Archiv für den Monat: Januar 2018

Die Kunst der Provokation. Das Phänomen Houellebecq entschlüsselt

Als Michel Houellebecq in einem Interview 2001 nach der Lektüre des Koran den Islam »die bescheuertste Religion von allen« nannte, war die Aufregung groß. Mehrere muslimische Verbände zeigten ihn an und verlangten, das TV-Literaturmagazin »Campus« auf France 2 vor der Ausstrahlung zu sehen, um solche Aussagen zu zensieren. Ein Szenario, das wie geschaffen war für Houellebecq, denn es hätte aus seinem Roman „Unterwerfung“ sein können. Houellebecqs Kommentar zu dem umstrittenen Satz, in der dann ausgestrahlten Fernsehsendung lautete: »Der Islam, die bescheuertste Religion der Welt? Das hängt vom Tag ab.« Und auch diese Nonchalance haben ihm seine Kritiker wohl kaum als Zugeständnis ausgelegt, denn ihnen dürfte völlig zu recht geschwant haben, dass Houellebecq sie nicht ernst nimmt.
Als Provokateur hat, wie die FAS-Redakteurin Julia Encke in ihrem neuen Buch »Wer ist Michel Houellebecq?« sehr material- und kenntnisreich ausbreitet, sich der Schriftsteller große Verdienste erworben. Er hat aber nicht nur den Zorn der Muslime auf sich gezogen, sondern auch eine ungewöhnliche Abneigung eines großen Teils des französischen Kulturbetriebs hervorgerufen, der einerseits zur Skandalisierung seiner Bücher beigetragen hat, es aber andererseits degoutant findet, dass der Autor dadurch berühmt wurde und nicht etwa durch die literarische Qualität, bzw. das, was das Feuilleton glaubt, es wäre eine. So entstehen Feindschaften fürs Leben. Das Feuilleton, vor allem das französische, leidet darunter, dass es eine Figur erschaffen hat, die der Betrieb nicht mehr los wird, die ein munteres Eigenleben führt, und das, obwohl man den Lesern ausführlich mitteilt, wie wenig Houellebecq taugt.
Julia Encke, die Houellebecq häufig getroffen hat, geht es jedoch nicht nur um den Provokateur Houellebecq, sondern auch um den »Schriftsteller«, den »Romantiker«, den »Gewinner« und den »Visionär«, wie die Kapitel des Buches heißen. Aber in welcher Rolle auch immer sich der Autor äußert, er ruft sofort seine Widersacher auf den Plan. So z.B. mit seiner Beobachtung, dass man die Ehe abschaffte, würde man die Prostitution verbieten, wie das viele liberale Stimmen mit den besten Absichten fordern, ohne zu sehen, wie ihnen Houellebecq vorwirft, dass dies für die europäischen Gesellschaften auf einen »Selbstmord« hinausliefe. Seine Diagnose wurde sofort als Polemik missverstanden, u.a. auch von Barbara Vinken, die in der NZZ schrieb, Houellebecq mache sich »zum Sprachrohr einer völlig erotikfreien, spießbürgerlich-kapitalistisch-verdinglichten Doppelmoral«.
Houellebecqs Erfolg, scheibt Julia Encke, besteht darin, dass er einer Art »neuem Realismus« verpflichtet sei, indem er den »durchschnittlichen Menschen« zu seinem Sujet gemacht habe. Dieser gewöhnliche Mensch ist nicht angenehm, und er bietet eine große Projektionsfläche, denn in einer »für den einzelnen unerträglich« gewordenen neoliberalen Gesellschaft erweist sich der Mensch als äußerst anpassungsfähig und zugleich sperrig und widerspenstig, wenn er seinen Hass in den sozialen Medien auslebt. Der Mensch, wie ihn Houellebecq in seinen Romanen beschreibt, ist »der absoluten Unumkehrbarkeit von Verfallsprozessen« ausgeliefert, d.h. die Mitglieder der Gesellschaft sind nicht nur einem unerbittlichen Konkurrenzkampf ausgesetzt, als vereinzelte Nomaden haben sie auch ihre alten Gewissheiten verloren und irren ziellos umher, monströse Gestalten, die ihrer sozialen Fähigkeiten verlustig gingen. Diese Konstante in Houellebecqs Romanen ist ziemlich deprimierend, aber als Zustandsbeschreibung durchaus realistisch. Mit einem gewissen sarkastischen Vergnügen zeigt Houellebecq die psychischen Abgründe auf, in die die Menschen unter diesen Voraussetzungen stürzen. Er kennt dieses Milieu, weil er selbst in Firmen gearbeitet hat, in denen er studieren konnte, wie die neoliberale Realität die menschliche Psyche deformiert. Dabei verwischt Houellebecq, wie Encke zeigt, immer mehr die Grenzen zwischen sich als Autor und seinen Protagonisten, bzw. vielleicht ist es gar kein Verwischen, sondern einfach eine partielle Übereinstimmung, die bei so ziemlich jedem Autor vorkommt, nur dass sie bei Houellebecq zum Skandal wird, weil seine Figuren eben keine sympathischen Menschen mit hehren Vorstellungen sind.
Houellebecqs Romane sind nicht besonders gut geschrieben, sie entwickeln keinen Sog, sie bereiten kein Vergnügen. Allerdings legt der Autor, wie Julia Encke nachweist, auch gar keinen Wert darauf, »Stil zu haben«, die Vorwürfe des »ärmlichen«, »ungelenken« »kraftlosen« Stils sind also für ihn keine Kritik, mit der er sich auseinandersetzen müsste.
Wenn man einen brillanten Stil liebt, muss man seine Bücher auch nicht lesen, aber wenn man sie liest, muss man sich mit ihnen und dem Autor auseinandersetzen, und dank Julia Encke weiß man jetzt, auch wenn man Houellebecq nicht gelesen haben sollte, dass er mit seiner radikalen Gesellschaftskritik auf sehr intelligente Weise mit den Erwartungen und Vorurteilen der Medien spielt, die schnell dabei sind, jemanden in die rechte Ecke zu stellen, weil er den ideologischen Konsens einer neoliberalen Gesellschaft desavouiert. Dass er dafür den Kulturbetrieb ausnutzt und letztlich auch mitmacht, kann man ihm dabei kaum vorwerfen.

Julia Encke, »Wer ist Houellebecq? Porträt eines Provokateurs«, Rowohlt Berlin, 252 Seiten

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Aubameyang kehrt nach dem sich abzeichnenden desaströsen Verlauf der Saison dem BVB nun endgültig den Rücken und versucht, durch sein unwilliges Verhalten der Vereinsführung die Entscheidung, ihn zu Arsenal ziehen zu lassen, zu erleichtern. Das ist für den Fan nicht schön, wenn wieder einer der wirklich Guten den BVB verlässt, aber auch durchaus verständlich, denn die Mechanismen im Profigeschäft sind so, dass jeder als Vollidiot gilt, der das nicht täte und entsprechend seinem Marktwert das Maximale herauszuholen versucht. Und das ist nicht nur im Fußball so, sondern überall auf dem freien Markt. Wenn Heynckes also einen Appell gegen diese Gepflogenheiten richtet, dann ist das nicht nur naiv, sondern auch zynisch, denn er selbst hat sich diesen Marktgesetzen unterworfen, und nicht nur das, er arbeitet für einen Verein, der diesen Neoliberalismus in der Liga durch seine marktbeherrschende Position schon immer praktiziert hat. Ich erinnere mich vage daran, wie Bayern Mario Götze geholt hat, und sich dabei nicht gerade dem fair play verpflichtet fühlte. Inzwischen muss Bayern allerdings sowieso nur noch kurz zu winken und der Spieler steht sofort bereit und lässt trotz gegenteiliger Bekenntnisse, die er mal für seinen alten Verein gegeben hat, diesen im Regen stehen, wie man gerade wieder bei Goretzka beobachten kann. Wenn Heynckes also die Spieler an ihre »Verantwortung« erinnern will, so ist die wohl kaum zu trennen von der Verantwortung, die die Vereine auch nicht haben. Und weil sich das ganz öffentlich abspielt, kann jeder beobachten, dass es im internationalen Fußball eine Nahrungskette gibt, und ganz oben stehen vier, fünf englische Mannschaften, drei spanische, Paris St. Germain und Bayern. Nicht mal Juve gehört da mehr dazu, bzw. ist in die zweite Kategorie gerutscht, denn auch Turin konnte einen Pogba nicht halten. Deutlicher als sonst wird das alles nur dadurch, weil durch den Megatransfer von Neymar etwas in Rutschen geraten ist und fast alle Vereine durch absurde Magedeals sich möglichst weit oben in der Hierarchie behaupten wollen, wo die wirklich großen Summen generiert oder verbrannt werden, denn der Fußball ist immer noch ein Spekulationsgeschäft. Wenn Heynckes also von »Verantwortung« schwafelt und dafür auch noch gelobt und bewundert wird als moralisch integere Person, so könnte man vielleicht glauben, er sei ein bisschen dumm, in Wirklichkeit aber gehört das einfach zum Geschäft, Heynckes suggeriert durch seine Kritik, dass es so etwas wie Fairness im Fußballgeschäft noch gebe, und das in der einer Zeit, in der die Financial Fairplay-Richtlinien der Uefa noch nie so unterlaufen wurden wie in Zeiten der großen Tranfers. Natürlich schreibe ich das nur, weil es über den BVB nichts gutes zu berichten gibt, außer dass sich nun auch noch Schürrle zu Wort gemeldet hat, der das Verhalten Aubameyangs kritisiert, obwohl er gemessen an seinem geringen Talent nicht nur einer der größten Transferabsahner gewesen ist, sondern auch als Nutznießer der Aubameyangschen Lustlosigkeit seine fußballerische Unfähigkeit unter Beweis stellen darf, wie gerade eben in Berlin, wo er sehr engagiert über den Platz hastete, ohne dass ihm etwas gelungen wäre. Es ist bitter, dass der BVB alle seine wirklich guten Spieler verloren hat und sich nun offenbart, dass der Rest gerade mal gut genug ist, um im oberen Drittel herumzukrebsen, weil es ihm nicht einmal mehr gelingt, gegen mittelmäßige Mannschaften wie Hertha mehr zustande zu bringen als ein uninspiriertes Gekicke und ein unansehnliches Unentschieden. Es tröstet dabei nicht wirklich, dass die Konkurrenz auch nicht viel besser ist.

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Die Bayern zieht wieder seine einsamen Kreise an der Tabellenspitze und niemand in weiter Sicht, der ihnen in irgendeiner Weise gefährlich werden könnte. Auch nicht die zuletzt ziemlich stark auftretenden Leverkusener, die zwar ein paar Chancen herausspielen und verdatteln durften, die aber die Überlegenheit der Münchner nie ernsthaft in Zweifel zogen, nicht einmal gegen einen Ribery, der mit 34 im Spitzenfußball schon als Dinosaurier gilt. Im Abstand von 13 Zählern tummelt ein dicht gestaffeltes Mittelfeld von neun Mannschaften, zwischen denen gerade mal 5 Zähler Unterschied liegen. Und in diesem Mittelfeld herrschen Mittelmaß und große Leistungsschwankungen. Jeder kann sich hier gegen jeden blamieren, auch gegen Mannschaften, die ganz unten stehen. So schaffen es die auf Platz 7 stehenden und um einen internationalen Wettbewerb spielenden Augsburger mal gerade mit Mühe und Not ein 1:0 gegen ein schwaches Hamburg, das jede Inspiration missen lässt und wie schon in den letzten Jahren um den Abstieg bettelt, der von den Vereinsstrukturen begünstigt wird, aber nicht sein darf. Immerhin kann man sich in Hamburg mit der Elbphilharmonie trösten. Auch mit ihr hat man Millionen in den Sand gesetzt, aber sie ist wenigstens über die nächsten Jahre ausverkauft. Das lässt vom Hamburger Sportverein nicht behaupten, und es verwundert sehr, mit welcher Langmut und großartigen Frustrationstoleranz die Hamburger dem »Tennisverein mit angeschlossener Fußballabteilung« (Harry Rowohlt) bei einem Gekicke zugucken, das man sich auch wesentlich billiger auf irgendwelchen Bolzplätzen ansehen kann. Vielleicht sollte man ein Jahr in der 2. Liga Pause machen und sich regenerieren, um so wie Hannover als Phönix aus der Asche wieder aufzusteigen und auf erstaunliche Weise zu brillieren. Gegen Mainz holte man einen 2:0-Rückstand nicht nur auf, sondern verwandelte ihn in einen Sieg, weil die Mannschaft sich einfach nicht aufgibt und immer an seine Möglichkeiten glaubt. Hier stimmt das Mannschaftsgefüge, das in Dortmund einen Knacks hat, weil man nicht mehr über die eigenen Möglichkeiten hinausgeht. Und plötzlich sieht man da eine ganz normale Mannschaft, die wie jede andere mittelmäßige Mannschaft ohne überraschende Momente die Bälle verwaltet, und der Wille, gewinnen zu wollen, zu eigenartigen Verkrampfungen führt. Bei Peter Bosh, deutete Guerreiro einmal an, hätte niemand mehr so genau gewusst, was er zu tun hatte. Ob Stöger einen Masterplan hat, der den Dortmundern den alten Schwung wieder zurückgibt und der ihnen soviel Fans zugeführt hat, mag man nicht glauben. Aber die Situation der Dortmunder ist auch nicht besonders einzigartig, auch Real Madrid leidet unter extremer Erfolgslosigkeit. Real liegt nun schon 16 Punkte hinter Barcelona und verlor das letzte Punktspiel zu Hause gegen Villarreal zwar etwas unglücklich, aber eben doch 1:0. Es hatte nichts genützt, dass Zidane versucht hatte, den ganzen Unwillen auf sich zu ziehen. Umso bitterer ist es, dass es trotz dieser Schwäche in der Liga gegen den BVB noch dicke reichte, und irgendwie ist das ziemlich deprimierend, weil das schon ein wenig über die Schwäche der deutschen Klubs auf internationaler Ebene aussagt. Aber es gibt natürlich auch kein Fairplay. ManU plant schon wieder eine »Transfer-Offensive«, Real Madrid hat angeblich 600 Millionen für Neymar geboten, Barcelona hat sich nun auch noch Liverpools Coutinho für 160 Millionen geholt. Und der BVB kriegt in diesem Konzert gerade noch einen Verteidiger aus Basel, den niemand kennt, für erstaunliche 21,6 Millionen, die damals nicht mal Reus gekostet hat.