Literatur eines Pausenclowns – Horst Evers’ grandiose Geschichten

Horst Evers ist ein ziemlich durchtriebener Bursche. In seinem nunmehr vierten Geschichten-Band »Für Eile fehlt mir die Zeit« vermittelt er, wie auch schon in den drei vorangegangenen Büchern, den Eindruck, als könne er kein Wässerchen trüben, als würde er am liebsten auf der faulen Haut liegen, wäre extrem entscheidungsunfähig und trantütig und meistens sowieso so müde, daß er eigentlich gar nichts mitbekommt, vom Leben und überhaupt von allem. Die meisten glauben das, wenn sie Horst Evers auf Lesungen sehen, und schon sind sie ihm auf den Leim gegangen, denn in Wirklichkeit ist er das alles nicht, denn jemand, der so grandiose und lustige Texte schreibt, der ist natürlich nicht faul, sondern ungeheuer fleißig. Gerade weil die Geschichten so unglaublich luftig, locker und wie mit leichter Hand hingeworfen aussehen, und gerade weil sie sich wie Moselsekt aus bester Lage wegschlürfen lassen, weiß der Fachmann, daß da eine Menge Arbeit drin steckt. Und wenn einer denkt, och, das krieg ich aber auch irgendwie hin, dem kann man dann schön beim Scheitern zuschauen, denn Horst Evers‘ Prosa ist alles andere als einfach.
Vor allem ist es Horst Evers gelungen, einen ganz eigenen Stil und einen ganz eigenen Ton zu finden, und man weiß spätestens nach drei, vier Geschichten, ah, ein echter Evers. Und wenn jetzt jemand denkt, daß es spätestens dann ja auch langweilig wird, der irrt, und zwar gründlich, denn es gibt kaum Geschichten, die lustiger sind als die Evers-Geschichten, die er im übrigen auch in einer Weise vorträgt, die selbst dem abgebrühtesten und zutiefst humorlosen Menschen ein Lächeln abringen dürfte, da wette ich drauf. Der Witz von Evers beruht oft auf der Affirmation eines ganz ordinären Mainstreamgedankens, der weitergedacht sich auf völlig abstruse Weise zerfasert und bloßgestellt wird, wobei das ganze plötzlich in ein Fahrwasser gerät, das so einfach nicht zu erraten war. Dabei klammert sich Evers an diesen Mainstreamgedanken, auch wenn er ihn selber ad absurdum geführt hat.
Ganz hinreißend gelingt das Evers in einer Geschichte, in der er über Fluch und Segen einer Saftpresse schreibt und uns sanft hinführt zum Rauchen, bzw. zur klugen Entscheidung, mit dem Rauchen aufzuhören, bzw.: »Anfangs war ich ja nicht sicher, ob es eine kluge Entscheidung ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Diese ganze Welt der Nichtraucher, ich wusste wirklich nicht, ob ich da reinpasse, ob das überhaupt was für mich ist. Man weiß ja so wenig über die Nichtraucher, wie die so leben, was die den ganzen Tag über machen, ob die es auch manchmal schön haben. Ich war da eher skeptisch. Doch jetzt, wo ich schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr rauche, kann ich guten Gewissens sagen, es hat nicht nur Nachteile, das Nichtrauchen.« Wie man sieht besteht Evers Witz nicht in der kurzen Sottise, nicht in einer ausgefuchsten Formulierungskunst, sondern in ganz einfachen, harmlosen Sätzen, die einen zielgerichtet aufs Glatteis führen, und deshalb muß ich jetzt mal ein bißchen ausführlicher zitieren, denn viel besser als ich, kann Horst Evers selber beschreiben, worin seine Originalität besteht.
»Einer der wesentlichen Gründe beispielsweise, derentwegen ich immer überzeugt war, ich müsse rauchen, war, weil ich dachte, ich könne mich mit Zigarette viel besser konzentrieren. Eigentlich könne ich mich nur mit Zigarette konzentrieren. Denn die Zigarette hilft mir total, die Gedanken zu fokussieren, zu ordnen und so weiter. Daher war es für mich sehr überraschend zu bemerken, dass ich, seit ich nicht mehr rauche, eine völlig andere, viel größere Klarheit in meinen Gedanken habe. Dort, wo vorher immer so ein Riesenwust war, wo ich an tausend Sachen gleichzeitig gedacht habe und permanent Angst hatte, ich könnte etwas vergessen, da habe ich mittlerweile nur noch einen ganz einfachen, ganz klaren Gedanken. Eben den Gedanken: ›Ich würde gern rauchen!‹«
Ich finde diese Pointe großartig, und von diesen Pointen finden sich in jeder Geschichte einige, mehr jedenfalls als sich vertragen lassen, wollte man das Buch in einem Zug durchlesen, also in einem Zug schon, aber eben nicht am Stück hintereinander weg. Und wenn Evers in seiner leisen, unauffälligen und völlig unspektakulären Art über einen wie Günter Grass schreibt, der mit anderen im Rahmen der Frankfurter Buchmesse in einer öffentlichen Radiosendung interviewt wurde, in der Evers den »Pausenclown«, wie seine  Freundin sagte, bzw. den »Auflockerer«, wie die Veranstalter sagten, geben sollte, dann kann das schon ziemlich vernichtend sein: »Ich denke noch: ›Boah, ey, mein Stuhl sieht aus wie Günter Grass‹, aber dann begreife ich, dass mein Stuhl der echte Günter Grass ist.«
Ich finde das toll. Daß Günter Grass viel Murks schreibt, weiß man ja, aber daß er ein Stuhl ist, das ist mal was neues, und in diesem Licht besehen, wird Grass direkt mal sympathisch, so als Stuhl. Also, wenn Sie Horst Evers nicht lesen, entgeht Ihnen im Leben etwas, das kaum mehr wieder gutzumachen ist. Sie können ihn auch anhören, denn Horst  Evers gibt auch regelmäßig CDs heraus. Und angucken können Sie ihn auch. Ein echter Luxus also, auf den zu verzichten, eine ziemlich große Dummheit wäre.

Horst Evers, »Für Eile fehlt mir die Zeit«, Rowohlt Berlin, 2011, 222 Seiten