Archiv für den Monat: Februar 2017

Elliot Pauls wunderschönes Porträt von Paris

Am 22. August 1927 wurden die Anarchisten Sacco und Vanzetti, »ein redlicher Maurer und ein armer Fischverkäufer«, im Bundesstaat Massachusetts wegen eines Raubüberfalls, den sie nicht begangen hatten, hingerichtet. Der Prozess, der sich sieben Jahre lang hinzog, war einer der ersten, der eine riesige Solidarisierungswelle für die Angeklagten auf der ganzen Welt auslöste.
Damals lebte der amerikanische Journalist Elliot Paul in der Pariser Rue de la Huchette, einer kleinen Seitenstraße des Boulevard St. Michel ganz in der Nähe der Seine. Er fühlte sich zutiefst einsam und schämte sich, denn die Leute aus dem Viertel hatten sich in einer kleinen Bar getroffen und warteten auf die Bestätigung des Todesurteils. Ein Austernverkäufer, ein Milchhändler, der »sanfte kleine Jean«, die Bordellbetreiberin Mariette, die »ganz in schwarz gekleidete« Magistratsangestellte Hortense Berthelot und eine »versoffene Alte, die glaubte, sie singe wie Yvette Guilbert«. Alle warten gebannt auf Nachrichten, bis der Barbesitzer von einem Telefonapparat an der Ecke zurückkommt, um die Hinrichtung der beiden zu bestätigen, während eine empörte Menschenmenge auf dem Boulevard de Sébastopol gußeiserne Laternenpfähle herausriss und Schaufenster von Geschäften zertrümmerte. Das war zu einer Zeit, als die Dritte Republik sechs neue Kriegsschiffe bauen ließ, ständig seine Friedensabsichten bekundete, einen Kriegsächtungspakt mit den Vereinigten Staaten abschloss und die spanische Republik den Faschisten überließ. Aber die Leute in der Rue de la Huchette waren nicht so leicht hinters Licht zu führen: »Wenn man so viel vom Frieden redet, dann bekommen wir bestimmt wieder Krieg«, sagte der Barbesitzer und er hatte recht.
Von diesem Einfluss großer Politik und großer Ereignisse auf das Leben kleiner Leute berichtet auf großartige Weise das zu unrecht als »Roman« annoncierte Buch Elliot Pauls »Das letzte Mal in Paris«, denn es sind eher Erzählungen und Reportagen. 1942 erschienen kam es zwei Jahre später unter dem etwas pittoresken Titel »Die kleine Gasse« auch auf deutsch im Exilverlag Bermann-Fischer in Stockholm heraus. Der Maro Verlag hat den zu unrecht vergessenen Elliot Paul wieder entdeckt und in der leider etwas zu zurückhaltend überarbeiteten Übersetzung von Ludovica Hainisch-Marchet wieder aufgelegt.
Elliot Paul war einer der amerikanischen Schriftsteller und Journalisten, die es wie Hemingway Anfang der zwanziger Jahre nach Paris zog. Er arbeitete damals für die internationale Ausgabe der »Chicago Tribune«, gab das Literatur-Journal »Transition« heraus, war mit James Joyce befreundet und Gertrude Stein eng verbunden. Anfang der dreißiger Jahre lebte er ein paar Jahre lang zurückgezogen auf Ibiza, bis ihn der Bürgerkrieg in Spanien zwang, wieder nach Paris zurückzukehren, wo er ein völlig verändertes, politisch unerträgliches Klima vorfindet, weil die Rechten sich im Aufwind befinden. Als sich ein deutscher Panzer in der Rue de la Huchette verirrt, wird es für Elliot Paul Zeit, sein geliebtes Paris zu verlassen und nach Amerika zurückzukehren. Er arbeitet für Hollywood, schreibt Drehbücher, u.a. für »Rhapsody in Blue«, und tritt manchmal in der Umgebung von Los Angeles als Pianist auf, um sich über Wasser zu halten. 1958 stirbt er und hinterlässt ein umfangreiches Werk.
Elliot Pauls Beobachtungen des Pariser Lebens auf den Straßen erinnert von Ferne an Franz Hessels Spaziergänge in Berlin, aber Elliot Paul ist näher an den Leuten, er sieht sich nicht bloß als distanzierter Beobachter, er ist politisch wach und steht sozialem Unrecht nicht gleichgültig gegenüber. Der Zufall führt ihn 1923 zum ersten Mal in die Rue de la Huchette, zu einer Zeit, als »es einem noch vergönnt war, ein wenig in den Tag hineinzuleben«. Er verliebt sich in die Gasse und die dort lebenden Menschen, die er in den folgenden Jahren porträtiert. So lässt er in kurzen Kapiteln ein Panorama entstehen, das von unschätzbaren Wert ist, wenn man wissen will, unter welchen konkreten Bedingungen die Bewohner des Viertels leben mussten, was sie arbeiteten, wie sie wohnten, welche politische Einstellung sie hatten und welche Gewohnheiten sie pflegten. Elliot Paul gewährt einen Blick hinter die Vorhänge des Privaten. An jenem Tag »hockten Männer, Frauen und Kinder auf dem Bürgersteig und den Schwellen ihrer Haustüren und brummten ärgerlich, wenn sie zur Seite gehen mussten, um ein Taxi vorbeizulassen«. Man erfährt, dass viele Pariser sich Katzen nur halten, um sie irgendwann zu verspeisen und dass sie sich mit dem abgezogenen Katzenfell warm reiben, weil ihre Wohnungen nicht beheizbar sind.
Man bekommt einen lebendigen Eindruck, wie ärmlich, provinziell, sparsam, scheu, wie engstirnig, aber auch wie großzügig und manchmal auch trinkfest die Menschen in dieser schmalen Gasse waren, wo das Bureau de Police kein Auto besaß, aber immerhin ein Telefon, wo das große Palaver in den Bars nie verstummte, bevor die Deutschen über die Stadt herfielen. Elliot Paul sind die Menschen dort über die Jahre ans Herz gewachsen, und das merkt man. Er verliebt sich in die junge Schauspielerin Hyacinthe, die ihm wunderschöne Briefe nach Ibiza schreibt, und obwohl erfolgreich, hört sie nicht auf den Rat ihres Freundes, bleibt in Paris und findet den Tod.
Ein Buch, in dem man sich gerne verliert, nicht nur, weil eine bizarre und schon lange untergegangene Welt wieder lebendig wird, sondern auch, weil man erfährt, wie sich die politischen Wirren im Alltag der kleinen Welt der Rue de la Huchette niederschlugen.

Elliot Paul, »Das letzte Mal in Paris«, 400 Seiten, 20.- Euro, Maro Verlag, Augsburg 2016. Aus dem Englischen von Ludovica Hainisch-Marchet

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Freiburg hatte oft genug gezeigt, was in der Mannschaft steckt, als dass man sich keine Sorgen um Dortmund hätte machen müssen, vor allem, seit die Borussen wie eine Wundertüte spielt: Man weiß nie, was zum Vorschein kommt. Immerhin hatten die Freiburger den Bayern ein 1:1 abgetrotzt und in einigen Spielzügen wussten die Freiburger auch spielerisch durchaus zu überzeugen. Mit nur acht Fouls begingen sie zwei weniger als die Dortmunder. Und das muss man den Freiburgern hoch anrechnen, und dass sie nicht einfach durch Fouls das gegnerische Spiel zerstören wollten. Trotzdem trafen sie diesmal zu ihrem Pech auf eine glänzend aufgelegte Dortmunder Elf, die zwar immer noch jede Menge Chancen vergab, aber die deshalb nicht aufsteckte und immer neue kreierte, einmal sogar im Dreierpack kurz hintereinander. Und das Schöne war, dass alle Dortmunder sich bemühten, den zutiefst deprimierten, weil vor dem Tor unglücklichen Aubameyang wieder auf die Beine zu helfen. Alle schienen darauf bedacht zu sein, ihm verwertbare Vorlagen zu liefern, aber in der ersten Hälfte waren es trotz aller Bemühungen wieder Pleiten, Pech und Pannen, und nur Sokratis sorgte nach Freistoßflanke von Guerreiro mit einem Kopfballtreffer dafür, dass die Dortmunder nicht verkrampften, wie man das in dieser Saison schon häufiger erlebt hatte. So stand es zur Pause nur 1:0 und Fußballexperten hatten schon wieder das Spiel gegen Mainz vor Augen, als den Mainzern ähnlich chancenlos wie Freiburg aus dem Nichts der Ausgleichtreffer gelang. Ein Tor reicht eben oft nicht aus, vor allem, wenn man weiß, dass die Dortmunder Abwehr immer für einen Gegentreffer gut ist. Aber dann umspielte Reus mit einem Beinschuss an der Torauslinie seinen Gegner und schoss scharf in die Mitte, wo Aubameyang souverän und lässig den Fuß hinhielt, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Und auch Durm, der ansonsten blass wie immer spielte, gab in aussichtsreicher Position, in der er selbst hätte schießen können, zu Aubameyang, bei dem nun endlich der Knoten geplatzt war. Die Dortmunder Offensive war sehr beeindruckend. Das gab auch Streich zu, der die Niederlage auf seine Kappe nahm, weil er seine Mannschaft zu offensiv eingestellt hatte. Aber ich bezweifle, ob eine defensivere Aufstellung Dortmund an diesem Tag hätte stoppen können. Leider hat auch Leipzig wieder gewonnen, und zwar ziemlich souverän gegen Kölner, die ja immerhin zu den Anwärtern auf einen internationalen Platz gehören. Acht Punkte Vorsprung zum BVB sind nicht wenig und es sieht nicht so aus, als ob Leipzig noch einen ernsthaften Leistungseinbruch befürchten müsste. Die Bayern hatten leichtes Spiel gegen den HSV, der schon immer ein gern gesehener Gast waren, um einen neuen Torrekord aufzustellen. Das gelang zwar mit 8:0 nicht ganz, aber Lewandowski konnte seine Torbilanz aufpolieren, und auch insgesamt dürfte das den Bayern geholfen haben, die eher durchwachsenen Leistungen seit Anfang der Rückrunde zu vergessen. Die Eintracht, »die Treter-Truppe Nummer eins«, wie vom eigenen Trainer Kovac bestätigt wurde, verlor das dritte Spiel hintereinander und verliert so langsam den Anschluss nach oben. Und Roger Schmidt könnte einer der nächsten Trainer sein, der entlassen wird, denn auch wenn die Niederlage gegen Atletico Madrid noch durch ein aufregendes und toll anzusehendes Spiel gemildert wurde, zeigte sich Leverkusen zu Hause gegen Mainz wieder von seiner Schattenseite.

Die Wahrheit über den 21. Spieltag

Die leere Südtribüne Die leere Südtribüne war an diesem Spieltag die Hauptattraktion. Und vielleicht war das ja doch keine so schlechte Entscheidung des DFB, denn vielleicht geht den 24500 Fans, die nicht den ca. 500 Hooligans angehören, ja ein Licht auf und wirken auf diese Leute ein bisschen ein, wenn sie selbst unter deren schwachsinnige Aktionen zu leiden haben, so jedenfalls ein Kenner der Szene aus Dortmund. Da der Hooligans aggressiv und geschlossen auftreten, hatten sie bislang auch wenig zu befürchten, aber das Interessante war ja, dass sie mit den Transparenten über die gesamte Südtribüne verteilt waren und die restlichen 24500 Leute sich das gefallen ließen und kein einziges der Transparente entfernt wurde, weil es den Leuten nicht passte, oder ist es tatsächlich so, dass die Südtribüne den Hooligan-Block nicht nur toleriert, sondern ihn auch noch irgendwie gut findet? 88 Personen wurden inzwischen identifiziert und mit einem Stadionverbot belegt. Und ich wette, dass man keinen von denen bemitleiden muss. Dabei geht es nicht darum, sich mit jedem anderen Verein in friedlichen Koexistenz zu befinden, aber man wird das Gefühl nicht los, dass die Parolen und Spottgesänge früher ein bisschen origineller waren als »Bullen schlachten«, und wehmütig erinnert man sich selbst an so schlichte Gesänge wie »Mario Basler du bist ein ganz großes Arschloch« nach der Melodie von »Guantanamera«. Da Dortmund z.Z. wie eine Wundertüte spielt, man also nie weiß, was drin ist, konnte man auch gegen Wolfsburg gespannt sein, aber Wolfsburg erfüllte alle Voraussetzungen an einer Schlaftablettenmannschaft, die die Dortmunder nicht in ihren Kreisen störte. Das war schön für die Dortmunder, die allerdings trotz des am Ende deutlichen 3:0 fast an ihrer mickrigen Chancenverwertung gescheitert wären, denn Gelegenheiten, das Ergebnis zu erhöhen, hatten sie gut dreimal so viel. Man of the match war Piszczek, der mit seinem 5. Tor inzwischen zum torgefährlichsten Verteidiger der Liga avancierte und der auch noch die beiden anderen Treffer vorbereitete. Viel zu spät wurde dann noch Kuba eingewechselt, allerdings bei Wolfsburg, und von den Dortmunder Fans wie ein verlorener Sohn gefeiert. Das war wieder mal eine Situation, bei der manche wieder wussten, warum man Fan der Schwarzgelben ist. Und Bayern ermogelte sich in Berlin einen Punkt. In der 6. von den fünf Nachspielminuten erzielte wer sonst als Lewandowski den Ausgleich, was zum einen zeigt, dass die Schiris inzwischen so lange nachspielen lassen, bis die Bayern den entscheidenden Treffer erzielen, und zum anderen, dass die Bayern eben nichts wären, wenn ihnen nicht Ex-Dortmunder den Arsch retten würden. Allerdings muss man deshalb auch nicht traurig sein, wenn man weiß, wie prollig-fies der Herthaner spielen, wenn es ums Ergebnishalten geht, und wie nicht minder fies sich deren Fans aufführen, die Ancelotti bespuckten, so dass der ihnen den Stinkefinger zeigte, und wenn das ein gutsituierter, höflicher, ruhiger und in sich ruhender Italiener tut, dann kann man ermessen, wie schlecht sich einige Leute da benommen haben müssen.

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

Wenn z.Z. der Wurm drin ist, dann bei den Dortmundern. Nicht nur lieferten sie beim Tabellenletzten Darmstadt eines ihrer schlechtesten Spiele der Saison ab, auch die Ultras machten wieder von sich reden. Zwei ihrer Reisebusse wurden durchsucht und gefunden wurden etliche Dinge, mit denen man wieder auf unschöne Weise auf sich aufmerksam hätte machen können. Jetzt wird vielleicht sogar als Strafe die Südtribüne für ein Spiel gesperrt. Das wäre nicht besonders schlau, denn damit bestraft man auch die 24500 Fans, die nichts mit den 500 Hools am Hut haben. Statt die Ultras mit allen Mitteln das Leben schwer zu machen und alles daran zu setzen, sie aus dem Stadion zu entfernen, und damit Plätze zu schaffen, auf die viele scharf wären und die sich auch besser benehmen würden, setzt man sinnlose Symbolaktionen. Allerdings war es bei diesem Spiel eher so, dass es eine Strafe war, dem Spiel beigewohnt zu haben, denn von Dortmunder Seite war es unterirdisch. Und niemand verstand so recht, warum das so war. Klar, den Dortmundern steckte noch das Pokalspiel vom Mittwoch gegen Hertha in den Knochen, aber Tuchel hat eigentlich genügend Spieler, um frische Kräfte auf den Platz zu bringen, was er auch tat, dennoch ließ er etliche bewährte Kräfte wie Kagawa und Castro auf der Bank, während viele schon wieder verletzt oder angeschlagen waren. Aber das sind Dinge, die man nicht wirklich beurteilen kann, weil man von außen keine Diagnosen stellen sollte. Aber auch Tuchel sagte, dass es keine Anzeichen dafür gegeben hätte für die unterirdische Leistung seiner Mannschaft. Irgendwie beschlich einem das Gefühl, als ob die Dortmunder dachten, sie würden das Spiel schon irgendwie schaukeln. Vor zwei Wochen erst waren die Darmstädter gegen Köln mit 6:1 sang- und klanglos wie ein sicherer Absteiger untergegangen. Und auch die 2:0-Niederlage gegen die Eintracht war eindeutig. Was sollte da schon schiefgehen? Und was alles schief gehen kann, konnte man in diesem Spiel sehen, wenn eine Mannschaft plötzlich über sich hinauswächst und alles gibt. Die Niederlage war mehr als verdient, denn die Darmstädter erspielten sich Chancen über Chancen, während sich in der Dortmunder Defensive Lücken auftaten, die einer viertklassigen Mannschaft würdig gewesen wären. Sogar die Säule im Abwehrverbund Sokratis hatte Aussetzer und immer wieder ließen sich die Dortmunder überlaufen und konnten selbst bei einem Verhältnis von 7 Dortmundern gegen 2 Darmstädter das 1:0 nicht verhindern. Nur Pulisic und Emre Mor sorgten ab und zu für so etwas wie Gefahr. Sonst reihte sich ein Totalausfall an den anderen und die Dortmunder Spielidee schien darin zu bestehen, sich den Ball hin- und herzuschieben. Es war grauenvoll. Aber die Dortmunder waren nicht die einzigen, die sich als Anwärter für die internationalen Plätze blamierten. Leipzig verlor zu Hause gleich 3:0 gegen Hamburg und kassierte damit die 2. Niederlage hintereinander, und das ist ja auch eine durchaus reife Leistung. Frankfurt verlor in Leverkusen, weil Roger Schmidt wohl sonst seinen Platz hätte räumen müssen, und Hertha kriegte auf Schalke einen auf den Deckel. Nur die Bayern gewannen, obwohl auch sie nicht unbedingt besser spielten als die Konkurrenz (wobei das Konkurrenz zu nennen ein Euphemismus ist), aber ihnen genügte die Nachspielzeit, um noch schnell zwei Siegtore in Ingolstadt zu erzielen.

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Der Empfang der Leipziger Fans war nicht besonders freundlich. 28 Strafanzeigen wurden gestellt wegen Körperverletzung. Drei Polizisten und ein Polizeihund bekamen was ab, und ohne deshalb gleich in Hysterie verfallen zu wollen, denn dafür war nun wirklich zu wenig passiert, kann man davon ausgehen, dass die rechte Szene mal wieder ihr »schmutziges Haupt« erhoben hat, so hätte man das jedenfalls früher genannt. Der Verein kann zwar versuchen, die Rechtsradikalen aus dem Stadion zu halten, aber er kann wenig dagegen tun, dass sie sich Dortmund als Hochburg ausgesucht haben, für die die Sozialdemokratie das passende architektonische Ambiente geschaffen hat, trostlose Siedlungen, in denen die soziale Situation einem nicht viele Möglichkeiten einräumt, sein Leben zu gestalten. Aber auch die Südtribüne, die gerne als sportliches Ereignis gefeiert wird, zeigte sich von ihrer dämlichen Seite mit nicht sonderlich einfallsreichen Spruchbändern wie »Verpisst Euch« oder »Leipziger Hosenscheißer«, statt sich mal lustige Spott- und Hohngesänge einfallen zu lassen. Daran sollten die diversen Fangruppen mal arbeiten, schließlich ist es schon schlimm genug, wenn es in anderen Stadien so zugeht.
Die Leipziger konnten sich jedoch schon allein aufgrund des Reglements nicht »verpissen« und auch als »Hosenscheißer« ließen sie sich schlecht bezeichnen, denn sie spielten durchaus mit und riegelten eben nicht wie andere Mannschaften den Strafraum ab, und dieser Spielweise war es zu verdanken, dass die Dortmunder endlich mal wieder ein Spiel aufziehen konnten, das sehenswert war, und spannend obendrein. Ein »gefühltes 4:0« sei das gewesen, meinte Tuchel anschließend, aber Aubameyang, Reus und Dembelé ließen etliche Großchancen liegen, und deshalb war das Spiel bis zum Schluss offen, und das kann sich mit einer gelungenen oder zufälligen Situation schnell ändern. Das hatte das vergangene Spiel gegen Mainz wieder schmerzlich in Erinnerung gerufen, als die Dortmunder das gesamte Spiel beherrschten und den Mainzern eine Flanke und ein Kopfball genügten, um das Spiel auf den Kopf zu stellen. Und auch im Spiel gegen Leipzig war diese Option immer drin, wie die allerletzte Sekunde der Nachspielzeit zeigte, als die Leipziger noch den Ausgleich schossen, der wegen Abseits jedoch nicht gegeben wurde, wobei es höchstens ein Arm war, der sich im Abseits befand, was ein wenig wenig für eine Abseitsentscheidung ist, weshalb dem Linienrichter ein großes Lob ausgesprochen werden muss, denn diese Spielsituation kam nur deshalb zustande, weil den Dortmundern vorher ein eindeutiger Eckstoß verwehrt worden war. Ende gut alles gut also. So haben die Dortmunder wieder etwas Luft, um die sich zuletzt häufenden Medienberichten über das Knirschen im Gebälk des Apparates vom Hals zu schaffen, denen zufolge jetzt auch noch Reus Abwanderungsgedanken hegt, Tuchel die Mannschaft nicht mehr im Griff hat und über »Kommunikationsdefizite« mit Zorc und Watzke. Wenn Klopp in Liverpool weiterhin von Niederlage zu Niederlage eilt, vielleicht könnte Tuchel ja seine Stelle antreten und Klopp dann wieder zurückkehren. Naja, ist ja nur ein kleiner Wunschtraum.