Die Wahrheit über den 10. Bundesligaspieltag

Auf der Buchmessen-Rowohlt-Party hatte ich Christoph Biermann getroffen, einen der wenigen wirklich sachverständigen Sportreporter, den sich die Süddeutsche und manchmal auch der Spiegel leistet, ein Mann, der noch mehr geschlagen ist als ich mit Borussia Dortmund: Er ist Fan von Bochum. Er schüttelte immer noch den Kopf über die vollkommen unverdiente Niederlage der Bochumer im Westfalenstadion, obwohl die schon eine Woche zurück lag. Vor allem war er völlig entgeistert über das Dargebotene der Schwarzgelben. Ich hatte das Spiel zwar nicht gesehen, aber ich glaubte ihm sofort. Ein Spiel zum möglichst schnellen Vergessen. Entsprechend war meine Zuversicht hinsichtlich Leverkusen, wo die Dortmunder noch nie viel geholt hatten. In dieser Verfassung würde es ganz übel werden, vor allem, weil Leverkusen richtig guten Fußball spielt und faktisch und nicht bloß dem Wunschdenken nach oben mitspielt. Ich wollte zu Hause bleiben, aber schließlich hielt ich es nicht länger aus und packte rechtzeitig vor Beginn der 2. Halbzeit Miss Trixie, meine 6-jährige Tochter, ins Auto und düste in die Milchbar, auch auf die Gefahr hin, daß sie von den übelst und laut fluchenden verwegenen Gestalten einen Schock fürs Leben davontragen würde. Scheiß drauf! Aber nicht nur staunte ich nicht schlecht, weil es 1:0 für Dortmund stand, auch wurde mir freundlichst und aufmerksam ein Stuhl und ein Tisch zurechtgerückt, denn jeder hoffte, daß Miss Trixie ein »Glücksschwein« sei, das man gut behandeln müsse, um einen Sieg einzufahren, der allerdings vollkommen ungerechtfertigt gewesen wäre, denn das, was wir sahen, war eine bis zur Schmerzgrenze desolate Verteidigung, die von Freier und Barbarez auf engstem Raum wie Slalomstangen umkurvt wurden, bevor Gekas mühelos und unbedrängt nur noch einschieben brauchte. Aber während ungefähr 1000 Wiederholungen dieser Schmach gezeigt werden, erzielte Petric die erneute Führung, die einen derart ohrenbetäubenden Lärm auslöste, daß Miss Trixie ganz hellhörig wurde. Daß also ist Fußball! Wenn volljährige Menschen enthemmt schreien und außer Kontrolle geraten. Toll! Allerdings hoffte ich inständig, daß sie dem Wesen des Spiels noch nicht soviel abgewinnen könnte, denn sonst würde sie ihr Herz an die Leverkusener verlieren, die phasenweise zeigten, was toller Fußball ist. Aber sie hält aus Gründen der Indoktrination den Schwarzgelben die Stange, und als vier Minuten vor Ende doch noch der verdiente Ausgleich der Leverkusener fiel, nahm sie das nicht auf die leichte Schulter. »Nur noch vier Minuten, Papa, dann hätten wir gewonnen. Das ist gemein«, sagte sie später, und ich fand das auch, denn schließlich geht’s hier nicht um Gerechtigkeit. Mit diesem Trost läßt es sich leben. Christoph Biermann hingegen mußte eine weitere Niederlage hinnehmen. Diesmal gegen die Bayern. Auch Bochum durfte sich zunächst Hoffnungen machen, nachdem sie mit 1:0 in Führung gegangen waren, aber dann nahm der Druck zu und die Nerven versagten. Und das ist weit übler, als in Leverkusen mit Glück unentschieden zu spielen.