Reise in ein fremdes Land

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Buch ist sensationell und hätte auch in Deutschland alle Sachbuchpreise des Jahres verdient. Ohne dass ich mich jemals für den Iran oder Teheran interessiert hätte, ja mir dieses Land und seine Regierung schon immer wegen des zur Staatsreligion erhobenen Antisemitismus zutiefst unsympathisch waren, hat mich »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran« von Ramita Navai sofort auf eine ungeheuer spannende Reise durch eine terra incognita mitgenommen. Navais Eltern mussten vor der islamischen Revolution aus Teheran flüchten als sie acht war. Alt genug, um sich noch lebhaft an den Sturz des Schahs zu erinnern, an den Jubel, der die Stadt erfüllte, als auf den Straßen getanzt wurde und die Revolution so schön und hinreißend war, dass sich sogar Foucault über ihren wahren Charakter täuschte, der sich bald darauf zeigte, als die Revolutionsgarden ihre Gewehrläufe nicht mehr mit Blumen schmückten, sondern nachts durch die Stadt zogen, um Verhaftungen vorzunehmen, und die Familie Ramita Navais verängstigt in ihrer Wohnung saß und die erste Gelegenheit ergriff, nach London auszuwandern.
Im Sommer 2004 kehrt sie mit 27 Jahren als Korrespondentin der »Times« nach Teheran zurück. Als sie über einen Fall von Menschenrechtsverletzung berichtet, gibt ein Beamter des »Ministeriums für Kultur und islamische Führung« ihr zu verstehen, dass sie sich besser eine zeitlang ruhig verhalten sollte, wenn sie die regelmäßigen Verhöre durch den Geheimdienst vermeiden wolle. Sie beginnt an einer Schule Kinder zu unterrichten, Afghanen ohne Papiere, Zigeuner und uneheliche Kinder von Prostituierten, und lernt über ihre Tätigkeit viele Menschen kennen, von denen sie sich ihr Leben erzählen lässt, was den Menschen umso leichter fällt, da Navai eine Außenstehende ist und trotzdem Teheranerin. Sie teilen ihr ihre Geheimnisse mit, nehmen die Reporterin mit in üble Gegenden und zeigen Navai eine Stadt, die selbst ihr unbekannt ist. Auf diese Weise hat Navai Teheran lieben gelernt, und vielleicht war das die Voraussetzung, um nichts zu beschönigen, die Widersprüche zu beschreiben und den Mut und die Größe von Menschen zu entdecken, die nur in einer Stadt wie Teheran hervortreten können, wo eine brutale, aber auch inkonsistente Willkür herrscht, in der sich immer wieder Schlupflöcher und Fluchtwege öffnen. Oder unerhörtes Leid und der Tod.
So ist die Prostitution trotz Verbot weit verbreitet, was in einer sexfeindlichen islamischen Gesellschaft nicht verwundert. In Zeiten des Internets stehen die Behörden jedoch auf verlorenem Posten. Es gibt sogar einen Straßenstrich und, noch verwirrender, jeder weiß, dass es ihn gibt und wo die käuflichen Mädchen zu finden sind. Und da Mädchen aus den unterschiedlichsten Gründen, aus Not ebenso wie um sich ein neues Smartphone oder die Studiengebühren leisten zu können, bereits mit 16 auf den Strich gehen, erwog das Innenministerium sogar, diese Mädchen in ein »Umerziehungslager« zu stecken.
Je mehr jedoch der Sex tabuisiert wird, desto mehr wird über ihn geredet. Selbst die Mullahs geben unzählige z.T. legendäre Kommentare dazu ab, u.a. eine Fatwa, die mit großer Detailversessenheit ein hypothetisches Szenario behandelt, weshalb sie sich in Teheran großer Beliebtheit erfreut: »Wenn ein junger Mann in seinem Schlafzimmer liegt und seine Tante im direkt darunter liegendem Zimmer schläft und der Fußboden bei einem Erdbeben einbricht, so dass er direkt auf sie fällt, und beide nackt wären, wenn der junge Mann dabei zufällig gerade eine Erektion hätte und auf ihr landen würde, so dass er sie penetrieren würde, wäre dann das Kind, das aus einer solchen Begegnung hervorginge, legitim oder ein Bastard?«
Eine andere Möglichkeit, um außerehelichen Geschlechtsverkehr zu legitimieren, ist eine sogenannte »Sigheh«, eine Bescheinigung, die eine »Ehe auf Zeit« bestätigt und »von Gott und dem Staat genehmigt« wird, und zwar »zwischen einem Mann (der bereits verheiratet sein darf) und einer Frau (die das nicht sein darf) … und ein paar Minuten oder neunundneunzig Jahre dauern kann«. Auf diese Weise verleiht der schiitische Pragmatismus sogar einem Quicki ein islamisches Gütesiegel. Frauenrechtlerinnen beschwerten sich über diese Form von klerikaler Heuchelei, weil nur die Männer im Gegensatz zu den Frauen verheiratet sein durften. Die »Sigheh« gewährt jedoch auch den Prostituierten einen gewissen Schutz vor genau definierten Strafen: »Sexueller Kontakt ohne Penetration verlangte nach kräftigeren Peitschenhieben als Alkoholkonsum. Zuhälterei und Meineid wurden leichter bestraft, im buchstäblichen Sinne, denn die Peitschenhiebe waren weniger heftig als bei Trunkenheit und heftigem Petting… Die verwendete Peitsche muss aus Leder sein, einen Meter lang und nicht dicker als anderthalb Zentimeter… Das Auspeitschen muss bei gemäßigter Temperatur stattfinden – es darf weder zu heiß noch zu kalt sein. Die einzelnen Hiebe müssen gleichmäßig ausgeführt werden.« Nicht immer muss der Verurteilte selbst die Strafe antreten. Es gibt Leute, die einspringen, pro Peitschenhieb »2000 Toman« verlangen und sich das Geld dann mit dem zuständigen Auspeitscher teilen.
Das Buch ist voller solcher absurden, lächerlichen, schrecklichen und verrückten Details, aber die sind es nicht allein, die das Buch lesenswert machen. Navai verleiht den Geschichten ganz unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Milieus einen großen Glanz, sie verurteilt sie nicht, auch wenn es um einen Mafia-Boss geht, der eine Crystal-Meth-Küche betreibt. Sie beobachtet und beschreibt einfach nur, und das sehr genau und elegant. Ihre Biographien strahlen eine Tragik und einen Humor aus, die den Leser tief eintauchen lassen in eine fremde, unbegreifliche Welt, in der die Lüge eine Frage des Überlebens geworden ist, und dabei wird man noch ganz nebenbei über die Geschichte des Landes aufgeklärt. Grandiose Reportagen, die eine einzigartige Liaison mit grandioser Literatur eingegangen sind.

Ramita Navai, »Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran«, aus dem englischen von Yamin von Rauch, Kein & Aber, Zürich 2016.