The Master of Soul

Solomon Burke macht im Kesselhaus eine große Show

Nur zehn Minuten kam ich zu spät, da ließ Solomon Burkes Stimme das Kesselhaus bereits erzittern, denn die Alten aus dem Show-Biz fangen pünktlich an, da gibt es keine akademische Viertelstunde und schon gar nicht die Amy Winehouse‘schen zwei Stunden. Der Vier-Zentner-Mann Solomon Burke saß auf seinem Thron, geschmückt mit opulenten Schnitzereien und bezogen mit puffrotem Samt, und schwankte mit der Grazie einer Robbe hin und her. Seine barocke Gestalt steckte in einem grünen Glitzeranzug, er trug eine Krawatte, ein weißes Hemd und schweren Schmuck. Nur die Krone fehlte.

Er kann zwar nicht mehr über die Bühne fegen und mit dem Arsch wackeln, seine unvergleichliche Soulstimme jedoch hat eine Präsenz, die selbst acapella und ohne Mikroverstärkung den gesamten Raum erfüllt und auch penetrante Schwätzer verstummen lässt. Dieser Mann ist vielleicht übergewichtig, aber sein kleiner Finger strahlt mehr Sex aus als eine abgemagerte Kate Moss es je vermag. Und um diesen kleinen Finger wickelt er die Frauen, die seiner hingebungsvollen Gospelstimme, seinen süßen Versprechungen und schmalzigen Liebesbeteuerungen verfallen. Denn irgendwoher müssen die 21 Kinder ja auch kommen, die Solomon Burke in die Welt gesetzt hat. Von seinen Kindern stehen ein paar auf der Bühne. Sie singen und glitzern in ihren knappen Kostümchen. Ab und zu wischen sie ihrem Daddy den Schweiß von der Glatze, denn der mächtige alte Patriarch, der nächstes Jahr 70 wird, gibt alles.

Solomon Burke hatte seine große Zeit in den Sechzigern, als Soul den Ton angab und ihm mehrere Hits gelangen, aber dann wurde es lange ruhig um ihn, bevor Joe Henry ihn aus der Versenkung holte und mit ihm 2002 »Don‘t give it up on me« produzierte. Joe Henry war für Burke das, was Rick Rubin für Johnny Cash war. Burke interpretierte Songs von Tom Waits, Bob Dylan, Van Morrison und Elvis Costello. 2006 folgte dann die Blues-Scheibe »Nashville«, die das Zeug hatte, zur Platte des Jahres zu werden. Schon allein in »That‘s how I go to Memphis«, wo Burke nur von einer Akkustik-Gitarre und einem Bass begleitet wird, oder in »Til I get it right« steckt soviel Liebe, Leidenschaft, Hingabe, wie sie kaum jemand so überzeugend darzubringen imstande ist.
Aber auch wenn ihm der Ausflug in ein anderes Musik-Genre in die Erfolgsspur zurück gebracht hat, bleibt Soul seine Wurzel und er vergisst nicht, James Brown, Ray Charles, Otis Redding zu preisen und Wilson Picketts »Mustang Sally« seine Stimme zu leihen. Aber je mehr Soulklassiker er singt, je mehr er das Publikum umschmeichelt mit »you are wonderful« und »I love you so much«, je mehr Glasperlenketten er ins Publikum wirft, als wollte er es übers Ohr hauen, und von seinen Töchtern rote Rosen verteilen läßt, je mehr Zuschauerinnen er auf die Bühne bittet, um sich von ihnen auf die Glatze küssen zu lassen, desto mehr wachsen die Zweifel an »the wonderful world«, die er wie ein Illusionskünstler in der schäbigen Halle auferstehen lässt. Da hilft auch das »I will survive« nicht, das Candy Burke zum Besten gibt.

Als er dann am Ende von seinem Thron in einen Rollstuhl gehievt wird, während die Glitzertöchter die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchen, weil die Glitzerwelt durch nichts so sehr gestört wird wie durch ein Bild menschlicher Gebrechen, wird er wieder sympathisch, denn selbst in diesem Moment hat man nicht das Gefühl, dass er etwas verbergen müsste. Seine Stimme bleibt, auch wenn sich die Glitzerwelt verabschiedet.

Als ich beschwingt in die Nacht hinausgehe, sehe ich ein unauffälliges Mädchen zur U-Bahn eilen. Sie hat eine rote Rose in der Hand. Von Solomon Burke.