Archiv für den Monat: Januar 2018

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

So, wie der BVB z.Z. spielt, muss man seine Erwartungen erheblich herunterschrauben, was nicht leicht fällt, wenn man an den Anfang der Saison denkt, als es mit spielerischer Leichtigkeit gelang, hohe Siege einzufahren und sogar kurzfristig mit fünf Punkten Vorsprung auf Platz eins zu stehen. Aber selbst in dieser Phase musste sich Dortmund mit einem Unentschieden in Freiburg zufriedengeben, ein Ergebnis, das durch die folgenden ein wenig unter den Tisch fiel. Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, sich am Lieblingsgegner wieder aufzurichten, denn das letzte Mal, dass Freiburg in Dortmund Punkte holte war 2002. Andererseits sind die Freiburger nicht umsonst seit sieben Spieltagen ohne Niederlage. Und das Spiel gegen Hertha noch in frischer Erinnerung war klar, dass ein Unentschieden mehr als wahrscheinlich sein würde. Dann jedoch befand sich Aubameyang in der Startelf, mit seinem wahrscheinlich letzten Spiel vor heimischer Kulisse und sofort hatte man das Gefühl, dass er sich mit einer Glanzleistung verabschieden wollte, und wahrscheinlich war das auch sein Plan, aber mit den uninspiriert auftretenden Mannschaftskollegen, war der schnell Makulatur. Nils Petersen stehl ihm die Show. Er allein brachte die Dortmunder Abwehr ein ums andere Mal in Verlegenheit. Zwang sie zu Rückpässen, und das mit Erfolg, denn als Sahin, der es nicht schaffte, dem Spiel so etwas wie eine Struktur zu verleihen, angelaufen von Petersen zurückspielen wollte, blockte Petersen den Pass und hob den Ball mit einem 30-Meter-Schuss über Bürki zum 2:1. Dabei hatte es so gut angefangen, als Dortmund Druck machte und ein Abpraller Kagawa vor die Füße fiel, der mit einem Seitenfallzieher ästhetisch einwandfrei verwandelte. Freiburg ließ sich aber nicht beeindrucken. Haberer wurde mit einem Steilpass zur Grundlinie geschickt, während Sahin nur gemächlich hinterhertrottete. Ein scharfer Pass in den 5-Meter-Raum verwandelte Petersen zum Ausgleich, umringt von gleich drei Dortmundern, die interessiert zuguckten. Ich beschreibe das Zustandekommen der Freiburger Tore deshalb, um zu zeigen, wie dilettantisch die Abwehr immer noch zu Werke geht, während der underdog in jeden Zweikampf geht, auch wenn die Aussichten schlecht sind. Fast alle statistischen Werte sprachen für Dortmund und dennoch war die Körpersprache bei den beiden Mannschaft völlig unterschiedlich. Leidenschaft bei den Freiburger, Halbherzigkeit bei den Dortmundern, Risiko gegen einfallslose Sicherheitspässe. Den ganz anderen BVB, den Stöger in der Winterpause angekündigt hat, sucht man vergeblich. Gegen kompakt stehende Mannschaften, die als Kollektiv auftreten und nicht mal einen genialen Spieler benötigen, hat Dortmund nur bescheidene Chancen. Am Ende hatten die Schwarzgelben dann sogar noch unverschämtes Glück, denn in der Nachspielzeit schoss Toljan einen ihm vor die Füße flippernden Ball durch die Beine von gleich Freiburgern ins Tor. Dortmund hätte eigentlich nicht gewinnen dürfen, denn die beiden Tore kamen durch Zufall zustande, die beiden Freiburger Tore hingegen waren geplant und so gewollt. Als nächstes geht es nach Köln, gegen die der BVB kaum eine Chance haben wird, denn noch mehr als gegen Freiburg hat man es hier mit einem leidenschaftlich kämpfenden Gegner zu tun. Und diesem Konzept hat Dortmund z.Z. nichts entgegenzusetzen.

Die Psychopathalogie der Macht. Die süße Rache des Edward St. Aubyn an seiner Klasse

Niemand beherrscht in der Welt der Literatur die Form des herablassenden Sarkasmus und der ans Pathologische grenzenden Arroganz der Upper Class besser als Edward St. Aubyn. Er kennt diesen Stil, denn er ist in einer prominenten Familie des englischen Hochadels aufgewachsen. Für ihn war es die Hölle, weil ihn sein Vater sexuell missbrauchte. Er besuchte die Westminster School, eine sogenannte »Knabenschule«, und diese antiquierte Bezeichnung lässt bereits erahnen, welcher Terror des Mobbings und welch seltsame Riten der Demütigung da geherrscht haben, weshalb Edward St. Aubyn schon als Schüler drogenabhängig wurde.
St. Aubyn hat diese Atmosphäre täglich eingeatmet und er hätte am liebsten Selbstmord begangen. Er kam noch einmal davon und er hat es geschafft, von den Drogen loszukommen. Das Schreiben war für ihn eine notwendige Therapie und hielt ihn vermutlich sogar am Leben, mehr jedenfalls als die meisten Schriftsteller, bei denen häufig Koketterie mitschwingt, wenn sie behaupten, das Schreiben wäre für sie überlebensnotwendig.
St. Aubyn nahm mit seiner autobiographisch durchwebten »Melrose«-Trilogie den Hochadel aufs Korn, den er so auftreten ließ, wie er wahrscheinlich tatsächlich ist, in seiner ganzen Dummheit und Niedertracht, Vertrotteltheit und Ignoranz, und gerade in der Beschreibung dieser Spezies ist St. Aubyn zur stilistischen Hochform aufgelaufen. Er hat auf geniale Weise Verrat an der Klasse verübt, der er entstammt, er hat sie auf eine Weise lächerlich gemacht, dass das Vergnügen daran so groß ist wie sonst nur an einem Drei-Sterne-Menü.
In seinem neuen Buch „Dunbar und seine Töchter“ hat St. Aubyn Shakespeares „König Lear“ neu bearbeitet. Der ins Alter gekommene Medienzar Henry Dunbar hat bei der Regelung seiner Nachfolge seine innig geliebte Tochter Florence aus Gründen verletzten Stolzes und seinen engsten und ihm treu ergebenen Berater verstoßen, um sein Imperium seinen beiden anderen Töchtern Abigail und Megan zu vermachen. Die sind aber die Bösen und sie nutzen die erste Gelegenheit, um ihn nach einem Schwächeanfall in einem Sanatorium medikamentös ruhig zu stellen und abzumelden, um möglichst schnell möglichst viel aus dem Unternehmen herauszuschlagen. In der Anstalt, wo der Machtmensch Dunbar plötzlich konfrontiert wird mit seiner Machtlosigkeit, dämmert ihm, dass der letzte entscheidende Schritt bei der Übergabe der Geschäfte falsch war.
Zusammen mit einem Patienten, dem Fernsehkomiker und Alkoholiker Peter Walker, flieht er aus dem Sanatorium und bringt dadurch den Stein ins Rollen, ein Drama mit shakespearschen Ausmaßen. Alle begeben sich sofort auf die Suche, weil es von entscheidender Bedeutung ist, wer zuerst seiner habhaft werden kann. Davon hängt ab, ob das von Dunbar aufgebaute Multiunternehmen erhalten bleibt oder aufgeteilt wird. Aber das ist nur das Hintergrundrauschen für die Motive der handelnden Personen, um die Geschichte voranzutreiben.
Die Protagonisten sind in gewisser Weise eindimensional, oszillierende Charaktere gibt es nicht, ebensowenig ein Zwischenreich der Uneindeutigkeit. Es sind Getriebene, die ihre Rolle bis zum Ende spielen, und selbst der Opportunist bleibt sich selbst treu und wechselt zur jeweils vielversprechenderen Seite, d.h. entweder zu den Guten oder zu den Bösen, ohne sein Wesen ändern zu müssen. Wenn also St. Aubyn kapitelweise wechselnd mit inneren Monologen offenlegt, wie die einen oder die anderen ticken, dann stellt man schnell fest, dass wie in jedem Western oder Abenteuerfilm die Guten ein bisschen fade wirken, fast schon selbstgenügsam, während man beim bösen Geschwisterpaar in Abgründe blickt, die sofort die Spannung erhöhen. Die beiden sind in ihrer Bosheit und ihrem Hass um einiges brillanter und unterhaltsamer als die grundanständige Florence, die selbstlos ihrem Vater helfen will und an seinem Unternehmen gar nicht interessiert ist, die glücklich verheiratet ist, Kinder hat und der es auch sonst an nichts fehlt.
Wenn sexbesessene Megan hingegen träumt, dass sie das Sanatorium am liebsten „von der Erdoberfläche tilgen würde“, „fände sie die Zeit dafür“, und wenn sie sich darüber empört, dass die Verantwortlichen „den Eindruck schuldig geblieben waren, dass der Mariannengraben zu flach zur Aufnahme ihrer Schande sei“ und man doch eigentlich erwarten dürfte, „dass sie nach Dunbars Auffinden als kleinen Beitrag zur Wiedergutmachung sich selbstverständlich das Leben nehmen würden“, dann will man von dieser eleganten Bösartigkeit einfach mehr. „Natürlich waren sie beide scharf auf die Nachfolge von Daddy, aber wenn es keinen Spaß machte, wozu dann das Ganze?“ Megan entpuppt sich als Psychopathin, die vor keinem Mittel zurückschreckt, nicht nur weil sie sich durch ihre Machtposition geschützt glaubt, sondern weil sie bei jeder neuen Grenzüberschreitung immer wieder neu den Kitzel des Verbotenen spüren will, wie ein kleines Kind, das jedes Mal neu testet, wie weit es gehen kann. Im Unterschied aber zum Kind ist ihre Habgier, die vor nichts zurückschreckt, nicht niedlich, sondern zutiefst asozial.
Jeder Leser ist fasziniert vom Verbrechen der außerhalb des Rechts stehenden Macht, von Intrige und Niedertracht. Bei St. Aubyn wird man in diesem Genre unvergleichlich gut bedient, weil er diesem Milieu entstammt. Er gestattet einem tiefe Einblicke in die Psyche, ohne die Sicht nur auf das Monströse und Spektakuläre zu beschränken. Er beschreibt nicht das Grauen, sondern die menschliche Komödie, in der trotz aller Tragik das Absurde und das vergebliche Streben zum Vorschein kommt, und damit hat er Skakespeare und dieser Komödie einen glänzenden Auftritt verschafft.

Edward St. Aubyn „Dunbas und seine Töchter“, aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Knaus, München 2017, 253 Seiten

Die Kunst der Provokation. Das Phänomen Houellebecq entschlüsselt

Als Michel Houellebecq in einem Interview 2001 nach der Lektüre des Koran den Islam »die bescheuertste Religion von allen« nannte, war die Aufregung groß. Mehrere muslimische Verbände zeigten ihn an und verlangten, das TV-Literaturmagazin »Campus« auf France 2 vor der Ausstrahlung zu sehen, um solche Aussagen zu zensieren. Ein Szenario, das wie geschaffen war für Houellebecq, denn es hätte aus seinem Roman „Unterwerfung“ sein können. Houellebecqs Kommentar zu dem umstrittenen Satz, in der dann ausgestrahlten Fernsehsendung lautete: »Der Islam, die bescheuertste Religion der Welt? Das hängt vom Tag ab.« Und auch diese Nonchalance haben ihm seine Kritiker wohl kaum als Zugeständnis ausgelegt, denn ihnen dürfte völlig zu recht geschwant haben, dass Houellebecq sie nicht ernst nimmt.
Als Provokateur hat, wie die FAS-Redakteurin Julia Encke in ihrem neuen Buch »Wer ist Michel Houellebecq?« sehr material- und kenntnisreich ausbreitet, sich der Schriftsteller große Verdienste erworben. Er hat aber nicht nur den Zorn der Muslime auf sich gezogen, sondern auch eine ungewöhnliche Abneigung eines großen Teils des französischen Kulturbetriebs hervorgerufen, der einerseits zur Skandalisierung seiner Bücher beigetragen hat, es aber andererseits degoutant findet, dass der Autor dadurch berühmt wurde und nicht etwa durch die literarische Qualität, bzw. das, was das Feuilleton glaubt, es wäre eine. So entstehen Feindschaften fürs Leben. Das Feuilleton, vor allem das französische, leidet darunter, dass es eine Figur erschaffen hat, die der Betrieb nicht mehr los wird, die ein munteres Eigenleben führt, und das, obwohl man den Lesern ausführlich mitteilt, wie wenig Houellebecq taugt.
Julia Encke, die Houellebecq häufig getroffen hat, geht es jedoch nicht nur um den Provokateur Houellebecq, sondern auch um den »Schriftsteller«, den »Romantiker«, den »Gewinner« und den »Visionär«, wie die Kapitel des Buches heißen. Aber in welcher Rolle auch immer sich der Autor äußert, er ruft sofort seine Widersacher auf den Plan. So z.B. mit seiner Beobachtung, dass man die Ehe abschaffte, würde man die Prostitution verbieten, wie das viele liberale Stimmen mit den besten Absichten fordern, ohne zu sehen, wie ihnen Houellebecq vorwirft, dass dies für die europäischen Gesellschaften auf einen »Selbstmord« hinausliefe. Seine Diagnose wurde sofort als Polemik missverstanden, u.a. auch von Barbara Vinken, die in der NZZ schrieb, Houellebecq mache sich »zum Sprachrohr einer völlig erotikfreien, spießbürgerlich-kapitalistisch-verdinglichten Doppelmoral«.
Houellebecqs Erfolg, scheibt Julia Encke, besteht darin, dass er einer Art »neuem Realismus« verpflichtet sei, indem er den »durchschnittlichen Menschen« zu seinem Sujet gemacht habe. Dieser gewöhnliche Mensch ist nicht angenehm, und er bietet eine große Projektionsfläche, denn in einer »für den einzelnen unerträglich« gewordenen neoliberalen Gesellschaft erweist sich der Mensch als äußerst anpassungsfähig und zugleich sperrig und widerspenstig, wenn er seinen Hass in den sozialen Medien auslebt. Der Mensch, wie ihn Houellebecq in seinen Romanen beschreibt, ist »der absoluten Unumkehrbarkeit von Verfallsprozessen« ausgeliefert, d.h. die Mitglieder der Gesellschaft sind nicht nur einem unerbittlichen Konkurrenzkampf ausgesetzt, als vereinzelte Nomaden haben sie auch ihre alten Gewissheiten verloren und irren ziellos umher, monströse Gestalten, die ihrer sozialen Fähigkeiten verlustig gingen. Diese Konstante in Houellebecqs Romanen ist ziemlich deprimierend, aber als Zustandsbeschreibung durchaus realistisch. Mit einem gewissen sarkastischen Vergnügen zeigt Houellebecq die psychischen Abgründe auf, in die die Menschen unter diesen Voraussetzungen stürzen. Er kennt dieses Milieu, weil er selbst in Firmen gearbeitet hat, in denen er studieren konnte, wie die neoliberale Realität die menschliche Psyche deformiert. Dabei verwischt Houellebecq, wie Encke zeigt, immer mehr die Grenzen zwischen sich als Autor und seinen Protagonisten, bzw. vielleicht ist es gar kein Verwischen, sondern einfach eine partielle Übereinstimmung, die bei so ziemlich jedem Autor vorkommt, nur dass sie bei Houellebecq zum Skandal wird, weil seine Figuren eben keine sympathischen Menschen mit hehren Vorstellungen sind.
Houellebecqs Romane sind nicht besonders gut geschrieben, sie entwickeln keinen Sog, sie bereiten kein Vergnügen. Allerdings legt der Autor, wie Julia Encke nachweist, auch gar keinen Wert darauf, »Stil zu haben«, die Vorwürfe des »ärmlichen«, »ungelenken« »kraftlosen« Stils sind also für ihn keine Kritik, mit der er sich auseinandersetzen müsste.
Wenn man einen brillanten Stil liebt, muss man seine Bücher auch nicht lesen, aber wenn man sie liest, muss man sich mit ihnen und dem Autor auseinandersetzen, und dank Julia Encke weiß man jetzt, auch wenn man Houellebecq nicht gelesen haben sollte, dass er mit seiner radikalen Gesellschaftskritik auf sehr intelligente Weise mit den Erwartungen und Vorurteilen der Medien spielt, die schnell dabei sind, jemanden in die rechte Ecke zu stellen, weil er den ideologischen Konsens einer neoliberalen Gesellschaft desavouiert. Dass er dafür den Kulturbetrieb ausnutzt und letztlich auch mitmacht, kann man ihm dabei kaum vorwerfen.

Julia Encke, »Wer ist Houellebecq? Porträt eines Provokateurs«, Rowohlt Berlin, 252 Seiten

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Aubameyang kehrt nach dem sich abzeichnenden desaströsen Verlauf der Saison dem BVB nun endgültig den Rücken und versucht, durch sein unwilliges Verhalten der Vereinsführung die Entscheidung, ihn zu Arsenal ziehen zu lassen, zu erleichtern. Das ist für den Fan nicht schön, wenn wieder einer der wirklich Guten den BVB verlässt, aber auch durchaus verständlich, denn die Mechanismen im Profigeschäft sind so, dass jeder als Vollidiot gilt, der das nicht täte und entsprechend seinem Marktwert das Maximale herauszuholen versucht. Und das ist nicht nur im Fußball so, sondern überall auf dem freien Markt. Wenn Heynckes also einen Appell gegen diese Gepflogenheiten richtet, dann ist das nicht nur naiv, sondern auch zynisch, denn er selbst hat sich diesen Marktgesetzen unterworfen, und nicht nur das, er arbeitet für einen Verein, der diesen Neoliberalismus in der Liga durch seine marktbeherrschende Position schon immer praktiziert hat. Ich erinnere mich vage daran, wie Bayern Mario Götze geholt hat, und sich dabei nicht gerade dem fair play verpflichtet fühlte. Inzwischen muss Bayern allerdings sowieso nur noch kurz zu winken und der Spieler steht sofort bereit und lässt trotz gegenteiliger Bekenntnisse, die er mal für seinen alten Verein gegeben hat, diesen im Regen stehen, wie man gerade wieder bei Goretzka beobachten kann. Wenn Heynckes also die Spieler an ihre »Verantwortung« erinnern will, so ist die wohl kaum zu trennen von der Verantwortung, die die Vereine auch nicht haben. Und weil sich das ganz öffentlich abspielt, kann jeder beobachten, dass es im internationalen Fußball eine Nahrungskette gibt, und ganz oben stehen vier, fünf englische Mannschaften, drei spanische, Paris St. Germain und Bayern. Nicht mal Juve gehört da mehr dazu, bzw. ist in die zweite Kategorie gerutscht, denn auch Turin konnte einen Pogba nicht halten. Deutlicher als sonst wird das alles nur dadurch, weil durch den Megatransfer von Neymar etwas in Rutschen geraten ist und fast alle Vereine durch absurde Magedeals sich möglichst weit oben in der Hierarchie behaupten wollen, wo die wirklich großen Summen generiert oder verbrannt werden, denn der Fußball ist immer noch ein Spekulationsgeschäft. Wenn Heynckes also von »Verantwortung« schwafelt und dafür auch noch gelobt und bewundert wird als moralisch integere Person, so könnte man vielleicht glauben, er sei ein bisschen dumm, in Wirklichkeit aber gehört das einfach zum Geschäft, Heynckes suggeriert durch seine Kritik, dass es so etwas wie Fairness im Fußballgeschäft noch gebe, und das in der einer Zeit, in der die Financial Fairplay-Richtlinien der Uefa noch nie so unterlaufen wurden wie in Zeiten der großen Tranfers. Natürlich schreibe ich das nur, weil es über den BVB nichts gutes zu berichten gibt, außer dass sich nun auch noch Schürrle zu Wort gemeldet hat, der das Verhalten Aubameyangs kritisiert, obwohl er gemessen an seinem geringen Talent nicht nur einer der größten Transferabsahner gewesen ist, sondern auch als Nutznießer der Aubameyangschen Lustlosigkeit seine fußballerische Unfähigkeit unter Beweis stellen darf, wie gerade eben in Berlin, wo er sehr engagiert über den Platz hastete, ohne dass ihm etwas gelungen wäre. Es ist bitter, dass der BVB alle seine wirklich guten Spieler verloren hat und sich nun offenbart, dass der Rest gerade mal gut genug ist, um im oberen Drittel herumzukrebsen, weil es ihm nicht einmal mehr gelingt, gegen mittelmäßige Mannschaften wie Hertha mehr zustande zu bringen als ein uninspiriertes Gekicke und ein unansehnliches Unentschieden. Es tröstet dabei nicht wirklich, dass die Konkurrenz auch nicht viel besser ist.

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Die Bayern zieht wieder seine einsamen Kreise an der Tabellenspitze und niemand in weiter Sicht, der ihnen in irgendeiner Weise gefährlich werden könnte. Auch nicht die zuletzt ziemlich stark auftretenden Leverkusener, die zwar ein paar Chancen herausspielen und verdatteln durften, die aber die Überlegenheit der Münchner nie ernsthaft in Zweifel zogen, nicht einmal gegen einen Ribery, der mit 34 im Spitzenfußball schon als Dinosaurier gilt. Im Abstand von 13 Zählern tummelt ein dicht gestaffeltes Mittelfeld von neun Mannschaften, zwischen denen gerade mal 5 Zähler Unterschied liegen. Und in diesem Mittelfeld herrschen Mittelmaß und große Leistungsschwankungen. Jeder kann sich hier gegen jeden blamieren, auch gegen Mannschaften, die ganz unten stehen. So schaffen es die auf Platz 7 stehenden und um einen internationalen Wettbewerb spielenden Augsburger mal gerade mit Mühe und Not ein 1:0 gegen ein schwaches Hamburg, das jede Inspiration missen lässt und wie schon in den letzten Jahren um den Abstieg bettelt, der von den Vereinsstrukturen begünstigt wird, aber nicht sein darf. Immerhin kann man sich in Hamburg mit der Elbphilharmonie trösten. Auch mit ihr hat man Millionen in den Sand gesetzt, aber sie ist wenigstens über die nächsten Jahre ausverkauft. Das lässt vom Hamburger Sportverein nicht behaupten, und es verwundert sehr, mit welcher Langmut und großartigen Frustrationstoleranz die Hamburger dem »Tennisverein mit angeschlossener Fußballabteilung« (Harry Rowohlt) bei einem Gekicke zugucken, das man sich auch wesentlich billiger auf irgendwelchen Bolzplätzen ansehen kann. Vielleicht sollte man ein Jahr in der 2. Liga Pause machen und sich regenerieren, um so wie Hannover als Phönix aus der Asche wieder aufzusteigen und auf erstaunliche Weise zu brillieren. Gegen Mainz holte man einen 2:0-Rückstand nicht nur auf, sondern verwandelte ihn in einen Sieg, weil die Mannschaft sich einfach nicht aufgibt und immer an seine Möglichkeiten glaubt. Hier stimmt das Mannschaftsgefüge, das in Dortmund einen Knacks hat, weil man nicht mehr über die eigenen Möglichkeiten hinausgeht. Und plötzlich sieht man da eine ganz normale Mannschaft, die wie jede andere mittelmäßige Mannschaft ohne überraschende Momente die Bälle verwaltet, und der Wille, gewinnen zu wollen, zu eigenartigen Verkrampfungen führt. Bei Peter Bosh, deutete Guerreiro einmal an, hätte niemand mehr so genau gewusst, was er zu tun hatte. Ob Stöger einen Masterplan hat, der den Dortmundern den alten Schwung wieder zurückgibt und der ihnen soviel Fans zugeführt hat, mag man nicht glauben. Aber die Situation der Dortmunder ist auch nicht besonders einzigartig, auch Real Madrid leidet unter extremer Erfolgslosigkeit. Real liegt nun schon 16 Punkte hinter Barcelona und verlor das letzte Punktspiel zu Hause gegen Villarreal zwar etwas unglücklich, aber eben doch 1:0. Es hatte nichts genützt, dass Zidane versucht hatte, den ganzen Unwillen auf sich zu ziehen. Umso bitterer ist es, dass es trotz dieser Schwäche in der Liga gegen den BVB noch dicke reichte, und irgendwie ist das ziemlich deprimierend, weil das schon ein wenig über die Schwäche der deutschen Klubs auf internationaler Ebene aussagt. Aber es gibt natürlich auch kein Fairplay. ManU plant schon wieder eine »Transfer-Offensive«, Real Madrid hat angeblich 600 Millionen für Neymar geboten, Barcelona hat sich nun auch noch Liverpools Coutinho für 160 Millionen geholt. Und der BVB kriegt in diesem Konzert gerade noch einen Verteidiger aus Basel, den niemand kennt, für erstaunliche 21,6 Millionen, die damals nicht mal Reus gekostet hat.