Archiv für den Monat: November 2016

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Nach dem Spiel ließ  Tuchel kein gutes Haar an seiner Mannschaft. Seit dem CL-Spiel am Mittwoch, als die B-Elf im torreichsten Spiel der CL-Geschichte gegen Legia Warschau 8:4 gewann und Marco Reus ein gefeiertes Comeback feierte, hätte es sich bereits angebahnt und nichts hätte darauf hingedeutet, dass Dortmund einen Punkt verdient hätte, weder das Training, noch die Haltung und am allerwenigsten das Spiel. Als kurz nach der Pause das 1:0 für die Eintracht fiel, befand sich Tuchel noch im Kabinengang. Danach sagte er, dass ihn der Treffer der Frankfurter nicht überrascht hätte, denn als seine Mannschaft auf den Platz lief, sah es nicht danach aus, als ob sie das Spiel engagierter angehen wollte. Eigentlich heißt das ja, dass der Trainer die Spieler nicht mehr erreicht, denn als Beobachter der ersten Halbzeit hoffte man, dass Tuchel den Spielern jetzt entweder neue taktische Anweisungen geben oder eine Standpauke halten würde, um sie aufzuwecken. Aber nichts. Das lag natürlich auch an den Frankfurtern, die mit einem einfachen Rezept den Dortmundern auf die Nerven gingen, indem sie ihnen auch im sprichwörtlichen Sinne auf den Füßen standen. Dortmund kommt mit dieser Taktik nicht zurecht. Gerade dem Mittelfeld wie Weigl unterliefen Fehlpässe, weil er ständig bei Ballbesitz unter Druck gesetzt wurde. Aber die Passquote war insgesamt nicht gut. Und hier täuscht die Passstatistik von 80 % angekommenen Pässen, denn die entscheidenden kamen eben nicht an, nur die zahlreichen in der eigenen Hälfte hin und hergeschobenen Querpässe. Frankfurt steht nicht umsonst oben in der Tabelle. Taktisch geschlossen und konstant in der Leistung machten sie schon den Bayern das Leben schwer, gegen die sie ein Unentschieden erzwangen, aber während ihnen gegen die Bayern noch das nötige Glück zu einem Sieg fehlte, gegen die Dortmunder hatten sie es, denn es war wieder einmal Aubameyang, der nach grandioser Einzelaktion einen Treffer auf dem Fuß hatte. Und nicht nur das: Dembele traf am Ende nur die Latte. Die Eintracht hingegen hatte nicht viel mehr Chancen als eben die, die dann auch zu den Toren führten, aber diese Tore spielten sie präzise heraus, indem sie das Dortmunder Mittelfeld so unter Druck setzen, dass Rode, Ginter und Schmelzer häufig nicht gut aussahen. Der Unterschied zu den Bayern, die sich ja gerade in der Krise befinden und denen Siege nicht mehr selbstverständlich zufallen, bestand heute darin, dass Marco Reus keinen Elfer erhielt, nachdem er im Strafraum umgerissen wurde, während gegen die Bayern kein Elfer gegeben wurde, obwohl Martinez einen Ball mit der Hand abwehrte, der sonst im Netz gelandet wäre. Und das wäre das verdiente 2:2 für Bayer Leverkusen gewesen, denn Bayern war trotz Rückkehr von Hoeneß auf den Präsidentenstuhl und Kampfansage an die Liga die schlechtere Mannschaft gewesen. Aber auch wenn es letztlich solche Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern sind, die das Spiel entscheiden, Dortmund bot kein gutes Spiel, und diesmal ließ es sich nicht darauf zurückführen, dass den Dortmundern ein anstrengendes CL-Spiel in den Knochen steckte, denn fast die gesamte Mannschaft war ausgewechselt worden. Es stand im wesentlichen die Mannschaft auf dem Platz, die gegen die Bayern noch 1:0 gewonnen hatte.

Eine Liebe geht zu Ende. Lucia Berlin grandiose Stories

Als im Frühjahr die Stories »Was ich sonst noch verpasst habe« von Lucia Berlin erschienen, war das Feuilleton einhellig begeistert, und sogar das Literarische Quartett, das sonst verlässlich zerstritten ist darüber, was Literatur ist und was nicht, war sich einig, dass dieses Buch einzigartig ist. Und das völlig zu recht, denn es dürfte nur wenig Leser geben, so unterschiedlich ihr Geschmack auch sein mag, die dieses Buch aus der Hand legen, ohne berührt zu werden.
Und wie so oft stellt sich die Frage, weshalb die Autorin ihren literarischen Durchbruch erst 2015 hatte. Ihre stark autobiographisch geprägten Geschichten sind schon in den 60ern bis 80ern entstanden. Sechs Bände mit ihren Erzählungen sind erschienen. Immer in kleinen Verlagen, zuletzt bei Black Sparrow Press, wo auch Charles Bukowski, Paul Bowles und Jack Kerouac veröffentlicht haben. Mehr als 2000 bis 3000 Exemplare wurden jedoch nie verkauft. Erst als eine von ihrem Freund Stephen Emerson besorgte Neuauswahl ihrer Geschichten bei Farrar, Straus & Giroux in New York erscheint, platzt der Feuilletonknoten, das Buch landet auf der Bestsellerliste der New York Times, es gibt Ehrungen und Übersetzungen in alle wichtigen Sprachen.
Man kann wie Antje Rávic Strubel, die Lucia Berlin kongenial ins Deutsche übertragen hat, diese Entdeckung »als das am besten gehütete literarische Geheimnis« bezeichnen, aber warum es ein Geheimnis war oder geheim gehalten wurde, wird damit nicht beantwortet. Dabei liegt die Sache auf der Hand, wenn man nur ein paar ihrer Geschichten gelesen hat und weiß, dass sie ihre Erzählungen von einem zerrütteten Leben, vom großen tragischen Leben der Gescheiterten, nicht erfunden hatte. Im Literaturbetrieb war sie eine Außenseiterin, von der niemand Notiz nahm, und da sie nicht dazugehörte und vielleicht auch keinen Wert darauf legte, dazuzugehören, wurde sie nicht wahrgenommen, auch wenn in einer nur ein paar Seiten umfassenden kleinen Erzählung ein Witz und ein Sprachgefühl steckten, von denen im Feuilleton weit mehr beachtete und arrivierte Autoren ein Schriftstellerleben lang zehren könnten.
Von ihrem plötzlichen Ruhm hat die vor genau 80 Jahren geborene Lucia Berlin nichts mehr, denn sie ist 2004 gestorben. Inzwischen wird sie mit Balzac, Isaac Babel und Garcia Marquez, mit Carson McCullers, William Faulkner und Joan Didion, mit Alice Munro, John Cheever, Dorothy Parker und Truman Capote in einem Atemzug genannt und zählt zu den Großen der amerikanischen Literatur. Das kommt natürlich alles ein bisschen plötzlich und sieht ganz danach aus, als wolle man an ihr etwas gut machen. Ob einer der genannten Autoren wirklich Einfluss auf ihr Schreiben hatte, lässt sich bezweifeln. Mit Ausnahme von Raymond Carver, den sie kannte und den sie schätzte und über den sie in einem Brief schrieb: »ich mag Raymond Carvers Geschichten – bevor er ausnüchterte & den Schluss seiner Texte versüßte – (& bevor dieses Miststück seine Geschichten zu short cuts aufmotzte – schrecklich, so etwas zu tun). Ich habe schon geschrieben wie er, bevor ich überhaupt etwas von ihm gelesen hatte. Er mochte auch meine Texte – wir hatten gute Gespräche. Erkannten einander sofort. Unser beider ›Stil‹ beruhte auf unserem (auf gewisse Weise ähnlichen) Hintergrund. Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemand an dich ran.«
Und in diesen wenigen Zeilen klingt an, was für Lucia Berlin wirklich zählte. Für sie war Schreiben ein Überlebenskampf, vielleicht sogar eine Art Therapie, und deshalb geht es in ihren Büchern um das wirklich Existentielle im Leben. Und sie hat ihr gesamtes Leben immer nur einen Text fortgeschrieben, eine große autobiographische Erzählung, die nicht immer eins zu eins mit ihrem tatsächlichen Leben übereinstimmen muss, aber sie wusste immer genau, worüber sie schrieb. Ihr eigenes Leben war der Steinbruch, aus dem sie große Literatur formte. Aber nach Hemingway war das sowieso die Voraussetzung für jede gute Literatur.
1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs geboren, kommt sie bereits in jungen Jahren viel herum. Rocky Mountains, Texas, Rio Grande, Chile, New Mexico. Die Familienverhältnisse als zerrüttet zu bezeichnen, ist noch eine Untertreibung. Wenn ihr Großvater betrunken war, versuchte sich Lucia zu verstecken, »weil er mich fangen und mit mir schaukeln würde. Er hatte das einmal im großen Schaukelstuhl getan, er drückte mich fest an sich, der Stuhl federte vom Boden ab, nur wenige Zentimeter neben dem glühend heißen Herd, und sein Teil stieß mir, stieß mir gegen den Hintern. Er sang: ›Alte Blechpfanne mit einem Loch im Boden.‹ Laut. Keuchend und grunzend. Mamie saß nur wenige Meter entfernt und las die Bibel, als ich schrie: ›Mamie! Hilf mir!‹ Onkel John tauchte auf, betrunken und staubig. Er riss mich von Großvater weg, packte den alten Mann am Kragen. Er sagte, das nächste Mal würde er ihn mit bloßen Händen umbringen. Dann schlug er Mamies Bibel zu.«
Onkel John – »Er sah gut aus, dunkel wie Großvater, mit nur einem blauen Augen, nachdem Großvater ihm das andere weggeschossen hatte. Sein Glasauge war grün« – landete in Los Angeles auf der Straße, »ein völlig hoffnungsloser Alki«. Davor hatte er sie ab und zu mal in seinem Lastwagen mitgenommen und auf einer der Fahrten einen Jungen angefahren. Lucia schreit, er solle anhalten, aber ihr Onkel fährt weiter. Jahre später weiß sie auch warum: »Denn mittlerweile war ich selbst eine Alkoholikerin.«
Ihr Vater kehrt aus dem Krieg zurück und die Familie zieht nach Chile, wo sie zu den besseren Kreisen gehört. Aber ihre Eltern trennen sich. Lucia bleibt bei der Mutter, die anfängt zu trinken. Kaum aus dem Haus, führt die Tochter das katastrophische Leben fort. Sie ist dreimal verheiratet, einmal mit einem Junkie, aber mit keinem hält sie es aus, sie zieht vier Kinder allein auf, wird nirgends seßhaft, wohnt in New York, Mexiko und Californien und schlägt sich als Krankenschwester, Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Telefonistin in einer Abtreibungsklinik durch, fängt wie ihre Mutter an zu trinken und landet in Obdachlosenunterkünften und Entzugskliniken. Aber irgendwann schafft sie es, sich aus dem sozialen und psychischen Elend freizustrampeln und wird Dozentin für kreatives Schreiben in Colorado.
In der Geschichte »Tigerbisse« beschreibt Lucia Berlin, wie sie zu Weihnachten nach Hause zu ihrer Familie fährt. Lucia graut davor, weil ihre Eltern wütend auf sie sind, weil sie mit siebzehn geheiratet und ihr Ehemann sie verlassen hat. Außerdem hat sie ein Baby und ein zweites ist gerade unterwegs. Ihren Job hat sie ebenfalls verloren. Auch nicht gerade etwas, das ihre Eltern toll finden werden. Eigentlich freut sie sich nur auf ein Wiedersehen mit ihrer Cousine Bella Lynn, die sie vom Bahnhof abholt und sie mit folgenden Worten begrüßt: »›Erst mal solltest du wissen, dass bei uns da draußen keinerlei Weihnachtsstimmung herrscht. … Deine Mama und meine Mama haben sofort angefangen zu trinken, und prompt gab es Streit. Mama ist aufs Garagendach geklettert und will nicht mehr runterkommen. Deine Mama hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.‹ ›O Gott.‹ ›Na ja, nicht so schlimm. Sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben, in dem steht, dass du ihr Leben ruiniert hast. Unterschrieben mit Bloody Mary! Sie wurde für drei Tage in die Psychiatrische am Saint Joseph eingeliefert.‹«
Und das ist das Grandiose an den Geschichten von Lucia Berlin, dass ihre knappe, lakonische Prosa einen feinen, trockenen Humor ausstrahlt, der einen trotz der erschütternden Dinge, die sie beschreibt, zum Lachen reizt. Und sie kommentiert nicht, wie schlimm etwas gewesen ist, denn das tun in der Regel nur Autoren, die ihren eigenen Worten nicht trauen. Sie folgt dabei ihrem großen Vorbild Tschechow, über den sie schrieb: »Er lässt die Dinge offen. Er löst sie nicht auf: Jemand stirbt oder eine Liebe geht zu Ende, und nichts wird zusammengeschnürt, man bleibt einfach damit zurück, mit dieser Trauer oder Sorge oder um welches Gefühl es sich auch immer handelt.«
Ihre Geschichten sind wie gute Songs, die mit ihrer Lyric einen Nerv treffen und etwas zum Schwingen bringen. Ich glaube, Lucia Berlin hat versucht, mit dem Schreiben die Souveränität über ihr Leben zurückzugewinnen und sich die gleiche coole und gelassene Sicht auf die Welt anzueignen, die auch ihre Figuren haben. Und ich stelle mir vor, dass sie es geschafft hat, ohne Abstriche zu machen oder zu jemanden zu werden, der mit ihren früheren Leben nichts mehr zu tun haben wollte.

Lucia Berlin »Was ich sonst noch verpasst habe. Stories«, Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel, Arche Verlag, Zürich-Hamburg 2016

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Nach dem Spiel war Philipp Lahm ziemlich beleidigt, denn er war nicht nur gegen den mittelmäßigen Giftzwerg Rafhina ausgewechselt worden (»Warum ich ausgewechselt worden bin, das müssen Sie den Trainer fragen«), sondern musste auch noch erklären, warum die Bayern verloren hatten (»Uns fehlte eigentlich nur der letzte Pass«). Und auch Hummels meinte, das Spiel hätte auch 1:0 für die Bayern ausgehen können und niemand hätte sich beschwert. Es stimmt zwar, dass Bayern phasenweise viel Druck machte und die Dortmunder nur noch den Ball nach vorne droschen, aber außer Lewandowski, der einmal frei zum Kopfball kam, hatten die Bayern keine einzige zwingende Chance. Sie hatten zwar durch Alonso einen Lattentreffer zu verzeichnen, aber das könnte genausogut ein Flankenversuch gewesen sein, der zufällig ans Gebälk klatschte. Die Dortmunder ließen die Bayern mit drei Innenverteidiger nicht zur Entfaltung kommen. Lewandwski und Müller wurden so gut wie vollständig aus dem Spiel genommen, und nur Ribéry durfte ein bisschen wirbeln, was aber nicht wirklich effektiv war. Aubameyang erzielte aber nicht nur nach wunderbarer Vorarbeit Götzes, der Hummels tunnelte, mit einer Grätsche das 1:0, er lief auch noch nach einem grandiosen Rückpass Alonsos allein auf Neuer zu, war aber im Abschluss nicht präzise genug. Die Taktik Tuchels war gewagt, denn mit Ramos als zweiter Spitze gab es natürlich mit Weigl nur einen Sechser, d.h. das Mittelfeld wurde zumindest nominell preisgegeben, aber da das Feld durch die ballbesitzende Mannschaft sowieso ziemlich eng gemacht wurde, spielte das kaum eine Rolle. Es ging sowieso ständig rauf und runter, ein Spiel zwar mit nur wenigen Chancen, aber von unglaublicher Intensität. Immerhin ging es um nicht geringeres, als nach sieben nicht gewonnenen Pflichtspielen endlich wieder mal die Vorherrschaft der Bayern zu knacken und ihnen die erste Niederlage in dieser Saison zuzufügen, auch wenn man dadurch den Leipzigern auf Platz 1 verhalf, aber nur indirekt. Unmittelbar dafür verantwortlich waren die Leverkusener, die es nicht verstanden, eine 2:1-Pausenführung in der zweiten Hälfte auszubauen, obwohl die Chancen dazu da waren. Den unbedingten Willen zu gewinnen hatten dann die Leipziger, die sich den Nimbus, der beste Aufsteiger ever zu sein, nicht nehmen lassen wollten. Auch wenn sie gegen Dortmund noch Glück hatten, inzwischen hält sogar Tuchel es für möglich, dass Leipzig zum Leiceister City Deutschlands werden könnte. Ich glaube aber, dass spätestens in der Rückspielsaison die Mannschaften gewarnt sind und wissen, was sie erwartet. Dann hat Leipzig möglicherweise plötzlich das Problem, das Spiel machen zu müssen und auf Vereine zu treffen, denen ein Punkt genügt und die deshalb mit Mann und Maus in der Defensive arbeiten. Dass sich der Kampf um die Meisterschaft jetzt immerhin ein wenig offener gestaltet, ist den Bayern zu verdanken, die zwar individuell so gut sind, dass sie jederzeit gewinnen können, aber wirklich inspiriert kann man ihr Spiel nicht nennen. Vielleicht war es ja auch der Geist des verstorbenen Aki Schmidt, der mit einer Schweigeminute verabschiedet wurde, dass die Bayern nicht gewinnen konnten, und es sieht ganz so aus, als ob Hummels genau zum falschen Zeitpunkt gewechselt ist. Aber das wäre ihm ja auch zu gönnen.

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Nach seinem ersten Tor gegen den HSV, rannte Aubameyang freudestrahlend zu Tuchel und flüsterte ihm ins Ohr, dass es ihm leid täte. Wofür er sich entschuldigte? Für seinen Ausflug nach Mailand, wo er mit ein paar Kumpels shoppen war, vielleicht sogar den grauen Mantel und den grauen Hut, mit dem er dann beim Spiel gegen Sporting Lissabon am Mittwoch im Stadion auf der Tribüne zu sehen war, weil er während der englischen Wochen sich unerlaubt von der Truppe entfernt hatte. Es war schon eine Überraschung, Aubameyang auf der Tribüne zu sehen und den Verein und Tuchel Stillschweigen über den Grund der Maßnahme bewahren zu sehen. Dabei müsste man im Verein wissen, dass sich nichts geheim halten lässt. War das nicht eine ans Herz gehende Geste von Aubameyang, dem großen Sternenkind, der einfach niemand böse sein kann, der eine kindliche Freude an den schönen Dingen des Lebens hat? In den Zeitungen jedoch kommentierte man wieder mit spöttischem Unterton seinen Hang zur Mode, weil man als Sportreporter wahrscheinlich eine Adidas-Trainingshose als das non plus ultra ansieht und alles andere als überflüssigen Kram, weil man Glanz und Glamour misstrauisch gegenübersteht. Sie kennen nicht den Unterschied zwischen dem Prollschick, wie er seit jeher bei den Bayern beheimatet ist, und der hauptsächlich teuer und scheiße aussieht, zur wirklich eleganten Ware. Und das Argument, sich im proletarischen Ruhrgebiet, wo sich die Leute die Jahreskarte für die Heimspiele vom Munde absparen, als Luxusboy zu gerieren, ist etwas antiquiert, denn wenn etwas abnormal ist, dann wohl die Tatsache, als junger Mann ganz unauffällig in einem Reihenhaus zu leben, obwohl er Millionen auf seinem Konto hat. Problematisch wird das erst, wenn er auch später nichts anderes in der Birne hätte, aber diesen Beweis hat Aubameyang noch nicht antreten können. Ein weiterer Dortmunder Spieler, der allerdings entweder verletzt ist oder auf der Ersatzbank sitzt, Subotic, engagiert sich für Kinderhilfsprojekte in Afrika und macht dafür eine erstaunlich gute Öffentlichkeitsarbeit. Auch er fuhr am Anfang seiner Karriere gerne teure Schlitten, aber irgendwann verlieren sie ihre Faszination, und wenn man nicht einfach nur statusbesessen und dumm ist, überlegt man sich, ob es nicht besser wäre, mit dem Geld auch etwas Vernünftiges anzustellen. Beide sind mir sympathischer als uninteressante, blasse Spieler, die ein paar Manager einstellen, um noch ein paar Millionen mehr bei einem Verein herauszuschlagen, wie Toni Kroos z.B., das Graubrot unter den deutschen Nationalspielern, der so langweilig ist wie seine präzisem Flachpässe und der wahrscheinlich sein Geld in Investmentgesellschaften angelegt hat. Es gab allerdings auch noch das Spiel. Uwe Seeler wurde 80, aber das war auch schon alles, was die Hamburger an diesem Tag gut gefunden haben dürften. Dortmund hat nach vier sieglosen Spielen seine drei Punkte allerdings nur den Hamburgern zu verdanken, denn die leisteten sich in der ersten Halbzeit gleich drei heftige Schnitzer, die Aubameyang zu einem Hattrick verhalfen. Die zweite Halbzeit war umkämpfter und endete 2:2. Die Angelegenheit war also nicht so klar, wie das Endergebnis vermuten ließ, und der BVB ist somit noch lange nicht aus der Krise, denn die schwierigen Spiele kommen erst noch. Und auch wenn Bayern gerade auch ein bisschen schwächelt und gegen glückliche Hoffenheimer nur ein 1:1 schaffte, es ist mehr als zweifelhaft, dass der BVB gegen seinen nächsten Gegner Bayern eine Chance hat.

Im Zwielicht. Über den gelungenen neuen Krimi von Franz Dobler

Hunter S. Thompson schrieb einmal: »Schreiben ist wie ficken. Es macht nur den Amateuren Spaß.« Im Unterschied zu den Profis, die sich quälen, um etwas Vernünftiges zustande zu bringen, etwas, dem man nicht ansieht, dass man sich dabei gequält hat. Franz Dobler ist so ein Profi, der den Teufel tun würde, zuzugeben, dass er sich beim Verfassen seines zweiten Krimis schwer getan hätte. Aber das neue Buch »Ein Schlag ins Gesicht« ist so geschrieben, dass man an keiner Stelle den Eindruck hat, es stimmt etwas nicht, keine stilistischen Nachlässigkeiten, kein Drüberhinwegmogeln an einer schwierigen Stelle und vor allem keine gewöhnlichen Formulierungen und keine Phrasen, mit denen sich Autoren behelfen müssen, die es eben nicht besser können. Doblers Sprache ist dicht, komprimiert, kompromisslos und an vielen Stellen blitzt unerwartet ein kleiner Witz auf. Sie nimmt einen gefangen und lässt nicht so schnell wieder los, hat sich der Leser erstmal auf den Sound und die rauhen und schnellen Dialoge eingelassen, die manchmal wie aus der Hüfte geschossen wirken.
Der Ex-Bulle Robert Fallner, der in dem vorangegangenen Krimi »Ein Bulle im Zug« noch ein Bulle ist und einen Jungen erschossen hat, ist von Berufs wegen ein misstrauischer Mensch, und das aus guten Gründen, denn die Waffe, mit der der Junge ihn bedroht hat, ist verschwunden, so dass es so aussieht als sei Fallner etwas schießwütig und voreilig gewesen. Und obwohl er den Fall klären kann, spukt ihm der tote Junge im Kopf umher und macht ihm zu schaffen. Eine Analyse bringt ihm auch keinen Frieden. Er schmeißt seinen Job und heuert im nun vorliegenden Buch »Ein Schlag ins Gesicht« bei der Sicherheitsfirma seines Bruders an. Eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, die eigentlich wie Fallner eine Ex-Schauspielerin ist, die in jungen Jahren durch einen Sexfilm berühmt wurde, aber eigentlich mindestens so gut war wie Deborah Harry, wird gestalkt und Fallner muss sich um ihre Sicherheit kümmern. Aber wird sie überhaupt gestalkt? Oder geht es um die Inszenierung eines Werberummels, damit sich die Scheinwerfer noch einmal auf sie richten und für sie eine neue Rolle herausspringt?
Fallner wird konfrontiert mit ihrem zwielichtigen Sohn und dessen zwielichtiger Freundin, die ein bisschen in Sensationsjournalismus macht, mit ihrem zwielichtigen Manager, ihrer zwielichtigen Vergangenheit und ihrem zwielichtigen Verhalten. Und in diesem Zwielicht, das über dem gesamten Buch liegt, bewegt sich Fallner, denn es ist nichts eindeutig, jede Aussage hat einen Subtext, der sich im Verborgenen hält, jedes Verhalten könnte auch etwas anderes heißen. Fallner verliert sich in diesem Milieu irgendwo hinter dem Hauptbahnhof, wo Kneipen ihre besten Tage hinter sich haben, man sich aber immer noch gepflegt die Kante geben kann. Er wird verprügelt, wie es das Gesetz des Krimi-Genres vorschreibt, und er teilt aus, wenn es sein muss. Er geht sogar mit der Ex-Schauspielerin ins Bett, was als Bodyguard wahrscheinlich so verpönt ist wie mit seiner Analytikerin ein Verhältnis anzufangen. Er baut Scheiße, und wenn er durchdreht kommt er auch wieder zu sich. Und er befindet sich auf der Höhe seines Autors, der ja in einem seiner Nebenberufe DJ ist und eine Cash-Biografie geschrieben hat, ja sogar DIE Cash-Biografie. Er kennt die Präferenzen seines Autors, so dass man sich manchmal fragt, ob das zu dem Ex-Bullen Fallner wirklich passt, und dennoch schleicht sich an keiner Stelle ein falscher Ton ein, und warum soll sich ein ehemaliges Sexfilmsternchen nicht mit Blondie vergleichen, auch wenn es in ihrem Milieu wahrscheinlich nicht wahnsinnig verbreitet ist.
Franz Dobler ist ein gottverdammt guter Profi, dem wieder großes Kino gelungen ist.

Franz Dobler »Ein Schlag ins Gesicht«, Tropen Verlag, Stuttgart 2016, 361 Seiten, 19,95 Euro