Vidal, Dominique & Grass, Günter

Dominique Vidal beginnt seinen Israel-kritischen Kommentar »Fünf Fragen an Deutschland« in der taz von heute mit dem Hinweis, dass sein Vater Auschwitz-Überlebender gewesen ist. Warum tut er das? Das ist nicht schwer zu erraten: Er stellt sich dadurch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus, um seiner Kritik eine moralisch nicht anfechtbare Legitimation zu verleihen, als ob er der Kraft seiner eigenen Argumente nicht vertrauen würde. Und damit hat er auch recht, denn wenn einer, der als Historiker vorgestellt wird, den Völkermord an den Juden als »Massaker« bezeichnet, bzw. beide Begriffe synonym verwendet, dann fragt man sich nicht nur, wo der Geschichte studiert hat (wahrscheinlich bei den Palästinensern), sondern man weiß dann auch, daß aus dem Nichtbegreifen dieses Unterschieds argumentativ nichts folgen kann, was über das hinausgeht, was auch die Propagandaabteilung der Hamas von sich gibt.
Ich gebe zu, dass mir die moralische Legitimation fehlt, denn ich hatte nur einen Vater, der einen rechten Arm in Stalingrad hat liegen lassen. Vielleicht legitimiert mich diese biografische Zufälligkeit besonders dafür, die Regierung Rußlands zu kritisieren, die mehr auf dem Kerbholz hat als die israelische, um die man sich auf der Meinungsseite der taz immer wieder und mit großer Regelmäßigkeit kümmert, als ob dort gerade das größte Unrecht der Welt passieren würde. Und vermutlich spielt immer noch die Hoffnung eine Rolle, das Unrecht, das man in Israel entdeckt, könne Deutschland entlasten.
Dass die Russen nicht ungeschoren davonkommen, dafür sorgt Günter Grass, der anläßlich des Erscheinens seines Zwiebelbuches in Israel in einem Interview mit Tom Segev für die »Haaretz« genervt von den beharrlichen Nachfragen zu Protokoll gibt: »Aber der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. … Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.«
Höchst interessant, dummerweise stimmt an der Äußerung so gut wie gar nichts außer dass es sich um ein kitzekleines Ressentiment handelt. Der Historiker Peter Jahn hat in der Süddeutschen Zeitung auf die Fakten hingewiesen, nämlich dass ca. drei Millionen deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft gerieten. Zwischen 25 und 30 Prozent haben sie nicht überlebt. Diese wurden jedoch mitnichten liquidiert, sondern starben an Mangelernährung. Der Hunger wurde allerdings nicht wie bei den Nazis vorsätzlich als Methode zur Ausrottung eingesetzt, sondern die gesamte Bevölkerung hatte nichts zu essen, was einen gewissen Unterschied macht.
Nun hat Grass schon alle Preise eingesackt, weshalb er für dieses tapfere Statement leer ausgehen wird, früher hätte er aber einen Orden für Tapferkeit vor dem Feind bekommen, jedenfalls gibt ihm die überwiegende Mehrheit der Deutschen recht, und mein Gott, wenn die Zahlen schon nicht stimmen, zumindest die bei Grass zum Vorschein kommende Weltanschauung, dass es eben nicht nur sechs Millionen Juden, sondern auch sechs Millionen Deutsche waren, die »liquidiert« wurden, weshalb es unterm Strich ja irgendwie aufgeht, diese Weltanschauung also ist durch Grass wieder seriös geworden, wenn man denn Grass als eine seriöse Gestalt sehen will. Nach dieser Äußerung müßte es eigentlich damit vorbei sein, aber wer davon ausgeht, kennt die Deutschen nicht, bei denen das Ansehen von Grass jetzt erst richtig gestiegen ist, und zwar umso mehr, je mehr die Medien darüber kritisch berichten.