Die Klitoris von Avril Lavignes

Nick Cave beschreibt die Sexbesessenheit eines Hasen

An manchen Stellen ist die Lektüre von Nick Caves neuem Buch »Der Tod des Bunny Munro« schwer zu ertragen. Für einige mag das ein Qualitätssiegel sein, ein Hinweis auf den literarischen Wert des Buches, aber wenn ich mich zu fragen beginne, warum ich mich eigentlich durch einen Roman quäle, von dem ich weiß, daß er bei mir am Ende eine Leere zurückläßt, die sehr schnell ins vollständige Vergessen führt, höre ich lieber auf. Dabei ist das Buch nicht einfach langweilig. Auch wenn es keinen Spannungsbogen gibt, will man irgendwie wissen, wie es weiter geht, weil man von Anfang an weiß, daß der Protagonist zielsicher auf sein Ende zusteuert. Es ist auch nicht schlecht geschrieben, manchmal sogar mit einem poetischen Flow, auf jeder Seite metapherngewittert es gewaltig und wenn man von den passagenweise banalen Dialogen absieht, mit denen sich schon immer irgendein beliebiges Drehbuch füllen ließ, dann hat die Geschichte des Bunny Munro durchaus was für sich.
Bunny Munro ist Vertreter für Kosmetik, er ist sexbesessen und trinkt sich ständig an den Rand des Bewußtseins. Er ist eine Art Karikatur eines Machos, der in Männermagazinen und in Boulevardzeitungen sein unverwüstliches Dasein fristet, wobei Nick Caves Figur anfänglich mehr Macho als Karikatur ist, denn Bunny Munro legt die Frauen reihenweise und nach Belieben flach, er hat selbst auf großer Distanz einen Riecher dafür, welche Frau nur darauf wartet, von ihm penetriert zu werden. Und an solchen Stellen gelingt es Nick Cave nicht wirklich, sich erzählerisch von der Darstellung des Boulevards und seiner Vorstellungswelt zu unterscheiden. Das ganze kleine Universum, in dem sich Bunny Munro bewegt, ist sexuell aufgeladen, und man bekommt den Eindruck, als würden sich ihm die Frauen nur so an den Hals werfen. Die meisten Machos brüsten sich damit, ungeheuer potente Macker zu sein, deren Kompaß der erigierte Penis ist. Dahinter steckt meist ein armes Würstchen. Nicht, daß diese Welt nicht existieren würde, und vielleicht treiben ja mehr Bunny Munros ihr Unwesen auf der Welt als man vermuten könnte, aber diese Welt gibt nicht wirklich viel her, jedenfalls nicht für jemanden, der ein bißchen mehr wissen will als das, was Bunny Munro durch die leere Birne rauscht, wenn der nächste Frauenarsch an ihm vorbeiwackelt.
Interessant wird Bunny Munro höchstens als Karikatur eines Sexmonsters, also in seinem Scheitern, wenn ihn sein Instinkt im Stich läßt und er auf Frauen trifft, die ihm statt zu Willen zu sein die Nase brechen, weil er zu aufdringlich ist, wenn es also zum Clash unterschiedlicher Kulturen kommt, weil diese eine Frau nicht nur eine Kampfsportlerin ist, sondern auch einen etwas anderen geistigen Horizont hat, um sich, wie es Nick Cave ausdrückt, »gegen diese Mentalität zur Wehr zu setzen«, als ob diese Welten nicht so inkompatibel wären, daß ihre Berührung eher unwahrscheinlich ist. Aber der Witz, der sich aus diesem Scheitern unwillkürlich ergibt, ist schal und ähnelt dem Lachen, das ein Clown hervorruft, wenn er ständig gegen die Wand rennt, ein schadenfrohes Lachen also, aber auch eins, das auf einem schlichten Gemüt beruht, denn ein solches muß man haben, um sich darüber amüsieren zu können, wenn jemand auf die Schnauze fällt. Inzwischen ist das Niveau des Humors selbst in Deutschland ein wenig gestiegen. Und einfach zu schreiben, Bunny Munro träume von der Klitoris Avril Lavignes, und Spaß dabei zu empfinden, ist nicht gerade besonders originell.
Bunny Munro hat zwar seine Abgründe, aber psychologisch ist er einfach gestrickt. Das Interesse, das man an seiner Person haben kann, ist begrenzt, seine sexbesessene Aufdringlichkeit ist eindimensional und wird auch mit viel gutem Willen schnell öde. Und warum auch sollte man einem Mann seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, der intellektuell in der Welt von Bild und dem nackten Seite-Eins-Girl zu Hause ist. Diesen Mann über 300 Seiten durch den Roman zu schleppen ist in gewisser Weise eine Leistung, denn es ist ein trostloser Ritt durch ein trostloses Ambiente. Nick Cave meinte in einem Interview, daß »die Welt krank geworden« sei, und das würde sich zeigen in dem, »was man sieht. Was das Fernsehen einem zeigt und die Werbung und die Medien, das hat eine massive Wirkung auf die Kultur, und das ist zunehmend gestört. Bunny Munro ist für mich ein Produkt davon.« Und das ist genau das Problem. In dieser schlichten Kausalität ist kein Raum für Widersprüchliches, Brüche, Überraschungen, weil die Figur gefangen ist von einer Sicht auf die Welt, die jemand gewinnt, der gebannt auf den Fernseher starrt und durch ihn die Kultur in Gefahr sieht. Der Anspruch, »einen monsterhaften Charakter zu schaffen, in dem man etwas von sich entdecken kann«, wirkt aufgesetzt und erinnert an eine Zeit, als es Mode war, einen kleinen Nazi in sich zu entdecken. Dabei will ich nicht leugnen, daß jedem auch eine dunkle Seite innewohnt, aber gerade die ist nicht nur stumpf oder einfach gestrickt und zeigt sich in der Öffentlichkeit auch nicht unbedingt pur und unverfälscht.
Und so rumpelt das Monster durch die Geschichte. Vergeblich versucht Bunny Munro noch am Telephon seine depressive Frau zu beschwichtigen, als die mitbekommt, was sie schon vermutet, daß er gerade wieder mit einer Frau zugange ist, und auflegt. Immerhin versucht Nick Cave erst gar nicht, den Beischlaf zu beschreiben. Das muß man ihm hoch anrechnen, denn die meisten Autoren, die sich darin versucht haben, sind gescheitert und haben höchstens den Stuß zustande gebracht, den man auch im Playboy finden kann. Am nächsten Morgen »nagelt« er noch schnell ein Zimmermädchen, bei dem er sofort weiß, daß es bei ihm die Chance wittert, ihrem Trott zu entkommen, bevor er nach Hause fährt und dort seine Frau erhängt vorfindet. Das Begräbnis gehört zu den tollen Szenen des Buches, weil seine Schwiegereltern ihn für den Tod ihrer Tochter verantwortlich machen und abgrundtief hassen. Noch während der Zeremonie holt er sich einen runter und beim anschließenden Besäufnis mit seinen Kumpels, die alle so drauf sind wie er, macht er sich über die Braut seines Kollegen her. Dummerweise ist da noch sein kleiner Junge, und weil er nichts mit sich und mit dem Jungen anzufangen weiß, packt er kurzentschlossen seinen Sohn ins Auto und macht sich wieder auf die Vertretertour, auf der sich alles immer mehr zuspitzt.
Unerträglich wird der Roman auch dadurch, daß der Sohn seinem Vater Zuneigung und Bewunderung entgegenbringt, während Bunny Munro überhaupt nicht in der Lage ist darauf zu reagieren und auch sonst keinen Plan hat außer so zu tun, als sei er der große Zampano mit dem großen Durchblick, eine Fassade, die mit jeder Seite mehr Risse bekommt. Diese Beziehung macht die innere Spannung des Romans aus, aber die Lektüre ist schwer durchzuhalten, und da meine Erwartungshaltung an einen Roman nicht darin besteht zu testen, wie belastbar meine Nerven sind, sondern ich einfach den Anspruch habe, belehrt, intellektuell gefordert und unterhalten zu werden, um klüger und gut gelaunt wieder aufzutauchen, wurde die Lektüre zur zähen Angelegenheit, und da geht es mir wie bei den meisten Songs von Nick Cave. Sicher, es gibt Ausnahmen, wie z.B. die unglaublich intensive Mörderballade »O‘Malley‘s Bar«, in der jemand ein Blutbad in einer Kneipe anrichtet und sich dann von der heranrückenden Polizei verhaften läßt. Der Song dauert 15 Minuten. Das ist lang, aber würde die Lektüre des Buchs auch nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen, hätte der Roman sogar ein kleines Kunstwerk sein können.

Nick Cave, »Der Tod des Bunny Munro«, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.