Archiv für den Monat: Oktober 2017

Ein Wimmelbild des Elends. Ein missglücktes Buch über Marseille

»Elend und Macht in Marseille« lautet der Untertitel eines neuen Buches über die zweitgrößte Stadt Frankreichs, und zumindest der erste Teil dieses Untertitels lässt sich auch auf das Buch des Journalisten Philippe Pujol selbst anwenden, denn das Elend seiner Reportage besteht darin, dass es sich um einen in die Länge gezogenen Artikel handelt, wie er in einem beliebigen Magazin stehen könnte. Für viele mag das kein Nachteil sein, wenn sie keine allzugroßen Ansprüche an ein Sachbuch stellen, aber von einem solchen sollte man Hintergründe, Fakten, Analyse und einen historischen Kontext erwarten können. Stattdessen besteht das Buch aus journalistisch zum Teil reißerisch aufgemotzten Berichten über individuelle Schicksale, über Personen also, die in ihrer Typologie so eindimenional und so klischeehaft sind, dass sich außer einem »wie schlimm aber auch« kaum ein Erkenntnisgewinn aus dem Buch ziehen lässt. Außer seiner moralischen Empörung über die Zustände hat der Autor kein begriffliches Handwerkszeug, um über eine so spannende Stadt wie Marseille mehr herauszufinden als den Befund: Überall herrscht Chaos, Gewalt, Korruption. Leser, die sich gerne bestätigen lassen, was sie schon vorher wussten, sind hier an der richtigen Adresse: Für sie funktioniert das Buch als Wimmelbild des Elends und evoziert ein permanentes Einverständnis.
Pujol will beispielsweise »verstehen, was für ein Leben Kader geführt hat«, ein sogenannter »Wegwerfgangster«, wie man gleich in der Kapitelüberschrift erfährt. Dazu taucht Pujol tief ein: »Ich laufe, wo er gelaufen ist. Ich fahre, wo er gefahren ist. Ich trinke das pappsüße Zeug, das er immerzu in sich hineinschüttete. Ich rauche sogar sein abscheuliches Dope.« Eine eigenwillige Berufsauffassung, die des Journalisten Nähe zu seinem Opfer beweisen soll. Aber je näher er hinschaut, desto fremder schaut es zurück: »Letzten Endes komme ich zu dem Ergebnis, dass er einfach nur die verrückte Existenz eines Normalos geführt hat, der nicht in die richtigen Kreise hineingeboren wurde.« Liegt es also am sozialen Umfeld, an den Eltern? »Man kann nicht behaupten, dass Kaders Vater sich nicht um ihn gekümmert hat, und auch nicht, dass es Kader an Liebe oder an Bindung zu den Eltern fehlte.« Es ist die Armut, die Kader schließlich mit drei Kugeln im Kopf enden ließ. Das kann in diesem besonderen Fall zwar so sein, aber es ist eine sehr schlichte Annahme, die vor allem nicht dazu taugt, zu erklären, warum Kader zum Kleinkriminellen wurde, genauso wenig wie Reichtum jemanden dazu prädestiniert, zum Gangsterboss zu werden. In dieser schlichten Vorstellungswelt erfährt man wenig darüber, wie die Problembezirke entstanden sind, wie ihre soziale Zusammensetzung ist und wie sie sich inzwischen vielleicht verändert haben, nur prall mit Details angereicherte Geschichten, die man schnell wieder vergessen hat.
Natürlich kann man über Einzelschicksale berichten. Ganz grandios hat Ramita Navai das in ihrem Buch über Teheran »Stadt der Lügen« gemacht, weil sich allein durch die Kraft ihrer Erzählung und nicht durch einen mahnenden Zeigefinger ein gesellschaftlicher Kosmos öffnet, den man durch ihre Geschichten zu verstehen beginnt. Aber dazu fehlen Pujol nicht nur die sprachlichen Mittel, sondern auch das Verständnis, eine Geschichte zum Leben zu erwecken. Er will empören und schockieren und deshalb reiht er eine Szene an die andere, in der er das schreiende Unrecht der französischen Politik anprangert. Man wird davon jedoch nicht empört, sondern nur müde.

Philippe Pujol »Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille«, Hanser, München 2017, aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz und Till Bardoux, 286 Seiten, 24.- Euro

Die Wahreit über den 7. Spieltag

Fast 85 Prozent von immerhin 150.000 Befragten glauben, dass der BVB das Zeug dazu hat, in dieser Saison Meister zu werden. Sollte jemand von den 150.000 das Spiel in Ausburg gesehen haben, dann ist entweder BVB-Fan und sowieso nicht zurechnungsfähig, hat wenig Ahnung oder ist ein unverbesserlicher Optimist. »Das schlechteste Spiel, seit ich BVB-Trainer bin«, sagte Bosz und da kann man ihm kaum widersprechen. Bosz hat zwar die Mannschaft nach dem Spiel gegen Real Madrid runderneuert, die Mittelfeldachse ausgetauscht gegen die nicht minder erstklassigen Weigl, Dahoud und Kagawa, und auch sonst rotiert, wo es eben ging, denn immer noch fehlen dem Dortmunder Aufgebot wichtige Spieler, die verletzt sind, aber dennoch spielten sie, als würden ihnen die englischen Wochen in den Knochen stecken. Sehenswert waren nur die ersten 25 Minuten, die Zeit, in der auch die drei Tore zum 2:1 für den BVB fielen, ein furioser Beginn, der einen schon an den Kantersieg gegen Gladbach denken ließ, aber als kurz danach der Ausgleich fiel, wurde man schmerzlich an die Schwächen in der Abwehr erinnert. Aber mit dieser Schwäche konnten die Augsburger durchaus mithalten, denn dem wunderbaren Tor-des-Monats-Lupfer von Kagawa ging ein kurioses Mißverständnis von zwei Augsburger Abwehrspielern voraus. Danach allerdings zerfaserte das Spiel und vor allem in der 2. Halbzeit hatten die Augsburger mit ihrer unattraktiven Spielweise mit langen nach vorne geschlagenen Bällen und einer extrem harten Spielweise, die vor allem Yarmolenko wahrscheinlich als Rache für sein kurioses Hackentor zu spüren bekam, das Heft in die Hand genommen. Dortmund fehlte die Möglichkeit, sich dieses aggressiven Spielweise anders zu entziehen, als die Zweikämpfe anzunehmen und die Bälle ebenfalls nach vorne zu bolzen. Schön war das nicht. Kombination sieht anders aus. Dennoch hatte Aubameyang dreimal eine 100prozentige auf dem Fuß, und dreimal patzte er. Sogar einen Elfer lupfte er in die Arme des Augsburger Schlussmanns Hitz, aber der Elfer war fast ein wenig geschenkt und kam erst durch den Videobeweis zustande, als die Augsburger ihren Gegenangriff schon abgeschlossen hatten, also reichlich spät, als niemand mehr daran dachte, dass da was war. Piszczek war aber tatsächlich im Augsburger Strafraum ziemlich hartnäckig gehalten worden, was Sokratis hin und wieder allerdings auch macht. Aber selbst dieses Geschenk ließen die Dortmunder einfach liegen und machten es bis zum Schluss spannend, denn die Augsburger rannten bedingungslos an und zeigten, dass sie nicht umsonst auf Platz 5 standen. Das Mißverständnis Ancelotti hat nach dem 3:0 gegen Paris dann doch ein sehr schnelles Ende gefunden, und wie es aussieht, hat es Ancelotti darauf angelegt mit seiner merkwürdigen Aufstellung, weil er wusste, dass seine Entlassung sowieso bevorsteht, weshalb er sie dann eben ein wenig beschleunigte. Vielleicht kommt ja jetzt Tuchel, der einzige, der z.Z. zu haben wäre, obwohl bereits etliche Bayern-Fans damit gedroht haben, sich in diesem Fall umzubringen. Und tatsächlich wäre ein Crash zwischen den Münchner Alpha-Tierchen und dem asketischen Kontrolletti vorprogrammiert. Und deshalb wäre Tuchel die ideale Besetzung für den vakanten Posten. Er kann dann z.B. Hummels auf die Tribüne setzen, so wie er das schon in Dortmund mit Sahin getan hat.