Das Ende der Zivilisation. Zum 30. Todestag von Primo Levi

Es gibt nur wenige Autoren, die aus eigener Erfahrung das System der Konzentrationslager beschreibend so durchdrungen haben wie Primo Levi, der in seinem autobiographischen und schon 1947 erschienenen Bericht »Ist das ein Mensch?« (dtsch. 1961) über seine Zeit im Arbeitslager Monowitz bei Auschwitz den Zivilisationsbruch reflektiert, der von den Nazis durch die gezielte Entmenschlichung der Opfer systematisch betrieben wurde. Dies ist ein zentraler Punkt, um das System der Konzentrationslager zu verstehen, nämlich den Menschen so zu demütigen und ihn so »auf das Niveau seiner Eingeweide herabzuwürdigen«, dass es als perverser Akt der Gnade erscheint, ihn aus der Welt zu schaffen.
In dem Buch »So war Auschwitz«, das jetzt zu seinem 30. Todestag erschienen ist, kommt Primo Levi wieder darauf zurück. Er beschreibt in einem Vortrag aus dem Jahr 1961, dass »das beliebte, typische, tägliche Zeremoniell des Aufmarsches der Lumpen-Menschen zur Musik eines Orchesters« vor allem dazu da war, den 14-18 Jahre alten Hitler-Jungen, die diesem grotesken Lager-Appell beiwohnten, den Eindruck zu vermitteln: »Das also sind die Juden, von denen man uns erzählt hat, die Kommunisten, die Feinde unseres Vaterlands? Aber das sind doch keine Menschen, das sind ja Hampelmänner, Tiere. Sie sind schmutzig, zerlumpt, sie waschen sich nicht, schlägt man sie, wehren sie sich nicht, sie lehnen sich nicht auf, sie denken nur daran, sich den Bauch vollzuschlagen. Es ist richtig, sie bis zum Tod arbeiten zu lassen, es ist richtig, sie zu töten.«
Primo Levi war 19 Jahre alt und studierte gerade im ersten Semester Chemie in Turin, als die Rassegesetze in Italien erlassen wurden. Während man in Sebastian Haffners »Geschichte eines Deutschen« nachlesen kann, welche verheerenden Auswirkungen diese Gesetze an der Berliner Uni hatten und wie begeistert sie von den nationalsozialistischen Studentenverbänden umgesetzt wurden, fühlte sich Levi trotz »der stickigen Atmosphäre der Universität von damals nicht unwohl«. Die wenigen faschistischen Studenten waren nicht gefährlich und eher verwundert über die Gesetze. Levi konnte trotz einiger Schikanen weiter studieren und 1941 promovieren. Die Juden waren mehr oder weniger toleriert, man betrachtete sie an der Uni sogar »mit einer Art von schuldbewusster Verlegenheit«. Das änderte sich schlagartig 1943. In Turin kam es im März zu großen Streiks der Arbeiter. Die Regierung reagierte nur zaghaft darauf, löste sich schließlich am 25. Juli auf und brach am 8. September endgültig zusammen. Die Deutschen übernahmen das Kommando. Levi hatte keinen Plan, aber auch keinen Zweifel daran, irgendetwas tun zu müssen. Er ging in die Bergen und traf dort Deserteure, versprengte Soldaten, Arbeiter und andere Leute auf der Flucht. Sie versuchten, Kontakt zur Resistenza aufzunehmen, weil sie weder Geld noch Waffen noch Erfahrung hatten. In einer großangelegten Razzia wird Levi am 13. Dezember verhaftet, und obwohl er falsche Papiere besaß und, wie er glaubte, hätte verbergen können, dass er Jude war, gab er in einem Verhör schließlich zu, in den Untergrund gegangen zu sein, weil es ihm aus jugendlich-naiven Gründen »unehrenhaft« vorkam, seine Herkunft zu verleugnen. Als der Beamte erfuhr, dass »wir Juden und keine ›echten Partisanen‹ waren, sagte er zu uns: ›Es wird euch nichts Böses geschehen. Wir schicken euch ins Lager Fossoli‹.« Und tatsächlich ging es einem in diesem Lager damals noch »ziemlich gut«. Aber dann übernahm die SS das Lager und stellte innerhalb von zwei Tagen einen Abtransport von 650 Juden zusammen. Levi macht von nun an Bekanntschaft mit der Grausamkeit und mit dem den Italienern völlig fremden »Vernichtungsantisemitismus« der Deutschen, wie ihn Goldhagen genannt hat. Es beginnt für ihn ein elf Monate währender Aufenthalt in der Hölle, den er nur durch Glück übersteht.
Levi hat sich Zeit seines Lebens damit auseinandergesetzt, hat Bücher geschrieben, Vorträge gehalten, bei Prozessen ausgesagt, Erklärungen abgegeben und Berichte verfasst, wie den »über die hygienisch-medizinische Organisation des KZs für Juden in Monowitz« 1945 auf Anforderung der russischen Befreier. In diesem allerersten Dokument, das nun in »So war Auschwitz« vorliegt, versucht er möglichst präzise Angaben zu machen über das, was passiert war, jeden Erinnerungsfetzen festzuhalten für die Nachwelt, weil sie die letzten Überlebenden des Lagers waren, denn die Nazis hatten versucht, alle Spuren zu verwischen.
Heute ist die Literatur über den NS und die Vernichtung der Juden unüberschaubar. Man gewinnt den Eindruck, als ob jeder Aspekt der Gewaltherrschaft erforscht sei. Inzwischen ist es schwer, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der die Literatur spärlich und das Interesse an der Erforschung des NS wie an den Zeugnissen von Überlebenden eher gering war. Für viele Davongekommene war das Zeugnisablegen ein starkes Motiv, das Lager zu ertragen, aber als sie die Möglichkeit dazu hatten, mussten sie feststellen, dass sich niemand für ihre Geschichten interessierte. Es handelte sich dabei jedoch weniger um »Ignoranz«, wie die Herausgeber Domenico Scarpa und Fabio Levi glauben, sondern um »Verdrängung«, denn gerade in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs wollte man nicht mit den unangenehmen Erinnerungen belästigt werden, weil gegenüber den Überlebenden sich automatisch die Frage stellte, was man selbst hätte tun können, um deren Schicksal zu verhindern. Und deshalb waren die Überlebenden häufig und lange Zeit nicht sehr beliebt. Erst in den 80er Jahren begann sich das zu ändern.
1986 erschien »Die Untergegangenen und die Geretteten«, eines der besten Bücher über Auschwitz neben Ruth Klügers »weiter leben«, in dem er die Verdrängungen und Verzerrungen der Erinnerungen sowohl der Opfer als auch der Täter nachspürt und der »Scham« derer, die mit Glück und durch Zufall davongekommen waren. Ein halbes Jahr später, am 11. April 1987, stürzte Primo Levi den Aufzugschacht hinab. Er hinterließ kein Abschiedsschreiben. Sein Tod ist bis heute ein Rätsel.

Primo Levi »So war Auschwitz. Zeugnisse 1945-1986«, Hrg. von Domenico Scarpa und Fabio Levi. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, Hanser Verlag, München 2017.