Harry Rowohlts letzte Briefe

Die Briefe von Harry Rowohlt gehören zum lustigsten, das die literarische Welt in Deutschland zu bieten hat. Zwei Bände sind bereits zu Rowohlts Lebzeiten erschienen, nun ist »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe Bd. III« gerade auf den Markt gekommen. Das Brief-Genre ist eigentlich nicht besonders hoch angesehen ist. Jedenfalls nicht beim großen Publikum. Und in der Regel ist es ja auch so, dass die nachgelassenen Briefe von Schriftstellern eher das Interesse von Literaturhistorikern bedienen und das leider zu recht, denn häufig verströmen solche Briefbände alles andere als Charme und Witz. Es gibt wenig Autoren, die im Bewusstsein ihres Nachruhms das Schreiben von Briefen – heute ja sowieso eine ausgestorbene Form der Kommunikation – als eigenständige Kunstform betrachtet haben. Hunter S. Thompson war so jemand, und das schon in jungen Jahren. Er schrieb an Verwandte und Bekannte, nicht bloß um sich mitzuteilen, sondern um sein Leben auf einer anderen Ebene und mit anderen Mitteln fortzuschreiben, was eine gewisse Hybris voraussetzt und den unbedingten Glauben an sich selbst. Aber während Hunter Thompson ein Poltergeist war, der auf brachiale, aber auch auf sehr kunstvolle und originelle Weise schimpfen konnte, bevorzugt Harry Rowohlt den hintergründigen Witz, die Pointe, die sich erst nach einer seiner Abschweifungen, für die er berühmt ist, erschließt. Das heißt aber nicht, dass er in seinen Urteilen nicht vernichtend sein konnte, wenn ihm jemand auf die Nerven ging.
Auf eine Anfrage der Grünen, für sie Wahlkampfwerbung zu machen, antwortete er 2005: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Die Grünen hätten sich diese kleine Invektive ersparen können, wenn sie nicht einfach wahllos Promis angeschrieben, sondern recherchiert hätten, wofür Harry Rowohlt steht. Dann hätten sie herausgefunden, dass er es mit der Linken hielt und Joschka Fischer nicht ausstehen konnte. Er hasste es, wenn jemand seinen Status als Promi ausnutzen wollte.
Manchmal war es auch schlechte Erfahrung, aus der er versuchte klug zu werden, indem er wunderbare kleine Ablehnungsschreiben verfasste. »Für Gerstenberg habe ich schon mal was übersetzt und davon nur durch Zufall erfahren. Diese Zusammenarbeit reicht mir völlig. Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb.« Oder die Antwort auf eine Anfrage des SWR: »Mir ist plötzlich klar geworden, daß ich eigentlich gar keine Lust habe, am 6. Mai früh aufzustehen, um mir die immer gleichen Fragen stellen zu lassen.« Oder an die Redaktion »Season«: »Danke für die Anfrage. Ich habe m.W. noch nie eine Frauenbiographie gelesen. Nicht mal eine geschrieben.«
In seiner herzlichen Abneigung gegenüber seinen Übersetzerkollegen Hans Wollschläger lief er zur Hochform auf: »Der verehrte Kollege Wollschläger – und wenn ich ›verehrt‹ sage, meine ich ›verehrt‹, denn wenn es jemandem gelingt, sich vom als knausrig bekannten Suhrkamp Verlag fast zehn Jahre lang (andere Leute lernen in der Zeit Englisch) für seine Ulysses-Übersetzung alimentieren zu lassen, ist er jeder kollegialen Verehrung würdig – konnte nicht nur kein Englisch, er weigerte sich auch, es zu lernen«, denn Wollschläger hatte »›a bottle of pop‹ (= kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk) allen Ernstes in seinem weithin strahlenden Schwachsinn und ohne jedes Unrechtsbewußtsein mit ›eine Flasche Popcorn‹ übersetzt.«
Sprachliche Nachlässigkeit ging ihm gehörig gegen den Strich, vor allem, wenn man seine Ahnungslosigkeit auch noch wie eine Monstranz vor sich her trug. Darüber erzählt er in einem Brief an seinen Verleger Peter Haag und sofort entsteht eine witzige Anekdote: »›Wenn heute jemand was will, bringe ich ihn um‹, habe ich gesagt, und dann war es Frau Dingsbums von dpa, die sagte: ›… und denn können Sie mir ja zumindestens sagen …‹, und ich sagte: ›Entweder ‘mindestens‘ oder ‘zumindest‘; ‘zumindestens‘ gibt es nicht‹, und fortfuhr: ›Wenn Sie mir trotz meines Sprachfehlers …‹, und ich hätte fast gesagt: ›‘Trotz‘ regiert den Dativ, und ein Sprachfehler ist, wenn man lispelt‹, aber sie kam dann zur Sache: ›Also Sie wohnen schon ganz lange in Eppendorf.‹ ›Ja.‹ ›Und sind verheiratet.‹ ›Ja.‹ ›Und was machen Sie so beruflich?‹ Und dann, aber auch erst dann, habe ich gebrüllt.«
Auf der anderen Seite konnte er auch vorbehaltlos begeistert sein, wenn ihm mal eine originelle Frage gestellt wurde, wie das Frau Verena Schmitz von der »Schwäbischen Post« einmal getan hat: »Herr Rowohlt, Sie schrieben einmal, bei Schwäbisch ziehe sich Ihnen das Skrotum zusammen. Isch des im Augebligg au dr Fall?«
Das Schöne an Harry Rowohlts Briefen ist, dass man immer Neues erfährt und deshalb auch klüger wird. Damit ist es nun vorbei, denn Harry Rowohlt ist im Juni 2015 gestorben. Und deshalb muss man seine Briefe ganz langsam lesen, sie genießen wie guten irischen Whiskey, damit man möglichst lange etwas davon hat.

Harry Rowohlt, »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III«, Kein & Aber, Zürich 2016, 342 Seiten, 20.- Euro