Wie ticken die Anhänger von Donald Trump

Es gibt wenig Gründe, das Buch eines Mannes in die Hand zu nehmen, der sich selbst als »modernen Patrioten« bezeichnet, wie J.D. Vance das tut in seinem New York Times Bestseller über die Frage, wie der mittlerweile berühmte weiße Arbeiter in den Vereinigten Staaten tickt, noch dazu eines Mannes, dem jedesmal die Tränen kommen, wenn er Lee Greenwoods kitschige Hymne »Proud to be an American« hört, auf die es doch keine bessere Replik gibt als das schöne »Proud to be an asshole vom El Paso« von Kinky Friedman.
Aber das Buch »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise« von J.D. Vance gehört zu einem der besten Sachbücher in diesem Jahr. Dass der Autor sich erst auf S. 219 zu den patriotischen Werten seines Landes bekennt, hätte ich ihm normalerweise übel genommen, in diesem Fall muss man dankbar sein, weil man sonst um einen tiefen Blick in die psychische Struktur des Hillbillys gekommen wäre, die einem der Autor auf sehr präzise und sehr unterhaltsame Weise nahebringt. Er kann das deshalb so gut, weil er selbst diesem merkwürdigen Menschenschlag entstammt und in einer Hillbilly-Familie die Hölle durchlaufen hat, die die meisten Leute zu Verlierern prädestiniert und der zu entkommen es kaum eine Chance gibt.
Das Buch ist keine soziologische Analyse und nur hin und wieder zitiert der Autor eine meistens aufschlussreiche Statistik, die seine Beobachtungen und Erinnerungen belegen. J.D. Vance beschreibt einfach, wie er als Kind aufwächst und was er erlebt. Und das, was er erzählt, spricht für sich. Man muss keine zehn Semester Soziologie studiert haben, um zu begreifen, dass Leute mit diesem biografischen Hintergrund nicht allzuviele Chancen haben, um ihrem traurigen Leben zu entfliehen. Hillbilly ist der Hinterwäldler, der in einer ländlichen, gebirgigen Gegend wie den Appalachen wohnt, nicht viel zu sagen hat, und wenn, dann mit einem kaum verständlichen Dialekt, der Whiskey trinkt und schnell zur Waffe greift. Hier befindet sich das Kernland der Waffenlobby.
Viele Menschen zogen in den Siebzigern und Achtzigern in Industrieregionen auf der Suche nach Arbeitsplätzen. Die Familie des 1984 geborenen J.D. Vance verschlug es nach Middletown in Ohio, und wie der Name schon sagt, in eine Gegend, die so austauschbar war wie der Stadtname, den es in fast allen Bundesländern gibt. Als der Manufacturing Belt zum Rust Belt, also zum verrosteten alten Eisen wurde, das in besseren Zeiten dort einmal verarbeitet wurde, saßen viele Menschen, die in solche Städte wie Middletown gezogen waren, fest. Ihre noch nicht abbezahlten Häuser waren plötzlich nichts mehr wert, woanders hinzuziehen, war nicht mehr so einfach, also blieb man und sah der Erosion der Stadt zu.
Diese Verwandlung von ehemals blühenden Städten in moderne Ruinen wurde nirgends so sichtbar wie in Detroit. Die sozialen Folgen sind in jeder Beziehung dramatisch, aufschlussreich aber ist vor allem die psychologische Veränderung, die bei den Einwohnern solcher Regionen vonstatten geht. Und hier entfaltet das Buch die Qualitäten, die auch in Eribons »Rückkehr nach Reims« zu finden sind. Aus Männern, deren Ethos in einem harten Arbeitstag in der Stahlindustrie besteht, die daraus ihr Selbstwertgefühl ziehen und die stolz sind auf die von ihnen geleistete Arbeit und ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft, werden zu Deklassierten, die jede Arbeit nach kurzer Zeit wieder hinwerfen, die kapitulieren und egal in welcher Angelegenheit dem Staat die schuld geben. Die Folge davon ist jedoch nicht ein sozialrevolutionärer Prozess, sondern was sich hier herausbildet, ist eine zutiefst reaktionäre Gesinnung. Aus dem weißen Arbeiter als Stütze einer funktionierenden Gesellschaft, der die Demokraten wählte, wird ein durch seine Unzufriedenheit unberechenbar gewordener Reaktionär und Rassist, ein Wähler von Donald Trump, weil der die Irrationalität ihres Lebens verkörpert und Rache am verhassten Establishment verspricht. Und selbst wenn diese Rache den eigenen Untergang bedeutete, würde man noch zu ihm halten, obwohl Trump das komplette Gegenteil ihrer Interessen vertritt. Und genau in dieser Zeit des Umbruchs ist J.D. Vance aufgewachsen und hat wie ein Seismograph die kleinen und großen Erschütterungen wahrgenommen, die sich direkt auf sein Leben auswirkten.
Wahrscheinlich hätte J.D. Vance das gleiche Schicksal ereilt wie so viele andere, die vor dem Alkoholismus, der Gewalt und dem Elend, die sie umgeben, nicht mehr herausfinden, wenn ihm »Mamaw«, seine Großmutter, nicht den Halt und die Sicherheit gegeben hätte, die seine »Mom« ihm nicht bieten konnte, denn die hatte ein Drogenproblem und ständig wechselnde Partner, ein Phänomen, das nirgends sonst auf der Welt so weit verbreitet ist wie bei amerikanischen Arbeiterfamilien. Und die daraus entstehenden Konflikte sind so unfassbar bizarr, dass man nur ungläubig den Kopf schütteln kann und sogar lachen muss, weil solche Geschichten ein Licht auf Personen werfen, auf die Vance nie verächtlich herabblickt.
So erzählt er, wie auf einer Autofahrt aus nichtigem Anlass ein Streit zwischen ihm und seine Mutter eskaliert, wie seine Mutter am Straßenrand anhält, um ihn zu verprügeln, wie er quer über die Felder zu einem Haus rennt und die dort in einem Swimmingpool liegende Frau um Hilfe anfleht, wie diese sich mit ihm im Haus verbarrikadiert, wie die außer Rand und Band geratene Mutter die Tür eintritt, um ihn herauszuholen, wie die Frau die Polizei anruft, die die unzurechnungsfähige Mutter schließlich abführt, wie Vance schließlich vor Gericht seine Mutter entlasten muss, damit sie nicht hinter Gitter kommt, was gleichzeitig bedeutet, dass das Schreckensszenario weitergeht. Wie seine Mutter eine Urinprobe von ihm fordert, weil das Gesundheitsamt ihre Drogenabhängigkeit überprüfen will. Wie seine Großeltern nach einem Gottesdienst mit vorgehaltenen Schusswaffen jedes Auto durchsuchen, das den Parkplatz verlassen will, weil sie glauben, ihr Enkel sei von einem »Perversen« entführt worden, dabei ist der Enkel nur auf der Kirchenbank eingeschlafen.
Von dieser Art sind die Episoden, die auf das Klima aus Familienstreit und Gewaltexzesse, befeuert von Alkohol, ein Licht werfen und deutlich machen, wie prädestiniert die Karrieren sind, die Menschen in diesem Umfeld einschlagen: früh Kinder kriegen, Drogen und Alkohol, Gefängnis. Umso erstaunlicher, dass der Autor es trotzdem geschafft hat, dass er in der angesehenen Yale-University schließlich Jura studierte und inzwischen als Investor arbeitet. Oder vielleicht auch nicht so erstaunlich, denn er geht, weil ihm nichts besseres einfällt, nach der Schule zum Militär. Und der Drill, dem er während der Grundausbildung unterliegt, macht aus dem übergewichtigen, pummeligen, antriebslosen Jüngling einen Menschen, der nach seiner Militärzeit weiß, was er will und der es auch mit einem neu erwachten, angestachelten Ehrgeiz auch schafft. Aus J.D. Vance wird ein Mann, der ein Ziel vor Augen hat und es schließlich auch erreicht, eine Familie zu gründen, ein Haus, einen guten Job und eine tolle Frau zu haben, denn das ist es letztlich, was den Menschen offenbar antreibt. Es ist nicht die Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit, womöglich sogar nach einer Revolution, sondern es ist home sweet home, weil Menschen wie J.D. Vance das immer vermisst haben.
Das Militär als Erziehungsanstalt und die Familie als Glücksversprechen war schon immer die meist letzte Zuflucht der Verlierer, und das ist ziemlich deprimierend, aber es würde nichts nützen, dieses Phänomen einfach zu ignorieren, denn immerhin haben zumindest in diesem Fall diese Institutionen dazu beigetragen, dass jemand sich in seinem Leben erfolgreich zurechtfindet, der zwar Investor geworden ist, aber auch ein großartiger Buchautor, der eindringlich und überzeugend zu beschreiben versteht, wie verloren und depressiv dieser deklassierte weiße Arbeiter ist, aber auch wie wenig er sich unterkriegen lässt.

J.D. Vance, »Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise«, Ullstein, Berlin 2017