Archiv für den Monat: Januar 2017

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Der ehemalige Hertha-Angestellte Ben Hatira, der zusammen mit den Boatengs in einer üblen Gegend Berlins aufwuchs, wurde von seinem jetzigen Verein Darmstadt 98 »einvernehmlich« gefeuert, weil er Kontakte zu Salafisten pflegte. In Berlin wurde er rausgeschmissen, weil er seinem Mitspieler Mitchell Weiser ein Veilchen verpasste. Über Umwegen bei Darmstadt 98 gelandet sollte er eigentlich das Projekt Nicht-Abstieg voranbringen, das gerade mit dem neuen Trainer Torsten Frings den Bach runtergeht, jedenfalls spricht die 1:6-Heimpleite gegen Köln dafür. Ben Hatira behauptet, sein Engagement für Ansaar International, das Hilfsprojekte in Gaza finanziert, sei ehrenwert und lauter, und Ansaar International freute sich, einen so prominenten Fürsprecher und Unterstützer in seinen Reihen zu haben. Einen Tanklaster mit Trinkwasser war mit seinem Konterfei gepflastert nach Gaza gefahren nach dem Motto, man tut nichts gutes, es sei denn, man hängt es an die große Glocke. Laut Verfassungsschutz pflegt die kleine Hilfsorganisation Ansaar International Kontakte zu Salafisten wie z.B. zu dem Hassprediger Muhammed Ciftci, »der Menschen, die sich vom Islam abkehren, köpfen möchte und Gewalt gegen Frauen rechtfertigt«. So jedenfalls stand es auf einem Flyer der »Lilienfans gegen Rechts«, die vor dem Stadion verteilt wurden und das schließlich den Stein ins Rollen brachte. Aber erst als die Sponsoren des Vereins und CDU-Politiker Stellung bezogen, um ein schlechtes Image des Vereins zu verhindern, wurde der Vertrag Ben Hatiras »in gegenseitigem Einvernehmen« aufgelöst, auch weil der Verein Zuschüsse von der Stadt für den Stadionbau nicht aufs Spiel setzen will. Ben Hatira sieht sich hingegen im Recht und meinte, er könne noch in den Spiegel schauen. Das können in diesem Fall allerdings auch alle anderen, die eine Rolle spielen. Natürlich auch Ansaar International, das nur Gutes tut und jeden noch so leisen Einwand als Lüge und Verleumdung abwehrt. Egal, welche Motive die einzelnen Akteure antreiben, u.a. die Angst vor schlechter Presse und vor der AfD, es ist schön, dass solche Spieler in der Bundesliga kein Engagement mehr finden. Bei Real Madrid haben die Sponsoren hingegen andere Sorgen. Auf ihr Bestreben hin entfernte der Verein aus seinem Wappen das Kreuz, um die empfindlichen Gemüter arabischer Fans nicht zu verletzen. Leider mussten erst die Islamisten kommen und sagen, dass ihnen das nicht passt. Und der reichste Club der Welt folgt aufs Wort. Atheisten und aufgeklärte Geister hätten das nie geschafft. Aber im Westen wird das Kreuz auch weiterhin im Wappen sein, denn es wurde exklusiv für die arabischen Länder entfernt. Gespielt wurde auch noch. Bayern schaffte wieder einen glücklichen Sieg, und Leipzig brachte dem bislang ungeschlagenen Hoffenheim die erste Niederlage bei. Dank Wagner, der nach brutalem Foul völlig zu Recht vom Platz gestellt wurde. Sonst hat er meist Erfolg mit kleinen versteckten Fouls, aber diesmal stellte sich Hoffenheims Stürmer, der sich für den besten in Deutschland hält, zu dumm an.

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Der BVB hat sich eins der neuen Talente geangelt, die schon lange nicht mehr im Verborgenen blühen: Der erst 17jährige Alexander Isak ist Schwede und gilt bereits als Nachfolger von Zlatan Ibrahimovic. Eigentlich wollte ihn Real nach Madrid locken, aber dann kam ein kurzfristiges Angebot aus Dortmund, und der BVB gilt bei den Talenten mittlerweile als erste Adresse, weil sie dort auch spielen dürfen und nicht nur auf der Bank versauern wie bei den anderen europäischen Spitzenclubs. Bei seinem Heimatclub AIK Solna hat er als Stürmer mit zehn Toren eine ziemlich gute Bilanz. Du die muss er auch haben, denn Aubameyang verriet in einem Interview der inzwischen nun täglich erscheinenden „Sport-Bild“, dass er zwar nie zu den Bayern wechseln würde, weil das die Fans nicht gut finden würden (und weil da freilich die Planstelle mit Lewandowski fest vergeben ist), aber wer könne schon sagen, was am Ende der Saison sein würde, was die übliche Formulierung ist, um den Managern der Spitzenclubs zu signalisieren, mal Angebote auf den Tisch zu legen. Immerhin ist er 27, und in drei Jahren, also nach Beendigung seines vor nicht allzulanger Zeit verlängerten Vertrags, hätte er seinen Zenit vermutlich schon überschritten. Und Ramos ist nun auch weg und auf den Weg nach China, wo man in der Partei Pläne hegt, die Liga aufzurüsten, konkurrenzfähig und attraktiv zu machen, d.h. aus Prestigegründen Geld ohne Ende hineinzupumpen. Als Ausbildungslager de luxe zu fungieren macht den BVB ja auch so spannend, aber Titel wird man mit dieser Taktik nicht einsacken, denn kaum hat sich eine Mannschaft so eingespielt wie in der letzten Saison, in der man um alle Pokale mitzuspielen in der Lage war und nur durch außergewöhnliche Umstände daran gehindert wurde, einen davon tatsächlich zu gewinnen, wandern die wichtigsten und besten Spieler ab. Jetzt muss sich Dortmund erst wieder konsolidieren, was selbst nach der Vorbereitungszeit während der Winterpause schwer genug war. In Bremen jedenfalls taten sich die Dortmunder ziemlich schwer, und selbst als Bremens Schlussmann Drobny nach einem hässlichen Foul an Reus vom Platz gestellt wurde, kriegten die Dortmunder das Spiel nie unter ihre Kontrolle, im Gegenteil, den aufopferungsvoll kämpfenden Bremern gelang durch Bartels sogar der richtig gut herausgespielte Ausgleich, und nur einem Abpraller war es zu verdanken, dass Piszczek das 2:1 erzielen konnte. Souverän sieht anders aus, und das sah man in zahlreichen Situationen, in denen ungenaue Pässe und Missverständnisse vorherrschten. Aber auch die Münchner machten ihren Namen von den Dusel-Bayern mal wieder alle Ehre und erzielten, natürlich durch Lewandowski, erst in der Nachspielzeit den Siegtreffer in Freiburg, wo Streich eine richtig gut kickende junge Mannschaft zusammengebastelt hat. Und in Leipzig war das Spiel gegen die Eintracht schon nach drei Minuten entschieden, als Torwart Hradecky beim Herauslaufen ausrutschte und den Ball außerhalb des Strafraums in die Hand nahm. Rot und ein Freistoß, der zum 1:0 führte, ein Tor, von dem sich die Eintracht nicht erholte.

Harry Rowohlts letzte Briefe

Die Briefe von Harry Rowohlt gehören zum lustigsten, das die literarische Welt in Deutschland zu bieten hat. Zwei Bände sind bereits zu Rowohlts Lebzeiten erschienen, nun ist »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe Bd. III« gerade auf den Markt gekommen. Das Brief-Genre ist eigentlich nicht besonders hoch angesehen ist. Jedenfalls nicht beim großen Publikum. Und in der Regel ist es ja auch so, dass die nachgelassenen Briefe von Schriftstellern eher das Interesse von Literaturhistorikern bedienen und das leider zu recht, denn häufig verströmen solche Briefbände alles andere als Charme und Witz. Es gibt wenig Autoren, die im Bewusstsein ihres Nachruhms das Schreiben von Briefen – heute ja sowieso eine ausgestorbene Form der Kommunikation – als eigenständige Kunstform betrachtet haben. Hunter S. Thompson war so jemand, und das schon in jungen Jahren. Er schrieb an Verwandte und Bekannte, nicht bloß um sich mitzuteilen, sondern um sein Leben auf einer anderen Ebene und mit anderen Mitteln fortzuschreiben, was eine gewisse Hybris voraussetzt und den unbedingten Glauben an sich selbst. Aber während Hunter Thompson ein Poltergeist war, der auf brachiale, aber auch auf sehr kunstvolle und originelle Weise schimpfen konnte, bevorzugt Harry Rowohlt den hintergründigen Witz, die Pointe, die sich erst nach einer seiner Abschweifungen, für die er berühmt ist, erschließt. Das heißt aber nicht, dass er in seinen Urteilen nicht vernichtend sein konnte, wenn ihm jemand auf die Nerven ging.
Auf eine Anfrage der Grünen, für sie Wahlkampfwerbung zu machen, antwortete er 2005: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Die Grünen hätten sich diese kleine Invektive ersparen können, wenn sie nicht einfach wahllos Promis angeschrieben, sondern recherchiert hätten, wofür Harry Rowohlt steht. Dann hätten sie herausgefunden, dass er es mit der Linken hielt und Joschka Fischer nicht ausstehen konnte. Er hasste es, wenn jemand seinen Status als Promi ausnutzen wollte.
Manchmal war es auch schlechte Erfahrung, aus der er versuchte klug zu werden, indem er wunderbare kleine Ablehnungsschreiben verfasste. »Für Gerstenberg habe ich schon mal was übersetzt und davon nur durch Zufall erfahren. Diese Zusammenarbeit reicht mir völlig. Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb.« Oder die Antwort auf eine Anfrage des SWR: »Mir ist plötzlich klar geworden, daß ich eigentlich gar keine Lust habe, am 6. Mai früh aufzustehen, um mir die immer gleichen Fragen stellen zu lassen.« Oder an die Redaktion »Season«: »Danke für die Anfrage. Ich habe m.W. noch nie eine Frauenbiographie gelesen. Nicht mal eine geschrieben.«
In seiner herzlichen Abneigung gegenüber seinen Übersetzerkollegen Hans Wollschläger lief er zur Hochform auf: »Der verehrte Kollege Wollschläger – und wenn ich ›verehrt‹ sage, meine ich ›verehrt‹, denn wenn es jemandem gelingt, sich vom als knausrig bekannten Suhrkamp Verlag fast zehn Jahre lang (andere Leute lernen in der Zeit Englisch) für seine Ulysses-Übersetzung alimentieren zu lassen, ist er jeder kollegialen Verehrung würdig – konnte nicht nur kein Englisch, er weigerte sich auch, es zu lernen«, denn Wollschläger hatte »›a bottle of pop‹ (= kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk) allen Ernstes in seinem weithin strahlenden Schwachsinn und ohne jedes Unrechtsbewußtsein mit ›eine Flasche Popcorn‹ übersetzt.«
Sprachliche Nachlässigkeit ging ihm gehörig gegen den Strich, vor allem, wenn man seine Ahnungslosigkeit auch noch wie eine Monstranz vor sich her trug. Darüber erzählt er in einem Brief an seinen Verleger Peter Haag und sofort entsteht eine witzige Anekdote: »›Wenn heute jemand was will, bringe ich ihn um‹, habe ich gesagt, und dann war es Frau Dingsbums von dpa, die sagte: ›… und denn können Sie mir ja zumindestens sagen …‹, und ich sagte: ›Entweder ‘mindestens‘ oder ‘zumindest‘; ‘zumindestens‘ gibt es nicht‹, und fortfuhr: ›Wenn Sie mir trotz meines Sprachfehlers …‹, und ich hätte fast gesagt: ›‘Trotz‘ regiert den Dativ, und ein Sprachfehler ist, wenn man lispelt‹, aber sie kam dann zur Sache: ›Also Sie wohnen schon ganz lange in Eppendorf.‹ ›Ja.‹ ›Und sind verheiratet.‹ ›Ja.‹ ›Und was machen Sie so beruflich?‹ Und dann, aber auch erst dann, habe ich gebrüllt.«
Auf der anderen Seite konnte er auch vorbehaltlos begeistert sein, wenn ihm mal eine originelle Frage gestellt wurde, wie das Frau Verena Schmitz von der »Schwäbischen Post« einmal getan hat: »Herr Rowohlt, Sie schrieben einmal, bei Schwäbisch ziehe sich Ihnen das Skrotum zusammen. Isch des im Augebligg au dr Fall?«
Das Schöne an Harry Rowohlts Briefen ist, dass man immer Neues erfährt und deshalb auch klüger wird. Damit ist es nun vorbei, denn Harry Rowohlt ist im Juni 2015 gestorben. Und deshalb muss man seine Briefe ganz langsam lesen, sie genießen wie guten irischen Whiskey, damit man möglichst lange etwas davon hat.

Harry Rowohlt, »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III«, Kein & Aber, Zürich 2016, 342 Seiten, 20.- Euro