100 Jahre BVB. Ein Schicksal

Als Fan eines Vereins muss man ganz schön viel aushalten. Z.B. die anderen Fans, die oft alles andere als eine Zier sind. In Berlin steckte ich einmal bei einem Gastspiel der Dortmunder in der U-Bahn zum Stadion mit einer hüpfenden, kreischenden und Bier verschüttenden schwarz-gelben Rotte auf engstem Raum fest. Der U-Bahnführer war wahrscheinlich Hertha-Fan und stellte die Waggons einfach eine Stunde lang im Tunnel ab. Der haut goût, der mir aus der Achsel meines Nachbarn in die Nase stieg, war streng, und ich konnte nur deshalb nicht umfallen, weil das als Hering in der Dose nicht geht. Ich hatte nie Probleme mit Klaustrophobie. Da schon. Und in Madrid, als das berühmte Tor umfiel und das Spiel erst mit zwei Stunden Verzögerung angepfiffen werden konnte, da hatte ich Zeit genug, um die mit schwersten Macken gezeichneten Fans in albernen Verkleidungen zu beobachten, die vor Trunkenheit nicht mehr stehen konnten.
Und Fans wie Norbert Blüm muß man auch aushalten, naja, wenigstens nicht Boris Becker oder Markwort. Und wenn man das alles ausgehalten hat, dann kommt der Schwiegermutterschwarm Gerd Delling in einem schwarz glänzenden Anzug auf die Bühne der Westfalenhalle und moderiert 100 Jahre BVB. Na wenigstens nicht die Minipli-Tunte Gottschalk, mit dem ich noch ministriert habe, d.h. ich habe an den BVB gedacht und er hat das Evangelium verkündet. Und dann gingen wir verschiedene Wege, und es war gut so, denn mich mit einem Kran in ein Senfglas tunken zu lassen wär jetzt nicht so mein Ding. Nicht mal für den BVB hätte ich das gemacht.
Gottseidank hat der BVB am Samstag gewonnen, aber ich hätte ausnahmsweise auch gegen eine Niederlage nichts einzuwenden gehabt, nur um zu sehen, ob die wie eine schwachsinnige Fernsehshow inszenierte Jubiläumsfeier, an der ein Jahr lang Laserspezialisten, Installationsexperten und sonstige Veranstaltungsfachleute getüftelt hatten, einen Stimmungsknick zu verzeichnen gehabt hätte. Einfach nur mal so, um zu gucken, wie die Grinsekatze Delling aus der Nummer wieder rausgekommen wäre.
Da ist mir die Milchbar in Kreuzberg lieber, ein dunkler Punkschuppen, den man hinter dem harmlosen Namen nicht unbedingt vermuten würde, und in dem Gerda ein unerbittliches Regiment führt, ein hartgesottener BVB-Fan, die in einem Film von Sergio Leone mitspielen könnte, mit Haaren auf den Zähnen, schwerst gepierct, wahrscheinlich mit BVB-Ringen, mit Kutte und wildem Blick, der einem den Angstschweiß auf die Stirn treibt, wenn man etwas bestellen möchte, weshalb man sich lieber gut mit ihr stellt. Zur Feier des Tages gab es Kuchen und Würstchen, womit niemand gerechnet hatte. Dumpfes »Sieg«-Gegröle und Fahnenschwenken (was sowieso nicht ginge) ist verboten, sonst aber alles erlaubt.
Hier kann man sich hemmungslos der Glückseuphorie hingeben, wenn der BVB einen guten Tag erwischt hat, oder rohrspatzen, was das Zeug hält, wenn es gar nicht läuft. Und das jeden Samstag. Das hat etwas Verläßliches und den Alltag Strukturierendes. Auch das »Schiri, was pfeifst du!«, das wie ein Rap-Hit klingt, aber nur das Mantra einer Gruppe türkischer Jugendlicher ist, die wahrscheinlich Mitte der Neunziger, also in der großen Zeit des BVB, sozialisiert wurde und in der Milchbar noch lange Zeit besseren Tagen nachtrauerte. Oder der große drei-Zentner-Mann, für den eine Bank direkt vor der Leinwand reserviert ist, der während eines Spiels immer sechs Weizen vertilgt und den ich noch nie einen Ton sagen hörte. Irgendwie hat das mehr als diese pompöse Selbstinszenierung, die ja immer irgendwie peinlich ist.
Wie ich als in Berlin lebender Franke zum BVB komme, werde ich häufig gefragt. Fehlgeleitete Sozialisation, antworte ich dann, weil der BVB Mitte der 50er bis 1966 die erfolgreichste Mannschaft in Deutschland war, denn damals holten die Dortmunder als erster deutscher Verein einen Europa-Cup, und das gegen Liverpool durch eine verunglückte Bogenlampe von Stan Libuda. Geprägt haben mich trotz Schwarzweiß-Glotze die glänzenden goldenen Flutlichttrikots der Dortmunder, von denen Eusebios Benfica Lissabon wahrscheinlich so geblendet war, daß die Besten der Welt ein 5:0-Desaster im Stadion Rote Erde hinnehmen mußte. So etwas prägt einen als Zehnjährigen. Noch immer kann ich im Schlaf die Aufstellung herunterrasseln, die damals noch in dem einzig bekannten 2-3-5-System bestand, wo es noch zwei Verteidiger gab, zwei Läufer, einen Stopper und sonst Halb-, Mittel- und Außenstürmer. Ich klebte jeden Dortmund-Spielbericht aus der Lokalzeitung in ein Schulheft, mit Tabelle natürlich. Da war die Welt noch überschaubar und schön.
Ende der 60er und in der 70ern gab es dann aufregendere Dinge zu tun als Dortmund in der zweiten Liga herumtümpeln zu sehen. Nur noch ab und zu schielte ich auf die Ergebnisse und dachte hin und wieder, also nicht so oft: Hauptsache gewonnen, denn meistens war das Ergebnis nicht schmeichelhaft für den BVB. Aber weil so eine Sozialisation zwar verdrängt, sich aber nicht abschütteln läßt, hatte mich der BVB spätestens seit dem legendären Pokalsieg 1989 gegen Bremen wieder am Wickel. In der Saison 2004/2005, als Dortmund knapp am Abgrund entlang schrammte, schrieb ich sogar ein BVB-Tagebuch. Für die Schublade. Hat auch nicht jeder gemacht. Und anläßlich des 100. Geburtstages schmückte ich meinen 4 Monate alten Frischling mit einer BVB-Mütze und einem BVB-Schal. Danach hat Dortmund das Spiel gewonnen. Jetzt muß ich das immer machen. Der Weg des Kleinen ist schon mal vorgezeichnet.