Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Nachdem Bosz dem Reporter erklärt hatte, dass der BVB im Spiel gegen Hannover nicht etwa zu hoch gespielt hätte, sondern der Gegner das getan hätte, dass man verloren habe, weil man nicht aggressiv genug gespielt hätte, und dass die Niederlage keinesfalls eine Frage des Systems gewesen sei, waren sich fast alle Experten, die das Spiel gesehen hatten, einig: der Mann muss weg. Denn zu offensichtlich war es, dass die Dortmunder mit langen Bällen in die verwaiste eigene Hälfte extreme Schwierigkeiten hatten. Und Hannovers Coach Breitenreiter hatte ganz bewusst darauf gesetzt, mit den schnellen Spitzen die Dortmunder Verteidiger zu düpieren. Dass es so gut gelang, mag vielleicht auch ein wenig glücklich gewesen sein, aber nicht unverdient, denn die 96er hatten die klareren Chancen, die ein Gegner mit besseren Einzelspielern wahrscheinlich noch konsequenter genutzt hätte, so dass die Niederlage noch höher hätte ausfallen können als nur 4:2. Wie kann man das einfach ignorieren, wenn ein ums andere Mal die 96er-Stürmer allein vor Bürki auftauchen und die Dortmunder nur hinterherlaufen können, dass Zagadou sogar die rote Karte kassierte, weil er Jonathas im Wettlauf in die Hacken geriet. Wie kann man das ignorieren, wenn ein Konter so klassisch verläuft wie das 2:1 durch Bebou? Zwar erzielten die Hannoveraner zwei ihrer Tore durch einen Elfer und einen direkten Freistoß, aber der BVB geriet immer wieder durch die langen Bälle der Hannoveraner in Bedrängnis. Und wenn es denn wirklich an der mangelnden Aggressivität gelegen hätte, wie Bosz monierte, wogegen im übrigen eine Zweikampfquote von 57 % für Dortmund spricht, dann handelt es sich um ein Mentalitätsproblem, für das nun mal der Trainer zuständig ist, dann heißt das nur, dass die Spieler offenbar nicht auf den Trainer hören, und das heißt wiederum, dass der Trainer mit dieser Behauptung einen Offenbarungseid geleistet hat. Aber daran liegt es nicht. Jeder Bundesligaverein weiß inzwischen, dass sich dem taktischen Manko der Dortmunder am besten mit hohen Bällen in die gegnerische Hälfte begegnen lässt. Das größte Problem der Dortmunder besteht darin, dass sie sich die Spielweise des nominell schwächeren Gegners aufdrängen lassen, nämlich hohe Bälle, die dem Gegner Zeit lassen, den Spieler, der den Ball aus der Luft annehmen muss, zu attackieren. Die Bälle fliegen dann sinnlos hin und her, und zwar so lange, bis einer in die leere Dortmunder Hälfte gelangt und ein schneller Gegenspieler an den Ball kommt. Plötzlich tun sich da nämlich Räume auf (mit denen laut Bosz angeblich die Niederlage nichts zu tun hatte), die dem Angreifer klare Vorteile verschafft, denn in der Regel hat er nur einen Verteidiger vor sich und er hat immer die Option, diesen zu überspielen oder zu passen. Mit beiden Optionen muss der Verteidiger rechnen, weshalb er ohne Absicherung immer im Nachteil ist. Genau so kam schließlich auch das 4. Tor durch Bebou gegen Bartras zustande. Dass die Dortmunder nicht zu ihrem Flachpassspiel finden, jeder sich hilfesuchend nach einem anspielbaren Mitspieler umsieht, den Ball viel zu lange am Fuß führt, all das ist keine Frage der Mentalität und der fehlenden Aggressivität. Schon beim grandiosen 6:1 gegen Gladbach, als die Welt noch in Ordnung schien, waren die riesigen Torchancen der Gladbacher kaum zu übersehen. Im folgenden Spiel gegen Real Madrid kann man zwar verlieren, aber vor allem anfangs hatte man das Gefühl, dass hier jemand ins offene Messer rennt. In Augsburg dann hatten die Dortmunder Glück, danach aber wurde die Schwachstelle der Borussen auch in den Ergebnissen deutlich. In den letzten fünf Spielen zwei Niederlagen, zwei Unentschieden und ein Sieg gegen einen Drittligisten. Jetzt steht das Schicksalsspiel gegen Apoel Nikosia an, denn da geht es um das Erreichen der Euroleague, und dann kommen die Bayern, die nicht nur um die Schwäche der Dortmunder wissen, sondern auch noch die besseren Einzelspieler haben. Und das gibt ein Massaker. Besser wäre es, Bosz gleich zu entlassen, bevor das Unheil noch länger seinen Lauf nimmt.