Der Sound der Diktatur

Es ist die vielleicht eigenartigste Konstellation im Literaturbetrieb. Helmut Lethen, in den Sechzigern sozialisiert, emeritierter Professor für Deutsche Literatur, erfolgreicher Autor, der 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, verheiratet mit einer ehemaligen Studentin, mit der er drei Kinder hat, sieht sich mit dem kruden Gedankengut der Identitären Bewegung konfrontiert, bei dem er sich nicht auf historische Quellen stützen kann, die sich mit wissenschaftlicher Distanz analysieren lassen. Seine Frau ist eine Aktivisten der Rechten und hat ein Buch im Verlag von Götz Kubitschek veröffentlicht, das sie auf der Leipziger Buchmesse vorstellen wird.
Helmut Lethen geht in seinem neuen Buch »Die Staatsräte« über die Elite im Dritten Reich nicht darauf ein, denn seine Untersuchung rechter Denkstrukturen unter der Nazi-Herrschaft am Beispiel von vier Protagonisten, die auch heute noch jedem ein Begriff sind: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Carl Schmitt (seine »Helden« in den Fünfzigern, wie Lethen sagt), ist rein historisch. Sie ist eine sehr detaillreiche Abhandlung über die Illusion der konservativen deutschen Elite, unter den Nazis eine eigenständige Rolle spielen zu können. Göring hatte diesen Bedeutung simulierenden »Preußischer Staatsrat« in Leben gerufen, um die Mitglieder glauben zu lassen, der Führer wäre an dessen Meinung interessiert.
Im psychischen Korsett der Deutschen begann sich unter den Nazis etwas durchzusetzen, das Hannah Arendt einmal so beschrieb: »Es gab im Dritten Reich nur wenige Menschen, die die späteren Verbrechen des Regimes aus vollem Herzen bejahten, dafür aber eine große Zahl, die absolut bereit waren, sie dennoch auszuführen.« Das galt auch für die Elite des Reichs. Allerdings waren die vier von Lethen ausgewählten Staatsräte nicht typisch dafür. Der Staatsrechtler Carl Schmitt war Antisemit und von Anfang an Anhänger der neuen Machthaber. Er denunzierte seine jüdischen Kollegen, denen er seine Karriere verdankte. Aus seiner Hoffnung, der »Souffleur« Hitlers zu werden, wird nichts. Ihm fällt die Hauptrolle im Stück von Lethen zu. Gustaf Gründgens, von 1937 bis 1945 »Generalintendant der Preußischen Staatstheater«, steht unter dem Schutz Görings. Er genießt eine gewisse Narrenfreiheit und Privilegien, die es ihm sogar erlauben, auch mal einen Verfolgten zu retten. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch ist Direktor der Charité und gibt sich unpolitisch. Er ist ausschließlich an seiner Arbeit interessiert. Als »Generalarzt des Heeres« findet er nichts Verwerfliches daran, Senfgasversuche an KZ-Häftlingen vornehmen zu lassen, protestiert aber auch gegen das Euthanasieprogramm und stellt sein Haus am Wannsee Regimekritikern aus der »Mittwochsgesellschaft« zur Verfügung. Als Star unter den Chirurgen kann er sich das leisten. Wilhelm Furtwängler, Dirigent und Komponist und ab 1934 Direktor der Berliner Staatsoper, ist zwar gegen die Entlassung jüdischer Musiker, sucht aber gleichzeitig die Nähe zur Macht und dirigiert zu Ehren Hitlers an dessen Geburtstag. Er verlernt, wie Lethen schreibt, »zuweilen den aufrechten Gang«, der allerdings in dieser Position sowieso nicht durchzuhalten gewesen ist.
Allen gemein ist ihr Opportunismus, den sie durch eine gewisse Exzentrik, die ihnen ihre gesellschaftliche Stellung erlaubt und die Nazis durchgehen lassen, kaschieren zu können glauben. In Wirklichkeit aber bereichern sie nur »mit kleinen Dissonanzen den Sound der Diktatur«, denn mit diesen Dissonanzen konnte die Diktatur gut leben, so lange man seinen Job gut machte, wie z.B. der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung Franz Josef Schöningh, der zwar aus seiner Verachtung gegenüber den Nazis keinen Hehl machte, aber dennoch »überdurchschnittliches Format« (Himmler) bewies, als er in Galizien die »Judenumsiedlung« organisierte. Und hier wird deutlich, welche psychischen Leistungen nötig waren, um die Verbrechen, die man im Auftrag der Nazis beging, von seiner persönlichen Verantwortung zu trennen.
Lethen zeigt auf sehr sachkundige und präzise Weise, dass es im NS-Staat keine wirkliche Opposition geben konnte. Solange die Elite für den NS nützlich war, konnte sie auch ein bisschen Kritik üben. Die allerdings half ungemein in der Nachkriegszeit, als »sie von der Behauptung ihrer Unschuld« zehrte. Sobald Lethen jedoch die vier Staatsräte in fiktiven Gesprächen zusammenführt, beginnt man sich zu fragen, was sich Lethen von diesem Mittel der künstlichen Nähe verspricht? Will er die Figuren plastischer oder glaubhafter hervortreten lassen? Aber ist die Naziprominenz biographisch nicht sowieso ziemlich gut durchleuchtet? Worin aber besteht dann der Sinn dieser Gespräche?

Helmut Lethen »Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich«, Rowohlt Berlin, 351 Seiten,