Für einen schmierigen, populistischen Wahlkampf


Martin Sonneborn will die Demokratie mit ihren eigenen Waffen schlagen

Parteipolitik ist in Deutschland ohne Charme und Esprit, und einen Charismatiker wie Obama wird man hier vergeblich suchen. An dieser tristen Situation stumpft häufig auch die Kritik ab. Sie bleibt wirkungslos und ist in der Regel ebenso zäh wie ihr Gegenstand. Wenn aber jede Kritik an den Politikern zum Scheitern verurteilt ist, dann muß man sie wenigstens etwas ärgern.

Das dachte sich Martin Sonneborn, der ehemalige Chefredakteur der Titanic, und gründete mit einigen Mitarbeitern des Blattes die PARTEI. Und nach der Teilnahme an der letzten Bundestagswahl und verschiedenen Landtagswahlen liegt jetzt auch »Das PARTEI-Buch« vor, in dem man nachlesen kann, »Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt«. Martin Sonneborn ist dafür zweifellos qualifiziert, denn wie dem Titel zu entnehmen ist: »Der Autor kennt sich aus!« Schließlich ist Sonneborn Mitglied aller Parteien, die ihn genommen haben. Wer jetzt allerdings denkt, ach ja, die Titanic hat sich mal wieder einen Scherz erlaubt, der liegt gründlich daneben, denn Sonneborn macht sich nicht einfach nur wie irgendein TV-Comedian lustig über Politiker, er bedient nicht ein Merkel-wählendes Publikum, das mal ablachen will und sich deshalb ordentlich auf die Schippe nehmen läßt, nein, Sonneborns Kritik ist unversöhnlich. Indem er nicht nur wie die erkennbare Karikatur eines Politikers auftritt, sondern eben wie ein echter Politiker, wirkt er auch so irritierend und verstörend für seine Kollegen und das Publikum.

Die Idee ist dabei so einfach wie genial. Die PARTEI sei eben keine Spaßpartei wie die FDP, »sondern eine ernsthafte Partei. Wir nennen uns ›Die PARTEI‹ und zeigen damit, daß wir sämtliche anderen Parteien überflüssig zu machen gedenken. Außerdem wird Die PARTEI ein sehr wirksamer Hebel sein, um unseren Auftrag zu erfüllen: die endgültige Teilung Deutschlands.« Genial auch das dazugehörige Wahlplakat, auf dem der gute alte antifaschistische Schutzwall abgebildet ist mit dem historischen Versprechen Ulbrichts (oder war es doch nur ein Versprecher?): »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!« und dem Zusatz: »Außer uns. Die PARTEI«. Und wer dann empört auf den Schießbefehl verweist, dem nimmt Sonneborn den Wind aus den Segeln mit dem nicht minder historischen Versprechen: »Ich geben Ihnen mein Ehrenwort – ich wiederhole: mein Ehrenwort! –, daß mit uns an der neuen Mauer, die wir errichten werden, kein Schießbefehl zu machen ist.« Immerhin wünschen sich 21 Prozent der Wähler die Mauer zurück, ein solide Basis, auf der sich aufbauen läßt.

Zwei gut platzierte geflügelte Worte machen deutlicher als jede Anklage, was es mit der Glaubwürdigkeit der Politik auf sich hat. Und je absurder die Monströsitäten der Politik sind, desto mehr reklamiert die PARTEI sie und erhebt sie zu ihrem Programm. Was die anderen Parteien im Gleichklang verurteilen, macht die PARTEI sich zu eigen und verspricht, sich auf billigsten Populismus und beliebige Inhalte zu konzentrieren, die schließlich eine demokratische Mehrheit garantieren. Um das zu erreichen, ist es Sonneborn egal, wer die PARTEI wählt: »Wir nehmen jeden Schwachkopf. Das macht schließlich jede Partei so. Aber wir sind die einzigen, die das auch offen sagen.« Wer bloß irgendeine Partei wählt und nicht die PARTEI, muß sich diese Wahrheit gefallen lassen.

Das PARTEI-Buch ist auch ein kleiner Führer durch die Geschichte der Partei. Man erfährt von den Anfängen der Partei, als man erfolgreich Wahlkampf für die in Bayern weitgehend unbekannte SPD machte mit den Slogans »Wir geben auf« und »Mit Anstand verlieren«. Sonneborns Berichte sind sehr nüchtern und entfalten deshalb eine große Komik, wenn er die symbolische Errichtung eines Mauerstücks im ehemaligen Zonenrandgebiet beschreibt, oder den Versuch, den Dresdenern den »Wiederabriß der Frauenkirche« schmackhaft zu machen. Auch so wunderbare Dreingaben wie die der PARTEI für die Bundestagswahlen zur Verfügung gestellten Parteiwerbespots im Fernsehen, die zu Werbezwecken an einen Billigflieger verkauft wurden, während Sonneborn in der Wahlsendung die sofortige Beendung der Schleichwerbung bei ZDF und ARD forderte, oder eine Gruppenreise nach Georgien auf Einladung der dortigen oppositionellen Labour Partei, deren Vorsitzender versehentlich davon ausging, daß die PARTEI über Bundestagsmandate verfügt, die Unterzeichnung eines Abkommens, die Reden, die verbrüdernden Besäufnisse, das alles ist völlig irre und bereitet bei der Lektüre ungeheures Vergnügen.

Martin Sonneborn ist der geborene Politiker und er hat seine Rolle fürs Leben als Vorsitzender der PARTEI gefunden. Er ist verbindlich, er ist höflich, aber unnachgiebig in der Sache, vorausgesetzt man muß seinen Kopf dafür nicht hinhalten, denn zu allerletzt ist das die Politik wert. Er hat es geschafft, trotz der organisatorischen und politischen Hürden, eine Partei bei Landtags- und Bundestagswahlen anzumelden und dabei die Formalien einzuhalten, nie die Distanz, den Sarkasmus und die Selbstironie zu verlieren, die man braucht, um aus diesem Spiel mehr zu machen als die bloße Teilnahme an und Imitation der Politik, nämlich Aktionskunst mit dem Ziel der Lächerlichmachung herrschender Konventionen. Sonneborn ist auf dem besten Weg, ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, nämlich sich selbst als Mann in einem billiggrauen C&A-Anzug für 49 Euro, der der PARTEI das Einheitsoutfit verleiht und der (der Mann jetzt, nicht der Anzug) unermüdlich darauf hinarbeitet, von den Bürgern dieses Landes beauftragt zu werden, das Demokratieprinzip ad absurdum zu führen.

An dieser großen Aufgabe können auch Sie sich beteiligen. Noch sind niedrige Parteimitgliedsnummern zu haben und auch äußerst interessante Parteiposten sind noch zu vergeben. Greifen Sie zu! Bevor es andere tun.

Martin Sonneborn, »Das PARTEI-Buch«, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.