Papst Benedikt XVI.

Noch vor vier Jahren schlagzeilte es wie nix Gutes aus Bild heraus: »Wir sind Papst!« Es gibt eben keine blasphemischere Zeitung als das deutsche Hausblatt des Papstes, der sich von Mister Schmierlapp Numero Uno Kai Diekmann höchstpersönlich eine »Gold-Bibel« überreichen und sich mit ihm und ihr zusammen ablichten ließ. »Seine warme Hand packt greifend zu. Sie hält fest. Das Herz dockt an. Sein Haupt nickt … Die Zeit steht still. Ich schaudere vor Ergriffenheit … Der Papst betrachtet und befühlt die Bild-Bibel … Der Abschied. Das Ende. Ein Sekretär flüstert: ›Er weiß, daß Sie auf der Seite der Armen, Kranken und Schwachen sind‹…« »Bild liebt den Papst«, hieß es dann auch, und wenn der Papst diesen Schmonzes gelesen hat, dann bin ich sicher: der Papst liebt Bild. Jedenfalls hat der Papst keine Berührungsängste, auch Jesus hat sich schließlich mit Sündern eingelassen. Da paßt es doch prima, daß zwischen telefonischen Bumskontakten mit Abspritzgarantie und gehenkten Kinderschändern der Papst mit senilem Lächeln die Leser bezaubert.

Jetzt aber wurde in der BamS schwer gestöhnt und geächzt, und es erhob sich ein großes Wehgeschrei. »Wer die Fotos des Papstes in diesen Tagen sieht, der sieht einen geschwächten Mann. Die dunkel umschatteten Augen liegen tief in den Höhlen, das schmale Gesicht ist gerötet, die Haut zeigt Anspannung. Benedikt XVI. (81) erlebt die schwerste Krise seines vierjährigen Pontifikats. Er hat sie wohl nicht selbst verschuldet. Aber er trägt die Verantwortung. Und er trägt schwer daran.« Der Papst, eine arme Sau. Was war passiert? Während »die Alpträume dieser Welt jeden Morgen auf den Papst warten«, haben üble Berater den Papst übel beraten. Haben ihm einfach einen Wisch untergeschoben und ihm gesagt, daß er mit seiner Unterschrift ein paar verirrte Schäfchen heim ins Reich holen würde. Wer würde das nicht tun? Haben ja schon die Nazis gemacht, und mit denen hat man sich immer gut verstanden. Papst Pius XII. hat sogar extra eine Art Verkehrslinie einrichten lassen, um von ungläubigen Juden und Amerikanern verfolgte Nazis zur Flucht zu verhelfen. Dem Vatikan übel gesinnte amerikanische Militärs und Historiker nannten sie die »Rattenlinie«. Dabei waren es doch höchstens verirrte Schafe, und auf die ist der Papst ja quasi spezialisiert.

Und dieser Holocaust und dieses Auschwitz! Mein Gott, was ist das schon gegen die Höllenqualen, auf die sich die Juden im Jenseits sowieso schon mal einstellen können? Da können sie sich schon mal warm anziehen. Würde aber auch nicht helfen. Warum da groß was dazu sagen? War doch viel zu unwichtig! Dachte sich Pius XII. Und schwieg. So kann man schließlich auch zum Ausdruck bringen, daß Auschwitz nicht existiert hat. Vielleicht dachte sich das auch der fiese Berater und ließ den armen Papst »ins offene Messer« der Öffentlichkeit laufen. Und irgendwie ist die Öffentlichkeit als offenes Messer ja auch ganz schön gemein. Wartet nur darauf, daß der Papst von üblen Hintermännern hinters Licht geführt wird, um dann über ihn herzufallen, der doch eigentlich nur »ein Arbeiter im Weinberg des Herrn« sein will, als den sich Kardinal Ratzinger immer bezeichnet hat. Womöglich hat er im Weinberg aber zuviel getrunken und dann besoffen wie eine Strandhaubitze rumgegröhlt: »Her mit dem Wisch! Isch unterschreibe alles. Williamson? Ist das nicht dieser Auschwitz-Leugner? Na, is ja eh wurscht! Das Haus der Herrn ist schließlich für alle offen. Arschoffen. Ich musses wissen, ich bin der Häuptling von dem Haufen, hahaha. Und so ein Auschwitz-Leugner fehlt uns noch. Die sind uns doch schon fast ausgegangen, oder?« Aber das ist schon wieder so eine Verleumdung, denn in Wirklichkeit hat Benedikt XVI. gar nix gewußt. Als einfacher »Arbeiter im Weinberg des Herrn«, wenn nicht sogar als Weinbergschnecke des Herrn, was weiß man da schon? Und warum regen sich die Leute denn bei dem Piusbruder Williamson eigentlich plötzlich so auf? Hat Benedikt XVI. nicht erst kürzlich einen Weihbischof berufen, der glaubt, Hurrikan Katrina, der New Orleans zerstörte, sei eine gerechte Strafe Gottes gewesen für eine sündige Stadt? Nicht daß der Papst davon was gewußt hätte, aber fand das irgendjemand vielleicht komisch? Oder daß derselbe Weihbischof Harry Potter für Satanismus hält? Und Harry Potter ist ja wohl ein bißchen was anderes als Auschwitz. Wer kennt denn heutzutage noch Auschwitz? Da denken die meisten an Sauna. Aber Harry Potter kennt jedes Kind. Hat da vielleicht irgendein Zeitungsfritze gesagt, hey, ist vielleicht nicht sone gute Idee, die beliebteste Kindergeschichte der Welt als Machwerk des Bösen abzutun? Nicht daß der Papst wüßte. Aber er hat ja sowieso nichts gewußt. Und zwar von Anfang an. Schon beim Unterschreiben. Nichts gewußt. Man kann ja auch nicht alles wissen.

Und jetzt? »Der Papst ist sehr betroffen. Er leidet«, sagt der Freiburger Erzbischof Zollitsch. Und Walter Kardinal Kasper, ein enger Freund des Papstes, sagt entsetzt: »Die Umgebung des Papstes hat versagt«, während der Vatikan-Sprecher Lombardi prüfte und recherchierte, recherchierte und prüfte, nur um zu der dürftigen Überzeugung zu kommen: »Alles war ein schrecklicher Zufall.« Und was sagt eigentlich Georg Gänswein, der persönliche Sekretär des Papstes? »Wie eine Lawine ist die Katastrophe über den Vatikan hinweggerollt«, sagt er. Und BamS weiß noch mehr: »In der vergangenen Woche hätte der Prälat aus Freiburg eigentlich ins Bett gehört. Trotz Schutzimpfung hatte ihn die Grippe erwischt, so richtig mit Fieber, schmerzenden Gliedern, dröhnendem Kopf. Doch jetzt war nicht die Zeit, sich auszuruhen. Sein Papst war in Gefahr. Und die Schutzmauer um ihn schien seltsam durchlässig.« Oh Gott, womöglich kamen dem Papst Informationen jenseits des seltsam durchlässigen Schutzwalls zu Ohren! Das wäre fatal. Dann könnte er am Ende doch was gewußt haben. Vielleicht sind sogar die Antworten von Piusbruder Williamson, die er dem Spiegel gegeben hat, bis zum Papst durchgedrungen!

Über die allerdings dürfte sich der Papst köstlich amüsiert haben. Ich fand sie jedenfalls lustig. Williamson wollte erst mal »Beweise finden«, daß es überhaupt Gaskammern in Auschwitz gab, dann, falls sich herausstellen sollte, daß dem so ist, »werde ich mich korrigieren. Aber das wird Zeit brauchen.« Williamson hat mal den Leuchter-Report gelesen, »er schien mir plausibel. Nun sagt man mir, dieser sei wissenschaftlich widerlegt. Damit werde ich mich jetzt auseinandersetzen. Aber das wird Zeit brauchen.« Fred Leuchter behauptet in diesem Report, daß in den Gaskammern gar kein Massenmord habe stattfinden können. In Deutschland befindet sich diese Schrift wegen Volksverhetzung auf dem Index. Nun hat sich der Piusbruder »das Buch von Jean-Claude Pressac bestellt, auf Englisch heißt das ›Auschwitz. Technique and operation of the gas chambers‹. Es ist zu mir als Ausdruck unterwegs. Ich werde es lesen und studieren. Aber das wird Zeit brauchen.« Als Ausdruck? Kann er sich das Buch nicht leisten? Bei seriösen Historikern ist Pressac nicht sehr angesehen. Er war nämlich früher auch ein Holocaust-Leugner. Dann aber überkam ihm die Erleuchtung, daß in den Gaskammern tatsächlich Menschen zu Tode kommen konnten. Whow! Da wird Williamson aber Augen machen. Und Benedikt XVI. auch. Wenn er die Antworten Williamsons gelesen hätte. Hat er aber nicht, denn immer noch lautet das oberste Prinzip: Der Papst weiß nichts! Das aber gründlich.

P.S. Ich dachte schon, Benedikt XVI. würde in der Tradition Pius XII. das Problem einfach wegschweigen, aber dann sprach er doch noch ein Machtwort, das so butterweich und konsensschmusig war, daß es auf jedem Allgemeinplatz eine hervorragende Figur abgegeben hätte: »Der Hass und die Verachtung für Männer, Frauen und Kinder, die sich in der Shoah manifestiert haben, waren ein Verbrechen gegen die Menschheit. Das sollte allen klar sein, insbesondere denen, die in der Tradition der Heiligen Schrift stehen«, sagte der deutsche Papst. Das hätte Williamson nicht besser ausdrücken können.