Archiv für den Monat: April 2018

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Als Rummenigge über die Details beim Trainerwechsel von Kovac von Frankfurt zu den Bayern gefragt wurde, hörte sich der nur pflichtgemäß optimistisch an. Eigentlich wollten die Bayern Tuchel verpflichten, zu dem Rummenigge, wie er sagte, schon immer ein gutes Verhältnis gehabt habe, wie überhaupt in der Branche jeder mit jedem gut befreundet ist, und deshalb tritt Kovac in der nächsten Saison seinen Job zunächst einmal als Notnagel an. Rummenigge tröstete sich damit, dass Kovac schon mal bei Bayern gespielt habe und deshalb die Vereinsstrukturen kenne, d.h. er weiß, wer die Platzhirsche sind und wo der Hammer hängt. Kovac hatte eine Ausstiegsklausel im Vertrag und natürlich wussten die Bayern davon, und sie wussten, wie billig der Mann zu haben sein würde, denn mit der Eintracht im oberen Mittelfeld mitzuspielen, mag für manche zwar erstaunlich sein, aber ein richtiger Leistungsnachweis ist es eigentlich nicht. Zudem sind bei den Bayern andere Fähigkeiten gefragt als aus einer mittelmäßigen Mannschaft eine etwas bessere mittelmäßige Mannschaft zu formen. Auch wenn in Frankfurt eine hohe Fluktuation herrscht, weil der Eintracht die guten Spieler immer weggekauft wurden, hat Kovac das gut kompensieren können, was man als Trainer allerdings auch können muss, denn mit diesem Problem sind alle Vereine konfrontiert. Natürlich ist es für jeden Trainer attraktiv, wenn man die restliche Liga als Shopping-Center benutzen kann, dennoch heißt das alles noch lange nicht, dass es mit den Bayern und Kovac klappt. Und dass es nicht klappt, ist die einzige schwache Hoffnung der anderen Vereine, dass den Bayern vielleicht nicht der siebte Durchmarsch gelingt. Aber wenn es nicht gelingt, kann man immer noch Heynckes aus der Gruft holen. Interessanter wird sein, wer in Dortmund den uninspirierten Stöger ablösen wird, der an der Seitenlinie so depressiv und leidenschaftslos herumsteht wie seine Spieler auf dem Platz agieren. Wer die ersten dreißig Minuten des letzten Spiels zu Hause gegen Stuttgart gesehen hat, war schockiert über den sagenhaften Rumpelfußball, den man da geboten bekam, bevor Pulisic durch einen Zufallstreffer das 1:0 gelang. Bei dieser Spielweise kann man kaum fassen, dass der BVB immer noch auf Platz 3 steht, denn Leverkusen, Hoffenheim, die Eintracht und Leipzig spielen viel besseren und ansehnlicheren Fußball. Vor allem die Leverkusener, die zu Hause gegen Frankfurt souverän und mit blitzsauberem Konterfußball 4:1 gewannen, was man in München wahrscheinlich mit einem Stirnrunzeln registriert haben wird, haben spielerisch wenigstens etwas zu bieten. Das wird gegen die Bayern zwar nicht ausreichen, wenn die beiden Mannschaften am Dienstag im Pokalhalbfinale aufeinander treffen, aber immerhin scheint Heiko Herrlich den Spielern Selbstvertrauen vermitteln können, was den Dortmundern völlig fehlt. Ebenso den Gladbachern, die sich in München mit 5:1 fast so blamabel abfertigen ließen wie Dortmund. Köln und Hamburg, die am letzten Spieltag nochmal kurz Morgenluft wittern durften, wurden in Hoffenheim und in Berlin wieder auf Normalmaß zurechtgestutzt. Rechnerisch ist der Relegationsplatz zwar noch drin, aber da müsste schon ein Wunder passieren. Und Wunder in der Liga gibt es keine mehr, seitdem die Bayern keine Wunder mehr zulassen, weshalb auch der Zauber des Fußballs verloren gegangen ist.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Fünf Spieltage vor Saisonende ist Bayern Meister. In Augsburg machte Bayern mit einem standesgemäßen 4:1 alles klar. Bayern hat das schon mal schneller geschafft, aber immer noch rechtzeitig vor den entscheidenden Finalspielen in der Champions-League, und damit ist nicht Sevilla gemeint, die in der Liga gerade 4:0 gegen Celta Vigo verloren, sondern die Halbfinalrunde, in der es dann tatsächlich nur noch starke Gegner gibt, denn bislang hatte Bayern einen unglaublichen Dusel, denn nur weil man Zweiter in der Gruppenphase wurde, bekam man es nicht gleich mit Madrid zu tun und stattdessen mit den jeweils schwächsten Teams im Topf (Istanbul und Sevilla) zu tun. Dennoch ist die Bundesliga schon lange kein Maßstab mehr für die Bayern, denn dort ist niemand mehr in der Lage, gute Spieler, die dort aufblühen, zu halten. Gladbachs Manager Eberl hofft zwar, dass die Umbruchsphase des eigentlich überalterten Bayern-Kaders dazu führt, dass auch mal wieder ein anderer Verein Meister werden könnte, aber er vergisst hinzuzufügen, dass es einfach der Verein mit dem meisten Geld ist, der attraktivste Verein, der den Spielern am verlässlichsten Titel beschert. Immer wieder wird betont, was für gute Arbeit der Verein leisten würde. Aber daran liegt es nicht allein. Sondern ganz einfach daran, dass Bayern seine Spieler nur selten abgeben muss. Bayern muss eigentlich nur winken und schon kommen die Nachwuchstalente aus den Vereinen auch ablösefrei zu Bayern, auch wenn sie dort gar keine Chance haben zu spielen. Die Liga ist eigentlich nur noch ein Nachwuchszentrum für die Bayern. Und so lange man nichts gegen diese Entwicklung tut, wird Bayern auch mit seiner B-Elf noch weitere zwanzig Mal hintereinander deutscher Meister. Hätte Dortmund Dembélé, Aubameyang, Mkhitaryan, Gündogan, Hummels, Lewandowski etc. halten können, wäre Bayern ein ernstzunehmender Gegner erwachsen. Aber da kein Verein immer solche Treffer mit der Verpflichtung von Nachwuchsspielern wie Dembélé landen kann, war der BVB der letzte Verein, der den Bayern einmal etwas streitig machen konnte. Das wird jetzt nicht mehr passieren. Diese Monokultur im Fußball ist kein Wettkampf mehr und die Hoffnung, dass Bayern mal versagen könnte, löst sich meistens schnell in Luft auf. Die Folge dieser Langeweile kann man immer mehr beobachten im Desinteresse am Produkt Fußball, denn immer weniger gucken sich normale Spiele an, weder in den Stadien noch vor dem Fernseher. Das war vor sechs Jahren, als der BVB die Liga aufmischte noch anders. Heute gucken nur noch Masochisten die öden Spiele des BVB an, die hilflos sind gegen Vereine, von denen man z.T. noch nie gehört hat. Diese nationale Entwicklung greift auch auf internationaler Ebene. Es gibt Gerüchte, dass Lewandowski zu Real Madrid wechselt, und wenn ein englischer Verein von den Top Five einen Spieler aus den Bundesliga verpflichten will, dann ist das kein Problem, das an finanziellen Mitteln scheitert. Bayern hat sich bislang dieser Entwicklung gut entziehen können, ist aber auch der einzige deutsche Verein, der hier noch mithalten kann. Vereine wie Schalke, die sich für die Champions-League zu qualifizieren scheinen, verlieren gegen Absteiger wie Hamburg, wenn die nur ein bisschen entschlossen spielen. Und dem BVB wie jedem anderen Verein, der um die internationalen Plätze spielt, wäre das gleiche passiert.

Der Sound der Diktatur

Es ist die vielleicht eigenartigste Konstellation im Literaturbetrieb. Helmut Lethen, in den Sechzigern sozialisiert, emeritierter Professor für Deutsche Literatur, erfolgreicher Autor, der 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, verheiratet mit einer ehemaligen Studentin, mit der er drei Kinder hat, sieht sich mit dem kruden Gedankengut der Identitären Bewegung konfrontiert, bei dem er sich nicht auf historische Quellen stützen kann, die sich mit wissenschaftlicher Distanz analysieren lassen. Seine Frau ist eine Aktivisten der Rechten und hat ein Buch im Verlag von Götz Kubitschek veröffentlicht, das sie auf der Leipziger Buchmesse vorstellen wird.
Helmut Lethen geht in seinem neuen Buch »Die Staatsräte« über die Elite im Dritten Reich nicht darauf ein, denn seine Untersuchung rechter Denkstrukturen unter der Nazi-Herrschaft am Beispiel von vier Protagonisten, die auch heute noch jedem ein Begriff sind: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Carl Schmitt (seine »Helden« in den Fünfzigern, wie Lethen sagt), ist rein historisch. Sie ist eine sehr detaillreiche Abhandlung über die Illusion der konservativen deutschen Elite, unter den Nazis eine eigenständige Rolle spielen zu können. Göring hatte diesen Bedeutung simulierenden »Preußischer Staatsrat« in Leben gerufen, um die Mitglieder glauben zu lassen, der Führer wäre an dessen Meinung interessiert.
Im psychischen Korsett der Deutschen begann sich unter den Nazis etwas durchzusetzen, das Hannah Arendt einmal so beschrieb: »Es gab im Dritten Reich nur wenige Menschen, die die späteren Verbrechen des Regimes aus vollem Herzen bejahten, dafür aber eine große Zahl, die absolut bereit waren, sie dennoch auszuführen.« Das galt auch für die Elite des Reichs. Allerdings waren die vier von Lethen ausgewählten Staatsräte nicht typisch dafür. Der Staatsrechtler Carl Schmitt war Antisemit und von Anfang an Anhänger der neuen Machthaber. Er denunzierte seine jüdischen Kollegen, denen er seine Karriere verdankte. Aus seiner Hoffnung, der »Souffleur« Hitlers zu werden, wird nichts. Ihm fällt die Hauptrolle im Stück von Lethen zu. Gustaf Gründgens, von 1937 bis 1945 »Generalintendant der Preußischen Staatstheater«, steht unter dem Schutz Görings. Er genießt eine gewisse Narrenfreiheit und Privilegien, die es ihm sogar erlauben, auch mal einen Verfolgten zu retten. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch ist Direktor der Charité und gibt sich unpolitisch. Er ist ausschließlich an seiner Arbeit interessiert. Als »Generalarzt des Heeres« findet er nichts Verwerfliches daran, Senfgasversuche an KZ-Häftlingen vornehmen zu lassen, protestiert aber auch gegen das Euthanasieprogramm und stellt sein Haus am Wannsee Regimekritikern aus der »Mittwochsgesellschaft« zur Verfügung. Als Star unter den Chirurgen kann er sich das leisten. Wilhelm Furtwängler, Dirigent und Komponist und ab 1934 Direktor der Berliner Staatsoper, ist zwar gegen die Entlassung jüdischer Musiker, sucht aber gleichzeitig die Nähe zur Macht und dirigiert zu Ehren Hitlers an dessen Geburtstag. Er verlernt, wie Lethen schreibt, »zuweilen den aufrechten Gang«, der allerdings in dieser Position sowieso nicht durchzuhalten gewesen ist.
Allen gemein ist ihr Opportunismus, den sie durch eine gewisse Exzentrik, die ihnen ihre gesellschaftliche Stellung erlaubt und die Nazis durchgehen lassen, kaschieren zu können glauben. In Wirklichkeit aber bereichern sie nur »mit kleinen Dissonanzen den Sound der Diktatur«, denn mit diesen Dissonanzen konnte die Diktatur gut leben, so lange man seinen Job gut machte, wie z.B. der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung Franz Josef Schöningh, der zwar aus seiner Verachtung gegenüber den Nazis keinen Hehl machte, aber dennoch »überdurchschnittliches Format« (Himmler) bewies, als er in Galizien die »Judenumsiedlung« organisierte. Und hier wird deutlich, welche psychischen Leistungen nötig waren, um die Verbrechen, die man im Auftrag der Nazis beging, von seiner persönlichen Verantwortung zu trennen.
Lethen zeigt auf sehr sachkundige und präzise Weise, dass es im NS-Staat keine wirkliche Opposition geben konnte. Solange die Elite für den NS nützlich war, konnte sie auch ein bisschen Kritik üben. Die allerdings half ungemein in der Nachkriegszeit, als »sie von der Behauptung ihrer Unschuld« zehrte. Sobald Lethen jedoch die vier Staatsräte in fiktiven Gesprächen zusammenführt, beginnt man sich zu fragen, was sich Lethen von diesem Mittel der künstlichen Nähe verspricht? Will er die Figuren plastischer oder glaubhafter hervortreten lassen? Aber ist die Naziprominenz biographisch nicht sowieso ziemlich gut durchleuchtet? Worin aber besteht dann der Sinn dieser Gespräche?

Helmut Lethen »Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich«, Rowohlt Berlin, 351 Seiten,

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

»Absolut katastrophal«, »desaströs«, »inakzeptabel«, so oder ähnlich klangen die Beurteilungen der Reporter und der Fußballexperten Lothar Matthäus und Metzelder. Und auch wenn ich das ungern schreibe, leider hatten sie alle recht. Schmelzer sagte nach dem Spiel, dass sich die Mannschaft viel vorgenommen hätte, und in den ersten Minuten konnte man davon zumindest etwas erahnen. Man wollte mitpielen, was man daran erkennen konnte, dass es sogar munter nach vorne ging und Hummels sogar einmal einen Schuss von Pulisic blocken musste, aber nach dem frühen 1:0, das aus einer leichten Abseitsposition erzielt wurde, waren alle guten Vorsätze wie weggewischt. Was der BVB dann spielte, war so erbärmlich, dass Mr. Fup, den ich über Jahre hinweg vorsichtig zum Fan der Schwarzgelben erzogen habe, enttäuscht aufstand und ging, weil er sich das Trauerspiel nicht länger angucken wollte. Und er hatte völlig recht. Es gibt bald keinen Grund mehr, Fan dieser Mannschaft zu sein. Und der Verein trägt mittlerweile auch einiges dazu bei, seine Fans zu verkraulen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass man nun Sammer als externen Berater eingestellt hat, weil Watzke seine Analysefähigkeiten schätzt. Wenn man Sammer auf Eurosport einmal gesehen hat, wie er Magnete auf einer Schautafel hin- und herschiebt und dabei stulles Zeug redet, das angeblich irgendeine Taktik erklären soll, dann kann man nur beten, dass wieder Vernunft einkehren möge beim Verein. Es machte einen regelrecht wütend, die Dortmunder so zu sehen, erkennen zu müssen, wie mittelmäßig die einzelnen Spieler sind, was man nicht so gut sieht, wenn sie gegen einen Gegner spielen, der eben auch nur mittelmäßige Spieler hat. Die Dortmunder waren in jeder Situation in Unterzahl, die weiten Pässe landeten entweder bei den Münchnern oder im Seitenaus, während man die Präzision von Boatengs Pässen quer übers Spielfeld genau auf den Fuß von Ribéry bewundern musste. Castro verstolperte im Mittelfeld wie ein Anfänger den Ball und sah dann nur hinterher, wie die Angriffswelle aufs Tor rollte. Der für ihn schon nach einer halben Stunde eingewechselte Weigl spielt ohne Bedrängnis und Not den Ball vor dem eigenen Tor zum Gegner, die wie im Training sich mit einem Treffer dafür bedanken. Als Ribéry sich gegen Piszczek durchsetzte, sahen in unmittelbarer Nähe drei Dortmunder paralysiert zu, wie ein weiteres Tor fiel. Niemand ging in die Zweikämpfe, sondern man hielt immer einen Sicherheitsabstand von ein, zwei Metern. Dahoud völlig überfordert. Die Bayern bestimmten nach Belieben das Spiel und das Tempo. Und hätten sich die Münchner in der 2. Hälfte nicht für das CL-Spiel am Dienstag geschont, wäre die Niederlage vermutlich zweistellig ausgefallen. Woran diese Verunsicherung liegt, wusste auch Schmelzer nicht zu beantworten, aber jeder im Verein spürt sie. Dazu passt es, dass Zorc, wie ein Reporter berichtete, zu Gerland gesagt haben soll: »Seid heute bitte gnädig mit uns.« Die Dortmunder waren also schon mit der Erwartung nach München gefahren, unter die Räder zu kommen. Und genau das war auch die Haltung, die die Spieler ausstrahlten. Es war wie eine kollektive Lähmung. Es ist schade, aber es sieht so aus, als ob Dortmund gerade einen ziemlich großen Imageschaden erleidet. Die Fans, die ihnen in den letzten Jahren in Scharen zugelaufen sind, werden sich das kaum länger antun mögen. Und das ist nur zu verständlich. Es bleiben dann die Hardcore-Fans, und um die ist kein Verein zu beneiden.