gesellschaftlichen Muster aus dem Kaiserreich, die in der Nachkriegszeit weiterwirkte, um aus den Menschen angstbesetzte, gegenüber Vorgesetzten hörige Wesen zu machen, deren einziges Ziel es war, nicht aufzufallen und sich nirgends einzumischen, schon gar nicht aufzubegehren oder auf sein Recht zu pochen. Diese psychische Verfasstheit wurde vorgelebt und an die nachfolgende Generation weitergegeben. Der autoritäre Erziehungsstil, der sich aus einer tiefsitzenden Angst vor Chefs und sozial höherstehenden Menschen speiste, bestand auch darin, sich möglichst nach außen abzuschotten, neue Erfahrungen nur dann zuzulassen, wenn sie mit dem steigenden Konsum zu tun hatten. Die jüngste Vergangenheit, die Nazis und die Vernichtung der Juden wurden ausgeblendet und schien es nie gegeben zu haben. In der Schule, in der noch Nazis unterrichteten, kam man im Geschichtsunterricht nie weiter als bis zum Kaiserreich und Bismarck.
Aber in Deutschland gab es im Unterschied zu Frankreich ein Wirtschaftswunder, das das große Schweigen versüßte. Die Vernichtung ungeheurer Ressourcen durch den Krieg erwies sich als Gewinn, weil alles neu aufgebaut werden musste. Arbeiterkinder hatten viel leichteren Zugang zu Bildung und Studium, was bedeutete, dass Eltern nicht so große persönliche Opfer bringen mussten, um ihre Kinder auf die Uni zu schicken, wie in Frankreich. Zum ersten Mal mussten sie nicht direkt nach der Grundschule arbeiten gehen, um einen Beitrag für den Haushalt zu leisten, sondern konnten höhere Bildungseinrichtungen besuchen, weil »sie es später einmal besser haben sollten«, wie das gängige Argument damals lautete, während es heute vergleichbaren sozialen Schichten egal ist, was aus den eigenen Kindern wird. Das Argument taucht vielmehr wieder in den eher bildungsbürgerlichen Schichten auf, die in prekären Verhältnissen leben. Aber der Widerspruch zwischen dem, was die Gesellschaft alles versprach, was in ihr als Möglichkeit und Versprechen aufschien, ein Versprechen, das die Jugendlichen eingelöst sehen wollten, und dem rückständigen Bewusstsein der alten politischen Eliten, die sich geistig nie weit vom Nationalsozialismus entfernt hatten, musste kulminieren. Zunächst schien es so, als ob die 68er eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft wollten, später stellte sich heraus, dass es sich um einen Generationenkonflikt handelte, in dem es lediglich darum ging, die Stellung der Väter einzunehmen und nicht nur die Krümel der Wohlstandsgesellschaft abzubekommen.
Und während das passierte, konnte man in Frankreich das gleiche beobachten wie in Deutschland: Eribon schreibt, dass »ein Gutteil der Linken sich nun plötzlich das alte Projekt des Sozialabbaus auf die Fahnen schrieb (…) Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden.« Diese Beobachtung, als die führenden Rebellen sich für höhere Aufgaben qualifiziert zu haben glaubten und nunmehr staatstragend wurden, beschreibt bezogen auf deutsche Verhältnisse auch Wolfgang Pohrt: »Nichtsdestotrotz beschwören nun lauter mustergültig Resozialisierte einander, endlich von den verhängnisvollen linksradikalen Irrtümern abzulassen. Leute mit Familie, festem Wohnsitz, Beruf und ersten Altersgebrechen tun so, wie wenn sie ein Haufen Wildkatzen wären. Es klingt, als müsse eine aufgewühlte Menge beschwichtigt werden, die gerade den Regierungssitz stürmen will. Aber jeder mahnt jeden nur, zu unterlassen, was ohnehin keiner täte. Man würde die Szene vielleicht komisch finden, wenn das ganze Schauspiel nicht so langweilig wäre. Es findet auch weitgehend unter Ausschluß der breiteren Öffentlichkeit statt.«
Als Folge dieses »Verrats«, wie ihn Eribon beschreibt, die Abwendung von den unteren sozialen Schichten durch eine Politik, die mit der Wahl Mitterands einmal angetreten war, um die Sache der Unterprivilegierten zu vertreten, passiert etwas, das Eribon »Allianz sozialer Schichten« nennt, die sich zuvor feindlich gegenüberstanden, nun aber zu den Wahlerfolgen der Front National beitragen, weil durch das Verschwinden der Arbeiterklasse und »des Klassenbegriffs überhaupt aus dem politischen Diskurs« ein historischer Block entsteht, der »heute große Teile der prekarisierten und verwundbaren Unterschicht mit Leuten aus Handelsberufen, mit wohlhabenden, in Südfrankreich lebenden Rentnern, ja sogar mit faschistischen Exmilitärs und traditionalistischen Katholiken verbindet.« So richtig schlüssig ist diese Argumentation nicht, vermutlich weil Eribon mit einem soziologischen Handwerkszeug arbeitet, die die Dynamik des demographischen Wandels und die Neuzusammensetzung und Konzentration der Bevölkerung nicht genügend berücksichtigt, wenn Massen durch den Neoliberalismus in prekäre Verhältnisse abgeschoben werden, und weil Eribon auch nicht wirklich berücksichtigt, welche psychologischen Mechanismen am Werk sind, um jede Verantwortung für das eigene Leben abzulehnen, stattdessen sich mit dem Status eines Sozialempfängers abzufinden und eine Mentalität zu entwickeln, die von unreflektiertem Hass geprägt ist auf alles, einschließlich sich selbst. In diesem Milieu, dem Dummheit, Intoleranz und Rassismus vorzuwerfen völlig verpufft, nicht weil es nicht stimmen würde, sondern weil das Milieu diese Vorwürfe wie einen Schwamm aufsaugt, um sich gegen jegliche Vernunft und letztlich Zivilisation zu immunisieren, wird es schwer, wenn nicht sogar unmöglich, »einen theoretischen Rahmen und eine politische Sichtweise auf die Realität zu konstruieren, die es erlauben, jene negativen Leidenschaften … weitgehend zu neutralisieren.« Genau das aber begreift Didier Eribon als Aufgabe des kritischen Intellektuellen und der sozialen Bewegungen: »Wenn die Linke sich als unfähig erweist, einen Resonanzraum zu organisieren, wo solche Fragen diskutiert und wo Sehnsüchte und Energien investiert werden können, dann ziehen Rechte und Rechtsradikale diese Sehnsüchte und Energien auf sich.« Er verbleibt damit in einem Argumentations- und Gedankenschema, das letztlich antiquiert wirkt, weil er davon ausgeht, es würde darauf ankommen, wer die attraktivere, die hegemoniale Politik macht, aber genau darauf kommt es nicht an. Die AfD hat Erfolg, weil sie die Irrationalität dieser »Energien« bedient, den Rassismus und die Vorurteile. Die Wähler der AfD wollen nicht aufgeklärt, sondern in ihrem beschränkten und schlichten Weltbild bestätigt werden. Sie müssen noch nie einen Flüchtling zu Gesicht bekommen haben, um ausländerfeindlich zu sein, genausowenig wie es irgendwo Juden geben muss, um sie für das Unglück dieser Welt verantwortlich zu machen.
Wenn Eribon also nach Lösungen sucht, um den Rechtsruck in Frankreich zu verhindern, der in Frankreich noch viel dramatischer ist als in Deutschland, dann wird er vielleicht sogar notgedrungen schwammig. Genau und präzise aber ist er in seiner Gesellschaftsanalyse und seiner Beschreibung, wie und warum sich Frankreich in diese fast schon ausweglose Situation gebracht hat, in der sich Deutschland noch nicht befindet, aber schon mal darauf zusteuert, wenn man die Wahlerfolge der AfD sich vor Augen hält, denn diese sind ein genauer Indikator für das, was Eribon die »negativen Energien« nennt, wobei der Umgang mit der AfD in der Öffentlichkeit und den Medien und ihre Hofierung dazu beigetragen hat, diesen »Energien« eine gewisse Plausibilität zu verleihen, die sie jedoch nicht haben.

Didier Eribon, »Rückkehr nach Reims«, Suhrkamp, Berlin 2016

Die Wahrheit über das CL-Gruppenspiel BVB – Real Madrid

Nach den letzten Auftritten des BVB konnte man durchaus dem Spiel gegen Real optimistisch entgegensehen. Noch geht es nur um eine gute Ausgangsposition in der Gruppenphase, also konnte man locker in die Partie gehen und zeigen, ob man auch gegen den CL-Sieger das drauf hat, was man zuletzt mit Kantersiegen zelebrierte. Real hingegen hatte im letzten Ligaspiel nur ein Remis zustande gebracht, und als Zidane Ronaldo auswechselte, um ihn für das Spiel in Dortmund zu schonen, war CR7 höchst beleidigt. Aber natürlich ist CR7, was sich wie ein aggressives Reinigungsmittel aus den 70ern anhört, viel zu sehr Profi, um auf dem Platz nicht alles zu geben. Nur, er konnte nicht, denn die Dortmunder ließen ihm keinen Spielraum, und dass ihm der von Ginters Beinen abgeprallte Ball in der 15. Minute nach einem Konter vor die Füße rollte, dafür konnte er nicht wirklich etwas. Dortmund spielte Real phasenweise schwindlig, war damit aber nur halb so erfolgreich wie damals, als Lewandowski gleich mit vier Toren Real aus dem Turnier warf. Dembelé, der starke Gegenspieler hatte, mit denen er nicht so Katz und Maus spielen konnte wie mit seinen Gegenspielern in der Bundesliga, vergab einige richtig gute Chancen, war aber häufig zu eigensinnig und setzte den Ball regelmäßig über das Tor. Und auch Aubameyang zeigte sich in Bestform mit Tricks, gegen die der beste Verteidiger machtlos ist. Reals Torhüter Navas hatte alle Hände voll zu tun, wehrte aber dann doch einen Freistoßschuss von Guerreiro unglücklich nach vorne ab, traf seinen eigenen Mann Varane, von dem der Ball ins Tor abprallte. Aubameyang spitzelte ihn noch schnell über die Linie, damit ihm der Treffer gutgeschrieben werden konnte. Nachdem durch ein Abstaubertor von Varane die Dortmunder in der 68. Minute in Rückstand gerieten, war nicht mehr damit zu rechnen, dass dem BVB noch ein Treffer gelingen würde, vor allem weil Götze, Dembelé und Guerreiro ausgewechselt wurden. Aber Pulisic und Emre Mor brachten tatsächlich neuen Schwung in die Partie, während Schürrle auf der linken Seite ein Schattendasein führte. Dass ausgerechnet er es war, dem in der 87. Minute mit einem Gewaltschuss unter die Latte der Ausgleich gelang nach Flanke von Pulisic, war dann auch egal, auch wenn damit seine Leistung auf den Kopf gestellt wurde. Der BVB kann also gegen Spitzenmannschaften bestehen, und wenn die jungen Wilden noch ein wenig cooler im Abschluss wären, dann hätten sie gewonnen, denn die besseren Chancen hatten die Dortmunder. Und Sergio Ramos hätte mal wieder vom Platz fliegen müssen, aber er schaffte es wieder nicht, obwohl er sich redlich Mühe gab, die Schiedsrichter sind jedoch sehr darauf bedacht, ihm alles durchgehen zu lassen. In einem Bereich gab Real allerdings die bessere Figur ab, und zwar im Coaching-Bereich. Aber da ist Zinedin Zidan sowieso nicht zu schlagen. Tuchel sieht mit seinem Pullunder und Schlips wie ein Abiturient aus, aber das ist auch das einzige, woran Tuchel noch ein bisschen arbeiten müsste.

Eine neue Geschichte des Existenzialismus

Der französische Existenzialismus, wie ihn Sartre, Merleau-Ponty, Camus und andere geprägt haben, war schon lange mausetot. Jetzt kommt die Londoner Schriftstellerin Sarah Bakewell, die an der Uni Creative Writing lehrt und die bis vor dem Erscheinen ihres Bestsellers über Montaigne niemand kannte, und erweckt den Existenzialismus wieder zum Leben, indem sie ihn in allen möglichen Facetten und Abschweifungen nachspürt, die Biographie ihrer Protagonisten mit ihren Theorien kurz schließt, zeigt, wie das eine sich auf das andere auswirkt, wie die Hauptpersonen zueinander finden und sich gegenseitig beeinflussen, sie lässt Figuren auftauchen, von denen man nicht unbedingt erwartet hatte, dass sie eine Rolle spielen wie Boris Vian, in dessen Nachtclub Tabou sich Sartre und seine Freunde trafen und tanzten und dessen Roman »Schaum der Tage« in der »Temps moderne« vorabgedruckt wurde, sie erzählt auf elegante und verständliche, aber nicht vereinfachende Weise die großen philosophischen Werke von Heidegger, Husserl, Sartre und Merlau-Ponty und bringt es fertig, sie in ihrem Wesenskern auch für Menschen begreifbar zu machen, die sich für den Existenzialismus nie sonderlich interessiert haben. Sie versteht es, die Neugier des Lesers darauf zu wecken, was wohl als nächstes passieren wird, so dass man zugeben muss, dass das nicht gerade sonderlich gut beleumundete creative writing offenbar auch positive Seiten haben kann.
Der wesentliche Grund aber, warum »Das Café der Existenzialisten« so grandios ist, findet sich in Sarah Bakewells Begeisterung für ihr Thema, die aus ihrer Jugend herrührt, als sie fasziniert war von Sartres »Ekel« und alles las, was ihr in die Hände fiel. Zwischen den wenigen abgedruckten Fotos der Hauptpersonen, findet sich auch ein Teenagerfoto von Sarah Bakewell. Man könnte das für etwas vermessen halten, aber die Autorin erinnert damit an die Strahlkraft, die der Existenzialismus damals auf die junge Generation auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus ausübte. »Unter Sartres Einfluss wurde ich zu einer leidenschaftlichen Schulschwänzerin. Ich nahm einen Nebenjob in einem Laden an, wo ich Reggae-Platten und Haschischpfeifen verkaufte. Es war eine interessantere Ausbildung als jeder Schulunterricht.«
Sie studierte nicht, um Prüfungen zu bestehen, sondern sie las die Existenzialisten, weil sie etwas entdeckt hatte, das sie unmittelbar zu sich selbst in Bezug setzen konnte, zu ihrer Existenz, ihrem Sein und dem der anderen, zu einer Philosophie, die ihr eine ganze Welt öffnete, weil sie mit der Aufforderung verbunden war, sich zu engagieren und selbst verantwortlich zu sein für das, was man tut. Nur unter dieser Voraussetzung kann es einem gelingen, Leser in Bann zu schlagen auch mit einem Thema, zu dem diese sonst nie einen Zugang gefunden hätten, weil die Hauptwerke wie »Das Sein und das Nichts«, »Sein und Zeit« oder »Phänomenologie der Wahrnehmung«, die Bakewell verhandelt, Leuten verschlossen bleiben, die sich nicht professionell damit beschäftigen.
Es ist nicht unbedingt so, dass man aus dem Buch etwas neues erfahren würde, denn Leben und Wirken und Philosophie der Hauptakteure sind vollständig erforscht, aber das neue Arrangement des Gegenstands vermittelt immer wieder überraschende Einblicke und Erkenntnisse, Bakewells Herangehensweise, die Theorien zu erklären und nachvollziehbar zu machen, ist nicht im geringsten ideologisch, sondern fast liebevoll und von großem Verständnis geprägt, auch wenn sich ein Autor verrannt hat wie Heidegger, der zum Nationalsozialismus überlief, oder Sartre, der Maoist wurde, oder Merleau-Ponty, der eine Zeitlang dogmatisch prosowjetische Positionen vertrat. In diesen biographischen Verfehlungen spiegeln sich eben auch die Zeit und die politischen Verwerfungen wieder, auf die die Philosophen, jeder auf seine Weise, eine Antwort zu geben versuchten. Und dabei gerieten sie sich in die Haare, d.h. es geht auch um die Zerwürfnisse der Protagonisten, um das Auseinanderbrechen großer Freundschaften wie zwischen Sartre und Camus, ein Streit, der »als Chiffre für eine ganze Epoche« gilt.
Während Merleau-Ponty mit dem nordkoreanischen Angriff auf den Süden des Landes seinen Glauben an den Kommunismus verlor, radikalisierte sich der vorher eher zurückhaltende Sartre nach einem bizarren Vorkommnis in Frankreich. Eine Polizeistreife entdeckte bei einer Verkehrskontrolle im Auto des Generalsekretärs der KPF ein Funkgerät und zwei Tauben, die angeblich für Spionagezwecke verwendet wurden. Die Tauben, die Jacques Duclos vorher erstickt haben sollte, wurden obduziert und nach versteckten Mikrofilmen untersucht. Es wurden Experten bemüht, die herausfinden sollten, ob es sich um Brief- oder gewöhnliche Haustauben handelte, ein absurde Affäre, die Louis Aragon zu einem Gedicht über das »Taubenkomplott« inspirierte und die »Konversion« Sartres auslöste, für ihn der Höhepunkt jahrelanger Schikanen gegen die Kommunisten. Er schrieb in rasender Geschwindigkeit, mit Zorn im Herzen und Corydran im Blut (Sartre hat täglich durchschnittlich 20 Seiten verfasst) lange Rechtfertigungen des Sowjetstaates, die später sogar in der Behauptung gipfelten, der Sowjetbürger würde deshalb nicht ins Ausland reisen, weil er kein Bedürfnis danach verspüre. Als dann Camus »Mensch in der Revolte« erschien, war der alte Freund aus Zeiten der Résistance in den Augen Sartres und Beauvoirs zum Konterrevolutionär geworden.
Selbst in solchen Handlungen findet Bakewell noch nachvollziehbare Beweggründe, die man nicht teilen muss, die sie aber aus der Zeit zu erklären versucht, als Sartre unter Druck stand und als »dekadenter Bourgois« verspottet wurde, um schließlich zu einem »Ultra-Bolschewisten« zu werden, wie ihn Merleau-Ponty in seinem Buch »Die Abenteuer der Dialektik« bezeichnete, in dem er sich vom Kommunismus abwandte, was Merleau-Ponty nicht davon abhielt, in Sartre einen »guten Menschen« zu sehen, dem seine »Gutherzigkeit« schließlich zum Verhängnis wurde. Selbst Heidegger, der in allem, was Bakewell beschreibt, als egomanischer Unsympath erscheint ohne die geringste Fähigkeit zur Empathie, der sich für das Leben der anderen nicht interessierte, der Freunde verleugnete und hinterging, wenn er sich davon einen Vorteil versprach, und dessen Nähe zum Nationalsozialismus unerträglich war, auch Heidegger verurteilt sie nie, sondern hebt seine Fähigkeit zu »bohrendem Denken« hervor. Sarah Bakewells Geschichte über den Existenzialismus ist eines der sehr seltenen Bücher, die niemals enden sollten, weil die Autorin nicht einen Aspekt abarbeitet, sondern verschwenderisch und auf hinreißende Weise das Wissen der Welt ausbreitet.

Sarah Bakewell, »Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails«, C.H. Beck, München 2016. Aus dem Englischen von Rita Seuß.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

In Bremen ging es nach dem 4. Spieltag und mit Null Punkten bereits um alles oder nichts. Und für dieses Spiel kam genau der richtige Gegner: Wolfsburg. Noch deprimiert von der 5:1-Niederlage gegen den BVB, klammerten sie sich an den Glauben, dass es sich um einen Ausrutscher gehandelt habe und sie sich an Bremen wieder aufrichten könnten. Und lange Zeit sah es so aus, als ob das klappte. Die Bremer rannten zwar bis in die Haarspitzen motiviert an und schossen aus allen Lagen, aber das Engagement war blinder Übereifer, und mit dem klappt bekanntlich gar nichts, denn die Bälle landeten sonstwo, nur nicht Richtung Wolfsburger Tor. Überrascht von der forschen Bremer Gangart, ließ Wolfsburg den Gegner machen, überzeugt davon, dass er sich irgendwann ausgetobt haben würde. Und es kam noch besser für die Wolfsburger, denn sie mussten sich nicht mal selber um ein Tor bemühen. Ein Bremer war es, der eine scharfe Hereingabe ins eigene Tor lenkte, auch ein Ergebnis des Übereifers, den die Bremer an den Tag legten. Aber sie gaben nicht auf und kämpften solange, bis sie das Glück auf ihre Seite zwangen, obwohl sie in allen statistischen Werten schlechter waren. In der 86. und in der 91. Minute versetzten sie der zusammengewürfelten Wolfsburger Truppe den Todesstoß, und Draxler, Gomez und Kuba dürften sich gefragt haben, in was für einen Klub sie wohl geraten waren. Vor allem um Kuba tut es mir leid, denn der lange für den BVB spielende Pole wäre gern in Dortmund geblieben. Tuchel aber sagte der Presse, Kuba hätte sich dem großen Konkurrenzkampf nicht stellen wollen, was Kuba dementierte, der wiederum sagte, Tuchel hätte nie mit ihm gesprochen. Keine schöne Art, einen verdienstvollen Mann so abzuservieren, oder so auf das Abstellgleis zu schieben wie Sahin, der selbst dann nicht aufgestellt wird, wenn das gesamte Mittelfeld verletzt ist. Aber solange Tuchel mit seiner Mannschaft erfolgreich ist, haben die betroffenen Spieler schlechte Karten. Auch zu Hause gegen Freiburg sah es am Ende mit einem 3:1 nach einer klaren Angelegenheit aus, auch wenn man in den ersten zehn Minuten vom starken Auftreten der Freiburger überrascht war, und Grifo sogar einmal allein vor Bürki auftauchte, aber ziemlich kläglich vergab. Danach bekamen die Schwarzgelben das Spiel immer besser in den Griff, wenngleich sich das Fehlen von Guerreiro, der für Real geschont wurde, bemerkbar machte. Als er dann eingewechselt wurde, war er maßgeblich an einer der schönsten Kombinationen an diesem Fußballabend beteiligt, über sechs Stationen auf engstem Raum, und schloss selbst zum 3:1 ab. In Hamburg findet gerade wieder ein unschönes Schauspiel statt, denn der so gut wie entlassene Labbadia durfte gegen die Bayern nochmal coachen, um sich zu rehabilitieren, damit der neue Trainer, vermutlich der Ex-Hoffenheimer Markus Gisdol, nicht gleich mit einer Niederlage beginnen muss. Und fast hätte Labbadia es mit seiner Mannschaft geschafft, denn erst in der 88. Minute gelang den Bayern der Siegtreffer. Dem HSV konnte man danach eins bestimmt nicht vorwerfen, nämlich nicht alles gegeben zu haben. Aber HSV-Boss Beiersdorfer redete die Leistung klein: »Spiele gegen gute Mannschaften waren noch nie unser Problem. Wir können gegen tief stehende Mannschaften einfach nicht das Spiel machen.« Alles deutet also darauf hin, dass Labbadia sich die Tage seine Papiere abholen kann.

Die Wahrheit über den 4. Spieltag

Der BVB-Express rollt weiter und weiter. Jetzt drei Spiele hintereinander, in denen die jungen Wilden 17 Tore schossen und nur eins zuließen. Nach dem Auftritt rieben sich die Wolfsburger verwundert die Augen, denn mit den herkömmlichen Mitteln waren Dembelé, Pulisic, Guerreiro und Aubameyang nicht aufzuhalten, die immer wieder Löcher in der Wolfsburger Abwehr fanden, durch die sie mit Leichtigkeit hindurchschlüpften. Erstaunlich dabei war, dass sie auch gleich die Chancen nutzten, die sich ihnen boten. Ein zauberhaftes, schwereloses, schnelles Spiel, in dem nur einer unauffällig blieb: Mario Götze. Als er nach zehn Minuten einmal von der Kamera in Großaufnahme gezeigt wurde, fiel einem erst auf, dass er ja auch mit von der Partie war. Solange aber ein Gegner wie Wolfsburg, der ja immerhin angetreten ist, die letzte Saison vergessen zu machen, als man nicht einmal die Euroleague schaffte, und auch Gomez tönte, dass er nach Wolfsburg gegangen sei mit der festen Absicht, wieder die Champions-League zu erreichen, solange also ein solcher Gegner mit 5:1 einigermaßen deutlich ko geht, ist ein Ausfall wie der von Götze gut zu verdauen. Und immerhin leitete er den wunderbaren Konter zum 3:1, als er unter Bedrängnis den Ball zu Guerreiro spitzelte, der mit einem wunderbaren Steilpass auf Castro spielte, der allein vor dem Wolfsburger Torhüter noch den Überblick hatte, auf Dembelé zu spielen. Dabei ist es unglaublich, wie Guerreiro bereits nach wenigen Einsätzen das Dortmunder Spiel prägt, denn er schoss nicht nur das 1:0, sondern war an weiteren drei Toren beteiligt. Dennoch war der schöne Sieg nicht so eindeutig wie der gegen Darmstadt, denn Wolfsburg gab nach dem 2:0 nicht auf und setzte den BVB ziemlich unter Druck, und wenn Gomez nicht wieder an seiner legendären Ladehemmung gelitten hätte, bin ich nicht sicher, ob das Spiel nicht gekippt wäre, denn bei einer derart jungen Mannschaft weiß man nicht so genau, wie sie einen Rückstand nach einer klaren Führung wegsteckt, und Wolfsburg hatte nun mal in der Mitte des Spiels einige Chancen, die in besseren Zeiten (für Wolfsburg) drin gewesen wären, d.h. diesmal konnte Bürki beweisen, was er wirklich drauf hat. Und das tat er dann auch. Und auch sonst gab es ein paar nette Überraschungen. Dazu gehörte nicht der von allen erwartete 3:0-Sieg der Bayern gegen Hertha, immerhin mit drei Siegen der Tabellenzweite, aber Hertha hatte gegen den Münchnern rein gar nichts entgegenzusetzen. Die Eintracht gewinnt aus einer stabilen Abwehr heraus schon das dritte Spiel in Folge und steht plötzlich ganz oben, wobei niemand wirklich so genau weiß, wie man da hingeraten ist. Auch Gladbach kann in Leipzig nicht gewinnen, dreht aber den Spieß um und schießt nach dem frühen Tor der Leipziger einen späten Ausgleich, was sich für die Rangnick-Elf nun wie eine Niederlage anfühlt. Der HSV kann auch in Freiburg nicht gewinnen und muss jetzt auch noch gegen die Bayern antreten. Niemand wettet da mehr auf den Retter der vergangenen Saison Labadia. Nach fünf Spieltagen schon zwei Trainerentlassungen ist keine schlechte Quote. Dabei geht es noch schlimmer. Bremen verliert mit zwei Last-Minute-Toren der Mainzer ganz kurz vor dem ersten Sieg, und Schalke bringt zu Hause auch gegen Köln nichts zustande, verliert 3:1 und hat genau 0 Punkte. Ein bisschen wenig für einen Neuanfang mit neuem Trainer, neuen Spielern und neuem Manager.

Die Wahrheit über den 3. Spieltag

Es geht schon am 3. Spieltag, an dem ja wahrlich noch nichts entschieden ist, munter zu. Werders Trainer Skripnik wurden schon am Sonntag morgen entlassen, nachdem seine Mannschaft auch gegen Gladbach zumindest in der ersten Halbzeit eine Glanzleistung im Stümpern erbracht hatte und sich gleich vier Tore einfing, obwohl die Gladbacher auch erst gerade eine Schlappe gegen Manchester City zu verdauen hatten und Chancen für ein lockeres 8:0 verbaselte. In der zweiten Hälfte machten die Gladbacher dann nicht mehr allzuviel, weshalb die Bremer dann ein bisschen besser ins Spiel kamen. Aber es gelang nur noch der Anschlusstreffer durch den von Chelsea ausgeliehenen Gnabry, ein Treffer allerdings, der es zum Tor des Monats schaffen könnte. Trotzdem wage ich die Prognose, dass Werder nicht absteigt, obwohl sie das Zeug dazu haben. 3:1 gewannen die Bayern standesgemäß zu Hause gegen Ingolstadt, aber wenn man das Spiel gesehen hatte, musste man zugeben, dass die Bayern nicht nur unverdient gewonnen haben, sondern auch noch Glück hatten, denn Ingolstadt versiebte ein paar Hundertprozentige, nicht ohne die Bayernabwehr gehörig durcheinandergewirbelt zu haben, dann wurde ihnen auch noch ein klarer Elfmeter verweigert, während die Bayern mit zwei Glücksschüssen der Sieg gelang, womit sich ein uraltes Gesetz mal wieder bewahrheitete, demzufolge die Bayern auch dann gewinnen, wenn sie eigentlich gar keine Lust haben zu gewinnen. Und den Leverkusenern, eine Mannschaft von Hochbegabten, wie man überall zu hören bekommt, gelang das Kunststück, in Frankfurt zu verlieren, die schon in Darmstadt verloren haben, die wiederum in Dortmund versickert sind wie ein kurzer Regen auf dem Rasen des Dortmunder Stadions. Nach dem grandiosen 6:0 in der CL gegen Warschau, veränderte Tuchel seine Elf auf vier Positionen, gab Götze, Bartra, Aubameyang und Piszczek eine Spielpause und setzte u.a. auf  Ramos und Dembelé, später dann noch Emre Mor. Es war ein ziemlich einseitiges Spiel, und Darmstadt, die im letzten Jahr die Dortmunder noch durch ein Last-minute-Tor ärgerten, hatte rein gar nichts entgegenzusetzen. Ein Schuss auf Bürki in der 59. Minute war alles. Dembelé und Guererro aber zauberten, dass es eine Art hatte. Gleich zwei Hackentricktore durch den auftrumpfenden Castro und durch Rode, und dann noch das 6:0 durch Emre Mor, das Ballbeherrschung in Perfektion bot, denn eine Flanke von Pulisic hätte jeder andere volley genommen, so schön kam Flanke auf den Fuß, aber Mor legte sich den Ball vor, was äußerst schwierig war und doch so leicht aussah, ließ den in die Schussbahn grätschenden Darmstädter vorbeisegeln und vollendete mit einem präzisen Schuss, und das alles in einer Geschwindigkeit, bei der auch bessere Mannschaften ihre liebe Not gehabt hätten. Das mangelnde Zusammenspiel, das noch gegen Leipzig zu bemängeln war, klappte prima, aber das liegt nicht daran, dass man bereits jetzt schon alles abrufen kann, was man im Training geübt hat, sondern es liegt schlicht an der Tatsache, dass die Jungs einfach schon wahnsinnig viel drauf haben. Die Kunst des Trainers besteht da nur darin, ein Klima zu schaffen, in dem sie ihr Genialität abrufen können. Es wird noch einige Rückschläge geben, wenn es gegen bessere Mannschaften geht, aber was gegen Darmstadt und Warschau zu sehen war, lässt einen mit der Zunge schnalzen.

Die Wahrheit über den 2. Spieltag

Schon am 2. Spieltag wird deutlich, dass auch der Ligafußball die Fortsetzung des langweiligen Sicherheitsfußballs ist, der bei der EM gespielt wurde und der nun offensichtlich zum Standard wird. Am offensichtlichsten wurde das im Hessenderby Darmstadt gegen Frankfurt, wo zwar gerackert und gerannt wurde, aber die spielerische Leistung erbärmlich war. Eine missglückter Flankenversuch landete unhaltbar im Toreck und bescherte den Darmstädtern den Sieg. Auch Unvermögen schießt Tore und der Zufall entscheidet lustig den Ausgang eines Spiels, aber für den Klassenerhalt wird das kaum reichen, weil auf den Zufall leider nur wenig Verlass ist. Die Stadt, von der Julian Draxler sagte, das Beste an ihr sei der Bahnhof, von dem aus man wegkomme, hat eine neue Lichtgestalt. Nachdem alle guten Spieler fluchtartig Wolfsburg verlassen haben, nachdem nicht mal die Euroleague erreicht wurde, soll es nun Gomez richten, aber der ist noch ohne Bindung zum Spiel, wie die Umschreibung dafür heißt, dass nichts funktioniert hat gegen nicht weniger limitierte Kölner, weshalb die Partie dann auch 0:0 ausging. Und auch Leverkusen versteckte geschickt die ihr nachgesagte Qualität eine ganze Halbzeit bevor die Hamburger schließlich geknackt wurden, eine Mannschaft, die nicht gerade zur europäischen Spitze gehört. Herthas zweiter Sieg in Folge gegen Ingolstadt war ebenfalls zum Wegsehen und kein Grund für Dardai, einen »großen Sekt zu öffnen«. Und auch Bayern hatte 80 Minuten lang Probleme mit engagierten Schalkern, denen danach allerdings die Puste ausging. Ein Rezept, mit dem die Bayern schon in der letzten Saison erstaunlich erfolgreich waren, denn die Gegenwehr, die die Bayern ernsthaft daran hindert, Tore zu schießen, ist so laufintensiv, dass die Gegner nach spätestens 80 Minuten platt sind. In den verbleibenden zehn Minuten entscheiden dann die Bayern das Spiel für sich. Diese Taktik geht den Dortmundern wiederum vollkommen ab. Ganz im Gegenteil kassierten sie nicht nur den Anschlußtreffer der Mainzer im 1. Ligaspiel kurz vor Schluss, sondern auch der Siegtreffer der Leipziger fiel erst in der 89. Minute, ganz einfach deshalb, weil die Leipziger mehr Leidenschaft und Ehrgeiz aufboten und am Ende immer mehr ins Spiel kamen und die Dortmunder in die Defensive drängten. Auch wenn das 1:0 glücklich war, weil ihm ein Handspiel vorausging, krankte das Dortmunder Spiel mit zunehmender Dauer an einer rätselhaften Passungenauigkeit. Da passt noch nicht viel zusammen bei den vielen neuen Spielern, während gleich drei wesentliche Stabilisatoren in allen Bereichen an allen Ecken und Enden fehlten. Bartra, der Ersatzmann für Hummels, leistete sich fürchterliche Abspielfehler, Rode konnte zu keiner Zeit das Loch stopfen, das Gündogan hinterlassen hat, und nur Schürrle bewies, dass er mindestens so viele Großchancen verdaddeln kann wie Mchitarjan in seiner schlechtesten Phase unter Klopp. Trotzdem gilt der BVB noch als die große Fußballhoffnung, dabei kann man vermutlich froh sein, wenn Dortmund die Euroleague erreicht und die Gruppenphase der CL übersteht. Dortmund hat viele talentierte junge Spieler gekauft, ihnen aber gleichzeitig so überschätzte und abgehalfterte Stars wie Schürrle und Götze vor die Nase gesetzt. Ob das die Motivation von Merino, Emre Mor und Dembele steigert? Vermutlich eher nicht.