Out of controll

Amy Winehouse macht im Tempodrom ihrem Namen alle Ehre

Viel war über die Drogenexzesse und die Trinkprobleme von Frau Winehouse zu lesen. Letztere lassen sich wahrscheinlich von ihrem Namen ableiten. Vermutlich hat einer ihrer Vorfahren in Deutschland mal einen Weinladen geführt, bevor er nach Amerika auswanderte und den Teufel Alkohol in seinem genetischen Gepäck mit einführte. Solche Gedanken machte ich mir mit meiner fachkundigen Begleiterin in den zwei Stunden, die Frau Winehouse auf sich warten ließ. Eine harte Prüfung, aber wir hatten schließlich nichts anderes zu tun, nachdem eine Minderjährige in knappem Kleidchen und Stiefeln eine halbe Stunde allein mit ihrer Gitarre die Vorgruppe gab und ihre Probleme als Minderjährigen besungen hatte. Danach hieß es wieder warten und rätseln, und wir stellten uns vor, wie Frau Winehouse zetert: »Erst noch einen Whiskey, bevor ich da rausgehe, und zur Antwort kriegt: Aber du hattest doch schon zehn.« Den Whiskey mußte ich mir dann besorgen, um die langsam gärende schlechte Laune zu verscheuchen, aber dann kam Amy Winehouse auf die Bühne, trippelte ans Mikrophon und ihre göttliche Soulstimme erweckte selbst die Betonkathedrale des Elends Tempodrom zu so etwas wie Leben und versöhnte das ungeduldig gewordene Publikum mit einem Schlag. Und das, obwohl sie ein Bild des Jammers abgab. Ständig zupfte sie an ihrem roten Kleidchen herum, schob es hoch und wieder runter, was Marylin-Monroe-like hätte sein können, aber aussah wie ein verunsichertes Schulmädchen mit jenem leicht nuttigen Einschlag, den man manchmal bei Fixern beobachten kann. So hilflos zappelte sie auf der Bühne herum, bemüht nicht hinzufallen, daß jeder sie gerne sofort in den Arm genommen hätte, um das fragile Wesen zu beschützen. Zu Anschleimversuchen ans Publikum war sie erfreulicherweise gar nicht in der Lage. »This is the last song«, war die einzige direkte Ansprache nach einer dreiviertel Stunde, bevor sie die Hand kurz hob und von der Bühne stolperte zum Koks oder welcher Droge auch immer, die Backstage auf sie wartete. Kaum anzunehmen, daß sie in diesem Zustand noch viele Konzerte überstehen wird. Eigentlich gucke ich Leuten nur ungern dabei zu, wenn sie out of controll sind, aber da gab es noch diese Stimme, für die man jedes Kirchenfenster der Welt eintreten würde und die es immerhin schafft, die Schrecken der Welt für eine knappe Stunde von einem fern zu halten. Und das ist ja schon mal verdammt viel.Klaus Bittermann