Archiv für den Monat: Oktober 2017

Erinnerungsbruchstücke

Obwohl Annie Ernaux in den Kurzbiographien ihrer ins Deutsche übersetzten Bücher wie »Eine vollkommene Leidenschaft« als eine der »renommiertesten Publizistinnen und Autorinnen Frankreichs« vorgestellt wurde, deren Werke mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet wurden, galt sie hierzulande als Autorin von Softpornos, weil Goldmann ein Unterwäschemodel auf das Cover mit Blick auf nackte Beine und Spitzendessous setzte. Ein Fall von Betrug am Leser, der in Erwartung scharfer Sexszenen mit der Innenwelt einer Frau konfrontiert wurde, die auf ihren Geliebten wartet. Vielleicht hat es ja deshalb neun Jahre gedauert, bevor Suhrkamp nun »Die Jahre« herausbrachte, die in Frankreich ein Bestseller waren.
Didier Eribon ist jedenfalls voll des Lobes für Annie Ernaux. Und das vermutlich zu Recht, denn in ihrem Buch entfaltet sie ein ganz eigenartiges und faszinierendes Panorama der französischen Gesellschaft, beginnend in den fünfziger Jahren, in einer dezenten poetischen Sprache, die den Leser nicht los lässt, obwohl Ernaux vieles nur antippt, kurz erwähnt, obwohl sie viele Ereignisse nur aufzählt und die dabei hervorgerufene Assoziation dem Leser überlässt, obwohl sie keine durchgehende Erzählstruktur verwendet, wie man sie kennt und gewohnt ist. Aber sie wollte auf keinen Fall auf konventionelle Weise erzählen, sie wollte sich selbst als »einzelne Existenz« sehen, »die in der Bewegung einer ganzen Generation aufgeht«. Das jedoch wirft gewisse Probleme auf: Wie kann sie »das Vergehen der Zeit, die Veränderungen der Dinge, Ideen und Sitten und gleichzeitig das Innenleben dieser Frau schildern, wie kann sie ein Tableau über 45 Jahre zeichnen und gleichzeitig nach einem Ich außerhalb der großen Geschichte suchen, einem Ich, das in herausgegriffenen Momenten existiert und über das sie mit zwanzig Jahren Gedichte mit Titeln wie Einsamkeit etc. geschrieben hat.«?
Für dieses Projekt ist ihr die Ich-Form »zu beständig, eng, fast beklemmend, beim ›sie‹ ist die Außensicht, der Abstand zu groß«. Richtig lösen lässt sich das Problem nicht, weshalb sie einen Kompromiss eingeht, indem sie ihre Epoche im unpersönlichen »man« erzählt und immer wieder Passagen im »sie« einstreut, wenn es um ihre eigene Geschichte geht, die in den großen Zeitlinien keine unmittelbare Spiegelung findet und zum Ausgangspunkt ein Foto hat, an das sich bestimmte Erinnerungen knüpfen.
Die Erzählung switscht kaum merklich hin und her, zwischen ihren Sehnsüchten als Jugendliche nach Lippenstift, Nylonstrümpfen und Schuhen mit hohen Absätzen, die sich schämt, weil sie immer noch Söckchen tragen muss, die »penibel darauf achtet, nicht gegen das strenge mütterliche Gesetz der Uhrzeit zu verstoßen«, hin zu den schlaglichtartigen gesellschaftlichen Ereignissen: »Bahnstreik im Sommer 53 – der Fall von Dien Bien Phu – Stalins Tod«. Es war die Zeit, als niemand über die Konzentrationslager sprach, und wenn jemand seine Eltern in Buchenwald verloren hatte, folgte betretenes Schweigen, ein Schweigen, wie man es auch aus Deutschland kannte, nur aus unterschiedlichen Gründen.
Sie kommt aus einer sozialen Schicht, die keinen Kühlschrank und kein Badezimmer besitzt, »und wenn man aufs Klo will, muss man raus auf den Hof«. Nach dem Abitur arbeitet sie als Lehrerin auf dem Land, liest Frauenzeitschriften, die ihr Schönheitsideal von Frauen prägen. Sie fährt einen 2 CV. »Sie ist frei und unabhängig… Ihr Leben nach dem Abitur ist eine Treppe, die in den Wolken verschwindet«, aber dann wird diese Erinnerung an den Beginn der »Freizeitgesellschaft« überlagert von zähen Tagen, die sie mit Bücherlesen und Schallplattenhören verbringt, und plötzlich ist die Euphorie wieder verflogen. Die Versprechungen auf das Leben, die die Zukunft zu machen scheint, lösen sich nicht ein, plötzlich wäre sie gerne noch länger jung geblieben, wo sie doch lange Zeit nicht schnell genug erwachsen werden konnte. Dann wieder die Politik: Die Bomben der OAS in Paris, das Attentat auf de Gaulle, der Putsch der Generäle in Algier.
»Man fand es normal, dass die Einwanderer in Armenvierteln lebten, in Fabriken und im Straßenbau malochten, dass ihre Oktoberdemonstration erst verboten und dann blutig niedergeschlagen wurde.« Damals als über zweihundert Algerier in die Seine geworfen, erschossen oder erschlagen wurden und die Leichen durch Paris schwammen und die Polizei das Verbrechen vertuschte und erst sehr viel später herauskam, was wirklich passiert war, als niemand mehr sagen konnte, »was man damals tatsächlich gewusst hatte«, weil man sich nur noch »an einen milden Herbst und den Semesterbeginn« erinnerte.
Während draußen die Welt aus den Fugen geriet, machte »man es sich drinnen gemütlich.«
Vielleicht funktionieren diese kaleidoskopartigen Erinnerungsbruchstücke deshalb und so lange, wie sie auch im Leser Bilder im Kopf entstehen lassen, wenn man feststellt, wie sehr sich trotz aller Unterschiede eine Jugend in Frankreich und Deutschland ähnelte, als man in der ersten eigenen Wohnung ein Che-Guevara-Plakat aufhängte oder das Foto des Napalm-Mädchens aus Vietnam, wie befreiend die Musik und die Filme und die Literatur und Loslösung von den Eltern war, auch wenn man übers Wochenende immer noch zum Wäschewaschen nach Hause kam.
Aber je länger die Erzählung fortschreitet, desto mehr entfernt sie sich aus der gemeinsamen Erinnerung einer Generation, desto mehr diversifiziert sie sich, zerfasert. Die großen weltgeschichtlichen Ereignisse wie der Zusammenbruch des Ostblocks hat nur noch den Bezug zu ihr als wache Beobachterin des politischen Geschehens, Ernaux fängt an, mehr zu kommentieren, zu analysieren, aber sie hat nicht mehr die emotionale Nähe zu den Verwerfungen der Welt, sie ist inzwischen Mutter von erwachsenen Kindern, hat sich von ihrem Mann getrennt und einen neuen kennengelernt. In ihre Erzählung schleicht sich ein leichter melancholischer Ton. Und als Jugoslawien in Trümmern liegt, ist »man« plötzlich sehr müde. »Man hatte alle Gefühle im Golfkrieg verausgabt, und es hatte nichts gebracht.« Noch mehr: »Die soziale Ordnung löste sich auf. Die Sprache verlor ihren Realitätsbezug, sie wurde zu einem Mittel intellektueller Distinktion … Die Gleichgültigkeit wurde größer.«
Von der erhofften Aufbruchsstimmung, die mit dem Jahr 2000 verbunden ist, bleibt nur Melancholie. Ihre Erwartung, dass endlich »etwas passiert«, die in ihrem Text immer wieder kehrt, nimmt zu, auch wenn sie es nicht genau zu benennen weiß, was passieren soll, obwohl sie alles hat und eigentlich zufrieden sein könnte. Aber gerade der erreichte Wohlstand, wenn man sich zurücklehnen und wohlgefällig seinen Blick auf sein eigenes Leben schweifen lassen könnte, treibt in die Jahre gekommene Menschen dazu, noch einmal vom großen Umbruch zu träumen, es beschleicht sie ein Gefühl der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, weil man sich ihnen umso mehr entfremdet, je älter man wird und die Veränderungen um sich herum nur noch mit Skepsis beobachtet. Man merkt, das Leben geht weiter und man selbst bleibt auf der Strecke.
Die Erzählung wird zunehmend kursorisch und manchmal sogar banal, weil die Ereignisse keinen unmittelbaren Bezug mehr zu ihr selbst haben. Und man beginnt sich zu fragen, ob die Skizze einer Epoche ihr vielleicht deshalb so gut gelungen ist, weil sie nie wirklich ihre Beobachterposition verlassen hat, ihr Lebenslauf ohne außergewöhnliche Brüche blieb, mit einer weitgehend normalen Karriere, in der sich ihre Zeit wiederspiegeln konnte, weil sie immer eine gewisse Distanz bewahrt, sich nie zu nahe an die Abgründe des Lebens gewagt hat, nie allzu waghalsig gewesen war, auch nicht 68, und wahrscheinlich immer die Ordnung der Dinge bedacht hat. Trotzdem ein großes Buch, ein Buch für eine bestimmte Generation, für die Ernaux »etwas von der Zeit« gerettet hat, »in der man nie wieder sein wird«, und sie versteht es, Erinnerungen zu wecken, die längst verschüttet schienen.

Annie Ernaux »Die Jahre«, Suhrkamp, Berlin 2017. Aus dem Französischen von Sonja Fink, 256 Seiten,

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Nachdem Bosz dem Reporter erklärt hatte, dass der BVB im Spiel gegen Hannover nicht etwa zu hoch gespielt hätte, sondern der Gegner das getan hätte, dass man verloren habe, weil man nicht aggressiv genug gespielt hätte, und dass die Niederlage keinesfalls eine Frage des Systems gewesen sei, waren sich fast alle Experten, die das Spiel gesehen hatten, einig: der Mann muss weg. Denn zu offensichtlich war es, dass die Dortmunder mit langen Bällen in die verwaiste eigene Hälfte extreme Schwierigkeiten hatten. Und Hannovers Coach Breitenreiter hatte ganz bewusst darauf gesetzt, mit den schnellen Spitzen die Dortmunder Verteidiger zu düpieren. Dass es so gut gelang, mag vielleicht auch ein wenig glücklich gewesen sein, aber nicht unverdient, denn die 96er hatten die klareren Chancen, die ein Gegner mit besseren Einzelspielern wahrscheinlich noch konsequenter genutzt hätte, so dass die Niederlage noch höher hätte ausfallen können als nur 4:2. Wie kann man das einfach ignorieren, wenn ein ums andere Mal die 96er-Stürmer allein vor Bürki auftauchen und die Dortmunder nur hinterherlaufen können, dass Zagadou sogar die rote Karte kassierte, weil er Jonathas im Wettlauf in die Hacken geriet. Wie kann man das ignorieren, wenn ein Konter so klassisch verläuft wie das 2:1 durch Bebou? Zwar erzielten die Hannoveraner zwei ihrer Tore durch einen Elfer und einen direkten Freistoß, aber der BVB geriet immer wieder durch die langen Bälle der Hannoveraner in Bedrängnis. Und wenn es denn wirklich an der mangelnden Aggressivität gelegen hätte, wie Bosz monierte, wogegen im übrigen eine Zweikampfquote von 57 % für Dortmund spricht, dann handelt es sich um ein Mentalitätsproblem, für das nun mal der Trainer zuständig ist, dann heißt das nur, dass die Spieler offenbar nicht auf den Trainer hören, und das heißt wiederum, dass der Trainer mit dieser Behauptung einen Offenbarungseid geleistet hat. Aber daran liegt es nicht. Jeder Bundesligaverein weiß inzwischen, dass sich dem taktischen Manko der Dortmunder am besten mit hohen Bällen in die gegnerische Hälfte begegnen lässt. Das größte Problem der Dortmunder besteht darin, dass sie sich die Spielweise des nominell schwächeren Gegners aufdrängen lassen, nämlich hohe Bälle, die dem Gegner Zeit lassen, den Spieler, der den Ball aus der Luft annehmen muss, zu attackieren. Die Bälle fliegen dann sinnlos hin und her, und zwar so lange, bis einer in die leere Dortmunder Hälfte gelangt und ein schneller Gegenspieler an den Ball kommt. Plötzlich tun sich da nämlich Räume auf (mit denen laut Bosz angeblich die Niederlage nichts zu tun hatte), die dem Angreifer klare Vorteile verschafft, denn in der Regel hat er nur einen Verteidiger vor sich und er hat immer die Option, diesen zu überspielen oder zu passen. Mit beiden Optionen muss der Verteidiger rechnen, weshalb er ohne Absicherung immer im Nachteil ist. Genau so kam schließlich auch das 4. Tor durch Bebou gegen Bartras zustande. Dass die Dortmunder nicht zu ihrem Flachpassspiel finden, jeder sich hilfesuchend nach einem anspielbaren Mitspieler umsieht, den Ball viel zu lange am Fuß führt, all das ist keine Frage der Mentalität und der fehlenden Aggressivität. Schon beim grandiosen 6:1 gegen Gladbach, als die Welt noch in Ordnung schien, waren die riesigen Torchancen der Gladbacher kaum zu übersehen. Im folgenden Spiel gegen Real Madrid kann man zwar verlieren, aber vor allem anfangs hatte man das Gefühl, dass hier jemand ins offene Messer rennt. In Augsburg dann hatten die Dortmunder Glück, danach aber wurde die Schwachstelle der Borussen auch in den Ergebnissen deutlich. In den letzten fünf Spielen zwei Niederlagen, zwei Unentschieden und ein Sieg gegen einen Drittligisten. Jetzt steht das Schicksalsspiel gegen Apoel Nikosia an, denn da geht es um das Erreichen der Euroleague, und dann kommen die Bayern, die nicht nur um die Schwäche der Dortmunder wissen, sondern auch noch die besseren Einzelspieler haben. Und das gibt ein Massaker. Besser wäre es, Bosz gleich zu entlassen, bevor das Unheil noch länger seinen Lauf nimmt.

Ein Wimmelbild des Elends. Ein missglücktes Buch über Marseille

»Elend und Macht in Marseille« lautet der Untertitel eines neuen Buches über die zweitgrößte Stadt Frankreichs, und zumindest der erste Teil dieses Untertitels lässt sich auch auf das Buch des Journalisten Philippe Pujol selbst anwenden, denn das Elend seiner Reportage besteht darin, dass es sich um einen in die Länge gezogenen Artikel handelt, wie er in einem beliebigen Magazin stehen könnte. Für viele mag das kein Nachteil sein, wenn sie keine allzugroßen Ansprüche an ein Sachbuch stellen, aber von einem solchen sollte man Hintergründe, Fakten, Analyse und einen historischen Kontext erwarten können. Stattdessen besteht das Buch aus journalistisch zum Teil reißerisch aufgemotzten Berichten über individuelle Schicksale, über Personen also, die in ihrer Typologie so eindimenional und so klischeehaft sind, dass sich außer einem »wie schlimm aber auch« kaum ein Erkenntnisgewinn aus dem Buch ziehen lässt. Außer seiner moralischen Empörung über die Zustände hat der Autor kein begriffliches Handwerkszeug, um über eine so spannende Stadt wie Marseille mehr herauszufinden als den Befund: Überall herrscht Chaos, Gewalt, Korruption. Leser, die sich gerne bestätigen lassen, was sie schon vorher wussten, sind hier an der richtigen Adresse: Für sie funktioniert das Buch als Wimmelbild des Elends und evoziert ein permanentes Einverständnis.
Pujol will beispielsweise »verstehen, was für ein Leben Kader geführt hat«, ein sogenannter »Wegwerfgangster«, wie man gleich in der Kapitelüberschrift erfährt. Dazu taucht Pujol tief ein: »Ich laufe, wo er gelaufen ist. Ich fahre, wo er gefahren ist. Ich trinke das pappsüße Zeug, das er immerzu in sich hineinschüttete. Ich rauche sogar sein abscheuliches Dope.« Eine eigenwillige Berufsauffassung, die des Journalisten Nähe zu seinem Opfer beweisen soll. Aber je näher er hinschaut, desto fremder schaut es zurück: »Letzten Endes komme ich zu dem Ergebnis, dass er einfach nur die verrückte Existenz eines Normalos geführt hat, der nicht in die richtigen Kreise hineingeboren wurde.« Liegt es also am sozialen Umfeld, an den Eltern? »Man kann nicht behaupten, dass Kaders Vater sich nicht um ihn gekümmert hat, und auch nicht, dass es Kader an Liebe oder an Bindung zu den Eltern fehlte.« Es ist die Armut, die Kader schließlich mit drei Kugeln im Kopf enden ließ. Das kann in diesem besonderen Fall zwar so sein, aber es ist eine sehr schlichte Annahme, die vor allem nicht dazu taugt, zu erklären, warum Kader zum Kleinkriminellen wurde, genauso wenig wie Reichtum jemanden dazu prädestiniert, zum Gangsterboss zu werden. In dieser schlichten Vorstellungswelt erfährt man wenig darüber, wie die Problembezirke entstanden sind, wie ihre soziale Zusammensetzung ist und wie sie sich inzwischen vielleicht verändert haben, nur prall mit Details angereicherte Geschichten, die man schnell wieder vergessen hat.
Natürlich kann man über Einzelschicksale berichten. Ganz grandios hat Ramita Navai das in ihrem Buch über Teheran »Stadt der Lügen« gemacht, weil sich allein durch die Kraft ihrer Erzählung und nicht durch einen mahnenden Zeigefinger ein gesellschaftlicher Kosmos öffnet, den man durch ihre Geschichten zu verstehen beginnt. Aber dazu fehlen Pujol nicht nur die sprachlichen Mittel, sondern auch das Verständnis, eine Geschichte zum Leben zu erwecken. Er will empören und schockieren und deshalb reiht er eine Szene an die andere, in der er das schreiende Unrecht der französischen Politik anprangert. Man wird davon jedoch nicht empört, sondern nur müde.

Philippe Pujol »Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille«, Hanser, München 2017, aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz und Till Bardoux, 286 Seiten, 24.- Euro

Die Wahreit über den 7. Spieltag

Fast 85 Prozent von immerhin 150.000 Befragten glauben, dass der BVB das Zeug dazu hat, in dieser Saison Meister zu werden. Sollte jemand von den 150.000 das Spiel in Ausburg gesehen haben, dann ist entweder BVB-Fan und sowieso nicht zurechnungsfähig, hat wenig Ahnung oder ist ein unverbesserlicher Optimist. »Das schlechteste Spiel, seit ich BVB-Trainer bin«, sagte Bosz und da kann man ihm kaum widersprechen. Bosz hat zwar die Mannschaft nach dem Spiel gegen Real Madrid runderneuert, die Mittelfeldachse ausgetauscht gegen die nicht minder erstklassigen Weigl, Dahoud und Kagawa, und auch sonst rotiert, wo es eben ging, denn immer noch fehlen dem Dortmunder Aufgebot wichtige Spieler, die verletzt sind, aber dennoch spielten sie, als würden ihnen die englischen Wochen in den Knochen stecken. Sehenswert waren nur die ersten 25 Minuten, die Zeit, in der auch die drei Tore zum 2:1 für den BVB fielen, ein furioser Beginn, der einen schon an den Kantersieg gegen Gladbach denken ließ, aber als kurz danach der Ausgleich fiel, wurde man schmerzlich an die Schwächen in der Abwehr erinnert. Aber mit dieser Schwäche konnten die Augsburger durchaus mithalten, denn dem wunderbaren Tor-des-Monats-Lupfer von Kagawa ging ein kurioses Mißverständnis von zwei Augsburger Abwehrspielern voraus. Danach allerdings zerfaserte das Spiel und vor allem in der 2. Halbzeit hatten die Augsburger mit ihrer unattraktiven Spielweise mit langen nach vorne geschlagenen Bällen und einer extrem harten Spielweise, die vor allem Yarmolenko wahrscheinlich als Rache für sein kurioses Hackentor zu spüren bekam, das Heft in die Hand genommen. Dortmund fehlte die Möglichkeit, sich dieses aggressiven Spielweise anders zu entziehen, als die Zweikämpfe anzunehmen und die Bälle ebenfalls nach vorne zu bolzen. Schön war das nicht. Kombination sieht anders aus. Dennoch hatte Aubameyang dreimal eine 100prozentige auf dem Fuß, und dreimal patzte er. Sogar einen Elfer lupfte er in die Arme des Augsburger Schlussmanns Hitz, aber der Elfer war fast ein wenig geschenkt und kam erst durch den Videobeweis zustande, als die Augsburger ihren Gegenangriff schon abgeschlossen hatten, also reichlich spät, als niemand mehr daran dachte, dass da was war. Piszczek war aber tatsächlich im Augsburger Strafraum ziemlich hartnäckig gehalten worden, was Sokratis hin und wieder allerdings auch macht. Aber selbst dieses Geschenk ließen die Dortmunder einfach liegen und machten es bis zum Schluss spannend, denn die Augsburger rannten bedingungslos an und zeigten, dass sie nicht umsonst auf Platz 5 standen. Das Mißverständnis Ancelotti hat nach dem 3:0 gegen Paris dann doch ein sehr schnelles Ende gefunden, und wie es aussieht, hat es Ancelotti darauf angelegt mit seiner merkwürdigen Aufstellung, weil er wusste, dass seine Entlassung sowieso bevorsteht, weshalb er sie dann eben ein wenig beschleunigte. Vielleicht kommt ja jetzt Tuchel, der einzige, der z.Z. zu haben wäre, obwohl bereits etliche Bayern-Fans damit gedroht haben, sich in diesem Fall umzubringen. Und tatsächlich wäre ein Crash zwischen den Münchner Alpha-Tierchen und dem asketischen Kontrolletti vorprogrammiert. Und deshalb wäre Tuchel die ideale Besetzung für den vakanten Posten. Er kann dann z.B. Hummels auf die Tribüne setzen, so wie er das schon in Dortmund mit Sahin getan hat.