Irrationalität und Rechtsruck. Über Didier Eribons “Rückkehr nach Reims”

Didier Eribon wurde in Deutschland bislang nur über seine Foucault-Biographie wahrgenommen, obwohl er in Frankreich auf zahlreiche Buchveröffentlichungen zurückblicken kann, u.a. auf »Réflexions sur la question gay« und »Une Morale du minoritaire«. Mit sieben Jahren Verspätung ist nun bei Suhrkamp »Rückkehr nach Reims« erschienen, hat bereits zahlreiche Auflagen erlebt und wurde hymnisch besprochen, womit auch der Verlag nicht gerechnet hat, sonst hätte man dem Buch einen Hardcover-Auftritt verschafft. Didier Eribon beschreibt seine Herkunft aus der Unterschicht in der französischen Provinz und seinen langen Weg der Emanzipation, der vor allem die Emanzipation von seinen Eltern, Geschwistern und Verwandten bedeutete, die Eribon nur deshalb zu gelingen schien, weil er nach einer lange sich hinziehenden schleichenden Entfremdung den Kontakt schließlich vollkommen abgebrochen hat. Zwanzig Jahre lang sieht er seine Eltern nicht mehr, bis sein Vater stirbt und er die »Rückkehr nach Reims« antritt, um über sich und sein Verhältnis zur Familie etwas in Erfahrung zu bringen.
Eribon hat jedoch nicht nur eine Selbstfindungsgeschichte geschrieben, sondern er hat sie als soziologisches Material verwendet, um zu untersuchen, warum ein Großteil des kommunistisch wählenden Milieus, dem er entstammt, inzwischen zur Front Nationale übergelaufen ist. Das hat in erster Linie mit den strukturellen Übereinstimmungen der auf den ersten Blick unterschiedlichen Milieus zu tun, die nationalistisch oder kommunistisch wählen, bzw. vielmehr gewählt haben, denn die Kommunisten spielen schon lange keine Rolle mehr, während die Front Nationale sich auf einem guten Weg befindet, die französische Wirklichkeit radikal umzukrempeln. Und wenn die regierenden Sozialisten es endlich geschafft haben, die Reste des Sozialstaats und die Arbeitsgesetzgebung wie den Kündigungsschutz zu liquidieren, dann braucht sich Marie Le Pen nur noch ins gemachte Nest zu setzen.
Die strukturellen Ähnlichkeiten beschreibt Eribon sehr eindrücklich. Im ständigen Streit seiner traditionell KP wählenden Eltern kam der gleiche diffuse Hass auf »die da oben« zum Vorschein wie bei den Rechten, die gleiche Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, unter der Eribon als Schwuler besonders zu leiden hatte. »Lange habe ich mir die Frage nach dem Warum gestellt. Aber auch die Frage: ›Was haben wir eigentlich getan?‹ Es gibt keine andere Antwort darauf als die Willkür und Absurdität der sozialen Verdikte. Wie in Kafkas Prozess ist es zwecklos, nach einem Gericht zu suchen, das dieses Urteil erlassen hätte. Es existiert nicht. Dieses Gericht tagt nicht. Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind. Früher oder später nehmen wir unseren Platz in ihr ein. Den Platz derjenigen, die von der öffentlichen Rachsucht längst dazu verdammt worden sind, dass es immer einen anklagenden Zeigefinger geben wird, der auf sie deutet, und denen gar keine andere Wahl bleibt, als sich mehr schlecht als recht vor dieser Rachsucht in Acht zu nehmen und ihre ›beschädigte Identität‹, wie der Untertitel von Erving Goffmans Buch Stigma lautet, irgendwie zu verwalten. Die Verfluchungen und Verurteilungen, mit denen man leben muss, pflanzen tief im Selbst eine Unsicherheit und Verletzlichkeit ein, eine diffuse Angst, die die schwule Subjektivität prägt.«
Letztlich ist das der Grund, warum Eribon alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, obwohl das nicht unbedingt der logische und zwangsläufige Lebensweg war, seine Karriere vielmehr vollkommen atypisch war. Seine Geschwister sind alle Mitglieder ihrer Klasse geblieben, weil in dem französischen Bildungssystem der Nachkriegszeit die Chance, aufzusteigen, nicht sehr groß war. Nur Didier Eribon wurde auf eine weiterführende Schule geschickt, was für seine Eltern nicht einfach war und ihnen Opfer abverlangte, und das, obwohl sich an ihren Vorurteilen gegenüber Bildung und die intellektuelle Elite nichts änderte, die abfällig »die Herren Professoren« genannt wurde. Da Eribon später Trotzkist wurde, beging er damit im Vokabular seiner Ideologie »Klassenverrat«. Und auch seine Eltern dürften das so empfunden haben. Nur haben sie es nicht so genannt, sondern dem Sohn »Undankbarkeit« vorgeworfen. Welche Abneigungen und Vorurteile eine solche Wortwahl nahe legt, die in diesem Konflikt zwischen radikaler Selbstemanzipation und der Ermöglichung dieses Schrittes zugefügten Verletzungen auf beiden Seiten verheilen nie richtig. Und manchmal, wie in diesem Fall, ermöglicht es erst eine völlige Entfremdung voneinander, auf das beschädigte Leben mit einer gewissen Distanz zu blicken.
Diese Aporie gab es Deutschland nicht in diesem Ausmaß. Hier waren die Voraussetzungen und Konflikte andere, selbst wenn die soziale Herkunft ähnlich war. Die nazistische Durchstrukturierung der Gesellschaft war gar nicht nötig, es genügte die Tradierung der reaktionär-autoritären gesellschaftlichen Muster aus dem Kaiserreich, die in der Nachkriegszeit weiterwirkte, um aus den Menschen angstbesetzte, gegenüber Vorgesetzten hörige Wesen zu machen, deren einziges Ziel es war, nicht aufzufallen und sich nirgends einzumischen, schon gar nicht aufzubegehren oder auf sein Recht zu pochen. Diese psychische Verfasstheit wurde vorgelebt und an die nachfolgende Generation weitergegeben. Der autoritäre Erziehungsstil, der sich aus einer tiefsitzenden Angst vor Chefs und sozial höherstehenden Menschen speiste, bestand auch darin, sich möglichst nach außen abzuschotten, neue Erfahrungen nur dann zuzulassen, wenn sie mit dem steigenden Konsum zu tun hatten. Die jüngste Vergangenheit, die Nazis und die Vernichtung der Juden wurden ausgeblendet und schien es nie gegeben zu haben. In der Schule, in der noch Nazis unterrichteten, kam man im Geschichtsunterricht nie weiter als bis zum Kaiserreich und Bismarck.
Aber in Deutschland gab es im Unterschied zu Frankreich ein Wirtschaftswunder, das das große Schweigen versüßte. Die Vernichtung ungeheurer Ressourcen durch den Krieg erwies sich als Gewinn, weil alles neu aufgebaut werden musste. Arbeiterkinder hatten viel leichteren Zugang zu Bildung und Studium, was bedeutete, dass Eltern nicht so große persönliche Opfer bringen mussten, um ihre Kinder auf die Uni zu schicken, wie in Frankreich. Zum ersten Mal mussten sie nicht direkt nach der Grundschule arbeiten gehen, um einen Beitrag für den Haushalt zu leisten, sondern konnten höhere Bildungseinrichtungen besuchen, weil »sie es später einmal besser haben sollten«, wie das gängige Argument damals lautete, während es heute vergleichbaren sozialen Schichten egal ist, was aus den eigenen Kindern wird. Das Argument taucht vielmehr wieder in den eher bildungsbürgerlichen Schichten auf, die in prekären Verhältnissen leben. Aber der Widerspruch zwischen dem, was die Gesellschaft alles versprach, was in ihr als Möglichkeit und Versprechen aufschien, ein Versprechen, das die Jugendlichen eingelöst sehen wollten, und dem rückständigen Bewusstsein der alten politischen Eliten, die sich geistig nie weit vom Nationalsozialismus entfernt hatten, musste kulminieren. Zunächst schien es so, als ob die 68er eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft wollten, später stellte sich heraus, dass es sich um einen Generationenkonflikt handelte, in dem es lediglich darum ging, die Stellung der Väter einzunehmen und nicht nur die Krümel der Wohlstandsgesellschaft abzubekommen.
Und während das passierte, konnte man in Frankreich das gleiche beobachten wie in Deutschland: Eribon schreibt, dass »ein Gutteil der Linken sich nun plötzlich das alte Projekt des Sozialabbaus auf die Fahnen schrieb (…) Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden.« Diese Beobachtung, als die führenden Rebellen sich für höhere Aufgaben qualifiziert zu haben glaubten und nunmehr staatstragend wurden, beschreibt bezogen auf deutsche Verhältnisse auch Wolfgang Pohrt: »Nichtsdestotrotz beschwören nun lauter mustergültig Resozialisierte einander, endlich von den verhängnisvollen linksradikalen Irrtümern abzulassen. Leute mit Familie, festem Wohnsitz, Beruf und ersten Altersgebrechen tun so, wie wenn sie ein Haufen Wildkatzen wären. Es klingt, als müsse eine aufgewühlte Menge beschwichtigt werden, die gerade den Regierungssitz stürmen will. Aber jeder mahnt jeden nur, zu unterlassen, was ohnehin keiner täte. Man würde die Szene vielleicht komisch finden, wenn das ganze Schauspiel nicht so langweilig wäre. Es findet auch weitgehend unter Ausschluß der breiteren Öffentlichkeit statt.«
Als Folge dieses »Verrats«, wie ihn Eribon beschreibt, die Abwendung von den unteren sozialen Schichten durch eine Politik, die mit der Wahl Mitterands einmal angetreten war, um die Sache der Unterprivilegierten zu vertreten, passiert etwas, das Eribon »Allianz sozialer Schichten« nennt, die sich zuvor feindlich gegenüberstanden, nun aber zu den Wahlerfolgen der Front National beitragen, weil durch das Verschwinden der Arbeiterklasse und »des Klassenbegriffs überhaupt aus dem politischen Diskurs« ein historischer Block entsteht, der »heute große Teile der prekarisierten und verwundbaren Unterschicht mit Leuten aus Handelsberufen, mit wohlhabenden, in Südfrankreich lebenden Rentnern, ja sogar mit faschistischen Exmilitärs und traditionalistischen Katholiken verbindet.« So richtig schlüssig ist diese Argumentation nicht, vermutlich weil Eribon mit einem soziologischen Handwerkszeug arbeitet, die die Dynamik des demographischen Wandels und die Neuzusammensetzung und Konzentration der Bevölkerung nicht genügend berücksichtigt, wenn Massen durch den Neoliberalismus in prekäre Verhältnisse abgeschoben werden, und weil Eribon auch nicht wirklich berücksichtigt, welche psychologischen Mechanismen am Werk sind, um jede Verantwortung für das eigene Leben abzulehnen, stattdessen sich mit dem Status eines Sozialempfängers abzufinden und eine Mentalität zu entwickeln, die von unreflektiertem Hass geprägt ist auf alles, einschließlich sich selbst. In diesem Milieu, dem Dummheit, Intoleranz und Rassismus vorzuwerfen völlig verpufft, nicht weil es nicht stimmen würde, sondern weil das Milieu diese Vorwürfe wie einen Schwamm aufsaugt, um sich gegen jegliche Vernunft und letztlich Zivilisation zu immunisieren, wird es schwer, wenn nicht sogar unmöglich, »einen theoretischen Rahmen und eine politische Sichtweise auf die Realität zu konstruieren, die es erlauben, jene negativen Leidenschaften … weitgehend zu neutralisieren.« Genau das aber begreift Didier Eribon als Aufgabe des kritischen Intellektuellen und der sozialen Bewegungen: »Wenn die Linke sich als unfähig erweist, einen Resonanzraum zu organisieren, wo solche Fragen diskutiert und wo Sehnsüchte und Energien investiert werden können, dann ziehen Rechte und Rechtsradikale diese Sehnsüchte und Energien auf sich.« Er verbleibt damit in einem Argumentations- und Gedankenschema, das letztlich antiquiert wirkt, weil er davon ausgeht, es würde darauf ankommen, wer die attraktivere, die hegemoniale Politik macht, aber genau darauf kommt es nicht an. Die AfD hat Erfolg, weil sie die Irrationalität dieser »Energien« bedient, den Rassismus und die Vorurteile. Die Wähler der AfD wollen nicht aufgeklärt, sondern in ihrem beschränkten und schlichten Weltbild bestätigt werden. Sie müssen noch nie einen Flüchtling zu Gesicht bekommen haben, um ausländerfeindlich zu sein, genausowenig wie es irgendwo Juden geben muss, um sie für das Unglück dieser Welt verantwortlich zu machen.
Wenn Eribon also nach Lösungen sucht, um den Rechtsruck in Frankreich zu verhindern, der in Frankreich noch viel dramatischer ist als in Deutschland, dann wird er vielleicht sogar notgedrungen schwammig. Genau und präzise aber ist er in seiner Gesellschaftsanalyse und seiner Beschreibung, wie und warum sich Frankreich in diese fast schon ausweglose Situation gebracht hat, in der sich Deutschland noch nicht befindet, aber schon mal darauf zusteuert, wenn man die Wahlerfolge der AfD sich vor Augen hält, denn diese sind ein genauer Indikator für das, was Eribon die »negativen Energien« nennt, wobei der Umgang mit der AfD in der Öffentlichkeit und den Medien und ihre Hofierung dazu beigetragen hat, diesen »Energien« eine gewisse Plausibilität zu verleihen, die sie jedoch nicht haben.

Didier Eribon, »Rückkehr nach Reims«, Suhrkamp, Berlin 2016