Kessler, Katja; von Lovenberg, Felicitas

Jedes Jahr erneut machen sich Menschen Gedanken über das Unwort des Jahres, das sie prämieren können in der irrigen Annahme, damit die Sensibilität für deutsche Sprache zu erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall. Und das beweist immer wieder aufs Neue Katja Kessler, die aus ehetherapeutischen Gründen Kolumnen schreibt und diese auch noch in ein Buch gestopft hat. »Frag mich, Schatz, ich weiß es besser! Bekenntnisse einer Ehefrau« heißt es, und wenn man sich wirklich die Kante geben will, dann reicht bereits die Lektüre von ein paar Kolumnen, um sich jede Illusion darüber abzuschminken, Schreiben könnte irgendetwas mit Stil, Qualität und Können zu tun haben, und auch wenn man mal richtig Lust auf heftige Übelkeit und Erbrechen hat, reicht bereits eine kleine Dosis Katja Kessler. Wenn so etwas wie die Prämierung eines Unwortes wirklich stigmatisieren könnte, sodaß ein Wort auf alle Ewigkeit sein überflüssiges Dasein aushauchen würde, dann müßte man »Schatzi« auf diese Liste setzen, das Lieblingswort von Katja Kessler, das sie in ihrem Buch ungefähr zwanzig Mal pro Seite benutzt. »Schatzi« ist in einer Beziehung die unterschwellig aggressive Bezeichnung dafür, daß aus jemanden, für den man vielleicht mal Gefühle hegte, ein Arschloch geworden ist, dem man jede Achtung durch die Bezeichnung »Schatzi« entzieht, den man vielmehr damit ächtet und dem man zu verstehen gibt, daß man ihn für ein Wesen hält, das man auf einer anderen Umlaufbahn besser aufgehoben fände, mit dem man leider aber Tisch und Bett teilt und dem man sich mit dieser abfälligen als Kosenamen getarnten Begriff zumindest verbal vom Leib hält, indem man ihm ständig zu verstehen gibt, daß man ihn für ein widerliches kleines Stück Scheiße hält, wobei in der matrahaften Wiederholung des Wortes »Schatzi« auch eine Autoaggression zu Tage tritt, die durch aufgesetzte Heiterkeit kaschiert wird. Und diese Art von Humor ist so oberflächlich und gleichzeitig so unglaublich ranzig, daß man einfach nur wegrennen will, obschon man weiß, daß die Welt dafür zu klein ist, daß einem das »Schatzi« auch im hinterletzten Winkel der Erde, der vergessen wurde und schon Staub abgesetzt hat, um die Ohren geklatscht wird, weil dieses Wort, das man als »Schweinegrippe« im Sprachschatz, bzw. im Sprachschatzi (für Katja Kessler), bezeichnen könnte, sich schneller verbreitet als jede Seuche. Insofern paßt es dann auch wieder, wenn man weiß, was wir natürlich wissen, daß der gegelte Chefredakteur von Bild Kai Diekmann ihr »Schatzi« ist, bzw. – mindestens genauso schlimm – ihr »Göttergatte«, den sie so unendlich verachtet wie sie sich selbst verachtet. Ihre Versuche mittels der Kolumne über diesen Tatbestand hinwegzutäuschen sind von zwanghafter Witzigkeit und von humorigem Grauen, sie sind hingeschludert und vermutlich in nicht mal einer Zigarettenlänge entstanden. Katja Kessler hat den Altherrenhumor aus den Fünfzigern modernisiert, sie hat ihn mit Belanglosigkeiten und mit einer »flotten Schreibe« (was übersetzt sowas wie geistige Diarrhöe bedeutet) auf den neuesten Stand gebracht, der heute »gute Laune« heißt, ein Synonym für das rhythmische Klatschen eines grenzdebilen Publikums bei Veranstaltungen, die von den öffentlichrechtlichen Fernsehanstalten übertragen werden, wobei das Ranzige bei ihr nur eine andere Konsistenz angenommen hat, denn bei ihr gibt es keine offene Abneigung mehr gegen alles Emanzipative, ihre Abneigung ist subtil, wenn denn bei Katja Kessler überhaupt etwas subtil sein kann, indem sie versucht, sich darüber lustig zu machen, wobei die Betonung auf den Versuch liegt, indem sie die »Emanzipation« mit einer Zwinkerzwinkerhäme versieht und auf die verzweifelte Fröhlichkeit ihres deprimierenden Alltags herunterbricht. Ihre Bemühungen entsprechen dabei genau den peinlichen Illustrationen, bei denen man den Verdacht nicht los wird, daß man sie unter dem Aspekt ausgewählt hat, weil sie so schlecht sind, sind sie schon wieder gut, was sie aber nicht besser macht. Leider gibt es keine Instanz im Journalismus, die solche Schreibversuche abschmettern würde, indem man der Autorin zu verstehen gäbe, daß sie die Finger von der Tastatur lassen sollte, sie ihr im anderen Falle abgeschnitten werden würden, was eine angemessene Strafe für die achtlos verursachte geistige Pollution wäre, die ja durchaus verheerende Auswirkungen haben kann, nimmt man die Auflage eines solchen Buches (die 5. innerhalb von drei Monaten) als Indikator für den intellektuellen Niedergang einer Gesellschaft, in der man das Lesen an sich für eine großartige geistige Leistung hält, ohne zu sehen, was so offenkundig ist wie eine mit Wucht auf dem Kopf gehauene gußeiserne Bratpfanne, daß es nämlich schließlich immer noch darauf ankommt, was gelesen wird, denn wenn es stimmt, daß Katja Kessler in ihren »Schatzi«-Kolumnen bei ihren Lesern einen Wiedererkennungseffekt erzielt, dann ist sie zwar für die geistige Depravation der Leute, die ihr Zeug lesen, für das jede Abwrackprämie zu schade wäre, aber durchaus Sinn machte, nicht verantwortlich, aber für deren Förderung und Verbreitung. Weil Frauen gemeinsam stark sind, hat die Literaturchefin der FAZ Felicitas von Lovenberg nach Aufforderung der Autorin eine Hymne in die »Zeitung für Deutschland« gesetzt, eigentlich ein Skandal, wenn man nicht wüßte, daß Journalismus eben so funktioniert. Felicitas von Lovenberg legt jede Scheu vor dem Müllberg ab und attestiert den Kolumnen von Katja Kessler eine »befreiende« Wirkung, »weil es fast immer was zu lachen und zu nicken gibt«, sie lobt die »unverdrossen gute Laune« und den mit »geringer Hoffnung betriebenen Versuch, das Leben als Frau, Mutter und Gattin mustergültig hinzukriegen«, und damit gelingt es Felicitas von Lovenberg ziemlich exakt, das Grauen des Buches zu beschreiben, das in der Unverdrossenheit eines Lebens besteht, für das sich jeder Grund erübrigt hat, wenn es auf das mustergültige Hinkriegen der diversen Rollen reduziert wird, die Katja Kessler in immer neuen deprimierenden Facetten beschreibt. Felicitas von Lovenberg glaubt, daß die Kolumnen »auf eine glückliche Ehe schließen« lassen. Mag schon sein, daß die Ehe der beiden das ist. Jetzt ist sie durch Felicitas von Lovenberg auch noch zum Gegenstand der Literaturkritik geworden, wie auch »die innere Ausgeglichenheit« der Autorin. Dank dieser Erkenntnis hat Felicitas von Lovenberg das Niveau der FAZ dem der Bunten, Bild und HörZu angepaßt. Schön, daß das mal jemand so deutlich gemacht hat.