Archiv für den Monat: April 2017

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Die Hoffenheimer hatten am Freitag abend in Köln mit einem 1:1 die Steilvorlage für den BVB gegeben, um sich wieder auf den 3. Platz vorzurobben. Bei mir löste das allerdings ungute Gefühle aus, denn immer wenn sich so eine Möglichkeit eröffnet, scheint den Dortmundern die Versagensangst im Nacken zu sitzen. Aber auch jenseits solcher Zweifel abergläubischen Ursprungs gab es gute Gründe, nicht im vornherein von einem souveränen Sieg des BVB auszugehen. Zum Beispiel die Aufstellung, in der Durm, der gegen Monaco schon nach einer halben Stunde ausgewechselt werden musste, wieder auf der linken Außenbahn stand, als wäre nichts geschehen. Diese Nibelungentreue zu einem Spieler, der kaum etwas zum Spiel beiträgt, dem kaum etwas gelingt außer Sicherheitspässe zurück, der keinen Zweikampf gewinnt und bei dem man schon froh sein kann, wenn er einen Einwurf herausholt, ist äußerst merkwürdig und kaum dadurch zu erklären, dass Durm seine Position hält. Und da Ginter anstelle von Pisczcek die rechten Seite verteidigte, kann man sich vorstellen, dass sich über diese Bahn so gut wie gar nichts tat. Dafür ließ Tuchel u.a. Kagawa, Aubameyang und Weigl auf der Bank, um sie für das Pokalhalbfinale in München zu schonen, was man für eine übertriebene Maßnahme halten kann, denn dort haben die Dortmunder nun mal nur eine äußert geringe Chance weiterzukommen, und es müsste schon wie vor zwei Jahren noch unter Klopp zugehen, als die Bayern im Elfmeterschießen slapstickhaft alle Schüsse auf grandiose Weise versemmelten, und wo allein die Tatsache, dass die Dortmunder es bis in die Verlängerung geschafft hatten, sich wie ein Wunder ausnahm, und die wiederholen sich bekanntlich nicht. Dennoch starteten die Dortmunder furios, pressten, spielten schnell und beweglich. Aber nur ein Treffer sprang dabei heraus, weil der nächste Saison bei Dortmunder spielende Dahoud Pulisic auf der Strafraumlinie umsäbelte. Reus verwandelte sehr cool und lässig. Aber dann schienen sich alle Befürchtungen zu bestätigen. Nicht nur, dass die Dortmunder ihre Chancen liegen ließen, jetzt wurde auch noch Sahin im Gladbacher Strafraum niedergetreten, ohne dass Schiedsrichter Stark dem eine Bedeutung beigemessen hätte. Er ließ einfach weiterspielen, und erst als Bürki den Ball ins Aus bugsierte, konnte Sahin mit einem Bänderriss am Knöchel vom Platz getragen werden. Allein die Tatsache, dass Strobl auch den Ball getroffen hat, schien es zu rechtfertigen, dass er Sahin eine schwere Verletzung zufügen konnte, ohne dafür belangt zu werden, weshalb Fußball immer mehr zu einer Sportart wird, in der schwere Verletzungen billigend in Kauf genommen werden. Für Sahin kam der völlig unerfahrene Merino, dem prompt ein schwerer Abspielfehler unterlief, der die bis dahin völlig chancenlosen Gladbacher zum Ausgleich verhalf. Als dann noch Schmelzer ein Eigentor unterlief, schienen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Aber dann rafften sich die Dortmunder noch einmal auf. Aubameyang gelang 101 Sekunden nach seiner Einwechslung ein Weltklassetreffer und Guerreiro köpfte kurz vor Schluss ins lange Eck. Den lange abstiegsgefährdeten Bremern haben eine beachtliche Siegesserie hingelegt und spielten sich mit vier Toren durch Kruse auf Platz 6, während Mainz mit einem nicht unverdienten 2:2 bei den Bayern im Abstiegskampf gleich zwei Plätze gut machte, wo sich die Mainzer mit Ingolstadt, Augsburg, Wolfsburg und Hamburg, die zu Hause gegen Darmstadt verloren, jedenfalls ein spannenderes Duell liefern als es an der Tabellenspitze der Fall ist.

Die Wahrheit über das CL-Viertelfinale

Nach dem jeweils verdienten Ausscheiden von Bayern und dem BVB aus der Champions-League steht seit 2009 zum ersten Mal kein deutscher Verein im Halbfinale. Rummenigge erwies sich dabei als schlechter Verlierer und gab dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage gegen Real Madrid, weil er zwei Abseitstore durch Ronaldo gegeben hatte und den chilenischen Irokesen vom Platz gestellt hatte in einer Situation, in der er ausnahmsweise mal nicht Foul gespielt hatte. Genaugenommen hätte Vidal schon viel früher vom Platz gestellt werden müssen, und wenn Real nur die Hälfte der zahlreichen Chancen verwandelt hätte, wäre die Niederlage viel höher ausgefallen. Aber bei den Bayern kann nicht sein, was nicht sein darf, also war der Schiedsrichter schuld, auch wenn beide Niederlagen mehr als hoch verdient waren, denn obwohl der Mann in schwarz einige Fehlentscheidungen traf, so traf er sie nicht nur gegen Bayern, denn auch der Anschlusstreffer der Bayern zum 2:1 war irregulär. Es ist einfach so, dass die Bayern auf eine Mannschaft getroffen sind, die ihnen letztlich sehr ähnlich ist und gegen die der in der Bundesliga immer wieder verfangende Ballbesitzfußball gegen sie selbst gewendet wurde, d.h. sie wurden mit den gleichen Waffen geschlagen, mit denen sie die Bundesliga dominieren. Real war einfach besser, und wahrscheinlich war es diese offensichtliche Tatsache, die Rummenigge von Betrug und Schiebung schwafeln ließ, dabei haben die Bayern schon häufig genug genau davon profitiert und sogar durch krasse Fehlentscheidungen einmal die Champions-League gewonnen. Gegen den BVB. Aber der war diesmal genauso chancenlos gegen Monaco, die als Außenseiter gerade die französische Liga aufmischen und inzwischen kaum mehr als Außenseiter gehandelt werden können. Trotzdem war das Ausscheiden der Dortmunder unglücklich, nicht nur wegen der 3:2-Heimniederlage einen Tag nach dem Anschlag, als man sehen konnte, dass die Dortmunder vor allen in der ersten Halbzeit einfach nicht auf dem Platz waren und krasse Fehler zu einem schnellen 2:0 führten, Fehler, die wahrscheinlich noch aus der Verunsicherung herrührten, die die Explosion hinterlassen hatte. Auch in Monaco saßen die Spieler aus Sicherheitsgründen plötzlich eine halbe Stunde im Bus fest und vermutlich wurden die Traumata wieder reaktiviert, die den Spielern sowieso in den Knochen steckten. Jedenfalls begann die erste Halbzeit ähnlich desaströs wie beim Hinspiel. Die Spieler standen zu weit von den Gegenspielern entfernt, Bürki patzte schon in der 3. Minute, und auch Pisczcek spielte als letzter Mann einem Monegassen den Ball in die Füße. Wären den Dortmundern all die Fehler, die zu Toren führten, nicht unterlaufen, wären sie sogar weiter gekommen, und dennoch waren die Monegassen überlegen und machten im Unterschied zum BVB eben auch keine Fehler. Unter normalen Umständen und mit einer normalen Form, wäre der BVB vielleicht ein ebenbürtiger Gegner gewesen, so aber trug sogar Tuchel seinen Teil zur Niederlage bei, auch wenn er es nicht zugab. Aber dass er schon in der 27. Minute den völlig überforderten Durm, der in einer halben Stunde gerade mal einen Zweikampf gewonnen hatte, durch Dembélé ersetzte, war wie ein Eingeständnis, sich völlig verschätzt zu haben. Aber auch sonst spielten viele Dortmunder einfach das, was sie eigentlich können, wie z.B. Guerreiro, der sonst eine Bank ist, diesmal aber blass blieb, und auch Aubameyang machte keinen Stich gegen die kompakte Defensive der Monegassen. Und schließlich kam auch noch Pech dazu, als Sahin einen Freistoß an den Pfosten setzte. Andererseits gingen auch die Monegassen sehr großzügig mit ihren Chancen um, und deshalb muss man sagen, dass sie nicht nur die glücklicheren, sondern auch die verdienten Sieger waren. Barcelona ist ein weiteres Wunder nicht gelungen, nicht gegen Juve, die die beste Defensive in der CL haben. Auch Atletico ist weiter. Schon wieder ein Endspiel zwischen den Madrider Mannschaften wäre allerdings so langsam etwas öde.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Fünf Tage nach den Bomben auf den BVB-Bus wissen die Ermittler immer noch nicht, wer hinter dem Anschlag steckt. Inzwischen ist laut Bild auch noch die Wettmafia hinzugekommen, aber aus welchen Gründen? Weil der BVB zu unberechenbar ist? Anders als Bayern? Aber dann müssten die nach dem Unentschieden gegen Bayer auch Ärger kriegen, weil das 0:0 die Wettquoten verdorben hat. Jedenfalls sind den Verschwörungstheorien Türen und Tore geöffnet. Am wahrscheinlichsten sind es die Rechten oder die Islamisten oder sonst irgendein Verrückter gewesen, zwischen denen aber sowieso kaum ein Unterschied besteht, betätigen sich die Islamisten doch als Steigbügelhalter für die AfD, die diese wiederum mütterlich in die Arme nimmt, weil sie weiß, dass sie ohne Islamisten keine Chance hätte. In jedem Fall war der missglückte Anschlag einer mit größtmöglicher Wirkung in der Öffentlichkeit, in der die Moderatoren sehr feinfühlig und mit viel Menschlichkeit endlos plapperten. Die Uefa mit ihrem gnadenlosen Spielplan wurde angeklagt, weil das Rückspiel gegen Monaco einen Tag später angesetzt wurde und damit keine Zeit zur Trauerarbeit bliebe, als ob tatsächlich Leute gestorben wären. Watzke sagte, man hätte sich tatsächlich kurz überlegt, das Spiel ganz abzusagen, aber eben nur kurz, eine reale Option war es nicht. Das Spiel wäre als verloren gewertet worden, und verloren hat das Spiel der BVB dann sowieso, weil Tuchel zunächst eine falsche Taktik gewählt hatte mit Ginter auf der rechten Außenbahn, weshalb die erste Halbzeit auch entsprechend unterirdisch war. Erst in der zweiten Hälfte kam mit Sahin und Pulisic Schwung in die Partie. Vermutlich wäre das Spiel auch ohne Anschlag so verlaufen, denn wenn der Schiedsrichter ein Abseitstor gibt, dann hat das wenig damit zu tun, dass Spieler mental nicht auf der Höhe sind. Und katastrophale Abspielfehler wie der von Pisczcek auf Sokratis sind den Dortmundern auch schon unter Normalbedingungen unterlaufen. Es ist schwer zu sagen, welche Folgen ein solcher Anschlag auf das Nervenkostüm des einzelnen hinterlässt, spätestens gegen Frankfurt jedoch standen keine Nervenbündel auf dem Platz, sondern mit dem einige Spiele verletzten Reus auch jemand, der sofort Schwung in die Partie brachte, als ihm in Zusammenarbeit mit Pulisic gleich in den 2. Minute ein Traumtor gelang. Und auch Sokratis und Aubameyang nach einem sensationellen Pass von Sahin auf Dembélé steuerten wunderschöne Treffer bei, aber trotzdem war die Eintracht keinesfalls unterlegen, sondern hatte durchaus Chancen, und hätte es am Ende ein Remis gegeben, hätten sich die Dortmunder nicht beschweren können. So hat man wenigstens nicht den Anschluss zu Hoffenheim verpasst, die in einem nicht minder rasanten Spiel gegen Mönchengladbach mit 5:3 gewannen. Und auch Leipzig gab sich keine Blöße und gewann gleich 4:0 gegen Freiburg. Im Kampf um den Relegationsplatz hat Ingolstadt einen herben Rückschlag erlitten, weil man gegen die Mitfavoriten um den Abstieg Wolfsburg 3:0 verlor, während Mainz und Augsburg gewannen.

Das Ende der Zivilisation. Zum 30. Todestag von Primo Levi

Es gibt nur wenige Autoren, die aus eigener Erfahrung das System der Konzentrationslager beschreibend so durchdrungen haben wie Primo Levi, der in seinem autobiographischen und schon 1947 erschienenen Bericht »Ist das ein Mensch?« (dtsch. 1961) über seine Zeit im Arbeitslager Monowitz bei Auschwitz den Zivilisationsbruch reflektiert, der von den Nazis durch die gezielte Entmenschlichung der Opfer systematisch betrieben wurde. Dies ist ein zentraler Punkt, um das System der Konzentrationslager zu verstehen, nämlich den Menschen so zu demütigen und ihn so »auf das Niveau seiner Eingeweide herabzuwürdigen«, dass es als perverser Akt der Gnade erscheint, ihn aus der Welt zu schaffen.
In dem Buch »So war Auschwitz«, das jetzt zu seinem 30. Todestag erschienen ist, kommt Primo Levi wieder darauf zurück. Er beschreibt in einem Vortrag aus dem Jahr 1961, dass »das beliebte, typische, tägliche Zeremoniell des Aufmarsches der Lumpen-Menschen zur Musik eines Orchesters« vor allem dazu da war, den 14-18 Jahre alten Hitler-Jungen, die diesem grotesken Lager-Appell beiwohnten, den Eindruck zu vermitteln: »Das also sind die Juden, von denen man uns erzählt hat, die Kommunisten, die Feinde unseres Vaterlands? Aber das sind doch keine Menschen, das sind ja Hampelmänner, Tiere. Sie sind schmutzig, zerlumpt, sie waschen sich nicht, schlägt man sie, wehren sie sich nicht, sie lehnen sich nicht auf, sie denken nur daran, sich den Bauch vollzuschlagen. Es ist richtig, sie bis zum Tod arbeiten zu lassen, es ist richtig, sie zu töten.«
Primo Levi war 19 Jahre alt und studierte gerade im ersten Semester Chemie in Turin, als die Rassegesetze in Italien erlassen wurden. Während man in Sebastian Haffners »Geschichte eines Deutschen« nachlesen kann, welche verheerenden Auswirkungen diese Gesetze an der Berliner Uni hatten und wie begeistert sie von den nationalsozialistischen Studentenverbänden umgesetzt wurden, fühlte sich Levi trotz »der stickigen Atmosphäre der Universität von damals nicht unwohl«. Die wenigen faschistischen Studenten waren nicht gefährlich und eher verwundert über die Gesetze. Levi konnte trotz einiger Schikanen weiter studieren und 1941 promovieren. Die Juden waren mehr oder weniger toleriert, man betrachtete sie an der Uni sogar »mit einer Art von schuldbewusster Verlegenheit«. Das änderte sich schlagartig 1943. In Turin kam es im März zu großen Streiks der Arbeiter. Die Regierung reagierte nur zaghaft darauf, löste sich schließlich am 25. Juli auf und brach am 8. September endgültig zusammen. Die Deutschen übernahmen das Kommando. Levi hatte keinen Plan, aber auch keinen Zweifel daran, irgendetwas tun zu müssen. Er ging in die Bergen und traf dort Deserteure, versprengte Soldaten, Arbeiter und andere Leute auf der Flucht. Sie versuchten, Kontakt zur Resistenza aufzunehmen, weil sie weder Geld noch Waffen noch Erfahrung hatten. In einer großangelegten Razzia wird Levi am 13. Dezember verhaftet, und obwohl er falsche Papiere besaß und, wie er glaubte, hätte verbergen können, dass er Jude war, gab er in einem Verhör schließlich zu, in den Untergrund gegangen zu sein, weil es ihm aus jugendlich-naiven Gründen »unehrenhaft« vorkam, seine Herkunft zu verleugnen. Als der Beamte erfuhr, dass »wir Juden und keine ›echten Partisanen‹ waren, sagte er zu uns: ›Es wird euch nichts Böses geschehen. Wir schicken euch ins Lager Fossoli‹.« Und tatsächlich ging es einem in diesem Lager damals noch »ziemlich gut«. Aber dann übernahm die SS das Lager und stellte innerhalb von zwei Tagen einen Abtransport von 650 Juden zusammen. Levi macht von nun an Bekanntschaft mit der Grausamkeit und mit dem den Italienern völlig fremden »Vernichtungsantisemitismus« der Deutschen, wie ihn Goldhagen genannt hat. Es beginnt für ihn ein elf Monate währender Aufenthalt in der Hölle, den er nur durch Glück übersteht.
Levi hat sich Zeit seines Lebens damit auseinandergesetzt, hat Bücher geschrieben, Vorträge gehalten, bei Prozessen ausgesagt, Erklärungen abgegeben und Berichte verfasst, wie den »über die hygienisch-medizinische Organisation des KZs für Juden in Monowitz« 1945 auf Anforderung der russischen Befreier. In diesem allerersten Dokument, das nun in »So war Auschwitz« vorliegt, versucht er möglichst präzise Angaben zu machen über das, was passiert war, jeden Erinnerungsfetzen festzuhalten für die Nachwelt, weil sie die letzten Überlebenden des Lagers waren, denn die Nazis hatten versucht, alle Spuren zu verwischen.
Heute ist die Literatur über den NS und die Vernichtung der Juden unüberschaubar. Man gewinnt den Eindruck, als ob jeder Aspekt der Gewaltherrschaft erforscht sei. Inzwischen ist es schwer, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der die Literatur spärlich und das Interesse an der Erforschung des NS wie an den Zeugnissen von Überlebenden eher gering war. Für viele Davongekommene war das Zeugnisablegen ein starkes Motiv, das Lager zu ertragen, aber als sie die Möglichkeit dazu hatten, mussten sie feststellen, dass sich niemand für ihre Geschichten interessierte. Es handelte sich dabei jedoch weniger um »Ignoranz«, wie die Herausgeber Domenico Scarpa und Fabio Levi glauben, sondern um »Verdrängung«, denn gerade in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs wollte man nicht mit den unangenehmen Erinnerungen belästigt werden, weil gegenüber den Überlebenden sich automatisch die Frage stellte, was man selbst hätte tun können, um deren Schicksal zu verhindern. Und deshalb waren die Überlebenden häufig und lange Zeit nicht sehr beliebt. Erst in den 80er Jahren begann sich das zu ändern.
1986 erschien »Die Untergegangenen und die Geretteten«, eines der besten Bücher über Auschwitz neben Ruth Klügers »weiter leben«, in dem er die Verdrängungen und Verzerrungen der Erinnerungen sowohl der Opfer als auch der Täter nachspürt und der »Scham« derer, die mit Glück und durch Zufall davongekommen waren. Ein halbes Jahr später, am 11. April 1987, stürzte Primo Levi den Aufzugschacht hinab. Er hinterließ kein Abschiedsschreiben. Sein Tod ist bis heute ein Rätsel.

Primo Levi »So war Auschwitz. Zeugnisse 1945-1986«, Hrg. von Domenico Scarpa und Fabio Levi. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, Hanser Verlag, München 2017.

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

Tuchel analysierte das Spiel seiner Elf in München als vollkommen chancenlos, nie hätte der BVB Zugriff auf das Spiel gehabt, und nur einem BVB mit einem guten Tag und in guter Form mit allen Spielern an Bord, wie den verletzten Reus, Weigl und dem zuletzt starken Kagawa, hätte es gelingen können, den Bayern etwas entgegenzusetzen. So aber wären die Dortmunder meistens hinterhergelaufen, waren zweikampfschwächer und immer etwas zu spät. Das ist natürlich richtig, auf der anderen Seite hätte sich Tuchel mit der Mannschaft, die ihm zur Verfügung stand, vielleicht auch mal etwas anderes probieren müssen. So stand Schmelzer auf der linken Seite völlig allein gegen Robben, der immer mit Tempo den Dortmunder Kapitän anlaufen konnte und mit der einzigen ihm zur Verfügung stehenden, aber effektiven Finte nach innen den Abschluss suchte, was dann in der 49. Minute zum 3:1 führte, womit die Partie kurz nach der Halbzeit entschieden war. Wie man Robben und Ribéry aber schachmatt setzt, hatte Klopp in den Meisterjahren bewiesen, als man die Flügelzange der Bayern doppelte und die beiden wenn möglich gar nicht erst die Zeit hatten, den Ball anzunehmen. So aber ließ Tuchel Robben und Ribéry jede Menge Raum, den die natürlich zu nutzen wussten. Tuchel, dessen taktische Variabilität gerühmt wird, setzte auf das Konzept einer Dreierkette, die durch die Außen notfalls zu einer Fünferkette ergänzt werden konnte. Aber so richtig funktioniert hat das schon in den letzten Spielen nicht. Vor allem war klar, dass der BVB nicht wie gegen viele andere Bundesligamannschaften seinen Ballbesitzfußball würde etablieren können, denn dafür ist Bayern zu stark und zu präsent und spielt ihnen zudem in die Karten. Vielleicht hätte eine andere Taktik den Dortmundern auch nichts genutzt, aber dass mit der herkömmlichen Taktik mit diesem zur Verfügung stehenden Mannschaftskader kein Blumentopf zu gewinnen war, ließ sich jedenfalls ziemlich leicht voraussehen. Aber vielleicht wollte Tuchel keine Experimente eingehen, weil er in seinem ersten Spiel gegen die Bayern damit baden gegangen war. Die Niederlage ist jedoch leicht zu verschmerzen und es würde völlig reichen, wenn man dafür das Halbfinale der CL gegen die Bayern gewinnt, die den Dortmundern dann drohen, falls sie Monaco schlagen, was nicht ausgemacht ist. Für Tabelle ist die Pleite unerheblich, weil man den 4. Platz ziemlich sicher hat, und nach der Niederlage der Hoffenheimer in Hamburg ist der Kontakt auf einen Platz weiter vorn noch da. Leipzig hat zwar mit einem glücklichen Tor in der 93. Minute sich gegen Leverkusen durchsetzen können, aber gegen eine Mannschaft, die sich gerade in der Krise befindet, nur mit Glück zu gewinnen, ist nicht gerade eine tolle Leistung. Mainz befindet sich gerade mit der fünften Niederlage in Folge im freien Fall, weil man auch bei den starken Freiburgern in einem umkämpften und unansehlichen Spiel nicht zu einem Tor kam. Langsam rückt den Mainzern Ingolstadt auf dem Pelz und nach oben leisten ihnen nur noch die Wolfsburger enge Gesellschaft, die auf Schalke hoffnungslos unterlegen waren.

Systematische Fehler

Wie kann es sein, fragten 1983 amerikanische Generäle die Israelis, dass sie ihre Kriege gewännen, die Amerikaner mit ihrer Bilanz hingegen schlecht aussähen, vor allem, weil man ja die gleichen Waffen und die gleiche Ausrüstung benutzen würde. Wenn es also daran nicht liegen würde, woran dann? Schließlich versuchte man der Frage auf den Grund zu gehen, wie die Israelis ihre Soldaten für die jeweiligen militärischen Einheiten auswählten. Bislang hing das von der Intuition der Befrager ab, in welche Abteilung ein Rekrut gesteckt wurde, aber dann fand jemand heraus, dass das genau das Problem war: Menschen, die die Persönlichkeit anderer Menschen beurteilen sollten. Gelang es, das Bauchgefühl des Befragers auszuschalten, wurde die Einschätzung besser. Diese Entdeckung gelang dem Psychologen und späteren Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der damit, wie Michael Lewis in der Biographie »Aus der Welt« über ihn schreibt, »mehr für die israelische Armee getan hat als jeder andere Psychologe vor und nach ihm«.
Aus heutiger Sicht mag das erstaunlich klingen, weil man den Sachverhalt automatisch aus der Retrospektive betrachtet, d.h. man ist aus heutiger Sicht weiter und deshalb auch klüger, aber in den siebziger Jahren fing man eben erst an, sich Gedanken um das Wie beim Zustandekommen von Entscheidungsprozessen zu machen. Aber unabhängig davon ließe sich auch sagen, dass hierarchische Entscheidungsstrukturen beim Militär für einen Soziologen wohl kaum etwas neues waren, genauso wenig wie die Einsicht, dass die Häufigkeit von Fehlentscheidungen umso höher ist, je weniger es eine Instanz gibt, die einen Entscheider korrigiert. Und dieser Gedanke beschleicht einen immer wieder bei der Lektüre des Buches, z.B., wenn es um die Frage der häufigen Fehlentscheidungen in der Medizin geht, die natürlich damit zusammenhingen, dass die damals noch als »Götter in Weiß« geltenden Ärzte ihre Diagnosen immer als unumstößlich ansahen und sie jeden Zweifel an ihrer Autorität als Beleidigung auffassten, während erst in einigen Tests darauf hingewiesen werden musste, dass viele Ärzte häufig eine unterschiedliche Diagnose über ein- und dasselbe Geschwür stellten.
Aber Daniel Kahnemann und sein Kollege Amos Tversky, mit dem er jahrelang eng zusammenarbeitete, begnügten sich eben nicht mit der Frage, warum das so war, sondern boten auch eine Lösung, wie sich die Fehler im System minimieren ließen, auf die Statistiken immer wieder hinwiesen. Und dazu musste man wissen, wie der Mensch Entscheidungen trifft, wie er »tickt«, es ging darum, das Gedächtnis zu verstehen, warum beispielsweise das Denken dazu neigt, einen kleinen Ausschnitt mit dem Ganzen zu verwechseln. Und dass es so ist, wiesen die beiden Psychologen durch Befragung und kleine Versuchsanordnungen nach.
Und das, was sie dabei herausfanden, zog nicht wenige Prämissen vieler Wissenschaftsdisziplinen in Mitleidenschaft. »Es ist erstaunlich«, hatte Amos Tversky einmal gesagt, »wie langweilig Geschichtsbücher sind, wenn man bedenkt, wie viel davon Fiktion ist.« Die Interpretation von Geschichte, so die These, unterliegt »Verzerrungen«. Davon zeugte eine Befragung von Studenten, die den überraschenden Staatsbesuch Nixons in China 1972 anhand verschiedener möglicher Antworten beurteilen sollten. Nach dem Staatsbesuch wurden die Probanden wieder befragt, und »nachdem sie das Ergebnis kannten, hielten sie es sehr viel vorhersehbarer als im Moment ihrer Prognose«, weshalb dieses Phänomen den Namen »Rückschaufehler« erhielt. Dass der Mensch Fehler macht, darüber wird sich niemand streiten, das Faszinierende und vielleicht Bahnbrechende an den Forschungen von Kahnemann und Tversky war die Tatsache, »dass wir vorhersehbare und systematische Fehler machen«. Die Menschen wurden als rational entscheidende Wesen vorausgesetzt, die sie jedoch nicht sind. Die beiden kamen zu einer anderen Beurteilung der menschlichen Natur und waren deshalb in der Lage, auch in anderen Wissenschaftsbereichen als unumstößliche Wahrheiten geltende Prämissen in Frage zu stellen.
Der Bestsellerautor Michael Lewis hat lange Zeit recherchiert und in Archiven geforscht, er hat Gespräche mit Kahnemann (sein Partner Tversky war zu diesem Zeitpunkt bereits an Krebs gestorben) und Interviews mit Kollegen, Freunden und Familienangehörigen geführt, und eine fundierte, eingängig zu lesende und niemand überfordernde Biografie der beiden Psychologen geschrieben. Er hat dabei nicht nur ihre wissenschaftlichen Befunde ausgebreitet, für die Kahnemann dann 2002 den Nobelpreis bekam, sondern auch das Verhältnis der beiden gewürdigt, die vielleicht, gerade weil sie in ihrem Naturell so unterschiedlich waren – der eine Holocaustüberlebender und skeptisch gegenüber sich selbst, der andere in Israel geboren, selbstbewusst und eloquent -–, sich auf kongeniale Weise ergänzten.
Manchmal sieht es allerdings so aus, als ob Lewis seinem Gegenstand zu nah war, als dass er noch den nötigen Abstand hätte herstellen können, der notwendig ist, um sich seinem Untersuchungsgegenstand noch kritisch nähern zu können. Darauf jedenfalls lassen seine häufigen Verweise auf die Genialität der beiden schließen. Dass sie jedoch so erfolgreich waren, hing nicht allein an ihrer Genialität, sondern auch daran, dass ihre Forschung auf einen Nutzen ausgerichtet war, die viele Verbesserungen zur Folge hatte. Sie hatten, wenn man so will, die Pionierarbeit geleistet für das, was heute Algorithmen leisten, die menschliche Denkfehler weitgehend ausschließen.

Michael Lewis, »Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder: Eine Freundschaft, die unsere Denken verändert hat«, Campus, Frankfurt 2017. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel

Auf dem Datenweg zu Gott. Über “Homo Deus” von Yuval Noah Harari

Dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari ist bereits mit dem in 40 Sprachen übersetzten Buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« ein Weltbestseller gelungen. Nun hat er aller Voraussicht nach mit »Homo Deus. Eine Geschichte von morgen« einen zweiten geschrieben, denn Harari weiß das Bedürfnis der Leser nach einer Draufsicht aufs Ganze und nicht nur auf einen Aspekt, im Plauderton geschrieben, hervorragend zu befriedigen. Und ja, es ist intelligent, scharfsinnig und manchmal sogar überraschend witzig, wie die durchweg begeisterten Kritiker auf der ganzen Welt ihm attestieren, denn er eröffnet einen ganz anderen Blick auf Geschichte, und er wagt nun sogar einen Ausflug in die Zukunft.
Hararis Prämissen sind die drei Hauptfeinde der Menschheit, Hunger, Krieg und Seuchen. Die seien nun überwunden und das belegt er mit Zahlen, denen zufolge mehr Menschen Selbstmord begehen als von Soldaten, Terroristen und Kriminellen umgebracht zu werden. Für den Durchschnittsmenschen stellt Coca-Cola oder Zucker »eine weitaus größere Gefahr dar als al-Qaida«. Zwischen 1692 und 1694 beispielsweise, also in nur zwei Jahren, verhungerten in Frankreich ca. 2,8 Millionen Menschen, also rund 15 % der Bevölkerung, heute hingegen gibt es »keine ›natürlichen‹ Hungersnöte mehr auf dieser Welt, sondern nur politische«. An dem überall gefürchteten SARS starben weltweit keine 1000 Personen, während im Mittelalter die Pest die Weltbevölkerung um 75 bis 200 Millionen Menschen dezimierte.
Nachdem der Mensch seine Hauptfeinde besiegt hat, steht nun der Kampf gegen den Tod, das Streben nach Glück und nach einer gottähnlichen Existenz auf der Agenda des Menschen. Der Tod ist für die moderne Wissenschaft laut Harari nur »ein technisches Problem«, und wir befinden uns bereits auf dem Weg dorthin, denn die Menschen werden immer älter. Das vollkommene Glück hingegen hat seine Tücken, denn das Erreichen dieses Zustandes bedeutet Antriebslosigkeit, das genaue Gegenteil dessen, was man benötigt, um Gott werden zu können, eine irgendwie ganz anders geartete Existenz, die durch Algorithmen und freien Datenfluss möglich werden soll. Zwar soll man Hararis Szenarien nicht als Prognosen verstehen, sondern als Möglichkeiten, aber dennoch wird deutlich, dass er dieser Entwicklung gerne freien Lauf lassen würde. »Warum wuchsen die USA schneller als die UdSSR? Weil die Information in den USA freier floss.« Die Menschen können schon lange nicht mehr die ungeheuren Datenströme bewältigen und werden davon auch nicht klug, weshalb man die Datenverarbeitung den Algorithmen überlassen sollte, die alles auf »natürliche Weise« regeln. An dieser Stelle erweist er sich als Anhänger von Airbnb und Uber, die auf dem Weg zu Gott jede Menge Existenzen zerstören werden, weshalb dieses Streben danach vor allem eins ist, ein Prozess, an dem nur eine Elite wird teilhaben können, und gegenüber diesem Prozess werden sich sämtliche vergangenen Epidemien, Hungersnöte und Kriege vermutlich harmlos ausnehmen.

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Mit dem HSV stand der Angstgegner des BVB auf dem Rasen, diese unangenehme Kloppertruppe, die nur Grätschen, Ackern und Foulen kennt und der ein schönes, elegantes Spiel fremd ist. Aber auch wenn der HSV in der Foulstatistik souverän mit 12:6 führte, waren es immerhin nicht die weit über 20 Fouls, die der BVB sonst erleiden muss, so dass das Spiel insgesamt relativ fair und ohne größere Verletzungen verlief. Wieder glänzte der BVB mit einer riesigen Zahl vergebener Chancen und das bereits in der 13. Minute durch Castro erzielte direkte Freistoßtor verlieh alles andere als Sicherheit. Es war Castros erster gelungener Versuch in seiner Karriere, und dieser Schuss war nicht gerade unhaltbar, weil Rene Adler auf einen Ball ins lange Eck spekuliert hatte. Immerhin überhaupt einmal ein direktes Freistoßtor. Die Hamburger waren zwar in fast allen Belangen unterlegen, aber sie fügten sich nicht in die Rolle des Unterlegenen, sondern suchten ihr Glück auch vorne in der nicht allzu abwegigen Annahme, dass man ja selber auch ein Tor erzielen kann, wenn es schon die Dortmunder nicht tun. Und Chancen hatten die Hamburger, aber offenbar hatten sie sich ein Beispiel am Gegner genommen. Der amerikanische Stürmerstar Wood sorgte zwar für Unruhe, vergab aber wie Aubameyang auch alleinstehend vor dem Torhüter. Das Spiel war ein ständiges Auf und Ab, rief ein ständiges Wechselbad der Gefühle hervor, und mit jeder neu vergebenen Chance ging einem langsam die Luft aus. Die Dortmunder machten es bis zum Schluss spannend, aber bevor wieder eine Diskussion anfangen konnte darüber, ob Aubameyang nun an einer Torblockade leiden würde, stürmte er nach feiner Vorlage von Kagawa einfach auf und davon und machte in der 92. Minute dann doch noch den ersehnten Treffer, den alle von ihm erwartet hatten. Mit dieser Leistung allerdings haben die Dortmunder in München wenig Aussichten, auch nur einen Punkt mitzunehmen, vor allem, weil sich Bayern nach dem 1:0 in Hoffenheim keine zweite Niederlage in Folge leisten kann. Und Bayern war ja auch nur in der ersten Halbzeit schlecht, in der 2. Hälfte hatte Hoffenheim Glück, dass auch Bayern verschwenderisch mit seinen Möglichkeiten umgehen kann, wie um zu beweisen, dass dies kein Alleinstellungsmerkmal der Borussen ist. Und wenn Hoffenheim dann weiter gewinnt, kann sich der BVB schon mal mit dem 4. Platz abfinden, denn auch Leipzig scheint sich wieder gefangen zu haben, bzw. das Glück wiedergefunden zu haben, denn in einer heiß umkämpften und hart geführten Partie in Mainz waren sie die coolere und abschlusssicherere Mannschaft, was schade ist, denn Mainz war die bessere und sympathischere Mannschaft sowieso. Bremen hingegen hat einen Lauf, fertigt wie nebenbei Schalke mit 3:0 ab und setzt sich nicht nur von den Abstiegsrängen ab, sondern kann sogar nach oben schielen, denn zu den internationalen Rängen sind es nur 5 Punkte, zu den Abstiegsrängen allerdings auch nur 6, was zeigt, wie dicht die Liga zusammengerückt ist, sieht man von den ersten vier Plätzen ab.

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

Das erste schöne richtig warme Wochenende, und dann geht man für ein mieses 1:1 in eine miese Kneipe, ein Unentschieden im Revierderby, das sich anfühlte wie eine Niederlage und sich nicht nur so anfühlte, sondern auch tatsächlich eine war, denn alle anderen Konkurrenten um die CL-Plätze gewannen souverän, so dass der BVB jetzt auf den 4. Platz abrutschte. Und es fühlte sich wie eine Niederlage an, weil der BVB alle Möglichkeiten hatte zu gewinnen. Aber häufig wurde in der allerletzten Aktion vor dem sicheren Tor die falsche Entscheidung getroffen, was den Spielern nicht vorzuwerfen ist, weil es sich dabei um eine instinktive Reaktion handelt, die eben manchmal richtig und manchmal falsch ist. In diesem Spiel war sie meistens falsch. Dortmund war haushoch überlegen, und vor allem Dembelé wurde häufig gefoult, weil er sonst einfach nicht mit seiner perfekten Körpertäuschung und seiner Schnelligkeit zu stoppen war. Schalke spielte wie eine Auswärtsmannschaft und war auf Konter aus, die in der Regel jedoch durch das hohe Pressing der Dortmunder im Keim erstickt wurden. Das ziemlich gute Spiel wurde in der 2. Halbzeit dann richtig rasant, vor allem nach dem 1:0 der Dortmunder nach einem genialen Steilpass von Dembelé auf Kagawa, der vor dem herausstürzenden Fährmann quer auf Aubameyang spielte, so dass der nur einschieben brauchte, ein Treffer, den der Torschütze auf sympathisch-verspielte Weise mit einer Spiderman-Maske feierte. Die Schalker beschwerten sich beim Schiedsrichter, weil dem Tor angeblich ein Foul von Sokratis im Strafraum vorangegangen war und sie gerne einen Elfer dafür gekriegt hätten, aber da hätte Schalke zu diesem Zeitpunkt nur noch mit 9 oder 10 Mann gespielt, hätte der Schiedsrichter solche Fouls konsequent geahndet. Jetzt musste Schalke in die Offensive gehen, weshalb sich für die Dortmunder mehr Raum zum Kontern bot, aber die Chancen, die sich durch die Konter ergaben, wurden leichtsinnig vergeben, vor allem als Aubameyang allein vor Fährmann generös auf Dembelé spielen wollte, statt allein den sicheren Abschluss zu suchen, sodass Höwedes in letzter Sekunde klären konnte. Dann verletzte sich Schmelzer bei einer Rettungsaktion. Und obwohl die medizinische Abteilung sofort eine Auswechslung signalisierte, ließ man sich auf der Dortmunder Bank Zeit, bis der Ausgleich der Schalker perfekt war. Und dieses Tor gab den Schalkern Auftrieb, sie drängten die Dortmunder in die Defensive, und als Bartra in der Nachspielzeit der Ball an die Hand sprang, forderte Schalke vehement einen Elfer und sogar Tuchel meinte, dass man dafür hätte einen Elfer geben können, was aber nicht dem Reglement entsprochen hätte, das vorsieht, nur absichtliches Handspiel zu ahnden, wenn der Spieler versucht, einen Schuss durch eine sogenannte Vergrößerung der Abwehrfläche zu verhindern. Bartra aber blockte keinen Schuss ab, sondern versuchte den Ball unter seine Kontrolle zu bringen, der ihm dann unglücklich an die Hand sprang, eine Chance vereitelte er nicht. Und mit dieser Einschätzung rahmte Tuchel eine paar weitere Fehlentscheidungen, denn er ließ sich nicht nur viel Zeit mit der Einwechslung nach Schmelzers Verletzung, sondern ließ auch den indisponierten Passlack spielen, und wechselte in der 87. Minute Pulisic für Kagawa ein, der einer der besten Spieler war, als ob er auf Zeit spielen wollte, denn Pulisic hätte er natürlich ein bisschen früher bringen müssen und zwar nicht für Kagawa, sondern für Passlack. Und um das beurteilen zu können, muss man kein Trainer sein, der nahe an der Mannschaft steht. Ein verlorenes Wochenende.