Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Der Druck auf die Spieler, von dem immer die in der Regel entschuldigende Rede ist, diesmal lastete er wirklich auf den Schultern der BVB-Kicker wie die Erde auf den Schultern des Atlas, naja, jedenfalls so ungefähr. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, hätten die Dortmunder versagt, hätten sie nicht mit Glück und einem allerdings grandiosen Treffer nach einer rasanten Kombination durch den »Schneepanther« Lucas Barrios 1:0 gegen die auswärts starken Freiburger in einer durchaus ausgeglichenen Partie gewonnen? Die ganze 100-Jahr-Feier wäre im Eimer gewesen! Nicht auszudenken! Das ganze Szenario, an dem Heerscharen von Lichtlaserspezialisten, Feuerwerksfachleute, Pyromanen und Inszenierungskünstler für special effects ein Jahr gearbeitet hatten, alles für die Katz! Und was hätte dann der extra für die anschließend stattfindende 100-Jahr-Feier engagierte Schwiegermutterschwarm Jürgen Delling dann gemacht, wenn die Dortmunder tatsächlich unter dem Druck zusammengebrochen wären? Und viel hätte ja auch nicht gefehlt, denn die Freiburger waren keinesfalls schlechter, in der ersten halben Stunde sogar wacher, zweikampfstärker und aggressiver. Es wäre jedenfalls sehr interessant gewesen, wie Delling aus der Nummer wieder rausgekommen wäre. So aber herrschte trotz des eher schlechten Spiels Sonnenschein, und selten wurde ein dreckiger Arbeitssieg so euphorisch gefeiert. Jedenfalls wurde er das in der Milchbar, wo zur Feier des Tages sogar Würstchen und Kuchen gereicht wurden, und das war mir entschieden sympathischer als dieser ganze, den typischen und depperten Fernsehshows nachempfundene Pomp in der Westfalenhalle, wo ein Choreographieheini auf die schwachsinnige Idee kam, die Spieler der alten Meistermannschaften aufmarschieren zu lassen, und durch die Geschichte des Vereins zu hasten, statt mal ein paar schöne Spielausschnitte zu zeigen, als der BVB die beste Vereinsmannschaft der Welt, Benfica Lissabon mit 5:0 hinwegfegte, und als die Flutlichttrikots trotz Schwarzweiß-TV so schön glänzten, viel schöner als das Jubiläumstrikot, mit dem der BVB nicht gerade den Glanz alter Triumphe wieder aufleben ließ. Aber Hauptsache gewonnen und mit 30 Punkten eine glänzende Bilanz, die nicht allzuviel Vereine aufweisen können und mit der man auf einem internationalen Platz steht. Und zur Feier des Tages habe ich einen »Qualitätswein mittlerer Güte« gewonnen, weil Ralf Sotscheck die Vision hatte, Hertha könnte gegen Bayern eine Schnitte machen. Der Schiedsrichter wäre ja wohl eindeutig gegen Hertha gewesen und die Bayern hätten nur mit Riesendusel die fünf Tore geschossen, meinte Ralf nach dem Spiel, aber das ist ja immer so, und wenn Dortmund verloren hätte, dann wäre der Schiedsrichter schuld gewesen und den Rest hätte man auf den Dusel des Gegners geschoben. Leider hat auch Schalke gewonnen, natürlich unverdient, versteht sich. Nur aus diesem Grund fieberten die Fans in der Milchbar einem Sieg der Leverkusener entgegen, damit Schalke nicht Herbstmeister würde. Mir fiel das schwer, weil ich Gladbach wesentlich mehr Sympathien entgegenbringe als Heynckes, aber in solchen Notfällen muß man eben geschmeidig bleiben.