Kultur und Blödsinn. Joseph von Westphalens Abenteuer als Lohnschreiber

Es ist nicht ganz einfach, ein Buch zu besprechen, dessen Autor im Text selbst, in einer Nachbemerkung und auf dem Pressezettel kaum Raum läßt für eine originelle Interpretation. Die liefert der Autor nämlich gleich mit und zwar auf so charmante und gleichzeitig widerborstige Weise, daß man den Versuch erst gar nicht unternehmen sollte, denn man würde sowieso nur den Kürzeren ziehen. Joseph von Westphalen ist schon viel zu lange im Geschäft, um im Feuilletongewerbe nicht schon alles einmal erlebt zu haben, meistens sogar zweimal. Er weiß, wie der Hase läuft, und in seinem neuen Buch »Aus dem Leben eines Lohnschreibers« berichtet er darüber, welche Kapriolen die eitle Kultur mitunter schlägt. Joseph von Westphalen beschreibt das auf sehr lustige und amüsante Weise, und wenn sich das jetzt vielleicht etwas zu wenig begeistert liest, dann sollte man wissen, daß nichts schwieriger ist, als eine lustige Geschichte auch lustig zu erzählen. Günther Grass kann es jedenfalls nicht, und Walser auch nicht, und die gelten hier als das schriftstellerische Nonplusultra.

Nein, Westphalen ist zwar Schriftsteller, der in China der »Dichter mit den 28 Büchern« genannt wird, denn soviel hat er mittlerweile geschrieben, aber er teilt nicht deren Dünkel. Es geht ihm nicht um den kulturellen Auftrag oder irgendeinen literarischen Avantgardeanspruch, Schwurbel und Affektiertheit sind ihm fremd. Wenn man so will, hat Joseph von Westphalen antiquierte Vorstellungen, denn er will einfach nur aufklären und unterhalten. Unvergessen seine grandios wüsten Pamphlete u.a. in den »Elf deutschen Eiertänzen«, gegenüber denen jede Kritik von Linksradikalen ziemlich blaß aussieht, denn Westphalen gelingt es, auf eine Weise zu rohrspatzen, daß der Gegenstand seiner Beschimpfung der Lächerlichkeit preisgegeben wird, eine Methode, die sowohl gegen »Glatzen«, Politiker und Kulturheinis wirkungsvoller ist als eine Analyse, weil der Blödsinn zu offenkundig ist als daß eine Analyse sinnvoll wäre. Das macht er allerdings nicht ohne Selbstironie, denn ohne sie würde seine Suada etwas Selbstgerechtes bekommen. Er wäre dann so etwas wie Grass, der seit Jahrzehnten an seiner Kanonisierung arbeitet. Wenn Joseph von Westphalen sein Gewerbe reflektiert, dann gilt sein Streben nicht dem Nachruhm, sondern so profanen Dingen wie Geld zu verdienen und sich auf möglichst elegante und angenehme Weise durchzuschlagen.

»Für Geld schreibe ich alles«, ließ er einmal auf einer Schriftstellertagung in Tutzing verlauten, um möglichst »nuttenhaft« zu wirken. Was er natürlich nicht tut, denn es gibt Grenzen, die nur Autoren überschreiten, die die Orientierung verloren haben, aber in Westphalens Haltung geht es auch immer darum, sich gegen den gerade vorherrschenden Trend zu stemmen, liebgewonnene Überzeugungen zu testen, ob sie den ad hoc entworfenen Argumenten standhalten. Er paßt sich jedenfalls nicht an, und davon handelt sein ständiger Kampf gegen Redakteure, der immer wieder in eine neue Runde geht und nicht selten mit der Forderung nach einem Ausfallhonorar endet, weil der Chef gerne etwas Weichgespültes hätte. In diesem Buch nimmt Joseph von Westphalen ein wenig Rache, indem er die Idiotie des Kulturbetriebs offenlegt. Klar, ein Thema, zu dem schon viele Autoren etwas geschrieben haben, aber es ist auch immer wieder schön zu lesen, wieviel heiße Luft produziert wird und wie banal und gewöhnlich es in der Regel ist, was bei dem ganzen wichtigtuerischen Gefuchtel herauskommt, toll beschrieben in der »halbwahren« Geschichte über eine Preisverleihung, für die Joseph von Westphalen die nur wenige Minuten dauernde Moderation schreiben sollte, von der nichts übrigblieb, was sein gut dotiertes Engagement notwendig gemacht hätte, weil jeder Praktikant die schließlich übrig gebliebenen banalen Sätze hätte zusammenpfriemeln können.

Nach diesen Ausflügen in die Niederungen der lohnschreibenden Zunft, vergißt Joseph von Westphalen aber nicht den eigenen Antrieb seines Schaffens. Er schreibt, um Frauen zu beeindrucken. Es ist die Liebe, die ihn beflügelt. In der Branche wird er deshalb scheel angesehen, ich aber finde, das ist ein schönes und hehres Motiv, und es ist wenigstens ehrlich, denn letztlich geht es den meisten Autoren darum, ohne daß sie das zugeben wollen. Und außerdem geht es darum, dabei gut auszusehen. »In die Hand eines Autors gehört ein Glas Wein und nach wie vor eine Zigarette.« Joseph von Westphalen jedenfalls steht das Glas Wein und die Zigarette ganz ausgezeichnet. In dem ganzen Literatur-Getöse ist er eine ganz große Ausnahmeerscheinung.

Joseph von Westphalen, »Aus dem Leben eines Lohnschreibers. Geschichten«, Luchterhand, München 2008, 251 Seiten, ??.- Euro