Eine verhuschte Schwedin singt traurige Lieder

Sophie Zelmani in der Passionskirche

Ich liebe Sophie Zelmani, ihre traurigen, rätselhaften Lieder, die sie mehr haucht als singt, sparsam instrumentiert, aber sehr melodiös und eingängig, und wenn man zuviel davon hört, dann wächst die Bereitschaft, sich vom 7. Stock zu stürzen. Am Dienstag gastierte sie Berlin. In der Passionskirche, in der auch schon mal Kinky Friedman aufgetreten ist, aber da ein bißchen mehr hermachte vor dem wuchtigen Kreuz, das im Rücken der Künstler bedrohlich aufragt, als Sophie Zelmani. Die Dame aus Schweden erschien in einem knöchellangen, knallroten Kleid, das von der Taille abwärts gerüscht war. Und wenn sie auf dem Hocker vor dem Mikrophon saß und ein dezenter Schlitz ein bißchen Bein zeigte, dann konnte man die nicht gerade erotischen braunen, klobigen Treter sehen, die man normalerweise eher zum Bergsteigen benutzt. Man hätte vermuten können, daß sie die braucht, um eine waghalsige Bühnenshow hinzulegen, bei der feine, hochhackige Pumps in Reptilienmuster selbstmörderisch sein könnten. Aber sie bewegte sich nicht. Und zwar gar nicht. Sie hauchte nur ins Mikrophon. Aber das machte sie gut. All ihre grandiosen Songs, wie zum Beispiel »Time to kill«, der eigentlich nicht zum Publikum paßte, das durchweg ein paar Jahre mehr auf den Buckel hatte als Sophie Zelmani, ein gesittetes und alternatives Publikum, das von den ruhigen Songs angezogen wird, die ihm Halt geben in der unübersichtlichen Welt des Krachs und der Dissonanzen moderner Musik, und gegen ein solches Publikum ist ja nichts einzuwenden. Ich hatte schon vorher die Vermutung, daß Zelmanis Musik nicht gerade konzerttauglich ist. Aber Sophie Zelmani machte auch nicht die geringsten Anstalten, sie konzerttauglich erscheinen zu lassen. Verhuscht und schüchtern wie ein Mädchen, das gerade in die Pubertät geraten ist, sprach sie immer dann ins Mikro, wenn Beifall geklatscht wurde, wenn sie überhaupt was sagte. Nichts konnte man verstehen, und wenn sie ein Instrument anfaßte, dann bekam man als Zuschauer Beklemmungen, weil man merkte, daß das Fremdkörper für sie waren. Ihre Stimme aber ist Gold und ihre traurigen Lieder rühren mich wie jeden, der eine unglückliche Liebe zu beweinen hat, sich nach der großen Liebe sehnt, nach Harmonie und diesen ganzen Schmonzens, der sich nie erfüllen wird und für den besonders Frauen und Männer anfällig sind, die sich in einer Kuschelbeziehung eingerichtet haben und sich nach dem ganz anderen Zustand sehnen, nach etwas, das nirgends besser zum Ausdruck kommt als bei Sophie Zelmani.