Aus dem Leben eines Verlegers

Wieder landet ein Manuskript auf meinem Schreibtisch. Von einem Dr.-Dipl. Dipl-Ing. »Eine kritische Resonanz auf (Ver)führungsmechanismen des Establishments«. Dem Exposé entnehme ich: »Nach allem, was hin und wieder vor deutschen Mikrofonen aufpoppt, sind unsere medienflutschigen Exegeten diktionaler Schikanen, kaum mehr darin zu überbieten, über kleine Inhalte viel zu sprechen und dabei wenig Gehaltvolles einzureichen, geschweige denn, auf klare Fragen prägnant und umfassend zu antworten. Die medienvermittelte Teile der Politik ist bisweilen so flutschig, wie eine nasses Stück Seife: So groß, glatt und von so flüchtiger Substanz, dass der Zuhörer ungeduldiger werdend immer wieder nach ihr greift und doch nur bereits bekannte Reste in der Hand zurückbehält.« Interessant, denke ich, nicht nur wegen der eigenwilligen Interpunktion, sondern auch wegen des noch eigenwilligeren Gedankengangs. Ich überlege, das Buch in meiner Satire-Reihe zu veröffentlichen. Dr.-Dipl. schreibt, er wäre dankbar, wenn ich ihm schnell antworten würde, weil er das Buch noch vor der Bundestagswahl herausbringen möchte.
Hunter S. Thompson hätte ihm vermutlich geantwortet: »Du dummes, wertloses, acid-lutschendes Stück Scheiße! Schick uns nie wieder diese Art von hirnzerfressendem Schweinefutter. Wenn ich Zeit habe, mache ich mich auf den Weg zu dir und treibe dir einen Holzpflock in die Stirn … Sincerely, Yail Bloor III, Minister of Belles-Lettre P.S. Have a nice day.« Okay, das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich kann mir vorstellen, dass das Verfassen eines solchen Briefes eine große reinigende Wirkung haben kann. Die »Gonzo-Briefe« von Hunter S. Thompson, einem 600-seitigen Monumentalwerk, das auch andere großartige Schimpfkanonaden enthält, die für mindestens zehn Beleidigungsklagen ausreichen würden, habe ich einer Jury geschickt, die prüfen will, ob ich für einen mit 10000.- Euro dotierten Verleger-Preis in Frage komme, für den ich nominiert wurde. Ich fürchte, die Jury wird diese Briefe für nicht sehr seriös halten, falls sie einen Blick hineinwirft.
Dr.-Dipl. schreibe ich natürlich nicht, was Hunter Thompson von ihm halten würde. Ich glaube, er würde das nicht verstehen. Inzwischen habe ich einen weiteren Umschlag geöffnet, den mir die Post vorbeigebracht hat und der zwei Belegexemplare von Reclam enthält. Eine Anthologie mit Texten von Aristoteles, Epikur, Theodor Fontane, Egon Fridell, Baltasar Gracián, Martin Heidegger, Friedrich Hölderlin, Jean Paul, Konfuzius, Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Kurt Tucholsky und mir. Der Titel: »Sei gelassen. Gedanken. Anregungen. Ruhepunkte«. Ich hatte das ganz vergessen, aber jetzt, wo das giftgrün und mittelmeerblau strahlende Büchlein vor mir liegt, überkommt mich eine große innere Ruhe. Ich schreibe Dr.-Dipl.: »Vielen Dank für die Zusendung Ihres Manuskripts, aber leider verlegen wir nur seriöse Bücher.« Vor allem das »leider« gefällt mir gut.