Archiv für den Monat: Oktober 2016

Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Der Wurm ist drin, und wenn der erst mal drin ist, geht er so schnell nicht wieder raus. »Viele unerzwungene Fehler, viele einfache Fehler, viele Fehler im Aufbauspiel«, sagte Tuchel, und da ließ sich schwerlich widersprechen. Vor allem die erste Halbzeit gehörte zum Langweiligsten, das der BVB seit langem abgeliefert hat. Die Dortmunder waren wie immer optisch überlegen, aber sie erspielten sich keine einzige Torchance. Die Schalker igelten sich hinten ein und man konnte von Glück sagen, dass sie an diesem Tag auch nicht gerade Torgefährlichkeit ausstrahlten und sich dem öden Spiel der Dortmunder anpassten, sie an Unfähigkeit sogar noch übertrafen. Götze war in der ersten Hälfte so gut wie unsichtbar, und man versteht immer mehr, warum die Bayern ihn loswerden wollten. Dembelé verhedderte sich ein ums andere Mal und Pulisic hatte mit dem Brutalo Kolasinac zu tun, der besser als Türsteher aufgehoben wäre. Wenigstens war Sokratis wieder zurückgekehrt und verlieh der Abwehr ein wenig Stabilität. Erst in der zweiten Halbzeit kam etwas mehr Fahrt auf, aber nicht genug, um den Schalker Abwehrriegel zu knacken. Klar hätten die Dortmunder, wenn es gerecht zugegangen wäre, gewinnen müssen, denn sie hatten immerhin drei gute Chancen, davon einen Lattentreffer von Dembelé, aber irgendwie hatten sie es bei dieser Leistung einfach nicht verdient. Inzwischen haben sie drei Unentschieden in Serie hingelegt und vier Spiele hintereinander nicht mehr gewonnen, und das ist reichlich wenig für einen Aspiranten auf die ersten drei Plätze. Zwar hatten sogar Manchester City und Atletico Madrid eine Durststrecke, aber die haben sie überwunden, und auch Klopps Liverpool spielt ganz oben mit. Und manchmal denke ich, wenn die Dortmunder wieder auf Ballbesitz spielen und die Kugel in der eigenen Hälfte hin- und herschieben, dass ihnen ein bisschen Klopp fehlt, dieses bedingungslose Pressen und Drücken. Zumindest war das bei weitem aufregender als ein Fußball, bei dem man jedem Spieler anmerkt, wie er in einem taktischen Korsett steckt und Angst hat, etwas falsch zu machen oder wieder mal in Rückstand zu geraten. Es nützt nun mal nichts, anschließend sagen zu können, dass man in allen Bereichen überlegen war (außer im Foulspiel natürlich), wenn man nicht mehr in der Lage ist, Tore zu erzielen. Es sieht so aus, als ob die anfänglichen Befürchtungen doch noch zutreffen, nämlich, dass es eine ganze Zeit brauchen wird, bis die Spieler zueinander gefunden haben werden. Zwischendrin sah es bei ein paar Spielen so aus, als ob der BVB allen davoneilen würde, aber das war nur ein kurzes Hoch. Vorne dreht wie üblich Bayern einsam seine Kreise, die nach einer kleinen Ergebniskrise wieder gewohnt souverän 3:1 in Augsburg gewannen. Im Krisenduell der Werksclubs hatte Leverkusen in Wolfsburg das bessere Ende für sich, wo auch der Trainerwechsel nichts gebracht hat. Und Red Bull Leipzig zieht mit einem 2:0 gegen Darmstadt als bester Aufsteiger in der Bundesligageschichte auf und davon. Alles keine wirklich schönen Nachrichten.

Die misslungene Entnazifizierung

Den ehemaligen stern-Reporter Niklas Frank hat das Thema NS sein Leben lang verfolgt. Und das ist kein Wunder, denn als Sohn von Hans Frank, der zwischen 1939 und 1945 Generalgouverneur von Polen war und 1946 hingerichtet wurde, konnte er seiner Vergangenheit nicht entfliehen, zu monströs war für Niklas Frank die Tatsache, dass er von zwei Monstern abstammte, die sich als Herrscher über »minderwertiges« Leben und Tod aufspielten. Die meisten Kinder von NS-Prominenten haben die Schuld ihrer Eltern relativiert und verdrängt. Niklas Frank hingegen hat schonungslos gegenüber sich selbst seinen Hass auf seinen Vater publik gemacht. »Der Vater. Eine Abrechnung« hieß sein 1987 erschienenes und im stern vorabgedrucktes Buch, das die Gesellschaft stark in Wallung geraten ließ und das ihm wahrscheinlich mehr Anfeindungen einbrachte als seinem Vater, der als »Schlächter von Polen« bekannt wurde.
Immer wieder hat Niklas Frank mit unversöhnlicher Kritik des NS und seiner Mitläufer das Trauma seiner Kindheit bearbeitet. Er ist einer der wenigen, denen man nachsehen muss, dass er das nicht mit einem historisch-distanzierten Blick tun kann. Niklas Frank hat in seinem neuen Buch »dunkle seele feiges maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen« den Blick auf das große Herausreden der Nazis gerichtet und das Präsens im Untertitel zeigt an, dass für Frank die Geschichte der »Feigheit«, die er in seinem Buch dokumentiert, nicht zu Ende ist. Er sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Nazis, die nicht zu dem standen, was sie getan hatten, und der geistigen Verfassung der Täter, die Asylbewerberheime anzünden und ihre politische Heimat bei der AfD gefunden haben.
3 660 648 Entnazifizierungsakten in den alten Bundesländern gibt es. Niklas Frank hat in zahlreichen Archiven wahllos Akten durchgesehen und ist immer auf das selbe gestoßen: Auf Dokumente der Niedertracht und Dummheit, die er unermüdlich und mit großer Empörung kommentiert, obwohl sich der Schrecken dadurch nicht steigern lässt.
Im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv sagte der Archivar: »Bei mir werden Sie nur Widerständler finden«, denn als solche haben sich die Deutschen in der Nachkriegszeit stilisiert. An dieser Einstellung sind schon Kriegsreporterinnen wie Martha Gellhorn verzweifelt, denn nirgends konnte sie auch nur einen Nazi entdecken.
Die Dokumente sind aber auch von unfreiwilliger Komik, wenn sich Belastete mit den absurdesten Argumenten aus der Verantwortung stehlen wollen, so ähnlich wie das Vernehmungsprotokoll von Adolf Eichmann, das Hannah Arendt gelesen hat und dabei laut lachen musste. Aber auf 584 Seiten ist die Lektüre deprimierend und kaum auszuhalten. Die fremdenfeindlichen 20 % der deutschen Bevölkerung, die hier in einen Spiegel sehen könnten, werden das Buch kaum lesen und es ist schade, dass man sie nicht dazu verurteilen kann, diese Anklageschrift Wort für Wort zu lesen, sie zu konfrontieren mit der jämmerlichen Wirklichkeit ihres xenophobischen Daseins.

Niklas Frank, »dunkle seele feiges maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizierungsprozess reinwaschen«, Dietz Verlag, Bonn 2016, 584 Seiten, 29.90 Euro

Reise in ein fremdes Land

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Buch ist sensationell und hätte auch in Deutschland alle Sachbuchpreise des Jahres verdient. Ohne dass ich mich jemals für den Iran oder Teheran interessiert hätte, ja mir dieses Land und seine Regierung schon immer wegen des zur Staatsreligion erhobenen Antisemitismus zutiefst unsympathisch waren, hat mich »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran« von Ramita Navai sofort auf eine ungeheuer spannende Reise durch eine terra incognita mitgenommen. Navais Eltern mussten vor der islamischen Revolution aus Teheran flüchten als sie acht war. Alt genug, um sich noch lebhaft an den Sturz des Schahs zu erinnern, an den Jubel, der die Stadt erfüllte, als auf den Straßen getanzt wurde und die Revolution so schön und hinreißend war, dass sich sogar Foucault über ihren wahren Charakter täuschte, der sich bald darauf zeigte, als die Revolutionsgarden ihre Gewehrläufe nicht mehr mit Blumen schmückten, sondern nachts durch die Stadt zogen, um Verhaftungen vorzunehmen, und die Familie Ramita Navais verängstigt in ihrer Wohnung saß und die erste Gelegenheit ergriff, nach London auszuwandern.
Im Sommer 2004 kehrt sie mit 27 Jahren als Korrespondentin der »Times« nach Teheran zurück. Als sie über einen Fall von Menschenrechtsverletzung berichtet, gibt ein Beamter des »Ministeriums für Kultur und islamische Führung« ihr zu verstehen, dass sie sich besser eine zeitlang ruhig verhalten sollte, wenn sie die regelmäßigen Verhöre durch den Geheimdienst vermeiden wolle. Sie beginnt an einer Schule Kinder zu unterrichten, Afghanen ohne Papiere, Zigeuner und uneheliche Kinder von Prostituierten, und lernt über ihre Tätigkeit viele Menschen kennen, von denen sie sich ihr Leben erzählen lässt, was den Menschen umso leichter fällt, da Navai eine Außenstehende ist und trotzdem Teheranerin. Sie teilen ihr ihre Geheimnisse mit, nehmen die Reporterin mit in üble Gegenden und zeigen Navai eine Stadt, die selbst ihr unbekannt ist. Auf diese Weise hat Navai Teheran lieben gelernt, und vielleicht war das die Voraussetzung, um nichts zu beschönigen, die Widersprüche zu beschreiben und den Mut und die Größe von Menschen zu entdecken, die nur in einer Stadt wie Teheran hervortreten können, wo eine brutale, aber auch inkonsistente Willkür herrscht, in der sich immer wieder Schlupflöcher und Fluchtwege öffnen. Oder unerhörtes Leid und der Tod.
So ist die Prostitution trotz Verbot weit verbreitet, was in einer sexfeindlichen islamischen Gesellschaft nicht verwundert. In Zeiten des Internets stehen die Behörden jedoch auf verlorenem Posten. Es gibt sogar einen Straßenstrich und, noch verwirrender, jeder weiß, dass es ihn gibt und wo die käuflichen Mädchen zu finden sind. Und da Mädchen aus den unterschiedlichsten Gründen, aus Not ebenso wie um sich ein neues Smartphone oder die Studiengebühren leisten zu können, bereits mit 16 auf den Strich gehen, erwog das Innenministerium sogar, diese Mädchen in ein »Umerziehungslager« zu stecken.
Je mehr jedoch der Sex tabuisiert wird, desto mehr wird über ihn geredet. Selbst die Mullahs geben unzählige z.T. legendäre Kommentare dazu ab, u.a. eine Fatwa, die mit großer Detailversessenheit ein hypothetisches Szenario behandelt, weshalb sie sich in Teheran großer Beliebtheit erfreut: »Wenn ein junger Mann in seinem Schlafzimmer liegt und seine Tante im direkt darunter liegendem Zimmer schläft und der Fußboden bei einem Erdbeben einbricht, so dass er direkt auf sie fällt, und beide nackt wären, wenn der junge Mann dabei zufällig gerade eine Erektion hätte und auf ihr landen würde, so dass er sie penetrieren würde, wäre dann das Kind, das aus einer solchen Begegnung hervorginge, legitim oder ein Bastard?«
Eine andere Möglichkeit, um außerehelichen Geschlechtsverkehr zu legitimieren, ist eine sogenannte »Sigheh«, eine Bescheinigung, die eine »Ehe auf Zeit« bestätigt und »von Gott und dem Staat genehmigt« wird, und zwar »zwischen einem Mann (der bereits verheiratet sein darf) und einer Frau (die das nicht sein darf) … und ein paar Minuten oder neunundneunzig Jahre dauern kann«. Auf diese Weise verleiht der schiitische Pragmatismus sogar einem Quicki ein islamisches Gütesiegel. Frauenrechtlerinnen beschwerten sich über diese Form von klerikaler Heuchelei, weil nur die Männer im Gegensatz zu den Frauen verheiratet sein durften. Die »Sigheh« gewährt jedoch auch den Prostituierten einen gewissen Schutz vor genau definierten Strafen: »Sexueller Kontakt ohne Penetration verlangte nach kräftigeren Peitschenhieben als Alkoholkonsum. Zuhälterei und Meineid wurden leichter bestraft, im buchstäblichen Sinne, denn die Peitschenhiebe waren weniger heftig als bei Trunkenheit und heftigem Petting… Die verwendete Peitsche muss aus Leder sein, einen Meter lang und nicht dicker als anderthalb Zentimeter… Das Auspeitschen muss bei gemäßigter Temperatur stattfinden – es darf weder zu heiß noch zu kalt sein. Die einzelnen Hiebe müssen gleichmäßig ausgeführt werden.« Nicht immer muss der Verurteilte selbst die Strafe antreten. Es gibt Leute, die einspringen, pro Peitschenhieb »2000 Toman« verlangen und sich das Geld dann mit dem zuständigen Auspeitscher teilen.
Das Buch ist voller solcher absurden, lächerlichen, schrecklichen und verrückten Details, aber die sind es nicht allein, die das Buch lesenswert machen. Navai verleiht den Geschichten ganz unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Milieus einen großen Glanz, sie verurteilt sie nicht, auch wenn es um einen Mafia-Boss geht, der eine Crystal-Meth-Küche betreibt. Sie beobachtet und beschreibt einfach nur, und das sehr genau und elegant. Ihre Biographien strahlen eine Tragik und einen Humor aus, die den Leser tief eintauchen lassen in eine fremde, unbegreifliche Welt, in der die Lüge eine Frage des Überlebens geworden ist, und dabei wird man noch ganz nebenbei über die Geschichte des Landes aufgeklärt. Grandiose Reportagen, die eine einzigartige Liaison mit grandioser Literatur eingegangen sind.

Ramita Navai, »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran«, aus dem englischen von Yamin von Rauch, Kein & Aber, Zürich 2016.

Die Wahrheit über das Pokal-Sechzehntelfinale

Und wieder ergriffen einige Bundesligisten die Gelegenheit, sich zu blamieren. Am schlimmsten traf es die Lilien, die beim Viertligisten FCA Walldorf mit 1:0 ausschieden und das nicht ganz zu unrecht, denn gegen diesen Gegner mussten die Darmstädter das Spiel machen, was sie in der Bundesliga nicht gewohnt sind. Plötzlich fanden sie sich einem Gegner gegenüber, der, wie der Name schon sagt, einen Wall um den Strafraum errichtete, aber aus dieser gesicherten Deckung auch immer wieder mutig nach vorne spielte, und so bessere Chancen kreierte als der Bundesligist, der sich offenbar auf seinen Status verließ und dem nicht sehr viel einfiel, um der Truppe von Studenten gefährlich werden zu können. Eine andere Sensation wäre fast Heidenheim gegen Wolfsburg geglückt, aber in einem „dreckigen Spiel“ behielten die Wolfsburger mit einem Tor gerade mal noch so die Oberhand. Symptomatisch für die Misere des CL-Aspiranten war ein Ausrutscher von Gomez gleich zu Beginn des Spiels und ohne Beteiligung des Gegners, bei dem sich der Torjäger fast verletzt hätte und der so unglücklich und so dilettantisch aussah wie die gesamten letzten Spiele von Wolfsburg, und das scheint sich auch nicht durch den neuen Trainer Ismael zu ändern. Auch den BVB hätte es an diesem Abend zu Hause gegen die Zweitligaspitzenmannschaft Union erwischen können, jedenfalls brachten die Dortmunder nach regulärer Spielzeit und Verlängerung nur ein Unentschieden zustande. Und dabei mussten die Berliner beide Tore beisteuern. Über neun Verletzte hat der BVB, aber nur der 18-jährige Novize Bruun Larsen verriet, wie dünn die Personaldecke geworden ist. Sonst standen nur Spieler auf dem Platz, die sonst auch zur ersten Wahl gehören, außer Sahin, der sein erstes Spiel von Anfang an bestreiten durfte. Aber nachdem sich sogar Aubameyang krank gemeldet hat, gibt es niemanden mehr, der Tore schießt. Der BVB war überlegen, aber wie bei so vielen Spielen vorher, handelte es sich nur um eine optische Überlegenheit, die nicht wirklich Torgefahr bedeutete. Dortmund mühte sich. Das Spiel war temporeich, die Berliner pressten und versuchten zu kontern, aber weder von der einen Seite noch von der anderen Seite ging wirkliche Torgefahr aus, so dass sogar die beiden Treffer nicht wirklich zwingend waren, ein abgefälschter Schuss von Larsen und ein verdeckter Glücksschuss aus 20 Meter von Skrybski. Am Ende hatten die Berliner nach einem Patzer von Weidenfeller, der aus dem Strafraum lief und ausgespielt wurde, sogar noch die Möglichkeit, den lucky punch zu setzen. Gerecht wäre es nicht gewesen. Schließlich also die Lotterie im Elferschießen, die der BVB überraschend 3:0 gewann, weil die Berliner sich ein Beispiel an den Bayern nahmen, die im vorletzten Halbfinale gegen den BVB auch alle Elfer slapstickhaft versemmelten. Wiedenfeller hielt zwei Elfer, der dritte von Union ging an die Latte, während, Dembelé, Ginter und Götze souverän verwandelten. Diese Leistung wird den Dortmundern im kommenden Revierderby gegen die leider zum ungünstigsten Zeitpunkt wiedererstarkten Schalker kaum reichen, die schon zur Halbzeit 3:0 beim Club führten, bevor sie in der 2. Hälfte ein wenig nachließen, so dass die Nürnberger bis auf ein Tor noch herankamen.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

Wenn es schon an der Spitze keine Überraschung gibt und Bayern auch gegen seinen alten Rivalen und Teilzeitangstgegner Gladbach 2:0 gewinnt, so dass die Münchner wie gewohnt ganz oben einsam die Spitze besetzen, so ist wenigstens auf die Platzhalter dahinter kein Verlass. Wolfsburg ist mit 6 Punkten ganz kurz vor den Abstiegsplätzen. Dieter Hecking, obwohl immer devot bis zum Abwinken gegenüber seinen Arbeitgeber, wurde entlassen und der neue Interimstrainer Ismael, der frühere Werder- und Bayern-Profi scheint der Wolfsburger Leiche auch kein Leben einhauchen zu können. In Darmstadt, der Mannschaft mit dem niedrigsten Etat, verloren die zahnlosen Wölfe mit 3:1. Und das Positive aus Sicht von Allofs ist die Tatsache, dass wenigstens Gomez mal wieder getroffen hat. Mit Roberto Mancini (Inter Mailand), André Villas-Boas (Chelsea) oder Marc Wilmots strebt man eine große Lösung an, von der jeder weiß, dass sie grandios scheitern wird, weshalb man sich schon jetzt darauf freuen kann, wie einer der überflüssigsten Clubs der Weltgeschichte in die Grütze geritten wird. Leverkusen, ebenfalls ein CL-Aspirant gewinnt zwar gegen den BVB, aber gegen jede andere Mannschaft in der Liga hat man eher Schwierigkeiten. Zu Hause gegen den bislang relativ zuverlässigen Punktelieferanten Hoffenheim verliert der Chemie-Verein gleich 3:0 und dümpelt in der unteren Tabellenhälfte herum. Und auch der BVB schließt sich den schwachen Leistungen der Favoriten an, macht daraus aber immerhin ein kleines Spekatakel. In Ingolstadt holen die Schwarzgelben in einer furiosen Aufholjagd noch einen Punkt, und zwar erst in der Nachspielzeit durch Pulisic. Vorher gab es die übliche Konstellation. Ingolstadt mit zwei dichten Abwehrreihen, um die die Dortmunder herumspielten, bevor sie sich im dichten Gestrüpp verhedderten und dann einem Konter nach dem anderen hinterherlaufen mussten. Dennoch waren es zwei simple und fast identische Freistoßtore, die der BVB nicht zu verteidigen wusste, und das ist für einen CL-Verein eigentlich etwas wenig gegen eine Mannschaft, die vorher gerade mal einen Punkt einsammelten. Zur Pause konnten die Dortmunder sogar froh sein, dass es nicht 3:0 oder 4:0 stand, denn die Ingolstädter hatten noch einige hochwertige Chancen. Immerhin kam mit Pulisic und Götze nach der Pause ein bisschen mehr Bewegung ins Spiel und man muss es den Schwarzgelben hoch anrechnen, dass sie selbst nach dem dritten Tor der Ingolstädter, das nur eine Minute nach dem Anschlusstreffer fiel, nicht aufgaben und in den letzten zehn Minuten ein derartiges Powerspiel aufzogen, dass die Ingolstädter nur noch versuchten, den Ball aus der Gefahrenzone zu schlagen. Die Abwehrreihe ohne Sokrates ist allerdings ein Torso, auch wenn Bartras und Ginter ja keine unerfahrenen Neulinge sind, aber immer wieder standen Ingolstädter sträflichst im Abwehrzentrum frei und die Tore fielen auf eine so einfache Weise, dass man nur verzweifelt die Hände vor dem Kopf schlagen wollte. Dafür ist jetzt Hertha offizieller Verfolger der Bayern, weil Köln in Berlin versagt hat.

Alle Jahre wieder: Die Buchmesse

Der Jubel über den Literaturnobelpreisträger Bob Dylan ist zwar groß, aber die Buchbranche stöhnt, denn außer den Lyrics und der Autobiographie gibt es vom Autor nichts. So ergiebig wie Modiano vor ein paar Jahren, von dem man Titel im Dutzend nachdrucken konnte und Ladenhüter plötzlich reißenden Absatz fanden, ist Dylan nicht. Der einzige Titel, der eine zeitlang vorrätig war, war ein Buch über Bob Dylan, genauer über sein legendäres Album „Highway 61 Revisited“ von Mark Polizzotti, aber mit 65 verkauften Exemplaren seit der Bekanntgabe des Preises, kann man nicht gerade behaupten, damit ließe sich der Buchmarkt ankurbeln. Woher ich das so genau weiß? Weil das Buch in meiner Edition Tiamat erschienen ist. Ich habe auch gleich einige Exemplare aus den tiefsten Tiefen des Buchlagers hervorgekramt und mit dem Literaturpreis Werbung gemacht, aber niemand scheint es zu interessieren. Das Preiskomitee hat Dylan immer noch nicht telefonisch erreicht, weshalb man das Tourmanagement angerufen hat, das wiederrum mitteilte, man würde sich im Bedarfsfalle melden. Inzwischen wurde auf der offiziellen Homepage Dylans mitgeteilt, dass man die Entscheidung des Komitees zu Kenntnis genommen habe. Man erinnert sich wieder an die zur eigenen Legende erstarrte Gestalt mit dunklen Sonnenbrillengläsern, die sich volkommen ungerührt von Obama eine Preiskette umlegen ließ. Glücklicherweise habe ich den Song „Born in time“ einstudiert und kann ihn abends auf dem Rowohlt-Empfang vorsingen. Der Dylan-Spezialist und -Übersetzer Gerd Henschel konnte auch auf Anhieb sagen, von welcher Platte das Lied ist. Auch Klaus Modick konnte ich damit beeindrucken, und das tut manchmal ganz gut, denn Fup, dem ich den Song immer zum Einschlafen vorsinge, ist das nicht. Wie auch? Er schläft davon ja ein. Auch David Hockney, der Star der diesjährigen Buchmesse, war unter branchenüblichen Gesichtspunkten ein Flop. Es ist nicht wirklich umstritten, dass sein offenherziges Bekenntnis, er habe schon immer viel gelesen, viel für die Branche bringt, denn auch Helmut Kohl war ja bekanntlich eine Leseratte und gut in Hölderlin. Hockney liest gerade ein Buch über Luther, wobei ihm das Theologische allerdings etwas zu kompliziert ist. Und ein Buch über Drogen in der der Nazi-Zeit. Das sind also so die Themen. Ansonsten malt er auf seinem I-Pad. Merkwürdige Zeiten. Ach ja, der Friedenspreis des deutschen Buchhandels ist an Carolin Emcke gegangen, die Frau, die mit erhobenem Zeigefinger schreibt und alles über einen moralischen Kamm schert. Immer auf Seiten der Unterdrückten und Entrechteten, und immer Verständnis für die Beleidigten und Geknechteten. Das liest sich nicht immer sehr spannend, aber mit ihr hat es in jedem Fall die Richtige getroffen.

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Am letzten Spieltag ließ der BVB die Chance ungenutzt, nach dem Punkteverlust der Bayern gegen Köln näher an den ersten Platz zu rutschen. Diesmal war es umgekehrt: Die Bayern machten nichts aus der Steilvorlage der Dortmunder, die nur ein 1:1 gegen die Hertha schafften, um sich weiter abzusetzen. In Frankfurt legten sie eine grottenschlechte erste Halbzeit hin, die sogar Rummenigge auf den Plan rief, der den versammelten Mikrophonen verkündete, dass diesem Schlendrian sofort Einhalt geboten werden würde. Aber auch in der 2. Hälfte verstanden die Bayern es nicht, eine zweimalige Führung über die Runden zu bringen. Zweimal kamen die Einrachtler zurück, obwohl schon in der 65. Minute Huszti vom Platz gestellt wurde, die Eintracht also eine halbe Stunde nur zu zehnt spielte, und obwohl die Ultras nicht dabei sein durften, weil sie immer so böse sind. Aber die Dortmunder machen es z.Z. auch nicht besser. Den Berlinern genügte eine per Hackentrick eingeleitete geniale Vorlage in den Lauf von Stocker für das 1:0, während Aubameyang diesmal seine Treffsicherheit vermissen ließ. Allein vor dem Torhüter traf er nur den Pfosten und einen allerdings unberechtigten Handelfmeter nutzte er ebenfalls nicht zum Ausgleich, erst eine Flanke von Dembelé konnte er denn endlich zum Ausgleich verwandeln. Die von Tuchel nach dem Spiel gegen Leverkusen beklagten Fouls, die nicht entsprechend geahndet werden würden, führten nicht dazu, dass weniger Fouls begangen wurden. In der Statistik ist der BVB als fairste Mannschaft der Liga in dieser Rubrik immer und verlässlich der Verlierer. Und Dardai ließ schon vorher durchblicken, dass dies so bleiben werde, denn »Fußball ist ein Männersport«, was als Drohung gemeint war. 21:13 führten am Ende die Berliner die Foulstatistik an. Und Stocker wurde für eine Blutgrätsche von hinten an Ginter sogar vom Platz gestellt. Zu Recht. Für Dardai war das ein bisschen »übereifrig« und käme im Training auch immer wieder mal vor. Den Vogel aber schoss ein Kommentator des ZDF ab, der meinte, das brutale Foul wäre erst durch die von Tuchel losgetretene Fouldebatte entstanden. Alle Achtung! Auch gegenüber dem sonstigen Tenor in der Diskussion, die alle im Sinne von Dardais prolligem »Männersport« argumentierten. Was aber ist verwerflich daran, wenn jemand seine Spieler vor Verletzungen durch Übereifrige und Männersportler schützen will? Und was ist falsch daran, die Schiedsrichter daran zu erinnern, taktische Fouls konsequenter mit gelb zu bestrafen, denn sie zerstören das schöne Spiel. Es ist merkwürdig, dass bei den Kommentatoren die Meinung vorherrscht, das sei eben die Waffe der unterlegenen Mannschaften, um den besseren Spielern die »Lust am Spiel« zu nehmen, sie auf ihr Niveau herabzuziehen, auf dass so unansehnlich gespielt wird wie die schlechtere Mannschaft eben zu spielen in der Lage ist. Und wenn das Niveau dann insgesamt gesunken ist, dann ist die Klage groß. Warum aber dürfen minderbemittelte Spieler Dembelé und Mor immer wieder einfach festhalten, wenn sie dafür höchstens einmal gelb riskieren? Und als Mor nach einer intensiven Umarmung durch Langkamp sich schließlich aktiv aus dem Klammergriff löste, erhielt er die rote Karte, weil Langkamp sich theatralisch auf den Boden warf, was er anschließend immerhin zugab, wobei ihm allerdings nach den Fernsehbildern auch kaum etwas anderes übrig blieb, zu offenkundig war seine Show. Immerhin: Gladbach kann es noch besser als Dortmund und vergab gegen Hamburg sogar zwei Elfmeter, die mit einem sensationellen Dusel ein Remis über die Zeit retteten. Und ein wenig Balsam auf die Seele war die 2:1-Niederlage der Leverkusener gegen limitierte Bremer. Das hatten sie sich nach dem Spiel gegen Dortmund auch redlich verdient.

Die Wahrheit über den 6. Spieltag

Ein gebrauchter Spieltag, der mit einem 1:1 der Kölner bei den Bayern zunächst eigentlich gut anfing, auch wenn die Bayern am Ende sogar noch Glück hatten, weil Zoller allein vor Neuer auftauchte, aber das Tor nicht traf. Zwar waren die Bayern haushoch überlegen mit 27:5 Torschüssen und 68 % Ballbesitz, aber es kam wenig Effektives dabei heraus. Das alte Dilemma einer Spitzenmannschaft, die gegen eine leidenschaftlich verteidigende Elf nicht gut aussehen kann, obwohl sie in allen Belangen überlegen ist. Außer natürlich in der Foulstatistik, wo Köln haushoch mit 12:4 gewonnen hat. Immerhin ließen die Münchner Punkte, und das hätte den Dortmundern die Chanc gegeben, bis auf einen Punkt heranzukommen, aber nachdem man nach den letzten Spielräuschen und nach dem Fastsieg gegen Real Madrid schon fast an die Unwiderstehlichkeit der Dortmunder glaubte, traf man diesmal in Leverkusen, wo man bislang magere 7 Punkte gesammelt hatte, auf einen bis in die Haarspitzen motivierten Gegner, dem an diesem Abend alle Mittel recht waren, um das Dortmunder Spiel zu zerstören. 70 Prozent Ballbesitz und auch die sonst haushohe Überlegenheit nützte den Dortmundern nichts, denn auch in dieser Partie war die Foulstatistik das Entscheidende, und die lautete sagenhafte 21:7 für Leverkusen. Und als Roger Schmidt in der Pressekonferenz sagte, er sei ein »faires Spiel« gewesen, da konnte Tuchel nicht an sich halten, denn fair war das Spiel höchstens von den Schwarzgelben gewesen, einige der Leverkusener, allen voran Kampl, der offenbar noch eine Rechnung mit dem BVB offen hatte, weil er dort sich nicht durchsetzen konnte, sammelten fleißig gelbe Karten und standen kurz vor rot, wobei einige der Fouls durchaus eine rote Karte verdient gehabt hätten, vor allem als der durch ein Foul bereits am Boden liegende Ginter noch einmal durch Aranguiz ins Gesicht getreten wurde. Im Fußball gibt es jedoch keine Gerechtigkeit, sondern nur verständnisvolle Schiedsrichter. Aber auch das Dortmunder Spiel funktionierte nicht wie sonst, was zum Teil am wilden Pressing des Gegners lag, zum anderen auch der merkwürdigen taktischen Aufstellung, denn Guerreiro spielte zunächst für Schmelzer hinten auf der linken Seite, wo er verloren wirkte und wie seine Kollegen sich viele unerklärliche Fehlpässe leistete. Dembelé und Pulisic auf den Flügeln konnten ihre Schnelligkeit nicht entfalten, weil sich sofort drei Leverkusener auf sie stürzten, wenn sie angespielt wurden, eine taktische Maßnahme, die schon Klopp bei seinen Seriensiegen gegen die Bayern angewandt hatte, als er damit Ribéry und Robben lahm legte. Tuchel brachte bereits nach der Pause Mor für Pulisic und Schmelzer für den enttäuschenden Castro, damit Guerreiro ins Mittelfeld rücken konnte, später auch noch Kagawa für den blassen Rode, aber eine wirkliche entscheidende Veränderung brachte das für das Spiel nicht. Mor verdribbelte sich ein ums andere Mal und lud die Leverkusener zum Kontern ein. Und Weigl schließlich war an beiden Gegentreffern nicht unbeteiligt, denn beim ersten Kopfballtor durch Mehmedi rutschte er aus und ließ sich wegdrücken, und bei der Flanke zum 2:0 kam er nicht hinterher, um sie zu verhindern. Das allerdings hätte Sahin auch gekonnt. Zwei in der Statistik ganz ähnliche Spiele: Der Unterschied, die Bayern spielen dann höchstens mal unentschieden, der BVB aber verliert. Und als unschöne Krönung des vergurkten Spieltages gewannen gestern die Schalker gleich mit 4:0 gegen Gladbach, die ebenfalls die besseren Statistikwerte aufwiesen. Schade: Schalke mit Null Punkten nach sechs Spielen, das wäre ganz lustig gewesen, aber auf Gladbach ist eben auch kein Verlass.