Zonis, die

Nächsten Monat jährt sich der Mauerfall zum 20. Mal, der Beginn so schrecklicher Ereignisse wie der Wiedervereinigung, mit der der Abschied vom Wohlstand eingeleitet wurde. Mit Feiern, Ausstellungen und seufzenden Erinnerungen versucht man sich das ganze schönzureden, in Wirklichkeit sind viele Leute der Zonis wie in einer langjährigen Ehe überdrüssig geworden: Man weiß, man hat sie am Hacken, aber was soll man machen? Also ignoriert man sie, weil man nicht mehr die Kraft aufbringt, sich von ihnen zu trennen, auch wenn man weiß, daß es das beste wäre.

Der Zoni wird immer als zuverlässiger Volksgenosse in Erinnerung bleiben, in einer immer etwas zu engen, über den Schwabbelbauch spannenden und auf Hochwasser stehenden Uni­form in dezentem Mausgrau, die sich als ver­klemmte Geisteshaltung ebenso praktisch tragen ließ wie auf zahlreichen Staats- und Betriebsfeiern. Unvergeßlich auch der vom nagen­den Neid säuerli­che und miesepetrige Befehlston an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, dieses unnachahmliche in der SED-Eintopf­spra­che geblaffte »Gännse fleisch den Goffäraum aufmachn« oder »Fahnse ma rächts ran«, mit dem sie die Westreisenden mit Vorliebe drangsalierten.

Aber obwohl sich die Direktiven der Staatsfüh­rung und die Mißgunst der Zonis nahtlos zur De­ckung bringen ließen, kann man nicht behaupten, daß sich die Parteiführung unbeschränkter Beliebt­heit bei den Zonis erfreute. Und wer die Jubelparaden bei den Aufmärschen zum ersten Mai dahinge­hend interpretiert, hat keine Ahnung von ihrer Psychologie. Was die Zonis ihrer Führung wirklich ankreideten, war, daß sie im Leistungsvergleich der Systeme hoffnungslos unterlegen waren. Was waren schon billige Mieten, kostenlose Kranken­versorgung und Arbeitsplatzgarantie gegen ein schnelles Westauto? Später, als die Zonis es dann endlich hatten, setzten sie es an den nächsten Baum und jammerten über steigende Mieten, eine teure Krankenversicherung und Arbeitslosigkeit. Wie Kleinkinder, die für eine fixe Idee ihr ganzes Spielzeug in die Ecke pfeffern und darauf herumtrampeln, führten sie sich auf, und wie Kleinkinder flennten sie, als sich die fixe Idee tatsächlich als ziemlich wertlos herausstellte und mit dem Mär­chen vom dukatenscheißenden Esel nicht konkurrieren konnte.

Dabei geht es ihnen gar nicht so schlecht, wie Untersuchungen ergeben haben. 94 Prozent der ostdeutschen Haushalte konnten schon wenige Jahre nach der Wiedervereinigung den wichtigsten Fernbedienungs-Gebrauchsgegenstand im nußbaumfurnierten Wohnzimmer ihr eigen nennen: den Farbfernseher. Damit haben sie die westliche Quote um 5 Prozent über­flügelt, oder, wie es in der Ostsprache korrekt heißen würde, »übererfüllt«. Auch in allen anderen unverzichtbaren Dingen des alltäglichen Schonbezuglebens haben die Ossis nachgerüstet. Aber allein die Vorstellung, es könnte ihnen schlechter gehen, bereitet den Zonis argen Kummer.

Nach zwanzig Jahren hat man sich fast an die Zonis gewöhnt. Jedenfalls nimmt man sie gar nicht mehr richtig wahr. Das Interesse daran, was es mit denen da drüben heute noch auf sich hat, ist begrenzt. Immer noch ist die Zone in ihren schlimmen Ecken und Wüsteneien ein ideales Rekrutierungsfeld der Rechten, wenngleich der Zonen-Mob mit ihnen kein spektakuläres Bündnis mehr eingeht wie in Rostock-Lichten­hagen. In manchen landschaftlich reizvollen Gegenden wurden die Glatzen sogar vertrieben, wie in Rheinsberg, wo man seitdem Tourismus hat. Das ist erfreulich, selbst um diesen hohen Preis.

Eine Studie, die sich mit dem psychischen Befinden der Zonis zwanzig Jahre danach befaßt, hat herausgefunden, daß die Zonis immer noch die alten sind und daß sich an ihrer Einstellung nichts geändert hat. Eine Überraschung ist das nicht. 41% sind ausländerfeindlich, obwohl der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung dort nur 2% beträgt. Mit dieser xenophobischen Haltung haben die Zonis sogar die bislang herrschende Toleranz im Westen unterwandert. Von diesem Virus wurde zuletzt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers befallen. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Duisburg fiel er plötzlich und unvermittelt über die Rumänen her: »Und im Unterschied zu den Arbeitnehmern im Ruhrgebiet kommen die Rumänen nicht morgens um sieben zur ersten Schicht und bleiben bis zum Schluß da. Sondern sie kommen und gehen, wann sie wollen, und sie wissen nicht, was sie tun.« Dabei können die Rumänen gar nichts dafür, daß der Mobiltelefonhersteller Nokia sein Werk nach Rumänien verlegt hat. Vielmehr müßte Rüttgers den Rumänen eigentlich dankbar sein, daß sie die deutschen Sekundärtugenden nicht verinnerlicht haben, mit denen sich auch ein KZ betreiben ließe und mit denen sie Nokia abstrafen. Als Rüttgers auf seine Ausfälle aufmerksam gemacht wurde, sagte er, er habe niemanden beleidigen wollen. Ich liebe diese volldebile Größe eines Provinzpolitikers: Ich will dich nicht beleidigen, aber du bist ein Arschloch. Gegenüber den Zonis wäre das vielleicht eine akzeptable Haltung, aber von denen sitzt dummerweise eine sogar im Kanzleramt.

Eine Mehrheit der Ostdeutschen fühlt sich laut Umfrage jedenfalls immer noch nicht »hinreichend als Bundesbürger integriert«, denn das ist ja wohl das Mindeste, was man als Zoni von den Wessis erwarten kann. Überhaupt überwiegt die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, aber was sich mal als positives Zeichen werten ließ, sagt heute nur etwas über die Erwartungshaltung aus, und die besteht darin, daß die Zonis glauben, sie hätten einen Anspruch auf Rundumversorgung. Sie sind sich treu geblieben, es gibt also keinen Grund, die Wiedervereinigung nach zwanzig Jahren doch noch zu begrüßen.

Nicht weniger absurd wäre es allerdings, die Wiedervereinigung zu beklagen oder gar rückgängig machen zu wollen. Ganz im Gegenteil muß man die Wiedervereinigung als gerechte Strafe für diejenigen interpretieren, die sich als Deutsche fühlen, sich aber auf den Tod nicht ausstehen können, und zwar deshalb, weil sich Ossis und Wessis so ähnlich sind.
Wenn man sich allerdings genau überlegt, was es mit denen da drüben wirklich auf sich hatte, dann sollte man zumindest ein bißchen tagträumen dürfen: der Wiederaufbau der Mauer wäre eine feine Sache, denn nach zwanzig Jahren reicht es mal so langsam wieder.